05.01.1987

„Du sollst dich nicht erwischen lassen“

Die geheimen außenpolitischen Abenteuer amerikanischer Präsidenten nach dem Zweiten Weltkrieg (III) *
Am 15. September 1970 - in Chile hatte der Marxist Salvador Allende kurz zuvor die Wahlen gewonnen - trafen sich US-Sicherheitsberater Henry Kissinger und Justizminister John Mitchell mit Pepsi-Cola-Chef Donald Kendall, einem alten Freund Präsident Nixons, in Washington zum Frühstück. Kendall hatte einen Bekannten mitgebracht, den einflußreichen chilenischen Zeitungs-, Bank- und Fernsehzar Augustin Edwards. Der Unternehmer erläuterte den Herren, daß seine Heimat Gefahr laufe, unter Allende zu einem zweiten Kuba zu werden.
Viel brauchte er nicht zu reden. Noch am selben Tag wurde Edwards dem CIA-Chef Richard Helms präsentiert. Kurz darauf gab Nixon, von Kissinger gedrängt, seinem Geheimdienst Order, "egal wie" zu verhindern, daß Allende, der vermeintliche Mann Moskaus, am 24. Oktober vom chilenischen Kongreß als neues Staatsoberhaupt bestätigt würde.
Derselbe Präsident, der versuchte, Amerika aus dem Vietnam-Konflikt zu lösen, der Friedensverhandlungen mit Hanoi einleitete, ließ sich von seinen Beratern zu einer neuen schmutzigen Aktion gegen eine vermeintliche rote Gefahr verleiten - diesmal in Lateinamerika, dem traditionellen Interessen- und Einflußgebiet der USA.
Kissinger hatte schon im Juni, als sich der Allende-Sieg abzeichnete, gesagt: "Ich sehe nicht ein, daß wir tatenlos zusehen sollen, wie ein Land durch die Verantwortungslosigkeit seines eigenen Volkes kommunistisch wird."
Eine halbe Million Dollar Wahlkampfhilfe hatten die USA deshalb Allendes politischen Gegnern spendiert, ohne Erfolg. Auch der Versuch, mit 250000 Dollar Stimmen von Kongreßabgeordneten gegen Allende zu kaufen, schlug fehl. US-Botschafter Ed Korry probierte es daraufhin mit Drohungen. Dem noch amtierenden christdemokratischen Präsidenten Eduardo Frei sagte er: "Wenn Allende an die Macht kommt, werden wir dafür sorgen, daß Chile und die Chilenen erfahren, was Armut und Entbehrung sind." Aber Frei ließ sich nicht einschüchtern.
Währenddessen stellte CIA-Chef Helms ein geheimes Sonderkommando aus seinen besten Leuten zusammen. Weder Botschafter Korry noch Außenminister William Rogers wurde in die Vorbereitungen der Operation "Track II" eingeweiht. Deren Ziel: die Verhinderung von Allendes Amtsübernahme durch einen Militärputsch.
Dabei stand den Frondeuren der Chef des chilenischen Heeresstabs, General Rene Schneider, ein als verfassungstreu und unbestechlich bekannter Offeier, im Weg. Enttäuscht berichtete Track-II-Koordinator Thomas Karamessines, daß "die chilenischen Militärs nicht gewillt scheinen, irgend etwas zu tun".
Die CIA-Leute schalteten den US-Militärattache in Santiago, Oberst Paul Wimert, ein, der ausgezeichnete Kontakte zu den chilenischen Streitkräften unterhielt. Wimert fand zwei ehrgeizige Offiziere, die sich bereit erklärten, Schneider zu "neutralisieren": Roberto Viaux, einen entlassenen Heeresgeneral, der 1969 eine Meuterei angezettelt hatte, und General Camilo Valenzuela, Standortkommandant von Santiago. Zur Belohnung setzte der Attache eine Prämie von 50000 Dollar aus - zahlbar nach Schneiders Beseitigung.
Am 15. Oktober, nur neun Tage vor der entscheidenden Abstimmung im chilenischen Kongreß, beriet Karamessines mit Kissinger und dessen Stellvertreter Alexander Haig im Weißen Haus, ob Washington das Okay für die Aktion erteilen solle. An das Resultat der Unterredung erinnerten sich die Teilnehmer später höchst unterschiedlich: Kissinger erzählte, es schiene ihm so, als ob "wir eher den Putsch abgeblasen hätten".
Karamessines aber berichtete. Kissinger habe die Geheimdienstler angewiesen, ihren Druck gegen Allende nicht zu vermindern.
Jedenfalls bestellten einige der Verschwörer bei Wimert Tränengasgranaten, drei Maschinenpistolen und 500 Schuß Munition, angeblich zum Selbstschutz. Die Waffen gingen per Kurierpost als Diplomatengepäck an die US-Botschaft in Santiago. Am 22. Oktober um zwei Uhr morgens übergab der Militärattache die Bestellung bei einem konspirativen Treffen in einem Armenviertel von Santiago.
Sechs Stunden später wurde General Schneider auf dem Weg zu seiner Dienststelle überfallen und bei einem Schußwechsel tödlich verwundet. CIA-Chef Helms lobte: "Eine Höchstleistung wurde vollbracht... Die Chilenen sind an einen Punkt gebracht, wo eine militärische Lösung ihnen zumindest offensteht."
Doch der Mord an Schneider konnte Allendes Amtsantritt nicht mehr verhindern. Auch die Christdemokraten, größte Partei im Kongreß, bestätigten die Wahl des Volksfront-Kandidaten zum neuen Präsidenten.
