25.08.1986

ZEITSCHRIFTENMehr knallen

Chefredakteur Markus Peichl, ein Österreicher, hat sich mit „Tempo“ im deutschen Recht verstrickt. *
Über den Arbeitswillen ihres Chefredakteurs Markus Peichl, 28, berichten "Tempo"-Mitarbeiter nur das Beste: Er gilt als ungemein fleißig und kreativ, sitzt Tag und Nacht in der Redaktion, liest und redigiert alle Manuskripte, schreibt viel und "wahnsinnig gut".
Doch mit den Arbeitsmethoden ihres jungen Vorgesetzten kommen die Redakteure der poppigen Zeitschrift für die flotte Jugend nur schwer zurecht. Nach lediglich achtmonatiger Zusammenarbeit zerbröselt das Mitarbeiterteam. Mehrere Journalisten haben gekündigt, in Peichls Vorzimmer arbeitet inzwischen der dritte Chef vom Dienst, der vierte ist engagiert.
Peichl macht alles am liebsten allein, überzieht die gesetzten Termine, brüllt viel und ändert ungeniert Autorenbeiträge, ohne die Autoren zu fragen.
Das war auch bei Klaus Pokatzky so, einem "Zeit"-Journalisten, der von Peichl beauftragt worden war, den Sozialdemokraten Bodo Hombach, Wahlkampfmanager des SPD-Kanzlerkandidaten Johannes Rau, für "Tempo" zu porträtieren. Der Text, der in der April-Nummer
des Zeitgeistmagazins erschien, hatte in der Tendenz nicht mehr viel mit dem zu tun, was Pokatzky zu Papier gebracht hatte.
Wesentliche Passagen über Hombach fehlten, beleidigende Sätze wurden eingefügt, Zwischenüberschrift und Bildtext geißelten Hombachs "Managementqualitäten", mit denen er "genauso gut eine Fast-Food-Kette, einen Computer-Konzern oder ein Zeitgeist-Magazin leiten" könnte. "Tempo"-Frage: "Könnte einer wie der nicht auch andere Parteien oder gar Dinge wie Butter oder Spülmittel zum Erfolg bei Wählern und Käufern führen?"
Pokatzky, Kriegsdienstverweigerer und Kohlenpott-Sprößling wie Hombach, hatte zwar wochenlang recherchiert, viermal mit Hombach geredet, etwa 15 bis 20 Stunden lang, viel "Tempo"-Geld für Reisen, Bewirtungen und Honorar verbraucht und seinen Text auch noch später abgeliefert als vereinbart. Aber drucken lassen wollte er seine Hombach-Hommage in dem flockig aufgemachten Blatt der hedonistischen Pseudo-Linken (Peichl: "Es muß mehr knallen") nicht mehr. Empört sandte er der Redaktion Briefe, Fernschreiben und ein Telegramm und verlangte, sein Beitrag dürfe "weder in der Originalnoch in einer redigierten Fassung" veröffentlicht werden.
Zusätzlich verärgert über ein freizügig zusammengestrichenes, teilweise geändertes und bruchstückhaft veröffentlichtes Herbert-Wehner-Interview, das "Tempo" im März als auflagefördernden Knüller präsentiert hatte (SPIEGEL 10/ 1986), kündigte Pokatzky seinem Auftraggeber Peichl die Mitarbeit auf.
Auf drei engbeschriebenen Schreibmaschinen-Seiten schrieb er dem "lieben Markus", das Wehner-Interview sei "von jener Charakter- und Geschmacklosigkeit, die sich in der 'Bild'-Zeitung sicherlich trefflich machte, mit der ich aber nichts zu tun haben möchte". Diese "Sauerei gegenüber einem alten kranken Mann" empfinde er als "Menschenverachtung", und er empfahl dem Blatt "einen Berater, der die journalistische Seriosität stärker betont".
Peichl, seinerseits zornig über den säumigen Porträt-Lieferanten, ließ zwar "mit einer Ho-Ruck-Aktion" eine einzige von der Redaktion eingefügte Passage "aus den fertigen Lithos" der Pokatzky-Schöpfung rausnehmen. Aber alles andere stand, obwohl es laut Peichl "ziemlich mau" war und selbst "die kleinste kritische Distanz" vermissen ließ (Peichl: "Der ist dem Mann total verfallen"), in manipulierter Version im nächsten Blatt. "Es ist deshalb so schwierig, eine seriöse Zeitung zu machen", schrieb Peichl wütend an Pokatzky zurück, "weil die freien Mitarbeiter so unseriös sind."
Doch in dem juristischen Streit um seriösen und unseriösen Journalismus, der dem geharnischten Briefwechsel folgte und bis heute andauert, hat sich der Österreicher Peichl so heillos im deutschen Recht verheddert, daß "Tempo" seitdem in fast jedem Heft schwere redaktionelle Verfehlungen eingestehen muß. Peichl letzte Woche: "Mit einer solchen Verbissenheit und Verbohrtheit habe ich nicht gerechnet."
