15.09.1986

„Ich bin das Vorbild der neuen Deutschen“

SPIEGEL-Gespräch mit Wimbledonsieger Boris Becker über seine Rolle als Tennisstar und Leitfigur *
SPIEGEL: Herr Becker, sind Sie immer noch platt wie ein Pfannkuchen?
BECKER: Wieso?
SPIEGEL: Der Vergleich stammt von einem amerikanischen Fernsehkommentator nach Ihrer Niederlage in Flushing Meadow gegen Miloslaw Mecir. Gefällt er Ihnen nicht?
BECKER: Ich habe mich nicht platt gefühlt, ich habe mich an dem Tag besiegt gefühlt, sonst nichts.
SPIEGEL: Ihr Manager Ion Tiriac hat Sie ungewohnt hart kritisiert. Sind Sie gekränkt?
BECKER: Nein, er hat das Recht dazu gehabt. Ich habe falsch gespielt, ich habe die falsche Taktik angewandt, und ich habe dafür bezahlt.
SPIEGEL: Sie sollten besser vorher als hinterher nachdenken, empfahl er Ihnen etwas sarkastisch.
BECKER: Im allgemeinen mache ich mir auch Pläne. Ich vergleiche, welche Stärken der Gegner hat und welche ich habe, ich probiere und überlege, wie ich spielen muß. Aber bei Mecir bin ich mir gar nicht im klaren darüber, welche Stärken er überhaupt hat.
SPIEGEL: Tiriacs Vorwurf richtete sich nicht allein gegen Sie, sondern auch gegen Ihren Trainer Günter Bosch.
BECKER: Der Trainer ist so gut und so schlecht wie der Spieler. Wenn der Spieler verliert, ist der Trainer immer schuld, und wenn der Spieler gewinnt, hat der Trainer hervorragend gearbeitet. Das ist beim Tennis so wie beim Fußball.
SPIEGEL: Aber Bosch hat sich bereits beklagt, Tiriac würde ihm ständig in die Arbeit reinreden, das passe auch Ihnen nicht. Deshalb würden Sie lieber mit Ihrem Trainer allein um die Welt reisen. Stimmt das?
BECKER: Nein, wir haben uns darüber ausgesprochen, daß ich etwas freier leben möchte, doch das geht generell gegen beide. Ich will jetzt allein irgendwohin fliegen oder Urlaub machen, und ich will nicht mehr, daß die beiden über jeden Schritt und Tritt von mir informiert sind.
SPIEGEL: Sie wollen also keine Gouvernante mehr?
BECKER: So ist es.
SPIEGEL: Die ersten Risse im harmonischen Erfolgstrio Becker/Bosch/Tiriac sind nicht zu übersehen. So war der Manager dagegen, daß Sie jetzt an den Internationalen Deutschen Tennismeisterschaften am Hamburger Rothenbaum teilnehmen.
BECKER: Er ist nicht generell dagegen, daß ich in Hamburg spiele. Aber Tiriac ist ein Mensch, der denkt immer schon Wochen und Jahre voraus. Weil ich in Hamburg auf Sand, Anfang Oktober im Daviscup gegen Ecuador jedoch auf schnellem Teppichboden spielen muß, hat er Angst, daß mir die Umstellung nicht gelingen könnte. Da setzt er eben Prioritäten und gibt dem Daviscup den Vorzug.
SPIEGEL: Sie nicht?
BECKER: Ja, schon. Wenn das Turnier irgendwo anders wäre als in Deutschland, hätte ich auch nicht gespielt. Aber ich fühle mich irgendwie verpflichtet. Ich habe jetzt lange nicht in Hamburg gespielt, und in der Zeit war ich zweimal Wimbledonsieger.
SPIEGEL: Warum fühlen Sie sich verpflichtet?
BECKER: Weil ich aus dem Land komme.
SPIEGEL: Tiriac nennt Sie stur, einen typischen Deutschen.
BECKER: Ich bin halt nur noch ein bißchen sturer als er.