Nach Allendes Amtsübernahme im November verlegte sich die CIA auf wirtschaftliche Druckmittel. Bis zum September 1973 gab der Geheimdienst acht Millionen Dollar aus, um Allendes Herrschaft zum Einsturz zu bringen.
Vor allem Henry Kissinger hatte "einen richtigen Chile-Tick", erinnerte sich später ein Mitglied des Gremiums zur Kontrolle der US-Geheimdienste. So habe Kissinger durchgesetzt, daß weder die amerikanische Export-Import-Bank noch die Weltbank Chile Kredite gaben.
Manager des Multikonzerns ITT, dessen chilenische Tochtergesellschaft Allende im Herbst 1971 verstaatlicht hatte, arbeiteten ein 18-Punkte-Programm zum wirtschaftlichen Ruin Chiles aus und schickten es an Nixon-Berater Peter G. Peterson. Binnen eines Jahres sanken die kurzfristigen Kredite für das Land von 220 auf 40 Millionen Dollar; die Devisenreserven schrumpften von 377 auf 25 Millionen Dollar.
Etwa zur gleichen Zeit entsandte die CIA einen ihrer chilenischen Agenten Jorge Ovalle Alvarez, nach Panama, um dort einen Geldspekulanten unschädlich zu machen, der die US-Kreditsperre zu durchbrechen suchte. Der Mann, ein Hawaii-Amerikaner namens William Posnett Lynas, der Allendes Regierung bei der Devisenbeschaffung geholfen hatte, entrann dem Mordkomplott nur knapp.
In Chile bekam es die Volksfront bald mit einer wachsenden Opposition zu tun. Allendes Weg zum Sozialismus und die US-Sanktionen stürzten das Land in eine sich ständig verschärfende Wirtschaftskrise. Kapitalflucht, sinkende Produktivität in den verstaatlichten Betrieben und Investitionsfurcht der Unternehmer schufen Versorgungsmängel und heizten die Infiation an. Die Weltmarktpreise für Chiles wichtigsten Exportartikel, Kupfer, sanken. Einfuhren von Nahrungsmitteln und teure Sozialreformen finanzierte die Regierung über die Notenpresse: In zwei Jahren verfünffachte sich der Geldumlauf.
Der Mittelstand, den die Volksfront am meisten umwarb, wandte sich von
Allende ab. Im Oktober 1972 lähmten wochenlange Streiks das Land. Die Amerikaner fachten die Unzufriedenheit nach Kräften an: Bei den Kongreßwahlen im Frühjahr 1973 unterstützte die CIA Volksfront-Gegner, vor allem die Christdemokraten des Allende-Vorgängers Eduardo Frei, mit 1,5 Millionen Dollar. Im Sommer finanzierte Washingtons Geheimdienst einen Streik der Lastwagenfahrer und steckte eine Million Dollar in eine Propaganda-Kampagne, die der Armee weismachen sollte, nur sie könne den drohenden Bürgerkrieg verhindern - durch einen Staatsstreich.
Im Morgengrauen des 11. September 1973 schlugen chilenische Generäle mit Augusto Pinochet los. Verschanzt in seinem Amtssitz, dem Moneda-Palast in Santiago, beschwor Allende das Volk über Radio, seine Regierung zu unterstützen: "Ich werde nicht zurücktreten. Ich werde es nicht tun, solange ich lebe." Wenige Stunden später- Panzer rollten durch die Stadt, Flugzeuge bombardierten die Moneda - war er tot.
An den amerikanischen Börsen stiegen schon Minuten nach den ersten Meldungen über den Staatsstreich die Kupferpreise und die Notierungen für ITT-Aktien.
Doch der schäbige Mord an Allende empörte auch viele Amerikaner so sehr, daß Fragen nach der Rolle des US-Geheimdienstes im Kongreß und in der Öffentlichkeit laut wurden.
"Die CIA hatte mit dem Coup nach meinem besten Wissen und Gewissen nichts zu tun", beteuerte Henry Kissinger nach dem Putsch. Und auch CIA-Direktor Richard Helms leugnete vor einem Senatsausschuß heftig, daß die Vereinigten Staaten beim Umsturz in Chile nachgeholfen hätten.
Die Wahrheit kam erst zwei Jahre später ans Licht, als der aufgeschreckte US-Kongreß versuchte, die CIA-Machenschaften aufzudecken. Erstmals wurden dabei Details jener Intervention enthüllt, die Chile nach dem Willen der CIA vor dem Sturz in einen Ein-Parteien-Staat und eine Diktatur von links retten sollte - und Lateinamerikas erprobteste Demokratie bis heute einem grausamen, starrsinnigen Militärdiktator unterwarf.
Zunächst schockierte eine Artikelserie Ende 1974 in der "New York Times" die vom Watergate-Skandal und dem Rücktritt ihres Präsidenten noch traumatisierte Nation. Die CIA, so hieß es in der Story des Enthüllungsreporters Seymour Hersh, habe ihren Untergrund-Krieg nicht nur im Ausland, sondern auch gegen freie amerikanische Bürger geführt - im eigenen Land. Gegner des Vietnam-Kriegs seien von der CIA (die im Inland überhaupt nicht tätig werden darf) illegal überwacht und abgehört worden.
Mit Einbrüchen, Briefkontrollen und Verleumdungskampagnen hätten die Dunkelmänner von der CIA-"Firma" in Langley (Virginia) versucht, die inneramerikanische Opposition gegen Nixons Krieg in Südostasien zu schwächen.