Das fing, im Mai-Heft, damit an, daß "Tempo" eine halbseitige Gegendarstellung drucken mußte ("Klaus Pokatzky hat recht, wir bedauern unseren Fehler"), die dem vergrätzten Autor aber nicht genügte. Sie müßte, besonders schmerzlich, in gleicher Länge, zudem besser placiert und im Inhaltsverzeichnis groß angekündigt, in der Juli-Nummer noch einmal erscheinen.
Zwischendurch, in der Juni-Ausgabe, war es der "Tempo"-Redaktion im Gegenzug gelungen, dem widerborstigen Pokatzky gehörig eins auszuwischen. Sie veröffentlichte einen Leserbrief von "J. Einstein" aus "Bergen-Engheim", in der/die Leser/in aus dem Hessischen unter der Überschrift "Rad ab" gehörig mit der verstümmelten Pokatzky-Eloge auf Hombach abrechnete. Der Brief genügt in seiner Diktion nicht nur den stylevollen Ansprüchen neudeutscher Yuppie-Literatur, er macht auch klar, weshalb
liberale Blätter wie die "Zeit" das Schickeria-Magazin als "neues Spielzeug für die Infantilgesellschaft" verspotten. Wortlaut: _____" Das Bodo-Hombach-Porträt war langwei lig genug. Jetzt " _____" auch noch eine Gegendar stellung lesen zu müssen, in der " _____" sich der Autor von den einzigen halbwegs kriti schen " _____" Stellen, die nicht an Lobhudelei und arschkriechendes " _____" Gesülze erinnern, di stanziert, ist eine Zumutung. Hat " _____" Herr Pokatzky ein Rad ab oder ein Konto wg. Hombach? "
Auf diese Frage wußte "Die Red." in einer kursiv gesetzten Zusatzbemerkung auch keine Antwort: "Wir müssen Gegendarstellungen abdrucken und seien sie noch so querulant."
Weil Leserbrief wie Redaktionsschwanz "beleidigende bzw. verleumderische Behauptungen enthalten" verlangte Rechtsanwalt Michael Nesselhauf im Namen seines Mandanten Pokatzky vom Hamburger Jahreszeiten-Verlag eine Unterlassungserklärung und eine Richtigstellung. Pokatzky: "Ich lasse mir von diesen Herren nicht unterstellen, ich sei käuflich. Das muß ich mir nicht bieten lassen."
Das Hamburger Landgericht erließ eine einstweilige Verfügung, die der "Tempo"-Redaktion verbot, die Leserbrief-Äußerungen zu verbreiten. "Tempo"-Anwalt Joachim Kersten sah jedoch die Grenze der Schmäh-Kritik "nicht überschritten" und legte Widerspruch ein. Es müsse möglich bleiben, "kritische Leserbriefe abzudrucken".
In einem ausführlichen Schriftsatz, der eine gute bibliographische Ausstattung belegt, wies Kersten das Gericht seinerseits in die Schranken. "Gerichte mögen sich als eine moralische Anstalt verstehen", schrieb Kersten, "ob indessen die Sprachreinigung zu ihren vordringlichen Aufgaben zählt, mag arg bezweifelt werden." Er empfahl der Kammer, sich "in Fragen der Sprachreinigung' der Zunft zu bedienen, die sich "wissenschaftlich mit Sprache beschäftigt: der Philologie".
So sei der Leserbrief-Text zwar "in neudeutsch-salopper Form gehalten", jedoch keineswegs so abgefaßt, daß er "nicht hingenommen werden müßte". Das "arschkriechende Gesülze" sei nicht auf die Person, sondern auf die Sache bezogen. Und überhaupt: "arschkriecherisch" sei nach dem "Illustrierten Lexikon der deutschen Umgangssprache", einem Standardwerk, ein Synonym für das harmlose Wort "liebedienerisch". Auch wenn die saloppe Form "arschkriechend" nach den Benimmregeln der Frau Pappritz "nicht ganz salonfähig sein mag", so sei es doch "Teil der Meinungsfreiheit", eine Zeitschrift herauszubringen, "die sich der modernen und saloppen Umgangssprache bedient".
Dudens großes Wörterbuch der deutschen Sprache übersetze den "Arschkriecher" als "(derb abwertend) übertrieben schmeichlerischen Menschen", und, so fragt der Anwalt, "was
mag daran unzulässig sein?" Kersten: "Die Philologie entzieht hier dem Ge richt den Verbotshammer."
Am "Gesülze" kann Kersten schon gar nichts Verwerfliches entdecken, und verweist dazu auf das "Wörterbuch der deutschen Gegenwartssprache", Seite 3667, herausgegeben von der Akademie der Wissenschaften der DDR. Danach sei "sülzen", berlinerisch salopp, "langweilig, umständlich und meist töricht viel daherreden".
