02.03.1987

VATIKANGott und Geld

Gegen den Chefbankier des Papstes, Erzbischof Marcinkus erließ die italienische Justiz Haftbefehl wegen Beihilfe zum betrügerischen Bankrott - aus guten Gründen. *
In den Taschen seines grauen Flanellanzugs trug der Tote fünf schwere Backsteine. Sein Körper hing an einem Pfeiler der Londoner Blackfriars Bridge. Über die Tatsache seines Todes gab es keinen Zweifel, wohl aber über Art und Beweggründe unter denen der italienische Bankier Roberto Calvi, 62, am 18. Juni 1982 ums Leben gekommen war.
Scotland Yard wollte einen Ritualmord nicht ausschließen. Detektive deuteten die Backsteine als Zeichen der illegalen Loge P2, bei der Calvi Mitglied gewesen war. Ein Londoner Gericht verzichtete 1983 auf ein abschließendes Urteil - auch ein Selbstmord schien möglich.
Calvis Familie jedoch hielt einen Selbstmord für undenkbar. Clara Canetti, die Witwe des Bankiers, erklärte, ihr Mann habe unter Tränen beteuert: "Wenn mir etwas zustößt, muß der Papst zurücktreten." Schuld an seiner mißlichen Lage seien "die Priester".
Erst jetzt, viereinhalb Jahre nach Calvis rätselhaftem Tod, kommt Licht in die mysteriösen Andeutungen. Die Mailänder Untersuchungsrichter Antonio Pizzi und Renato Brichetti erließen vorigen Mittwoch Haftbefehl gegen den Chefbankier des Papstes. Monsignor Paul Casimir Marcinkus, 65, sowie gegen weitere zwei Vatikan-Banker. Die drei kümmern sich um die Geldgeschäfte des Heiligen Stuhls.
Marcinkus ist, wie es sich für einen päpstlichen Chefbankier gehört, Geistlicher, Titularerzbischof von Orta. Dieser hohe Rang macht den Fall zur Sensation:
Zum erstenmal in der Geschichte der Italienischen Republik schritt die weltliche Gewalt gegen einen derart hochgestellten Papst-Gehilfen ein - für die katholische Kirche eine bislang unvorstellbare Demütigung. Es ist auch vorläufiger Endpunkt eines unerhörten Skandals.
Es geht um finstere Bankgeschäfte, betrügerischen Bankrott und möglicherweise Mord. Eine verschlungene, mysteriöse Story. Sie lief ab im Dunstkreis jenes Stuhls Petri, der seit bald 2000 Jahren das Seelenheil der Menschen predigt, aber es oft genug als identisch mit dem Reichtum der Kirche betrachtet.
Bei den drei Verdächtigen handelt es sich um jene "Priester", von denen Calvi gesprochen hatte. Er hielt sie für schuldig an dem Zusammenbruch der von ihm geleiteten größten Privatbank Italiens, des "Banco Ambrosiano" - ein Vorwurf, dem sich nun die Mailänder Untersuchungsrichter anschlossen. Ihrem Haftbefehl gegen Erzbischof Marcinkus liegt der Verdacht zugrunde, er habe als Chef der vatikanischen Staatsbank "Istituto per le Opere di Religione (IOR) an dem "betrügerischen Bankrott" des Ambrosiano-Bankhauses "mitgewirkt".
Das Mailänder Geldinstitut war im Mai 1982 unter einer Schuldenlast von fast 1,5 Milliarden Dollar zusammengebrochen. Die Privatbank hatte über rund zwei Dutzend Briefkastenfirmen, die vermutlich von IOR-Chef Marcinkus eingerichtet worden waren, waghalsige Eurodollar-Transaktionen und Waffengeschäfte abgewickelt und überdies Kapital aus dem Drogenhandel gewaschen.
Für einen Teil dieser Unternehmungen hatte das IOR eine Art Bürgschaft übernommen. Zudem war die Vatikanbank an sämtlichen Ambrosiano-Zweigbanken beteiligt, deren jeweilige Geschäfte Papst-Bankier Marcinkus als Aufsichtsratsmitglied überwachte.
Als der Skandal offenkundig wurde, beteuerte Papst Johannes Paul II, die Vatikanbank treffe keine Schuld, sie sei lediglich Opfer finsterer Machenschaften geworden.