In einem Gespräch, zu dem Nixons Nachfolger Gerald Ford Journalisten von der "New York Times" ins Weiße Haus bat, rutschte dem für seine Patzer schon bekannten Ford dann das heißeste Geheimnis der CIA heraus: Im Kampf für Amerikas Mission in der Welt habe der Geheimdienst auch Mordanschläge auf ausländische Staatschefs verüben lassen, mehrfach etwa auf Fidel Castro, der sie überlebte, während andere, so der dominikanische Diktator Rafael Trujillo oder der südvietnamesische Alleinherrscher Ngo Dinh Diem, dabei zu Tode kamen.
Die neuen Enthüllungen der "New York Times" lösten einen "politischen Feuersturm" aus, erinnerte sich später der damalige Direktor der CIA, William Colby - sie hätten ihm das Weihnachtsfest und fast das ganze folgende Jahr "gründlich ruiniert".
Im Januar 1975 berief der Senat einen Sonderausschuß ein, der das illegale Treiben der CIA im amerikanischen Inland, aber auch ihre geheimen Kriegszüge überall auf der Welt gründlich aufklären sollte. Nach seinem Vorsitzenden Senator Frank Church aus Idaho wurde er als "Church-Ausschuß" berühmt.
Mehr als 250mal kamen im Lauf des Jahres 1975 seine Mitglieder zusammen, sie führten an die 800 Verhöre und sammelten über 110000 Seiten an Dokumentation. Der Schlußbericht umfaßte sechs Bände und wurde im April 1976 veröffentlicht.
Dabei kamen nicht nur Einzelheiten der CIA-Verwicklung in das Komplott gegen Chiles Allende ans Licht. 900 große und ein paar tausend kleine Untergrundaktionen hatte die CIA nach den Ermittlungen des Church-Ausschusses im Ausland gestartet - und das alles am Rand der Verfassungslegalität, ohne Statuten
oder gesetzlich vorgeschriebene Kontrollen.
Es stellte sich heraus: Von der Möglichkeit, mit Hilfe der CIA ihre eignen Geheimkriege zu führen, hatten amerikanische Präsidenten nach dem Zweiten Weltkrieg im Übermaß Gebrauch gemacht. Der Vorsitzende Church meinte auch erkannt zu haben, woran das lag: "Wir verfolgten die phantastische Vorstellung, andere Länder durch unsere Geheimaktionen kontrollieren zu können", formulierte er in seinem Schlußbericht, und diese Vorstellung wiederum sei "Bestandteil einer größeren Illusion, in der sich unsere Präsidenten immer wieder verfangen und gefesselt haben - der Illusion amerikanischer Allmacht".
In diesem Geist sei die CIA zu einer "Elefanten-Mißgeburt" herangewachsen. Nun sollte die Bestie gezähmt werden.
Versuche, die CIA einer legislativen Kontrolle zu unterwerfen, hatte der Kongreß zwar auch vorher schon unternommen. Doch erst jetzt, im büßerischen Klima von politischer Umkehr und Reue nach Vietnam und Watergate, gelang es den Parlamentariern, die dafür notwendigen Gesetze durchzusetzen.
So wurde 1974 einem Beschluß des Kongresses über Auslandshilfe das "Hughes-Ryan-Amendment" beigefügt. Es verpflichtete die CIA, die zuständigen Ausschüsse über alle wichtigen Geheimaktionen im Ausland zu unterrichten. In einem nächsten Schritt stärkte der Kongreß seine Stellung, indem er die Überwachungskomitees zu ständigen Einrichtungen erhob.
Während diese Neuerungen im Capitol noch diskutiert wurden und die Öffentlichkeit gespannt die Enthüllungen des Church-Ausschusses verfolgte, waren die USA längst schon wieder in einen Untergrundkampf verwickelt - in Angola.
In der damals noch portugiesischen Kolonie kämpften drei miteinander verfeindete Rebellenbewegungen um die künftige Regierungsmacht. Eine davon, die marxistisch orientierte MPLA, erhielt Waffen und Ausbilder von der Sowjet-Union und wurde schließlich sogar von einem 11000 Mann starken Truppenkontingent aus Kuba unterstützt.
Für die USA, und ihren Außenminister Kissinger zumal, war das ein willkommener Anlaß, Moskau und seinem kubanischen Vasallen in Afrika entgegenzutreten. Die Sowjets sollten lernen, sagte Kissinger, daß sie nicht "militärische Mittel zu aggressiven Zwecken einsetzen dürfen, ohne sich in die Gefahr eines Konflikts mit uns zu begeben".
Den mit der MPLA rivalisierenden Gruppen Unita und NFLA zahlten die Amerikaner daher heimlich 33 Millionen Dollar - es war die größte finanzielle Investition in das politische Geschick eines fremden Landes seit Vietnam. Als die Sache ruchbar wurde, geriet der Aufruhr in der amerikanischen Öffentlichkeit entsprechend heftig.
Immerhin zeigte sich bei dieser Gelegenheit, daß die neuen, vom Kongreß geschaffenen Instanzen zur Kontrolle der CIA funktionierten. Die zuständigen Ausschüsse wurden informiert, ein von dem liberalen Afrika-Kenner Senator Dick Clark betriebener Kongreßbeschluß stoppte die Geheimdienst-Gelder für Angola. Es war das erste Mal, daß die Legislative eine CIA-Geheimaktion anhalten konnte, bevor sie auszuufern drohte.
