10.11.1986

„National verstand sich von selbst“

SPIEGEL-Reporter Jürgen Leinemann über Kohls Geschichtsverständnis *
Gleich dreifach fühlt sich Helmut Kohl gegen den Verdacht gewappnet, mit seinem schlimmen Vergleich zwischen Michail Gorbatschow und Joseph Goebbels böswillige Parallelen aus der Geschichte zaubern zu wollen.
Einmal natürlich, das hatten wir schon, ist er durch die "Gnade der späten Geburt" legitimiert, mit der Vergangenheit unbefangen umzugehen. Zum zweiten kann er sich bei seiner Herkunft satte Unschuld leisten, den Israelis in der Knesset hat er's auch schon eingerieben: "Die Nazizeit habe ich sehr bewußt in einem Elternhaus erlebt, das gegen die Nazis stand."
Vor allem aber hat Helmut Kohl, der sich als "erster Bundeskanzler aus der Generation nach Hitler empfiehlt, schon deshalb keinen Nachholbedarf an geschichtskundlicher Aufklärung, weil er promovierter Historiker ist. Und beweist er nicht, wann immer er aus gegebenen Anlässen Gedenktexte abliest, mit Vokabeln wie "Trauer", "Verantwortung", "Haftung" und "Konsequenzen", daß er "die Lektion der Geschichte" gelernt hat?
Gleichwohl widerfährt es ihm nicht zum ersten Mal, daß es Proteste, Erläuterungen und wochenlange politische Auseinandersetzungen gibt um "Mißverständnisse", sobald sich Helmut Kohl spontan zur jüngeren deutschen Historie äußert. Die Unsäglichkeit hat sich längst zu Stichworten verdichtet: "Gnade der späten Geburt". Bitburg, Waldheim. Sie reicht bis zu dem aufmunternden Vergleich zwischen dem im KZ ermordeten Dietrich Bonhoeffer, der "trotz seiner verzweifelten Lage auf die Zukunft setzte", und deutschen Bankern - "Was im Konzentrationstager Flossenbürg möglich war, müßte heute auf einem Bankentag oder anderswo auch möglich sein" -, Helmut Kohls frischer, frommer
und freier Umgang mit der Nazizeit verstört im In- und Ausland.
Das mag einmal daran liegen, daß der Historiker Kohl "die Geschichte", die er sich im pfälzischen Originalton wie eine vertraute Freundin zu eigen macht, weniger als Ergebnis menschlichen Handelns in der Zeit zu begreifen scheint denn als mythische Schicksalsgestalt, der die Menschheit unentrinnbar ausgeliefert ist. Sie lehrt, straft, legt Zeugnis ab. Der arme Zeitgenosse kann unter ihr Rad geraten, sich - "mit ehernen Lettern" - in ihr Buch eintragen, ihren Auftrag erfüllen, ihre Last tragen.
So eindringlich der Kanzler von diesem Allegoriewesen raunt, einer Art ewiger Noelle-Neumann, so hilflos gerät er ins Stottern, wenn er - wie 1982 vor Offizieren der Bundeswehr - jene oft beschworenen Konsequenzen aus der deutschen Vergangenheit beschreiben soll. Kohl: "Zur Kontinuität der Geschichte gehört auch, daß wir wissen, daß wir ohne eigene Mitte, ich will das mal so nennen, im Verhältnis zu unserer Geschichte keine Zukunft haben werden."
Es mag nun aber auch zu den Aufregungen um Kohls kühnen Umgang mit Beispielen aus der Historie beitragen, daß der Kanzler sie gar nicht so zynisch empfindet, wie sie sind. Denn es gehört zum Wesen seiner bornierten Unschuld, daß Helmut Kohl sich keineswegs auf zwei Erkenntnisebenen bewegt, sondern sich unerschütterlich im Besitz einer "eigenen Mitte" weiß.
Die ist im Elternhaus. Hohenzollernstraße 89, im Ludwigshafener Stadtteil Friesenheim gewachsen, "ein typischer kleiner Beamtenhaushalt wie Millionen andere", erzählt Kohl in dem Buch "Mein Elternhaus". Die "Wertskala war eindeutig christlich"; "daß man national war, verstand sich von selbst".