Zwar brütete eine Kommission aus drei italienischen und drei vatikanischen Finanzexperten ein knappes Jahr über der Affäre Ambrosianoi/IOR. Doch in ihrem geheimen Schlußbericht Ende 1983 kamen die Experten in der heiklen Frage, welche finanziellen Verpflichtungen der Vatikanbank aus den Schulden des Banco Ambrosiano erwachsen werden, zu drei verschiedenen Meinungen.
Verwunderlich war das nicht. Denn kein Untersucher hatte Einblick in die Bankakten nehmen können - Erzbischof Marcinkus allein wacht über sie. Gleichwohl zahlte die Vatikanbank 241 Millionen Dollar an 120 Gläubiger der bankrotten Privatbank. "in Anerkennung moralischer Mitbeteiligung", wie der Heilige Stuhl verlauten ließ.
Hauptakteur dieses "Stücks aus dem Tollhaus (Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl) war Marcinkus, seit 1971 Chef des IOR. Um möglichst schnell viel Geld für den Vatikan zu verdienen, hatte sich der gebürtige Amerikaner mit dubiosen Partnern eingelassen - mit
▷ dem sizilianischen Finanz-Ganoven Michele Sindona, dessen Banken jahrelang als Geldschleuse der Mafia dienten und der schließlich in den USA wegen Betruges zu 25 Jahren Zuchthaus verurteilt, dann aber den italienischen Behörden ausgeliefert wurde. Sindona starb letztes Jahr im Gefängnis von Voghera durch Rattengift im Essen;
▷ dem langjährigen Sindona-Partner und späteren -Erben Roberto Calvi, Chef des Banco Ambrosiano.
Der ehemalige Kassierer Calvi hatte den Banco Ambrosiano innerhalb weniger Jahre zur größten Privatbank Italiens aufgebaut - mit Hilfe Sindonas und mit riskanten Devisenschiebungen in Milliardenhöhe, die er über ein Netz von Briefkastenfirmen abwickelte.
Calvi war auch dann noch nicht am Ende, als ihm die Bankenaufsicht auf die Schliche kam und er wegen illegaler Devisengeschäfte zu vier Jahren Gefängnis und 27 Millionen Mark Geldstrafe verurteilt wurde. Zwar reagierten einige seiner Gläubiger nervös, aber Calvi hatte einen einnußreichen Gönner:
Unter dem Briefkopf der Vatikanbank IOR stellte sich Marcinkus am 27. August 1981 ausdrücklich im Namen der Kurie hinter die Calvi-Schulden in Höhe von 1,2 Milliarden Dollar.
Mit diesem Garantieschein aus Rom beruhigte Calvi seine Geldgeber, die nochmals 200 Millionen Dollar Kredite drauflegten. Calvi: "Es ist doch nicht für mich, es geht über die Schwelle von Sankt Peter.
Die Kreditgeber wußten allerdings nicht, was sich hinter der vermeintlichen Sicherheitserklärung verbarg: Der Chef der Vatikanbank hatte die internationale Finanzwelt mit Garantien getauscht, für die er gar nicht einstehen wollte.
Das Geld, das sich Calvi bei etwa 250 internationalen Bankhäusern pumpte - darunter über 250 Millionen Mark von 18 deutschen Instituten - verschwand in die Karibik, just zur selben Zeit, als Lido Gelli, der Großmeister der ominösen Loge P2, aus einer Schweizer Haftanstalt ausbrach und sich nach Südamerika absetzte.
Die Ursache des Kreditbedarfs der Banco Ambrosiano, der 1981 allein 20 Millionen Dollar an Zinsen und Gebühren an das IOR überwies, liegt ebenso im dunkeln wie Details über Großmeister Gellis Flucht.
Roberto Calvi, persönlicher Freund südamerikanischer Diktatoren, brauchte das Geld für vielfältige Geschäfte: zum Kauf von Aktien der eigenen Bank durch Briefkastenfirmen sowie zum Waffenkauf für südamerikanische Staaten. In Rom gilt als sicher, daß argentinische Waffen im Falklandkrieg von Calvi finanziert wurden.
Ähnlich bewegt wie Calvis Karriere verlief der Aufstieg seines Gönners Marcinkus. Der Sohn eines aus Litauen in die USA ausgewanderten Land- und Stahlarbeiters stammt aus dem Arbeiterstädtchen Cicero bei Chicago.