Aber offensichtlich klappte die Überwachung nicht immer: 1976, so berichtete jetzt die New Yorker Zeitung "The Village Voice", half die CIA dem damaligen Uganda-Herrscher Idi Amin mit Flugeinsätzen gegen Rebellen. Chef des Geheimdienstes war seinerzeit der heutige Vizepräsident George Bush.
Mit Jimmy Carter gelangte Anfang 1977 ein Mann ins Weiße Haus, der die schmutzige Wühlarbeit der CIA aus Prinzip verabscheute und der den Primat von Idealismus und Moral in der amerikanischen Außenpolitik wiederherstellen wollte. Freilich wünschte auch der fromme Baptistenprediger Carter Einfluß zu nehmen auf die inneren Angelegenheiten anderer Länder- indem er Zensuren über deren Umgang mit den Menschenrechten verteilte und je nachdem, wie diese ausfielen, belohnte oder strafte: eine etwas verfeinerte Variante amerikanischer Allmachtsphantasien. An _(1975, mit Giftpfeilpistole aus ) _(CIA-Beständen. )
die Spitze der CIA setzte Carter einen untadeligen Mann, einen ehemaligen Jahrgangskameraden von der Naval Academy, Admiral Stansfield Turner. In der Geheimdienstszene hatte er jedoch keine Erfahrung. Die bereits vom Kongreß an kürzere Zügel gelegte CIA sah in Carters Wahl ein Zeichen von minderer Wertschätzung durch den neuen Präsidenten.
Als Turner dann am Anfang seiner Tätigkeit aus Sparzwang auch noch Hunderte von Mitarbeitern entlassen mußte sank die Stimmung bei der CIA auf den Nullpunkt. Die ehrenwerten Spione fühlten sich verkannt und bestraft. An die "RIF" (Reduction in Force) - Entlassungen, die Turner im übrigen so behutsam wie möglich vornahm - erinnert man sich bei der CIA noch heute als an das "Halloween-Massaker".
Nur: Auch Turner wollte dem Kongreß nicht mehr Einsicht als unbedingt nötig in die Aktivitäten seiner Behörde gestatten. Er setzte sich dafür ein, daß die Berichtspflicht der CIA auf einige wenige Kongreß-Ausschüsse beschränkt wurde; ein 1980 erlassenes "Geheimdienst-Aufsichtsgesetz" entschärfte das Hughes-Ryan-Amendment wieder.
Gegen Ende der Carter-Präsidentschaft hatte das "Pendel wieder in die entgegengesetzte Richtung ausgeschlagen", schreibt der amerikanische Autor John Prados in seinem kürzlich erschienenen Buch über die "Geheimen Kriege der Präsidenten". Die eben domestizierte "Elefanten-Mißgeburt" CIA sollte jetzt wieder "von der Leine gelassen werden".
Zum Wiederaufstieg verhalfen der CIA vor allem zwei peinliche Blamagen, die Jimmy Carter letztlich um seine Wiederwahl brachten und Amerikas Prestige weltweit schwer beschädigten.
Beide betrafen ein Land, das die Amerikaner schon seit Eisenhowers Zeiten zu ihrem Interessengebiet erklärt und zur regionalen Vormacht hochgerüstet hatten: Iran.
Die Berichte, die Turners Agenten über die Unruhen im Schah-Reich lieferten, erwiesen sich als erstaunlich dürftig. Folge: Die USA verkannten den Ernst der Lage für den Schah, überschätzten die Möglichkeiten der Militärs, durch einen Putsch den Weg für eine bürgerlich-demokratische Regierung in Teheran zu öffnen, und täuschten sich in der Macht der Mullahs und des Ajatollah Chomeini.
Die Fehleinschätzungen hatten fatale Folgen: Chomeinis Revolutionswächter, von ihren Führern aufgehetzt gegen den "Großen Satan" Amerika, nahmen über 50 Angehörige der US-Botschaft in Teheran 444 Tage in Geiselhaft. So schwer war die Demütigung für die Weltmacht zu ertragen, daß Carter sich in eine abenteuerliche Aktion stürzte.
An dem Kommando-Unternehmen "Eagle Claw", das die Geiseln befreien sollte, war die CIA zwar nur indirekt beteiligt. Doch als die Mission im iranischen Wüstentreffpunkt "Desert One" kläglich scheiterte, empfanden die Amerikaner den Fehlschlag als nationale Schmach, in die sich eine Spur von Selbstzweifeln mischte: Hatten sie etwa, in ihrer Nach-Watergate-Katerstimmung, den Geheimdienst derart kastriert, daß ihnen nicht einmal mehr die Befreiung amerikanischer Bürger aus den Klauen islamischer Fanatiker gelang? Der Sturz des Schah, die
Geiselhaft, das Scheitern der Befreiungsaktion - für die amerikanische Öffentlichkeit ergaben sich zwei scheinbar zwingende Schlüsse: Nicht nur hatten offensichtlich die amerikanischen Geheimdienste versagt, auch Amerikas Fähigkeit zu militärischen Kommandounternehmen war erschüttert.
Ronald Reagan, der Carter Anfang 1981 im Amt folgte, nahm sich vor, das zu ändern.
Schon in seiner Wahlkampfplattform von 1980 hatte die Ankündigung gestanden: "Wir werden unsere Regierung mit der Fähigkeit ausstatten, solche internationalen Ereignisse zu beeinflussen, die für unsere nationalen Sicherheitsinteressen lebensnotwendig sind. Als einziges Land unter den größeren Mächten dieser Erde haben sich die Vereinigten Staaten dieser Fähigkeit beraubt."