SPIEGEL: Brauchen Sie Tiriac überhaupt noch? Haben Sie nicht insgeheim _(Mit Redakteuren Kurt Röttgen und Teja ) _(Fiedler im "Country Club" in Monte ) _(Carlo. )
schon mal gedacht, daß Sie sich das Geld für ihn - 10 Prozent von den Preisgeldern und 30 Prozent von den Werbeeinnahmen - auch sparen könnten?
BECKER: Ohne ihn würde ich das ganze Geld gar nicht machen, da würde ich viel, viel weniger machen. Es ist seine Arbeit, Verträge zu besorgen, und dann hat er auch, glaube ich, das Recht, etwas davon zu kriegen.
SPIEGEL: Im Privatbereich schwimmen Sie sich allmählich frei. Wann trauen Sie sich Eigenständigkeit auch im Geschaftsleben zu?
BECKER: Es ist nicht so, daß Bosch oder Tiriac mir nur im Tennis helfen oder in Geldsachen, sie helfen mir in meinem ganzen Leben als Tennisprofi. Tiriac hat schon viele Tennisspieler gecoacht, Bosch auch, beide kennen alle Schliche und Tricks und wissen wie man sich verhalten muß. Solange ich Tennis spiele, werde ich die beiden haben.
SPIEGEL: In der Branche ist der Einfluß Ihres Managers auf Sie ziemlich umstritten. So wurde Ivan Lendl vom New Yorker Blatt "Daily News" zitiert sie seien von Tiriac programmiert, und "wenn Tiriac die, Art nicht ändert, wie er ihn behandelt, bringt er ihn um".
BECKER: Die Guten sind immer umstritten.
SPIEGEL: Lendl ist ganz offensichtlich nicht Ihr Freund. So sagte er angeblich noch, Sie würden sich auf dem Platz geschniegelt und arrogant geben und seien in gewisser Hinsicht ein Täuscher, also nicht echt.
BECKER: Ich hatte von diesen Zitaten auch gehört und habe Lendl deshalb in New York zur Rede gestellt.
SPIEGEL: Wie lief das ab? Sie sind zu Lendl hingegangen und haben gesagt: Hör mal...
BECKER: ... genau so. Ich habe zu ihm gesagt, ich will jetzt von dir wissen, ob diese Äußerungen so gefallen sind. Lendl antwortete, er sei falsch zitiert worden, und damit war der Fall für mich erledigt.
SPIEGEL: Sie sagten vor fast eineinhalb Jahren, man muß den Gegner hassen können. Da waren Sie ziemlich am Anfang Ihrer Karriere. Empfinden Sie immer noch so?
BECKER: Ich habe den Mecir in Flushing Meadow nicht gehaßt, ich war ihm gegenüber zu nett, zu freundlich. Auch ein Grund, weshalb ich verloren habe. Nach dem Spiel gegen McEnroe in Stratton Mountain konnte ich den Lendl im Finale auch nicht mehr hassen. Das McEnroe-Match hatte so viel aus mir rausgezogen, daß ich innerlich leer war.
SPIEGEL: Was heißt das denn eigentlich, hassen? Bringen Sie Ihren Gegner mit dem Tennisschläger um?
BECKER: Man will jeden Ball gewinnen, egal wie. Es ist wie der Knockout beim Boxen.
SPIEGEL: Was hat sich verändert seit Sie zu den Besten gehören? Wie reagieren die Kollegen auf Ihren Erfolg?
BECKER: Am Anfang war das ein gewisser Schlag für die, denn ich habe ja ein Stück von dem Kuchen weggenommen, den Lendl und Connors und McEnroe gekriegt haben, und da war ich ihnen natürlich nicht so willkommen. Aber jetzt haben sie eingesehen daß ich wirklich ein ganz Guter bin und daß ich oben mitmische. Also die Spitze, die akzeptiert mich jetzt, und die anderen sind froh, daß ich da bin. Die Spieler von Platz 15 der Weltrangliste abwärts haben mir nach meinem zweiten Wimbledonsieg besonders herzlich gratuliert. Ich glaube, sie sehen in mir die Bestätigung, daß man sich auch als jüngerer Spieler gegen die Etablierten durchsetzen kann.