Paul Casimir erhielt mit 25 die Priesterweihe, ging dann an die Päpstliche Universität "Gregoriana", die "Wiege der Bischöfe". Mit 30 wurde er an der "Pontificia Accademia Ecclesiastica" zum Diplomaten ausgebildet und anschließend ins Staatssekretäriat des Vatikans berufen.
Der Aufstieg des 1,91 Meter großen, sprachbegabten Amerikaners begann,
als der Erzbischof Giovanni Battista Montini 1963 zum Papst gekürt wurde.
Denn Paul VI. brauchte erst einen tüchtigen Dolmetscher, dann einen versierten Reiseplaner und kräftigen Leibwächter, schließlich einen neuen Chef für die vatikanische Staatsbank.
Stets fiel die Wahl auf den jovialen Vatikan-Amerikaner, der so gar nicht dem Bild eines hohen geistlichen Würdenträgers entspricht: Er erzählt gern Witze und trinkt gern alten Scotch, raucht Havannas und spielt Golf (Handi-Cap 5).
1971, als Bischof Marcinkus vor dem IOR seine Antrittsrede hielt, bat er um "Geduld, weil ich mit Geldgeschäften noch keine große Erfahrung habe". Ob sich daran viel geändert hat, ist zumindest umstritten. "Er ist ein großartiger Golfspieler, urteilt ein amerikanischer Priester, der ihn gut kennt, "aber ich kenne eine ganze Reine von Teenagern, die mehr von Finanzen verstehen als er."
Auf jeden Fall hatte Marcinkus ein schweres Erbe übernommen. Die Geschäfte der Kirche liefen nicht mehr so reibungslos wie gewohnt. Vor allem wurde das wirtschaftliche Imperium des Heiligen Stuhls zunehmend zum Streitobjekt. Unter Christen und Nichtchristen wuchs die Erregung über die Kirche, die Armut forderte und selbst schrankenlosen Kapitalismus praktizierte.
Der Anblick einer angeblich frommen Institution, die in Italien allein 250000 Hektar Boden besaß, ein Drittel des ländlichen Spaniens kontrollierte und unzählige Häuser in Rom ihr Eigentum nannte, weckte sogar bei hohen Klerikern Bedenken. Es hatte sich nicht viel geändert gegenüber dem 19. Jahrhundert, als der französische Abbe de Lamennais klagte: "In Rom gibt es nur einen Gott, und das ist das Geld!"
Kaum je in der Geschichte der Kirche hatte ein Papst über so viel Geld verfügt wie Paul VI, der gleichwohl 1967 in einer Enzyklika mahnte: "Die Kirche muß im Sinne des Evangeliums darauf achten, arm zu sein"
Von Egidio Kardinal Vagnozzi, dem Leiter der päpstlichen Präfektur für Wirtschaftsangelegenheiten gesteuert, begannen italienische Makler im Frühjahr 1969 damit, das Finanzimperium des Vatikans umzugruppieren. Das Geld sollte wirtschaftlicher angelegt, dem Blick der Öffentlichkeit, vor allem dem italienischen Fiskus entzogen werden.
Während Vagnozzi das Vermögen des Vatikans weltweit streute, machte sich Marcinkus daran, dieses Vermögen zu mehren.
Sein "Istituto per le Opere di Religione" war 1942 von Papst Pius XII. zur Kollekte des "Peterspfennigs" gegründet worden, einer Spende, die in allen katholischen Kirchen zum 29. Juni, dem Peter-und-Paul-Fest, eingesammelt wird und dem Vatikan jährlich Millionen bringt.
Aus der Pfennig-Sammelstelle wurde schon bald ein vatikanisches Fort Knox: Inzwischen verwaltet das IOR annähernd zwei Milliarden Dollar Barvermögen und sechs Milliarden Dollar Depoteinlagen - und springt dann ein, wenn der Vatikan knapp bei Kasse ist.
Denn aus den immensen Sachwerten allein läßt sich der kleinste Staat der Welt mit dem großen Apparat der Weltkirche nicht unterhalten.
Vatikangeldmanager Massimo Spada schätzte im Jahre 1975 das Vatikanvermögen auf 350 Milliarden Lire (damals ungefähr 1,4 Milliarden Mark) und folgerte: "Bei einer Verzinsung von fünf Prozent reicht die Rendite von 17 Milliarden Lire nicht aus, um die laufenden Kosten des Haushaltsplanes von ungefähr 27 Milliarden Lire zu decken.
