08.12.1986

RAUSCHGIFTSprich mit Gott

Dem Deutschen Frank Förster droht in Malaysia die Todesstrafe wegen Drogenhandels, denn die dortigen Richter gehen nicht nach Ermessen, sondern nach Gramm. *
Schüchtern auf der braunen Anklagebank kauernd, starrt Frank Förster, 24, wie in Trance unentwegt auf den Mann, der über sein Leben zu befinden hat. Selbst wenn ihm der Dolmetscher die Hauptpunkte der Zeugenaussagen übersetzt, wendet der junge Deutsche selten den Blick ab von dem Richter, der wie eine göttliche Instanz auf einer Empore des Verhandlungssaals im High Court von Penang thront.
Mr. Justice Edgar Joseph, 52, ist Gott im Fall Förster. Sein Urteil entscheidet darüber, ob der schmächtige Bankkaufmann aus dem Rheingau demnächst dem Henker übergeben wird.
Hält Richter Joseph es für ausreichend bewiesen, daß Frank Förster der Besitzer jener 239,7 Gramm Hasch war, welche die Polizei vor drei Jahren im Hotelzimmer des Deutschen fand, bleibt kein Ermessensspielraum, sondern nur ein finaler Spruch: Tod durch den Strang.
Denn hängen muß im drogenverseuchten Moslemland Malaysia jeder, der mit 15 Gramm reinem Heroin, 200 Gramm Haschisch oder einem Kilo Rohopium gefaßt wird. Der Besitz dieser Mengen gilt nach dem 1983 drakonisch verschärften Dangerous Drugs Act, Paragraph 39b, als Beweis für "dadah trafficking", für Drogenhandel. Darauf steht in Malaysia die Todesstrafe - unweigerlich, ohne Ausnahmen.
Die Warnung davor springt in roten Lettern jeden Ausländer schon beim Ausfüllen des Einreisezettels an. Auf dem Flughafen der Touristeninsel Penang (Werbung: "Perle des Orients") schreckt auf einer großflächigen Plakatwand unter dem Wort "drugs" grell eine Henkerschlinge.
Frank Förster muß das Risiko gekannt haben, und er weiß, was ihm möglicherweise bevorsteht. Schließlich hat er eine Zeitlang seine Zelle mit Brian Geoffrey Chambers geteilt.
Chambers war einer der beiden Australier, die im Juli hingerichtet wurden - unter weltweitem Aufschrei, denn sie waren die ersten Weißen, die in Malaysia wegen Rauschgifthandels am Galgen endeten.
Daß vor ihnen 36 Nicht-Weiße gehenkt worden waren, hatte keine Protestwogen aufgerührt. 122 weitere Verurteilte warten derzeit in den Todeszellen darauf, daß Malaysias "lachender Henker", Encik Latiff, mit seinem rollenden Galgen auf einem Lastwagen vorfährt.
Nur: Die Australier waren offensichtlich Profis gewesen im Heroinschmuggel, 16mal eingeflogen mit Tickets erster Klasse. Frank Förster dagegen ist ein naiver Amateur, kein ausgebuffter Dealer, von einfachem geistigen Zuschnitt und mit Schwierigkeiten, sich auszudrücken. "Es geht mir den Umständen entsprechend gut", sagt er gestelzt gegen Ende der ersten Verhandlungswoche.
Ein blasses, unscheinbares Jüngelchen drückt sich da auf die Anklagebank, bieder und brav wirkend mit dem kurzgeschnittenen Haar, dem schmalen Schnauzbart und dem hellblauen Pullunder: Mamas Liebling, durch einen leichtsinnigen Streich, durch kindische Abenteuerlust plötzlich in tödliche Bedrängnis geraten. In Deutschland wäre er für so ein Rauschgiftdelikt nach Ermessen des Richters viel glimpflicher davongekommen.
21 Jahre war Frank Förster alt, als er seinen Job bei der Rüdesheimer Raiffeisen-Genossenschaft kündigte, um mit zwei Kumpels, den Drogenabhängigen Jürgen E. und Heinrich R., auf Weltreise zu gehen. Ziel Australien.
Das Trio zog durch Länder, in denen Kiffer und Fixer keine Versorgungsprobleme haben und die Polizei meist wegschaut: Sri Lanka, Indien, Nepal. Für 200 Mark erstanden sie 239,7 Gramm Hasch. Beim Weiterverkauf in anderen Regionen, in Australien zum Beispiel, hätten sich dafür an die 15000 Mark herausschlagen lassen.
Der Stoff, in drei verknoteten Kondomen, steckte in einem Plastikbeutel. Der lag unter einem Handtuch auf oder in Frank Försters brauner Reisetasche, als ein Polizeitrupp am 20. November 1983 nachts gegen die Tür zum Zimmer Nummer 48 im Swiss Hotel von Georgetown, Penang, bollerte. Dort hatten sich die Globetrotter aus dem Rheinischen wie andere deutsche Billigtouristen für umgerechnet 16 Mark am Vorabend einquartiert.
Es war nicht die zuständige Drogen-Spezialeinheit, die diese Razzia durchführte, sondern der Polizei-Inspektor Bhupinder Singh mit seinen Beamten. Sie hatten einen Tip erhalten - von wem, bleibt unklar.
Penang ist Malaysias Hauptdrogenumschlagplatz, ein korrupter Sumpf. Bhupinder Singh, einem Sikh mit scharf geschnittenem Raubvogelgesicht, wird nachgesagt, wegen Verstrickung in zwielichtige Affären dringend auf Erfolge aus gewesen zu sein.
Doch der Inspektor ermittelt schlampig, muß Beweise nachbessern und "türken", wie die Verteidigung glaubt. Ein Anpfiff durch die Vorgesetzten war die Folge, gesteht Bhupinder Singh vor Gericht.