SPIEGEL: Sie sind derzeit die Nummer 2, die Frage ist unvermeidbar: Wann glauben Sie, die Nummer 1 zu sein?
BECKER: Das kann man nicht in Zeit ausdrücken. Das ist ein sehr schwieriger Vorgang, da gehört sehr viel dazu. Man kann vielleicht für ein paar Wochen die Nummer 1 auf dem Computer sein, aber man muß auch im Kopf bereit sein, die Nummer 1 anzunehmen. Der richtige Champ ist dazu verpflichtet, mehr zu leisten als die anderen, und zwar auf Dauer. Ich glaube, daß ich noch ein, zwei Jahre brauche, bis ich so weit bin.
SPIEGEL: Ist da bei Ihnen so etwas wie eine klammheimliche Freude, John McEnroe immer tiefer absacken zu sehen?
BECKER: Im Gegenteil.
SPIEGEL: Warum? So nett ist der doch nicht zu Ihnen. In Stratton Mountain
hat er Sie zum Beispiel angeschnauzt: "Weißt du eigentlich nicht, wen du vor dir hast?"
BECKER: Das hat nichts damit zu tun, ob er nett ist oder nicht. Das hat damit zu tun, daß er ein großer Spieler ist. Das Turnier in Stratton Mountain war so wie noch kein anderes in diesem Jahr. Da hat es geknistert, da war eine Extra-Spannung, das gewisse Etwas. Alles nur, weil McEnroe wieder mitspielte.
SPIEGEL: McEnroe gehört zum Geschäft im Sinne von Entertainment, von Show.
BECKER: Ja, aber auch von der Klasse. Ende letzten Jahres und Anfang dieses Jahres gab es praktisch nur einen sehr guten Tennisspieler, das war Lendl. Der Rest war ein Stück schlechter. Zwar sind Stefan Edberg und ich jetzt dabei, die durch Borgs Rücktritt, Connors'' allmählichen Abschied vom Profitennis und McEnroes zeitweiligen Rückzug entstandenen Lücken aufzufüllen, doch zur Attraktivität unseres Sports kann McEnroe immer noch viel beitragen.
SPIEGEL: Trauen Sie ihm ein Comeback zu?
BECKER: Ich habe gesagt, wenn er die Anfangsniederlagen, die normal sind, wegsteckt, dann kann er es schaffen. Aber so wie es jetzt aussieht, ist er ziemlich fertig.
SPIEGEL: McEnroe hat zusammen mit der US-Popgruppe "Highly Strung", zu deutsch "Zart besaitet", die LP "Don''t let it end" aufgenommen...
BECKER: ... der Titel paßt ja ganz gut.
SPIEGEL: Eben. Wie es heißt, probte der Gitarrist McEnroe zuvor sogar mit Carlos Santana. Haben Sie die Platte schon mal gehört?
BECKER: Ich finde sie nicht schlecht.
SPIEGEL: Vergleichbar mit Ihren Lieblingen "Deep Purple"?
BECKER: Aber nein.
SPIEGEL: Im US-Fernsehen gehen die Einschaltquoten bei Tennisübertragungen zurück. Es mangelt offensichtlich an Spielern, deren Flair die Leute mitreißt, auch Lendl kann es nicht. Sie gelten als Ausnahme, die Amerikaner haben Sie quasi adoptiert. Schmeichelt Ihnen das?
BECKER: Ja, schon. Ich hab nicht gedacht, daß ein Deutscher in so kurzer Zeit das schaffen kann. Ich habe gedacht, daß man besonders in Amerika, wo sie selbst so viele Stars haben, sich erst viele Jahre prüfen lassen und bewähren muß, bevor man angenommen wird.
SPIEGEL: Haben Sie das Gefühl, daß Sie bei den Amerikanern auch deshalb so gut ankommen, weil Sie den guten Deutschen verkörpern?
BECKER: Allgemein ja, es ist auch vielleicht meine Art, wie ich spiele, das gehört alles so zusammen. Also, ich spiele ehrlich auf dem Tennisplatz.