John Kardinal Krol, Erzbischof von Philadelphia, "beunruhigt das Millionendefizit nicht. Das wahre Problem heißt: Auch der Vatikan muß endlich seine Finanzen offenlegen und jedem Einblick verschaffen
Doch dazu war Bankier Marcinkus nicht bereit. In Vatikankreisen heißt es, daß er enorme Gelder zusätzlich verdienen mußte, mit denen der Papst die polnische Gewerkschaft Solidarnosc unterstützte.
Ob Millionen Dollar aus Rom wirklich nach Polen geflossen sind, bleibt offen. Ebenso unklar ist, wie es dem vatikanischen Bankmanager gelungen war, die Gewinne des IOR, die zu 85 Prozent dem Papst zur persönlichen Verfügung zufließen, hochzuhalten.
Sicher scheint, daß Marcinkus bei seinen Beschaffungsaktionen sehr wohl auch illegale Wege beschritten hat.
So tauchte sein Name Anfang der 70er Jahre im Zusammenhang mit einer Untersuchung (Kodename: "Fräulein") des amerikanischen FBI auf. Danach soll Marcinkus gemeinsam mit dem französischen Kardinal Tisserant versucht haben, von dem amerikanischen Mafioso Vincent Rizzo gefälschte US-Aktien im Wert von 950 Millionen Dollar zu erwerben, die dann als Sicherheit für Darlehen dienen sollten.
Natürlich bestritt Marcinkus den Vorwurf. Das amerikanische Justizministerium jedoch behauptete, die Papiere seien in den Vatikan gelangt, und entsandte im Jahr 1973 eigene Fahnder nach Rom, um den Erzbischof zu hören. Marcinkus verweigerte die Auskunft.
In die Nähe der Mafia brachte Marcinkus seine enge Verbindung zu dem Finanzmakler Michele Sindona, der hinter den feinen Fassaden seiner eigenen Banken dunkle Geschäfte abwickelte. So schleuste er Mafia-Einnahmen aus dem Heroinhandel in sichere und legale Geschäftszweige.
Zugleich plünderte er die seinen Banken anvertrauten Konten und setzte die Gelder auf eigene Rechnung für Finanzspekulationen ein. Er flog erst auf, als er das auch mit der von ihm erworbenen Franklyn National Bank in den USA versuchen wollte. Sie ging 1974 bankrott.
Sindonas Konkursverwalter fand heraus, daß der Sizilianer und sein Schüler Roberto Calvi allein bei einem einzigen Geschäft eine Provision von 6,5 Millionen Dollar "an einen amerikanischen Bischof in Rom gezahlt hatten.
Daß es sich bei diesem Bischof um Marcinkus handelte, behauptete Sindona, als ihn US-Journalisten in amerikanischer Haft interviewten. Sindona über den "tüchtigen Reisemarschall, aber schlechten Bankier" Marcinkus: "Er benutzte das Geld, um den Papst zu beeindrucken. Ein Geschäft, an dem er persönlich verdient hätte, kam für ihn nie in Frage."
Die Ermittlungsrichter in Mailand sind in diesem Punkt weniger sicher. Sie wollen auch der Frage auf den Grund gehen, ob Erzbischof Marcinkus Privatgeschäfte gemacht hat.
Wohl hatte Karol Wojtyla kurz nach seiner Wahl zum Papst erklärt: "Der Vatikan ist arm seine Kassen sind leer." Doch spätestens die IOR-Affäre enthüllte das Gegenteil. Seit Jahrhunderten stehen die Finanzbeamten des Vatikans vor dem Problem, wie sie Spendengelder, Zinserträge und andere Einkünfte am besten anlegen können.
Die Frage wurde noch drängender, als der schlaue Faschist Benito Mussolini
dem Papst als Entschuldigung für den Verlust der italienischen Kirchenländereien 750 Millionen Lire in bar und Staatsanleihen im Nominalwert von einer Milliarde Lire anbot - nach dem damaligen Kurs umgerechnet insgesamt 91656250 Dollar. Der Vatikan steckte das Geld in Beteiligungen jeder Art, kaufte Grundbesitz und Gewerbe.
Der Einfluß des Heiligen Stuhls auf das italienische Wirtschaftsleben wuchs auf diese Weise unaufhaltsam. Bald gab es kaum noch einen Zweig, an dem der Heilige Stuhl nicht engagiert war.