Merkwürdiges, Unerklärliches geschah im Verlauf dieser Razzia. Um sich zu retten, hätten die drei Deutschen im Zimmer Nummer 48 vor dem Eindringen der Polizei den gefährlichen Stoff in die Toilette spülen oder einfach aus dem Fenster werfen können. Aber sie unternehmen nichts, öffnen folgsam die Tür.
Frank Förster gibt zu, Eigentümer der Reisetasche - nicht des Haschischs - zu sein, und wird festgenommen. Jürgen E. und Heinrich R. bleiben unbehelligt, obwohl die Kriminalbeamten am Vormittag mit der Tasche nochmals zurückkehren. Sie hatten vergessen, Beweisphotos im Zimmer zu machen.
Försters Freunde setzen sich schleunigst nach Thailand ab. Der bundesdeutschen Botschaft in Kuala Lumpur schreiben sie später, es habe ihnen leid getan, "den Kumpel im Stich zu lassen".
Der Kumpel, nur mäßig des Englischen mächtig, läßt sich bluffen und einfangen. Wenn er mitspiele, geben Polizei-Offiziere Frank Förster angeblich zu verstehen, lasse man ihn laufen.
Förster erwähnt diese Offerte gegenüber Ingeborg Klose, der von der deutschen Botschaft beauftragten Dolmetscherin. Kein Anwalt, nur diese Übersetzerin ist zwei Tage nach der Festnahme dabei, als Frank Försters Vernehmung protokolliert wird.
Er gibt ein verhängnisvolles Statement ab, erfindet eine krause Geschichte, mit der er sich selbst belastet. Er tut das offenbar im Glauben, bald abgeschoben zu werden - und zwar nach Deutschland, wogegen er sich wehrt, er will ja seine Weltreise fortsetzen.
"Er bat mich, bei der Botschaft zu fragen, ob er nicht nach Australien deportiert werden könne", sagt Ingeborg Klose mit leiser Stimme.
Eine Schlüsselaussage, die Frank Förster vielleicht retten kann. Denn sie gibt der Verteidigung einen wichtigen Hebel gegen das Vernehmungsprotokoll und könnte glaubhaft machen, daß der Angeklagte über sein verfassungsmäßiges Recht zur Aussageverweigerung nicht belehrt, sondern durch Versprechungen und Verlockungen zur Selbstbelastung verleitet wurde.
Gelingt es jedoch nicht, das Vernehmungsprotokoll als Beweismittel zu entkräften, _("Todesstrafe obligatorisch für alle ) _(Drogenhändler in Malaysia." )
"dann steht es wirklich schlecht für Frank Förster", sagt ein mit den Prozeßakten Vertrauter.
Staatsanwalt Mohamed Bazain Idris, 36, der bereits die beiden Australier an den Galgen brachte ("Ich habe aufgehört, all diese Verfahren zu zählen"), kontert die Strategie der Verteidigung mit einer Show. Er läßt letzten Freitag 28 Polizeibeamte im Gerichtssaal aufmarschieren, die Kontakt mit dem Deutschen in den ersten beiden Tagen nach seiner Festnahme hatten.
Da fehlen ein paar, sind gestorben, versetzt oder gar wegen Rauschgiftbesitzes im Gefängnis. Verteidiger R. Rajasingam, 51, fährt dem Ankläger süffisant in die Parade.
Doch als negativer Eindruck bleibt haften, daß Frank Förster die Reihe der Angetretenen lange mustert, herumdruckst und endlich einräumt, jene Offiziere nicht identifizieren zu können, die ihm das Abschiebemanöver zugesagt haben sollen.
Richter Joseph thront auf seiner Empore, versunken in dumpfe Nachdenklichkeit. Endlich taucht er den Federhalter in das Tintenfaß, notiert die Aussage, wie immer mit aufreizender Bedächtigkeit. Und da die Verteidigung es ablehnt, ihren Mandanten zu diesem Punkt in den Zeugenstand zu schicken, resümiert der Richter vor der Vertagung kühl: "Damit verliert Försters Anschuldigung an Gewicht."
Die erste Woche dieses Strafprozesses endet nicht günstig für den jungen Deutschen. Noch aber setzt die Verteidigung Hoffnung auf ihre Zeugen, glaubt einen Joker in Reserve zu haben.
Richter Joseph, ein Christ, gilt als hervorragender, unabhängiger Jurist. "Doch der Verstand siegt bei ihm stets über das Herz", sagen Leute auf Penang, die behaupten, ihn näher zu kennen.
28 Jahre schlug Joseph jr. sich als ziemlich erfolgloser Anwalt durch. Seit knapp vier Jahren ist er Richter und hat in dieser Zeit 20 Todesurteile gefällt. Es heißt, ein Sohn von ihm habe Selbstmord begangen - wegen Drogenproblemen.
In seiner Haftzeit ist Frank Förster auf den religiösen Trip geraten, eine Form von Eskapismus. Mit kanadischen Fundamentalisten von der "Christian and Missionary Alliance" hält er regelmäßig Bibellesungen, betet viel.
Die Wahrheit zu bekennen werde ihn frei machen, haben die frömmelnden Missionare Förster ermuntert - kein sonderlich barmherziger Ratschlag für einen Angeklagten in einem Rauschgiftverfahren unter der gegenwärtigen Abschreckungsjustiz Malaysias.
"Todesstrafe obligatorisch für alle Drogenhändler in Malaysia."

DER SPIEGEL 50/1986
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