Mit Stichworten wie Vaterland, Heimatliebe, Pflichtgefühl, "Stolz auf die kulturellen Leistungen ihres Volkes", Gewissenhaftigkeit, Fleiß, Maßhalten umschreibt Kohl eine seit Kaisers Zeiten ungebrochene deutsche Bürgermentalität, die "den Staat" - welchen auch immer - gehorsam verinnerlicht hat.
Für sein Geschichtsverständnis aber ist entscheidend, daß die Weltsicht im Elternhaus vor während und nach Hitler unverändert blieb. Kohl: "Die Orientierung ging keinen Augenblick verloren."
Das macht den Kanzler stolz und sicher: "Dort gab es keinen Nährboden für totalitäre Ideologien." Sein Vater, ein Steuerbeamter, der Zentrum wählte, habe mit Hitlers Machtergreifung einen Zweiten Weltkrieg kommen sehen, "und er fürchtete ihn. Und er verabscheute die Verbrechen, die im Zeichen des Rassismus und einer mißverstandenen Deutschtümelei im Namen Deutschlands verübt wurden".
Es ist die Privatheit der Familie, ihr nur scheinbar staatsferner Tugendkatalog (sauber, ordentlich, anständig), aus der Helmut Kohl seine - und nahezu aller "guten" Deutschen - Unschuld für die Greuel der Vergangenheit ableitet. "Gerade in diesen Tagen", sagt er 1984, "im Blick zurück auf die Ereignisse vor 50 Jahren beim Röhm-Putsch, wissen wir: Eine wirklich gelebte Familie mit all den Chancen, die darin liegen, ist ein Bollwerk gegen jede totalitäre Entwicklung des Staates."
Natürlich weiß auch Helmut Kohl, daß sein Ludwigshafener Familien-Bollwerk weder die Nazis aufgehalten noch den Krieg verhindert hat. Auch ist, wie er selbst bekannt hat, das Unheil keineswegs spuren- und spannungslos an der Familie Kohl vorübergegangen.
Mit über fünfzig Jahren zieht Vater Kohl noch einmal in den Krieg, den er fürchtet, und Sohn Helmut ist 14 Jahre, als der 18jährige Bruder in den letzten Kriegsmonaten fällt. Sein Vater, der diesen durch und durch "unmilitärischen Typ" gegen dessen Wunsch zur Reserveoffizierstaufbahn überredet habe, sei monatelang geschockt gewesen, unzugänglich für seine Umwelt.
Selbst die kargen öffentlichen Erzählungen, in denen Helmut Kohl seine Schüler- und HJ-Zeit gegen Kriegsende beschreibt, lassen überaus gemischte Gefühle - sehr intensive aber gewiß - vermuten. "Ich habe in meiner Heimatstadt als Junge weit über 100 Fliegerangriffe erlebt. Ich war 12 Jahre, 13 Jahre alt, als ich beim Schülerluftschutz geholfen habe, Tote zu bergen."
Er ist als Hitlerjunge noch in den letzten Kriegstagen von HJ-Oberboß Artur Axmann in Berchtesgaden vereidigt worden. Er schlug sich nach Kriegsende, zusammen mit Gleichaltrigen, in mehrwöchigem Fußmarsch von dem Wehrertüchtigungslager vor Hitlers "Alpenfestung" bis Ludwigshafen durch. Er wird von ehemaligen polnischen Zwangsarbeitern verprügelt und von US-Soldaten zur Landarbeit gezwungen.
Abenteuerlust, Grauen, Angst, Tränen, Stolz - das alles gerinnt Helmut Kohl zu dem Satz: "Mit 14, als der Krieg zu Ende ging, war ich alt genug, um die Schrecken des Krieges zu erfassen."
Andere in seinem Alter waren sensibel und verstört genug, um sich und ihre Eltern zu fragen, ob und wie auch die konservativen Tugenden des Gehorsams und der Pflichterfüllung, das ganze vaterländisch-bürgerliche Untertanen-Weltbild dazu beigetragen hätten, die Hitler-Barbarei zu ermöglichen.
