08.12.1986

REITENBerühmter Mors

Nächste Woche wird der Weltverband der Reiter Princess Anne zur Präsidentin wählen - was dem Glauben der Engländer Nahrung gibt, sie hätten das Reiten erfunden. *
Waren das wieder schöne Renntage, diesen Juni in Ascot. Die Pferdchen liefen munter, wie immer linksrum; die Damen trugen stolz ihre Hüte, wie immer die absurdesten Kreationen englischer Putzmacherkunst; die Herren der Gesellschaft tranken Champagner,
etwas zu schnell und etwas zu viel, wie immer.
Dennoch, etwas schien nicht zu stimmen. Suchend richteten die Zuschauer immer wieder die fliegende Artillerie ihrer Ferngläser auf die Königsloge, in der sie zwei wohlvertraute Gesichter vermißten - Prince Philip und seine Tochter Anne waren abgängig. "Wo sind die beiden?" fragte die "Daily Mail".
Vater und Tochter umwarben derweilen, man weiß es nun, einflußreiche Mitglieder der Internationalen Reiterlichen Vereinigung (FEI) - jener mächtigen Dachorganisation, die alles turniersportliche und züchterische Tun auf dieser Welt bestimmt. Vor dem beeindruckenden Hintergrund von Ascot gelang es Philip, der dem Verband seit 22 Jahren als Präsident vorsteht, die letzten Zweifler unter den Verbands-Hengsten davon zu überzeugen, daß es nur einen geeigneten Nachfolger für ihn gebe - nämlich seile Tochter Anne.
So werden, am Mittwoch dieser Woche, die Delegierten der FEI-Generalversammlung in London die 36jährige Princess zur Präsidentin bestimmen. Dank Daddys Erbfolgeregelung hat der einzig aussichtsreiche Mitbewerber um den Posten, der FEI-Vize und Chef der Deutschen Reiterlichen Vereinigung, Graf Landsberg-Velen, auf eine Kandidatur verzichtet; im Tauschgeschäft erhält er dafür, wie Insider wissen, mehr Kompetenzen und erweiterte Entscheidungsbefugnis zugesprochen.
Eine "gute Wahl", urteilte Philip vorab über seine Tochter, und verwies auf eine ganz besondere Qualifikation der Princess für das hohe Amt: "Sie ist Engländerin" - ein Argument, das sich nur fremdländischen Kreaturen nicht erschließt.
Schließlich waren es englische Könige, in dem Glauben lassen sich die Inselbewohner nicht beirren, denen die Welt den Zeitvertreib des organisierten Rennsports verdankt; englische Aristokraten schufen das Regelwerk, nach denen die Pferde auch heute noch im Kreis herumlaufen; englische Gentlemen ließen sich einfallen, was man mit dem Fluchttier Pferd noch alles anstellen kann - etwa im Verein von dem Kirchturm (steeple) des einen Dorfes über Hain und Hecken zu dem des nächsten Dorfes zu jagen ("steeplechase").
Noch heute ist kein anderes Volk auf der Erde derart von der Spezies Equus fasziniert wie das der Briten. Derzeit stehen in Großbritanniens Ställen genug Pferde, um an die 20 Kavalleriedivisionen auszurüsten, wöchentlich finden über 200 Pferderennen statt, 240 Hundemeuten jagen, jeweils gefolgt von bis zu 200 Reitern, hinter dem Fuchs her - was den Teilnehmern, die als gute Engländer ihrem Tun stets einen moralischen Sinn geben, als tierfreundlich gilt: Füchse würden nun einmal, so beharren sie, lieber von Hunden zerrissen als vergiftet.
Angeführt wird diese nationale Galoppade von Anne und ihrer Familie: Ihr Bruder Charles spielt Polo, ihre Mutter züchtet Pferde, ihr Mann Mark ist professioneller Vielseitigkeits-Reiter, ihr Vater zählt zu den besten Viererzug-Fahrern der Welt, die Großmutter beteiligt sich am Pferdesport seit jeher auf ihre Weise - die alte Dame ist eine gewohnheitsmäßige Wettliesl. Verliert sie, so verbreitet sie um sich eine Stimmung wie in einem Wanderzirkus, dem das rechnende Pferd weggestorben ist.
Anne selbst gehörte, bis sie nach einem schlimmen Sturz bei den Olympischen Spielen im Jahre 1976 aufhörte, zur Spitzenklasse in der Military - jenem Mehrkampf aus Dressur, Geländeritt und Springen, der als die schwerste Reit-Disziplin gilt. 1971 wurde sie Europameisterin, vier Jahre später, im norddeutschen Heidedorf Luhmühlen, gewann sie die Silbermedaille - was den Rest der Welt, nicht aber die Haidmärker zu beeindrucken vermochte. "Dei hett jo'n Reidermors" kommentierte einer - die fachkundige Feststellung ging, übersetzt, durch die Weltpresse.
Inzwischen hat die Princess ihr reiterliches Streben auf die Galopprennbahn verlagert, dem Beispiel ihres Bruders folgend, der schon vor sechs Jahren über den Turf geprescht war - freilich mit wenig Erfolg. Denn nur zu oft bediente er sich dort einer Taktik, die ihm von der Thronfolge nur allzu vertraut ist: (warten), und erlag einem Handicap, das ihm auch beim Polo oft zu schaffen macht (stürzen). Die Allianz zwischen Blaublut und Vollblut war häufig von derart kurzer Dauer, daß Ehefrau Diana um die körperliche Versehrtheit ihres Gatten bangte und ihm das Galopprennen verbot - schließlich will die Frau Königin werden und nicht Witwe.
Ähnlich gut hat auch Schwägerin Anne ihren Mark Phillips im Griff: klaglos hörte sich der ehemalige Hauptmann an, wie ihn sein Eheweib mit jener für englische Frauen aus der Oberschicht typischen Hochton-Stimme, die über zwei winddurchtoste Felder trägt, in aller Öffentlichkeit einen "silly bastard" nannte - eine Eigenart, die sie erst vor kurzem ablegte. Denn seit etwa zwei Jahren unterzieht sich die Princess, die bei der Presse lange als die Arrogans der Königsfamilie galt, einer Image-Kur.
Deshalb auch habe Prince Philip drauf gedrungen, so Eingeweihte aus dem Palast, daß seine Tochter den prestigeträchtigen FEI-Posten bekomme. "Vielleicht ist sie ja", so hoffte ein Delegierter, "nicht so autoritär wie ihr Vater."

DER SPIEGEL 50/1986
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