SPIEGEL: Aber Sie wissen schon, wie Sie am besten auf das Publikum wirken?
BECKER: Ich mache keine Show, ich gebe mich so, wie ich bin. Auf dem Tennisplatz und überhaupt.
SPIEGEL: Immerhin fällt auf, daß Sie, wie spontan auch immer, stets die Worte finden, die gefallen. Im Gegensatz zu Mecir zum Beispiel, der in New York mäkelte, die Stadt sei ihm zu groß und der Verkehr zu dicht, sagten Sie unter dem Beifall der Medien bis hin zur "New York Times": "Ich mag es, hier zu sein." Natürlich vergaßen Sie nicht zu erwähnen, wie sehr Ihnen am Broadway "Chorus Line" und "Cats" gefallen haben.
BECKER: Das ist die Wahrheit. Ich sage nur die Wahrheit, ich war drin, und es gefiel mir sehr gut.
SPIEGEL: Die Amerikaner haben das gern gehört und Sie noch ein bißchen lieber gemocht.
BECKER: Ja, um so besser. Aber wenn es mir nicht gefallen hätte, hätte ich das auch gesagt. Auch wenn ich gelernt habe, etwas diplomatischer zu sein.
SPIEGEL: Kontrollieren Sie sich auf dem Platz besser? Es fällt auf, daß Sie nicht mehr so häufig mit den Linienrichtern oder sich selber hadern.
BECKER: Das eine Jahr zwischen meinen beiden Wimbledonsiegen hat mich viel gelehrt. Ich habe Erfahrungen gemacht, die ich in meinem Leben nie mehr vergessen werde.
SPIEGEL: Konkretisieren Sie das doch mal.
BECKER: Die wichtigste Erfahrung war, daß "Halleluja" und "Kreuziget ihn" sehr eng beieinanderliegen. In der Presse, sogar im privaten Bereich.
SPIEGEL: Es überrascht, daß Sie das sagen. Sie sind doch das absolute Lieblingskind unserer Gesellschaft. Empfinden Sie das nicht?
BECKER: Doch, doch, aber es gab eine Zeit, wo ich bei Turnieren frühzeitig rausflog, und da war plötzlich alles falsch, was ich gemacht habe.
SPIEGEL: Bosch hat gesagt: "Ich wünsche mir, daß Boris Becker so etwas wie ein zweiter Max Schmeling wird, ein Vorbild, anerkannt von allen Generationen - als fairer Sportler, und charakterlich ein einwandfreier Mensch". Wenn Sie so etwas hören oder lesen, denken Sie da nicht manchmal: Habt ihr es eigentlich nicht ''ne Nummer kleiner?
BECKER: Ich bin ja noch nicht einmal 19 Jahre alt, und ich muß schon Dinge erfüllen, die kaum ein 50jähriger erfüllen kann.
SPIEGEL: Gibt es bei Ihnen schon so eine Schere im Kopf, bestimmte Dinge nicht tun zu dürfen, um den Ansprüchen der Gesellschaft an Sie zu genügen?
BECKER: Die gibt es. Ich mußte mich anpassen, ja. Aber ich habe auch dabei gelernt, habe mir meine kleinen Freiräume geschaffen. Es gibt Tage, da stehe ich auf und sage, heute mache ich, was ich will. Das gab es im letzten Jahr und Anfang dieses Jahres überhaupt nicht. Ich merkte, wie ich immer bedrückter wurde, da habe ich mir gesagt: Wenn ich so weiterlebe, höre ich in ein paar Jahren mit dem Tennis auf. Und dann bin ich auch als Mensch ganz down. Mir war klar, so kann ich nicht weitermachen. Und dann habe ich gemeint, daß ich jetzt einfach mache, wozu ich Lust
habe und was ich für richtig halte. Und wenn ich mich dann verbrenne, muß ich dafür bezahlen. Dann mache ich wenigstens eine gute Erfahrung.
SPIEGEL: Glückwunsch zu dieser Erkenntnis. Was hat sich seither verändert?