Reagan setzte an drei Fronten an: Er gab der CIA wieder größere Freiheit, reorganisierte den Nationalen Sicherheitsrat (NSC) und förderte den Aufbau von Sondereinheiten bei den einzelnen Waffengattungen der Streitkräfte.
In der "Executive Order 12333" vom 4. Dezember 1981 erweiterte er die Definition von "verdeckten Operationen". Diese liefen seither unter dem unverfänglichen, aber auch sehr viel vageren Titel "Sondermaßnahmen". Die Verordnung hielt außerdem fest, daß die Verantwortung für alle Sondermaßnahmen, außer in Kriegszeiten, bei der CIA liege. Eine Reihe von Direktiven zur nationalen Sicherheit erweiterte den Einflußbereich der "Agency" noch mehr.
Zwei solcher Direktiven aus dem letzten Quartal 1982 übertrugen der CIA neue Aufgaben bei der "Unterstützung von Demokratien im Ausland" und machten es dem Geheimdienst zur Pflicht, zu verhindern, daß andere Nationen "dem kubanischen Modell" folgen könnten. Die Sicherheitsdirektive 138 vom April 1984 gab der CIA eine größere Rolle bei der weltweiten (auch vorbeugenden) "Terroristenbekämpfung" - oder was immer die Reagan-Regierung gerade als Terrorismus bezeichnete.
In der Planungsgruppe des Nationalen Sicherheitsrats nahm erstmals der Präsident selber Sitz und Stimme. Während diese Gruppe bis dahin meist nur Optionen vorbereitet hatte, wurde sie jetzt zur Entscheidungsinstanz, in der die CIA ständig an Gewicht gewann.
Die Hauptaufgabe bei der Wiedererstarkung der CIA fiel dem neuen Direktor William Casey zu.
Kein anderer CIA-Chef vor ihm hatte jemals so leichten und häufigen Zugang zu seinem Präsidenten. Von Anfang an gehörte Casey, der Reagans Wahlkampf 1980 auf Siegkurs gebracht hatte, zum Kreis der engen und treu ergebenen Vertrauten des Präsidenten.
Casey war ein Mann nach Reagans Herzen. Als Wall-Street-Rechtsanwalt machte er Millionen mit Wertpapier-Geschäften. Er versuchte sich als Buchautor und verriet die vermeintlichen Tricks, wie man Millionär wird. Und wie viele andere im Umfeld von Reagan betätigte er sich gern als Amateurhistoriker und bezog aus diesem Hobby sein strikt antikommunistisches Weltbild.
Aber Casey, dessen Zukunft als Geheimdienstchef durch eine Tumor-Operation kurz vor Weihnachten unsicher geworden ist, stieß auch schon immer auf Mißtrauen. Stets gab es Zweifel an seiner Urteilsfähigkeit.
Bevor er seinen Regierungsposten antrat, mußte er sich von den Parlamentariern nach der Rechtmäßigkeit seiner Geschäfte fragen lassen. Kaum im Amt, geriet er über seine anhaltende Investitionstätigkeit gleich wieder in Schwierigkelten.
Auch von daher erklärt sich seine ausgeprägte Abneigung gegen die Aufsichtsausschüsse im Kongreß. Freiwillig rückt Casey den Kontrollgremien gegenüber selten mit wirklichen Nachrichten heraus. "Casey würde Ihnen nicht einmal sagen, daß Ihr Mantel brennt", behauptete der Abgeordnete Norman Mineta.
Zum Geheimdienstmilieu, zu Heldentum, Gefahr und Versteckspielen, hatte Casey seit jeher eine starke Affinität. Noch heute schwärmt er zusammen mit anderen Veteranen von den Abenteuern im Zweiten Weltkrieg, an dessen Ende er Chef für Geheimoperationen in Europa bei der CIA-Vorläuferorganisation OSS war.
Auch seine Amtsführung spiegelt diese Abenteuerlust wider. Von Anfang an kümmerte er sich weniger um das trockene Aufklärungsgeschäft - dafür war sein Stellvertreter zuständig-, sondern um paramilitärische und politische Operationen.
Bei den Anhörungen vor seiner Bestallung zum CIA-Chef 1981 beklagte er die "Selbstzweifel" seiner künftigen Behörde. Er beschwerte sich darüber, daß die Öffentlichkeit die CIA immer noch als eine Institution ansehe, die "streng reguliert, strikt überwacht und ständig neu organisiert" werden müsse.
Unter Casey wurde das schnell anders. Mit einer zentralisierten Entscheidung im Nationalen Sicherheitsrat, mit Hilfe des dienstbaren Pentagon und vor allem dank der wiedergewonnenen Operationsfreiheit der CIA starteten seit 1981 mehr als 50 "Sondermaßnahmen" weltweit - von Waffenlieferungen an die antisowjetischen Rebellen in Afghanistan bis zur Finanzierung der Contras in Nicaragua.
Zur Sternstunde geriet dem Präsidenten dabei eine Tat, die - wegen der Unverhältnismäßigkeit der eingesetzten Mittel - eher wie eine Persiflage auf Großmachtpolitik aussah: die Eroberung der Insel Grenada.
Ohne den Kongreß zu unterrichten, fiel Reagan im Oktober 1983 über das von Marxisten regierte Grenada her, das von Washington weiter entfernt liegt als Bonn von Moskau. 7300 amerikanische
Marineinfanteristen, Army-Rangers und Fallschirmjäger stürmten die winzige Gewürzinsel in der Karibik - und führten dort vor, was ihnen gegen Nicaragua verwehrt blieb.