Nicht Helmut Kohl. Er gehört offenbar zu denen, die durch eine positive Identifikation mit dem Vater und dessen grundsätzlicher Haltung gegenüber den Naziparolen das Kriegsende ohne allzu große Werteinbußen überstehen konnten. In ihrem Buch "Die Unfähigkeit zu trauern" beschreiben Alexander und Margarete Mitscherlich diesen Typ: "Eine völlige Entwertung aller bisherigen Ideale blieb ihm erspart und damit auch die Anstrengung, zu einer eindeutigen Neuorientierung zu gelangen."
Im Gegenteil, schon der 16jährige Kohl, der der CDU beitritt, motzt zwar kräftig gegen die Alten Herren in der Partei, nicht aber gegen ihr konservatives Weltbild. Mit dieser Haltung ist er kein Außenseiter. Als Kohl 1958 seine Dissertation vorlegt - "Die politische Entwicklung in der Pfalz und das Wiedererstehen der Parteien nach 1945" -, staunt sein Doktorvater, Walther Peter Fuchs, wie sein Kandidat "die ideologischen Leitgedanken der einzelnen Führungsgruppen herausgearbeitet" habe. Fuchs fand, daß sie "trotz bitterer Erfahrungen überraschend viel altes Gedankengut aus der Weimarer Zeit, dem Vorkriegsdeutschland und dem Bismarckreich enthielten"
Viel Neues in der Grundauffassung ist nicht hinzugekommen. Weder Kohls aktuelle Wendepolitik noch sein "Geschichtsverständnis" sind von der damals verfestigten Ideologie zu trennen, in der die nahezu heilige Familie zugleich als Keimzelle und als Modell für den Staat herhalten muß. Das ist deutsch, abendländisch, christlich, frei - das historisch legitimierte "Gute" schlechthin. Alles, was diese Idylle stört, wird entweder verleugnet und verdrängt oder "dem Bösen" angelastet, und dazu gehören
neben den Nazis "immer auch" die Kommunisten.
Im Geschichtsbild Helmut Kohls erreichen freilich nur Adolf Hitler und seine obersten Gefolgsleute den Rang von dämonischen Verbrechern und Verkörperern des Bösen. Das Verhalten der mehr als acht Millionen Deutschen, die der Nazipartei angehörten, mag er nicht allzu forsch verurteilen. Schließlich hätten sie "einen hohen Preis gezahlt für Verführbarkeit und Begeisterung, für Anpassen oder Mitmachen".
Das eigentlich Böse war und ist in Moskau zu Hause. Und während das für die Welt ein paar Jahre nach 1945 in Vergessenheit zu geraten drohte, dankt es Helmut Kohl den Amerikanern, daß sie während des Kalten Krieges in den frühen fünfziger Jahren dafür gesorgt haben, den Deutschen ihr klassisches Feindbild wieder vertraut zu machen. Die CDU druckte es prompt 1953 auf ihre Wahlplakate.
Wer die Welt so statisch sieht, sich mit hartnäckiger selektiver Wahrnehmung wehrt gegen Zweifel, Irrtum und schmerzliche Veränderungen, der degradiert "die Geschichte" zur Lieferantin von symbolträchtigen Schlüsselszenen, -ereignissen und -lektionen, die immer dasselbe meinen: Versuche des Bösen, das Gute zu überwältigen, mal mit offener Gewalt, mal mit List, Tücke und Friedensschalmeien, ob 1938 in München oder 1986 in Reykjavik.
Und einem, der sich so gründlich befreit weiß von jeglicher "Verstrickung" in das Böse, das "im deutschen Namen" sein Unwesen getrieben hat, dem muß es auch erlaubt sein, den Mordpropagandisten Goebbels mit dem Abrüster Gorbatschow zu vergleichen. Kohl zu "Newsweek": "Man muß doch die Dinge auf den Punkt bringen."
Von Jürgen Leinemann

DER SPIEGEL 46/1986
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