BECKER: Jetzt stecke ich alles viel besser weg als noch vor einem halben Jahr oder drei Monaten. Ich bin freier geworden, seit mir klar wurde, ich kann nicht für andere Leute leben, ich kann nur für mich selber leben.
SPIEGEL: Sie spielen für sich und nicht für Ihre Mutter oder Tiriac oder den Bundespräsidenten oder Deutschland.
BECKER: Ich strenge mich nicht extra noch mehr an, um ein Tennismatch zu gewinnen, weil es um den Daviscup geht oder ich in Hamburg spiele. Ich gebe immer 100 Prozent.
SPIEGEL: Sie wären auch niemandem Rechenschaft schuldig, wenn Sie, so unvorstellbar das im Augenblick auch sein mag, plötzlich sagen würden: Für Tennis ist in meinem Leben kein Raum mehr, ich gehe lieber mit meiner Freundin segeln, Geld habe ich sowieso genug? Sie meinen, das könnten Sie tun, diese Freiheit hätten Sie?
BECKER: Sonst hat es ja gar keinen Zweck.
SPIEGEL: Wie kommen Sie mit Ihrer Vorbildfunktion für die deutsche Jugend klar? Ihr Name steht für Erfolg und Leistung, die sich angeblich wieder lohnt. Weltweit sind Sie das Vorbild aller Yuppies, deren Lebensziel ist, Karriere und Kohle zu machen. Fühlen Sie sich gut in dieser Rolle?
BECKER: Ich fühle mich immer besser. Am Anfang habe ich nicht ganz verstanden, was das heißen soll, daß ich jetzt für alle dastehe und daß ich so das Vorbild der neuen Deutschen bin, bloß weil ich ein Tennismatch gewonnen habe. Aber langsam merke und lerne ich, daß das sehr viel mehr heißt und daß ich das auch bin.
SPIEGEL: Ist Ihnen schon einmal der Gedanke gekommen, daß die Medien in diesem Land durch die unkritischen Berichte über Sie den arbeitslosen Jugendlichen zum Beispiel eine Illusion von Glück und Erfolg vorgaukeln, die sie nur von ihrem tristen Dasein ablenken soll?
BECKER: Das ist vielleicht so, aber ich kann nichts dafür, wie die Presse über mich berichtet und daß die Leser deshalb über keinen anderen Menschen besser Bescheid wissen als über mich.
SPIEGEL: Wie empfinden Sie, wenn Sie mit dem Bundespräsidenten fast freundschaftlich verkehren oder Vorstandsherren der Deutschen Bank mit Ihnen dinieren oder Minister wie Genscher, Zimmermann, Warnke Glückwunschschreiben schicken wegen der Übernahme der Unicef-Sportbotschaft?
BECKER: Die haben mir schon nach dem ersten Wimbledonsieg Glückwünsche geschickt. Da wußte ich noch nicht Bescheid, warum die das gemacht haben, was habe ich mit denen zu tun? Aber dann habe ich gelernt, daß ich langsam ein sehr wichtiger Mann bin in Deutschland, daß viele auf mich gucken, daß ich wichtig bin.
SPIEGEL: Haben Sie eine Vorstellung, warum Sie so wichtig sind für die Deutschen?
BECKER: Weil ich Deutschland in anderen Ländern sehr gut repräsentiere. Weil ich doch immer in Amerika als "Boris Becker, Deutschland" spiele und nicht Boris Becker, Leimen oder Heidelberg, und weil viele Deutsche sich dann mit mir identifizieren wollen und können, wenn ich gewinne.
SPIEGEL: Fühlen Sie sich als so eine Art deutscher Sonderbotschafter?
BECKER: Im Moment haben wenige Deutsche soviel Erfolge wie ich im Ausland.
SPIEGEL: Finden Sie es nicht übertrieben, daß jemand, der zweimal in Wimbledon gewonnen hat, eine derartige Bedeutung für sein Land erlangen kann? Ein bißchen absurd ist das doch wohl, oder?