59 Stunden lang knatterten auf dem Eiland Maschinengewehre, hallte die malerisch gelegene Hauptstadt St. George''s wider von den Explosionen amerikanischer Bomben, sorgten die Salven aus den Bordkanonen der Hubschrauber dafür, daß die Soldaten des "gesalbten Landes" Amerika (Reagan) ihre Mission erfüllen konnten: rund 1000 US-Touristen und Studenten zu schützen sowie die "in der östlichen Karibik beispiellose Entwicklung" eines Staates, für den "in keiner zivilisierten Gesellschaft ein Platz" sei, wieder rückgängig zu machen.
Als der US-Präsident am Abend des dritten Invasionstags den totalen Sieg verkündete, waren 88 Menschen (davon 18 Amerikaner) bei den Kämpfen umgekommen und 533 verwundet worden. Bissig vermerkte der demokratische Abgeordnete Edward Markey nach dem ungleichen Kampf: "Die Kanonenbootpolitik hat ihren neuen König" - Ronald Reagan.
So beispiellos und überzogen sich der Überfall auch ausnahm - es war einer der Höhepunkte in Reagans Liebesaffäre mit dem amerikanischen Volk. Der Anblick siegreicher US-Soldaten am Strand von Grenada linderte die Trauer über den Tod von 265 Marineinfanteristen, die zwei Tage zuvor beim Attentat in Beirut umgekommen waren. Grenada, so schien es, tilgte das Gefühl amerikanischer Ohnmacht gegenüber Ajatollahs, Terroristen, Kommunisten, Marxisten und anderen antiamerikanischen Unruhestiftern überall auf der Welt.
Mochte auch der Schlag gegen das Commonwealth-Mitglied Grenada den Vorzugsverbündeten Großbritannien indignieren, mochten Freund und Feind der westlichen Führungsmacht in der Uno Völkerrechtsbruch vorwerfen, für die meisten Amerikaner hatte Reagan sein Versprechen eingelöst, "kein Land an die Kommunisten zu verlieren", solange er die "Wache" sei. Im Jubel über den Blitzkrieg gingen auch blamable Pannen unter. So ist bis heute ungeklärt, wo vier der zwölf Navy-Kundschafter blieben, die 24 Stunden vor der Hauptstreitmacht an Land gehen sollten - nur das leere Schlauchboot der vier Späher wurde später gefunden. Unklar ist auch, weshalb der Pilot einer Transportmaschine mit Fallschirmtruppen sich am Morgen des Landungstags über der Karibik verflog und sein Ziel mit 35minütiger Verspätung erreichte. Da war es nicht nur schon hell, zur Überraschung der US-Soldaten gerieten die Einheiten auch direkt an der Landebahn unter Flak-Beschuß. "Davon hatten wir keine Ahnung", konstatierte Oberstleutnant Wesley Taylor später. Bei ihrem Vormarsch durch dichten Dschungel mußten sich die Befreier anhand von Touristenkarten orientieren, die zwar landschaftlich reizvolle Plätze auswiesen, nicht aber den Standort strategisch wichtiger Punkte. Mangelnder Aufklärung zuzuschreiben war auch die Unkenntnis über die genaue Anzahl der gegnerischen Truppen.
Das volle Ausmaß der Konfusion wurde deutlich, als US-Jets, deren Unterstützung von den Bodentruppen angefordert worden war, das psychiatrische Krankenhaus der Hauptstadt bombardierten (14 Tote) und eine eigene Stellung unter Feuer nahmen (14 Verwundete). Bis heute hat das Pentagon keinen detaillierten Bericht über die Operation veröffentlicht. Die Geheimniskrämerei um die Grenada-Nachlese steht in deutlichem Widerspruch zu dem öffentlichen Getöse, mit dem Reagan und seine Mitstreiter das US-Volk auf den Überfall eingestimmt hatten.
Am 25. März 1983 reckte der Präsident während seiner SDI-Ankündigungsrede den Fernsehkameras demonstrativ eine Luftaufnahme entgegen. Das Bild zeigte eine große Baustelle auf Grenada.
Reagan konfrontierte die Amerikaner mit der rhetorischen Frage, warum "der kleine Inselstaat mit weniger als 110000 Einwohnern wohl einen Flughafen mit einer 10000 Fuß langen Landebahn benötige, der von Kubanern gebaut und von den Sowjets finanziert wird".
Die Antwort, im Lauf der kommenden Monate ständig wiederholt, wurde zur Legitimation für die spätere Invasion: Grenada, so Reagan, solle zu einem kubanisch-sowjetischen Stützpunkt ausgebaut werden. Nutznießer sei Kubas Diktator Fidel Castro, der die Insel als "Zwischenlandeplatz für die Luftbrücke nach Afrika'' benötige.
Die Wahrheit war anders: Der Sozialist und Grenada-Premier Maurice Bishop, der 1979 in einer fast unblutigen Revolution (ein Toter) den abergläubischen, in seiner Verschrobenheit unberechenbaren und gefürchteten Diktator Eric Gairy gestürzt hatte, wollte mit dem Bau eines Großflughafens die unterentwickelte Tropeninsel an den karibischen Tourismus-Betrieb anschließen.