Auch mit dem Wörtchen "Querulant" im redaktionellen Zusatz befaßt sich Kersten "in wissenschaftlicher Genauigkeit" und führt die Kammer "an den Brunnen der Philologie". Er verweist auf das 1876 erschienene Fremdwörterbuch Joseph Kehreins, der den "Querulanten" als "Klagsüchtigen, eine Klage bei Gericht Einreichenden" definiert. Kersten: "Hat dies alles der Antragsteller nicht zur Genüge getan?"
Schließlich sei es "nicht eben neu daß Menschen, die selber sogar von Berufs wegen die Meinungsfreiheit für sich in Anspruch nehmen, ganz besonders empfindlich reagieren, wenn sie kritisiert werden". Das möge "menschlich verständlich" sein, bedürfe aber "keiner gerichtlichen Unterstützung". "Tempo"-Anwalt Kersten: "Wer sich selbst und freiwillig in den Wind der Öffentlichkeit begibt, muß es ertragen, wenn er ihm auch einmal ins Gesicht bläst."
Doch den Satz hätte Kersten besser so nicht geschrieben. Denn der kehrt sich jetzt gegen "Tempo"-Macher Peichl. Der Österreicher hatte gegenüber seinem Verlag und dessen Anwälten verschwiegen, wie es zu dem inkriminierten Leserbrief gekommen war.
Pokatzkys Verdacht, Leserbrieftext und Einsender "J. Einstein" seien fingiert, bestätigte sich nach ersten Recherchen zwar nicht. Sein Anwalt Nesselhauf, der vorübergehend sogar die Dienste eines Privatdetektivs in Anspruch nahm, ermittelte eine Dame namens Jutta Einstein, die auf Befragung den Inhalt des Leserbriefes nicht kannte, gleichwohl bestätigte, ihn geschrieben zu haben. Erst als Nesselhauf ankündigte, Frau Einstein im Streit Pokatzky contra Peichl als Zeugin zu benennen, teilte die Dame schriftlich mit, sie habe sich fernmündlich lediglich bereit erklärt, ihren Namen unter einen Leserbrief setzen zu lassen, jedoch "diesen Leserbrief nicht geschrieben". Den Brief habe die "Tempo"-Redaktion verfaßt.
Weil der Text des Leserbriefes "identisch mit dem Stil eines bestimmten Autoren der Tempo-Redaktion" war, reichte Nesselhauf beim Landgericht Hamburg erneut Klage ein: "Das Wörtchen 'Querulant' hat mich darauf gebracht, daß es ein Österreicher war. Das sagt hier keiner."
Doch Markus Peichl, vom österreichischen Szeneblatt "Wiener" nach Hamburg gekommen, hatte vorgesorgt. Am gleichen Tag, an dem "Tempo"-Anwalt Kersten seine sprachschöpferische Replik bei Gericht einreichte, hatte der wortgewandte Chefredakteur Peichl "in Kenntnis der Strafbarkeit einer falschen eidesstattlichen Versicherung" erklärt: _____" Der in der Zeitschrift TEMPO, Ausgabe 6/86, " _____" veröffentlichte Leserbrief von J. Einstein, Überschrift " _____" "Rad ab", ist weder auf Veranlassung noch durch Mitwirken " _____" eines Mitarbeiters oder einer Mitarbeiterin der Redaktion " _____" TEMPO geschrieben worden. "
Das war zwar glatt gelogen und, wie er heute zugibt, eine "Dummheit" oben drein. Aber "die Tragweite einer eidesstattlichen Versicherung", sagt Peichl, die habe ich nicht gekannt". Den Text, vom Hausjuristen des Jahreszeiten-Verlags
entworfen, habe er nur "flüchtig" durchgelesen und auf Drängen der Rechtsabteilung unterschrieben.
Jetzt ermittelt die Hamburger Staatsanwaltschaft wegen "falscher Versicherung an Eides Statt", und dieses Delikt kann nach deutschem Strafrecht "mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft" werden. Um mit milderer Strafe oder gar straffrei davonzukommen, hat Peichl inzwischen seine falsche Aussage vor Gericht berichtigt.
Die "Tempo"-Leser erfahren nun in der September-Nummer, die Ende dieser Woche erscheint, wie es wirklich war: "Dieser 'Leserbrief' ist kein Leserbrief und stammt auch nicht von J. Einstein, sondern wurde vom Chefredakteur von 'Tempo', Markus Peichl, verfaßt. Wir bedauern unser Fehlverhalten."
"Mit dieser Riesenblödheit", sagt der Österreicher selbstkritisch, "stehe ich natürlich schlecht da." Und deshalb habe er seinem Verlag auch "angeboten, als Chefredakteur zurückzutreten". Peichl: "Es ist die Hölle, in ein Land zu kommen, das man nicht kennt."

DER SPIEGEL 35/1986
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