BECKER: Ich hätte es nicht erwartet, daß ich es sein kann, ich als 18jähriger Sportler. Auf der anderen Seite gibt es wenige so schöne Gefühle wie das Gewinnen. Und wenn ich im Ausland gewinne, dann für die Deutschen, die zugucken und sagen: Wir gewinnen.
SPIEGEL: Fühlen Sie sich noch als 18jähriger?
BECKER: Ich wünschte mir, daß ich mich noch ab und zu als 18jähriger fühlen würde.
SPIEGEL: Was empfinden Sie vor allem als Defizit?
BECKER: Das Defizit? Ich mache halt alles viel, viel früher als andere Menschen, ich erlebe alles viel früher. Was ich jetzt mache, macht man normalerweise vielleicht zwischen 25 und 35. Die Aufgabe, die ich habe und die Erfolge und alles.
SPIEGEL: Fühlen Sie sich manchmal überfordert?
BECKER: Ich habe mich mal überfordert gefühlt, letztes Jahr.
SPIEGEL: Kommen Sie außerhalb Ihres Kollegenkreises überhaupt noch mit Gleichaltrigen zusammen?
BECKER: Eigentlich nicht.
SPIEGEL: Das Leben ist deshalb für Sie so ernst geworden, weil Sie es vorwiegend mit erwachsenen Menschen zu tun haben?
BECKER: Das Leben eines normalen 18jährigen ist eigentlich viel, viel einfacher als mein Leben.
SPIEGEL: Was bekommen Sie von Bewegungen unter den Jugendlichen mit? Punks zum Beispiel oder Gruftis sagt Ihnen das überhaupt etwas?
BECKER: Doch, ja, mit 16 war ich öfters mit Punks zusammen und habe mich mit ihnen unterhalten, wie die denken und fühlen.
SPIEGEL: Wäre es denkbar, daß Sie plötzlich als Punk durch die Tenniswelt laufen?
BECKER: Denkbar? Warum nicht! Man kann ja alles machen heutzutage.
SPIEGEL: Würden Sie es selbst gern machen? Oder haben Sie da eine Sperre?
BECKER: Nein, nicht eine Sperre wegen anderer Leute, aber ich möchte es selber nicht. Ich hatte mal eine Zeit, da wollte ich unbedingt einen Ohrring, aber dann habe ich es nicht gemacht, weil mein Vater es nicht haben wollte. Aber seit der Zeit habe ich nicht mehr das Bedürfnis, mich irgendwie zu verkleiden. Wenn ich das Bedürfnis hätte, würde ich es machen.
SPIEGEL: Sie haben Ihren Vater häufig mit den Thesen der Grünen genervt. Nun können Sie ja im Januar erstmals wählen. Sind Sie immer noch auf demselben Kurs?
BECKER: Nee, nee, das war damals nur, weil ich meinen Vater etwas aufregen wollte.
SPIEGEL: "Weiter so, Deutschland" ist für Sie schon der richtige Slogan?
BECKER: Ja.
SPIEGEL: Prominente Menschen liegen häufig im Clinch mit den Medien. Sie fühlen sich falsch zitiert oder nicht richtig dargestellt. Wie ergeht es Ihnen?
BECKER: Medien müssen leben, und wenn ich heiß, also im Gespräch bin, müssen sie über mich schreiben, ob es stimmt oder nicht.
SPIEGEL: Das ist eine ungewöhnliche Auffassung. Sie meinen also, daß sich Geschichten über Sie immer gut verkaufen lassen, und wenn es mal keine gibt, müßten Reporter halt welche erfinden?
BECKER: Das machen die, ob ich es will oder nicht. Das hat mich ab und zu aufgeregt, jetzt nicht mehr, denn dann würde ich mich zu oft aufregen. Aber das machen die einfach.
SPIEGEL: Die amerikanische Fernsehgesellschaft CBS hat ein Team nach Hamburg geschickt, um Sie für das Prominentenmagazin "60 Minutes" zu porträtieren, und der Produzent hat das so begründet: "Sportler kommen bei uns nur vor, wenn sie größer sind als der Sport. Boris ist ein internationales Phänomen."
BECKER: Das ist aufregend, nicht?