Doch der bärtige Marxist Bishop wurde von dem Kalifornier im Weißen Haus und seinen Scharfmachern zur "Bedrohung des karibischen Raums" hochstilisiert. Washington sorgte dafür, daß die Entwicklungsdarlehen des Weltwährungsfonds sich drastisch verringerten. Der Grenada-Premier mußte sich nach anderen Geldgebern umsehen. Er fand sie in Havanna und Moskau.
Sowjets und Kubaner bauten und bezahlten fortan den Flugplatz, den die britische Firma Plessey Airports entworfen hatte - ein nach Auskunft der Firma rein ziviles Projekt; es fehlten beispielsweise die für Militärbasen notwendigen gebunkerten Hangars und unterirdischen Treibstofflager.
Die friedlichen Absichten hätte auch Reagan kennen können. Und der Präsident wußte wohl auch, daß der angebliche Revolutionär und Castro-Bewunderer Bishop in Wahrheit eine gemäßigte Reformpolitik betrieb, die beim grenadischen Volk ankam. Doch hingebungsvoll pflegte Reagan sein Vorurteil, Bishop wolle die Insel in eine "sowjetisch-kubanische Kolonie" umwandeln. Vergebens versuchte der Grenada-Premier bei einem Besuch in Washington, den Präsidenten umzustimmen. Er stellte freie Wahlen in Aussicht und versprach, künftig seine antiamerikanische Rhetorik zu dämpfen. Reagan empfing ihn nicht einmal.
Zu Hause hatte die Beschwichtigungspolitik für Bishop fatale Folgen: Seine einstigen Putsch-Kumpane Bernard Coard und General Hudson Austin setzten den Premier am 13. Oktober ab und stellten ihn unter Hausarrest. Die Mehrheit der Grenader wollte sich aber mit den neuen, linksextremen Machthabern nicht abfinden. Eine Volksmenge befreite den gestürzten Tribun und führte ihn im Triumphzug zur Wiedereinsetzung durch die Hauptstadt. Da rückte Austin-hörige Miliz an, schoß auf die Menschen, nahm Bishop und 17 seiner Anhänger fest und exekutierte sie umgehend.
Wenige Tage später trafen sich sechs Länder der Organisation ostkaribischer Staaten (OECS) zu einer Notstandssitzung. Die OECS-Regierungschefs (ohne den abwesenden Vertreter des Mitglieds Grenada) stellten fest, daß sie sich durch die Ereignisse in Grenada "bedroht fühlten" und für "Recht und Ordnung" sorgen wollten - mittels einer "Friedenstruppe". Mangels eigener Streitkräfte riefen die Inselstaaten "befreundete Länder" um Hilfe: Jamaika, Barbados und die USA.
In Washington hatte Reagan nur darauf gewartet. Der Countdown für die Invasion lief an.
Zwar meldeten US-Botschafter in der Karibik, auch Castro lehne das neue Regime ab und habe begonnen, Kubaner von der Insel abzuziehen. Doch in Washington beharrten Geheimdienstler und Militärs darauf, daß Castro den Coup von Austin und Coard inszeniert habe. Der Kubaner plane, seine Truppen auf Grenada zu verstärken. Die rund 1000 US-Bürger auf der Insel seien in Lebensgefahr oder riskierten, als Geiseln festgesetzt zu werden.
In Wirklichkeit waren die neuen Machthaber fast rührend um das Wohl der US-Bürger auf Grenada bemüht.
General Austin versicherte dem Leiter der Mediziner-Schule, Geoffrey Bourne, mehrmals persönlich, die Sicherheit der etwa 600 US-Studenten sei gewährleistet. Jeder, der wolle, könne per Flugzeug oder Schiff die Insel verlassen. Zudem bemühte sich Austin, der die Gefahr kommen sah, krampfhaft um eine Annäherung an die USA. Sein Regierungsprogramm, so versprach er in einer Radioansprache, werde westlichen Zuschnitt haben.
Washington aber hatte sich längst festgelegt. Das Außenministerium schickte diplomatische Abgesandte, die mit Gerüchten über einen angeblich drohenden Gegenputsch die Studenten verängstigten. Wollten sich zuvor allenfalls zehn Prozent evakuieren lassen, so waren es nach dem Diplomateneinsatz wenigstens fünfmal so viele. Die Versöhnungsgesten der Regierung gegenüber den Vereinigten Staaten tat ein US-Unterhändler lapidar als "bullshit" und Farce ab.
Auch die zuständige US-Botschaft in Barbados schärfte ihre Berichte so an, daß sie ins offizielle Feindbild paßten. Das State Department erhielt beispielsweise die Nachricht, die Austin-Regierung "kümmert sich nicht um das Wohlergehen der Studenten" - eine erkennbare Verdrehung der Wahrheit.
So fielen am Dienstag, dem 25. Oktober 1983, amerikanische Bataillone über den karibischen Zwergstaat her und stürzten jene Regierung, die ihrerseits die Regierung des vermeintlichen US-Feindes Bishop gestürzt hatte.
Daß die Soldaten der Supermacht unerwartete Mühe hatten, die mit DDR-Stahlhelmen und kubanischen Leibriemen ausgestatteten einheimischen Verteidiger
niederzukämpfen, schien anfangs das strahlende Bild des Befreiungscoups zu überschatten.
Doch Washington war um Erklärungen für Pannen und Fehler nicht verlegen. Zunächst war von einem schwerbewaffneten kubanischen "Kampf-Ingenieur"-Bataillon die Rede, das hinhaltenden Widerstand leiste. Als der Blitzsieg sich um viele Stunden verzögerte, sprachen die Amerikaner gar von zwei Bataillonen kubanischer Truppen: bis zu 1500 Mann, die "Flaks bemannt" hätten und wild "zum Kampf entschlossen" seien.
In Wahrheit hatten die Kubaner aus Havanna Order erhalten, keinen US-Soldaten anzugreifen, sondern nur zur Selbstverteidigung zu schießen.
Zum Zeitpunkt der Invasion befanden sich lediglich 784 Kubaner auf der Insel, darunter 44 Frauen, 18 Diplomaten, jeweils ein Dutzend Ärzte, Lehrer und Angestellte der Fluggesellschaft "Cubana Airlines" sowie 636 Bauarbeiter. Die allerdings trugen leichte Waffen und waren militärisch ausgebildet.
Doch wie ein Augenzeuge der Invasion, der britische Journalist Hugh O''Shaughnessy, beobachtete, waren die Mitglieder der Baubrigade "weit davon entfernt, topfit" und kampfstark zu sein. Die Anzahl gefechtsbereiter kubanischer Soldaten belief sich auf ganze 43 Ausbilder und Berater, die Castro nach Grenada abkommandiert hatte.
Die 17köpfige Putsch-Mannschaft um Austin und Coard wurde von den Eroberern festgesetzt. Der Prozeß gegen sie schleppte sich drei Jahre hin. Anfang Dezember 1986 wurden die Urteile verkündet: 14 Verschwörern droht der Tod durch den Strang, zwei müssen für Jahrzehnte in den Kerker, ein Angeklagter konnte den Gerichtssaal als freier Mann verlassen.
Ihrer Schutzherren-Rolle wurden die Amerikaner nach dem Sieg schnell überdrüssig. Nur mußte Washington jetzt gewahr werden, daß es leichter ist, eine Klientel-Regierung zu installieren, als sie wieder loszuwerden.
Denn ohne andauernde Wirtschafts- und Finanzhilfe aus den USA ist Grenada kaum noch lebensfähig. Über 60 Millionen Dollar pumpten die Amerikaner nach der Invasion auf die Insel - und verschafften den Bewohnern damit einen weit höheren Lebensstandard, als ihn die karibischen Nachbarn haben.
Sie bauten den Flughafen fertig, dessentwegen sie einmarschiert waren, und reparierten die Schlaglöcher in den Straßen der Hauptstadt.
50000 Touristen besuchen pro Jahr das als "Perle der Karibik" gerühmte Grenada (unter Bishop waren es 30000 gewesen) und logieren in den sieben Hotels der Insel.
Der erhoffte Zuzug ausländischer Unternehmen aber blieb aus. Als bislang größte private Investition gilt die Renovierung des "Grenada Beach"-Hotels, in dem die Besatzungs-GIs zwei Jahre lang gehaust hatten, durch einen Hotelier aus Trinidad. Andere Firmen, die Spielwaren, T-Shirts oder Hautpflegemittel herstellen wollten, blieben nur kurz, weil die Profitaussichten ihnen betrüblich vorkamen.
Ganz nach Reagan-Vorbild senkte die Regierung unter dem kränkelnden Premier Herbert Blaize, 69, die Steuern, meldete jedoch vorsorglich als Ersatz für entfallende Staatseinnahmen beim Großen Bruder die Bitte um zusätzliche vier Millionen Dollar mit der Begründung an, so "die Glaubwürdigkeit der Regierung zu schützen".
Aber Washington scheint entschlossen, die Sonderzahlungen einzustellen. Künftig soll die Insel ausschließlich im Rahmen des karibischen Wirtschaftshilfeprogramms unterstützt werden.
Wenn das Dollar-Füllhorn leer ist könnten auch die politischen Unruhen wiederaufflammen. Schon zeigt die Drei-Parteien-Regierungskoalition Risse. Premier Blaize, der seine einsamen Entscheidungen lieber mit US-Beratern abstimmt als mit seinem Kabinett, gerät zunehmend unter Druck. Und auch der Ufo-Gläubige Sir Eric Gairy meldete sich zurück: "Diese Regierung ist schwach und uneins, weil die Regierenden sich an die Kehle gehen."
Immerhin hatte Gairys Gulp-Partei bei den Wahlen 36 Prozent der Stimmen, aber - merkwürdig genug - nur einen der 15 Parlamentssitze erhalten. Gewinnt Gairy die Neuwahlen im nächsten Jahr, könnte das Revolutionskarussell in Grenada wieder zu drehen beginnen.
So fragwürdig der politische und wirtschaftliche Ertrag der Eroberung auch ist - daß ihre Invasion gerechtfertigt war, bezweifeln die Amerikaner auch heute noch nicht. Keine Frage auch, daß Ronald Reagan mit den Sandinisten in Managua am liebsten so verfahren würde wie mit General Austin und Genossen.
Aber was dem Präsidenten auf Grenada unter günstigsten Bedingungen gelang - die Ausmerzung eines "kommunistischen Krebsgeschwürs" -, erweist sich im weit größeren, kampfstarken Nicaragua als ungleich schwieriger und riskanter. Doch von seinem Ziel, die verhaßten Sandinisten zu Fall zu bringen, will sich dieser Präsident durch keine Rückschläge abbringen lassen, auch durch "Irangate" nicht.
Im nächsten Heft
Der Untergrund-Krieg gegen Nicaragua - Oliver North als Geldbeschaffer der Contras
1975, mit Giftpfeilpistole aus CIA-Beständen.

DER SPIEGEL 2/1987
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