SPIEGEL: Finden wir auch, und die Liste derartiger Elogen ist beliebig fortzusetzen. _(Mit Harry Valerien (r.) am 13. Juli 1985 ) _(im "Aktuellen Sportstudio". )
So schrieb die Schweizer "Weltwoche": "Die Lichtgestalt Becker hat inzwischen globale Strahlkraft erlangt und allenthalben den Wunsch geweckt, so zu sein wie er." Heben Sie da nicht zwangsläufig ein bißchen ab?
BECKER: Ich glaube, wenn man abheben würde, dann würde man nicht die Person sein, die sich jeder wünscht.
SPIEGEL: Sie sagen aber auch nicht die spinnen doch alle?
BECKER: Warum? Ein höheres Kompliment kann ich ja kaum noch kriegen. Und es ist ja mehr noch ein Kompliment an meine Eltern, jedenfalls interpretiere ich es so. Sie haben mich so erzogen, wie ich bin.
SPIEGEL: Haben Ihre Eltern noch Einfluß auf Ihr Leben?
BECKER: Meine Eltern beraten mich in vielen Dingen, und sie sagen mir: Hör mal zu, wir finden, daß es so ist. Du kannst entscheiden, wie du willst, aber wir finden, daß es so ist.
SPIEGEL: Gibt es Momente, wo Ihnen danach ist, sich bei Ihrer Mutter auszuheulen, einfach von ihr mal wieder in den Arm genommen zu werden?
BECKER: Ja.
SPIEGEL: Was machen Sie dann? Rufen Sie an?
BECKER: Die Momente gibt es nie, wenn ich weg bin. In diese Stimmung komme ich immer nur dann, wenn ich mich in Leimen oder in der Nähe aufhalte.
SPIEGEL: Sie haben sich einen Schutzmechanismus angeeignet, der, wenn Sie draußen sind, ein Gefühl wie Heimweh nicht zuläßt.
BECKER: Der nicht durchbrochen wird, ja.
SPIEGEL: Nun sind Sie aber fast nie zu Hause. Sie wohnen in Monte Carlo, im kalifornischen Palm Springs inzwischen auch noch, und Sie fliegen von einem Turnier zum anderen. Hat das Wort Heimat für Sie noch einen Inhalt?
BECKER: Unter meinem Zuhause verstehe ich Deutschland.
SPIEGEL: Obwohl Sie fast nie da sind.
BECKER: Das hat ja nichts damit zu tun, wie oft man da ist. Man kann an einem Ort 200 Tage sein im Jahr, aber man empfindet ihn damit nicht als Heimat. In Leimen, da kenne ich noch alle Gassen, alle kleinen Gassen alle Geschäfte, alles. Ich weiß noch genau, wie ich mit dem Fahrrad da gefahren bin und wenn ich jetzt mal nach Hause komme, dann fahre ich immer an meiner alten Schule vorbei.
SPIEGEL: Es ist ein weiter Weg von Leimen bis zum vertraulichen Plauderstündchen mit der Herzogin von Kent.
BECKER: Ich empfinde es durchaus nicht als normal, aber zu dem Anlaß passend. Ich bin der Wimbledonsieger.
SPIEGEL: Und wie ist es, wenn US-Außenminister George Shultz mit Ihnen Tennis spielt?
BECKER: Da habe ich zu ihm mal gesagt, er solle ein bißchen schneller laufen.
SPIEGEL: Was hat er geantwortet?
BECKER: Ja, er wird''s probieren.
SPIEGEL: Reden wir über Unicef. Was verbinden Sie mit der Funktion des Sportbotschafters? Wie sind Sie darauf gekommen?
BECKER: Ich war immer schon interessiert an Jugendlichen, an Menschen in meinem Alter, die behindert sind und nicht die Sachen machen können, die sie gern machen wollen. Wir haben zu Hause oft über dieses Thema geredet. Vor zwei Jahren dann, als ich schon etwas mehr verdiente, habe ich angefangen, ein bißchen zu spenden.
SPIEGEL: Wir hatten eher angenommen, das entspringe der geschickten Vermarktungsstrategie von Tiriac.
BECKER: Er kann nur machen. was ich will.
SPIEGEL: Da wir gerade bei humanitärem Engagement sind: Könnten Sie sich vorstellen, Organspender zu sein?
BECKER: Eigentlich nicht, nein. Ich würde mich bei dem Gedanken nicht wohlfühlen, nach meinem Tod etwas von mir an andere Leute herzugeben.
SPIEGEL: Sie wohnen in Hamburg während des Rothenbaum-Turniers nicht privat, sondern wie die anderen Spieler im "Interconti". Ihre Begründung dafür lautete, Sie wollten kein Sonderling sein. Kommen Sie sich manchmal so vor?
BECKER: Alle Welt denkt, ich müßte etwas Besonderes haben. Das meine ich eben nicht. Ich fühle mich wohl, wenn ich mit den anderen Spielern frühstücken oder über ihr letztes Spiel reden kann. Ich bin nicht so gern isoliert.
SPIEGEL: Wissen Sie eigentlich, wie viel Geld Sie haben?
BECKER: Ich weiß es nicht, meine Eltern wissen es. Das reicht mir.
SPIEGEL: Was bedeutet Ihnen Geld?
BECKER: Ich habe selten Geld in der Tasche, besitze allerdings eine Schecckarte.
SPIEGEL: Kriegen Sie Kredit, wenn Sie einkaufen oder essen gehen? Sie kennt ja jeder.
BECKER: Das mache ich absichtlich nicht, ich will keine Sonderbehandlung.
SPIEGEL: Sie werden oft von fremden Menschen umlagert, auch angefaßt. Macht Sie das aggressiv?
BECKER: Da fühle ich mich schon unwohl, weiche ein Stück zurück.
SPIEGEL: Steffi Graf meinte neulich, so berühmt wie Sie möchte sie nicht sein. So zu leben machte ihr keinen Spaß.
BECKER: Sie weiß ja nicht, von was sie redet. Mein Leben, so wie ich es jetzt führe, bejahe ich. Es gibt wenige Menschen, die das tun können, was ihnen wirklich Spaß macht. Ich bin einer davon. Daß alles seinen Preis hat, zählt da nur am Rande.
SPIEGEL: Günter Bosch hat offenbar die klarsten Vorstellungen davon, wie Ihr Leben verlaufen sollte. Die Idealfrau für Sie stellt er sich so vor: "Sie muß eine echte Hilfsperson in der Ausübung seines Berufs sein, sie muß sich opfern, in ihn reindenken und mit ihm an einem Strang ziehen."
BECKER: Und hübsch sein, groß sein, lange Beine haben...
SPIEGEL: Herr Becker, wir danken Ihnen für dieses Gespräch. *KASTEN
Boris Becker *
aus Leimen bei Heidelberg siegte 1985 mit 17 Jahren als jüngster und erster ungesetzter Spieler in Wimbledon bei dem traditionsreichsten Tennisturnier der Welt; 1986 wiederholte er seinen Sieg. Becker gewann außerdem vier weitere Grand-Prix-Turniere und brachte die deutsche Mannschaft 1985 ins Finale des Daviscup. Gegenwärtig ist er hinter Ivan Lendl Nummer zwei der Weltrangliste. Becker war 1984 nach der Mittleren Reife Profi geworden. Sein Manager ist Ion Tiriac, sein Trainer Günther Bosch, beide aus Rumänien. Becker erspielte sich schon 1,2 Millionen Dollar an Preisgeldern. Seine wichtigsten Sponsoren-Verträge: Puma (50 Millionen Mark in fünf Jahren), Coca-Cola (acht Millionen Mark in drei Jahren) sowie Philips und die Deutsche Bank (jeweils drei Millionen Mark in drei Jahren).
Mit Redakteuren Kurt Röttgen und Teja Fiedler im "Country Club" in Monte Carlo. Mit Harry Valerien (r.) am 13. Juli 1985 im "Aktuellen Sportstudio".
Von K. Röttgen und T. Fiedler

DER SPIEGEL 38/1986
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