1964 besaß der Vatikan nach einer vorsichtigen Berechnung des Londoner "Economist" annähernd ein Fünfzehntel aller an den italienischen Bösen gehandelten Aktien: das entspricht Investitionen des Vatikans in Höhe von etwa 586,6 Millionen Dollar. Gesamtwert aller Aktien im Vatikanbesitz: etwa fünf Milliarden Dollar.
Einige Jahre hatte der Vatikan Ruhe, bis im Juli 1968 der sozialistische Finanzminister Preti öffentlich verkündete: "Die edlen Ziele, die der Heilige Stuhl verfolgt, werden in Italien - und zwar von allen Parteien - voll gewürdigt, sie sind aber kein Grund für eine Steuerbefreiung.
Drei Monate später erklärte sich der Vatikan schließlich bereit, für seinen italienischen Aktienbesitz Steuern zu zahlen, allerdings habe man die erforderlichen Mittel nicht sofort zur Hand und bitte darum, in Raten zahlen zu dürfen.
Die Stunde der "Amerikaner" am Heiligen Stuhl hatte geschlagen. An der Spitze stand, als Chef der Präfektur für Wirtschaftsangelegenheiten, der "Finanzminister" Egidio Kardinal Vagnozzi, der mehrere Jahre lang Legat in den Vereinigten Staaten gewesen war. Seine rechte Hand, in der Führung des "Istituto per le Opere di Religione" war Erzbischof Marcinkus aus Chicago.
Was die beiden planten, wurde erst deutlich, als zwei Vertraute des Vatikans aus dem Aufsichtsrat der "Generale Immobilare", Italiens größter Bau- und Grundstücksfirma, ausschieden: Sie überließen ihre Posten dem Finanzmakler Michele Sindona, der erst kurz zuvor ein Aktienpaket der Gesellschaft erworben hatte.
Einige Wochen später verkaufte Sindona die dem Vatikan gehörenden Mehrheitsaktien der Firma an eine Luxemburger Treuhandgesellschaft des Pariser Hauses Rothschild. Weitere Aktien-Verkaufe verdichteten den Verdacht, der Heilige Stuhl wolle sich von seinen Beteiligungen in Italien trennen und sein Vermögen ins Ausland verlagern, um es dem Zugriff des italienischen Fiskus zu entziehen.
Die Statuten der Bank sehen vor, daß sie nur Konten für Bewohner der Vatikanstadt einrichten darf, für die dort beschäftigten Personen sowie für Geistliche oder Laien, die geschäftlich mit dem Vatikan zu tun haben.
Aber längst gehören dazu auch gute Freunde und in Rom gilt als sicher, daß viele führende Politiker der Democrazia Christiana Geheimkonten beim IOR unterhalten: Sie sparen Steuern und können unbeschränkt schwache Lira in harte Währungen umtauschen.
Was immer prominente Kunden auf diese Art verdienten, waren freilich kleine Beträge im Vergleich zu den Abermillionen, die bei Marcinkus, Sindona oder Calvi durch die Bücher liefen - oder auch nicht.
Da machte es kaum etwas, wenn das IOR beim Zusammenbruch des Sindona-Imperiums um die 30 Millionen Dollar verlor - Marcinkus selbst gab zu, dieser Verlust werde mehr als wettgemacht durch die Gewinne aus früheren Geschäften mit dem Sizilianer. Und der prahlte in der Haft: "Marcinkus hat durch mich mindestens 200 Millionen Dollar gemacht. Bei Geschäften mit mir hat der Vatikan nicht einen einzigen Dollar verloren."
Wie denn auch, wo doch die Einnahmen reichlich fließen. So etwa aus der Bundesrepublik, nach den USA der eifrigste Geldgeber. Die aus dem Jahre 1977 bekanntgewordenen Zahlen weisen aus, daß die Kirche in der Bundesrepublik den "Obolus des heiligen Petrus" mit knapp einer Million Dollar finanzierte und darüber hinaus 162 Millionen an kirchliche Hilfswerke wie die "Caritas" oder "Adveniat" abführte.
Wen nimmt es wunder, daß in Anbetracht dieser Summen und der dubiosen IOR-Affäre der Kölner Kardinal Höffner gemeinsam mit sieben Kardinalskollegen darauf drängte, "jedes spekulative Geschäft in Zukunft auszuschließen.
Dies blieb bisher ein frommer Wunsch. Denn Marcinkus hat bisher alle Affären überlebt.
In der Kurie gibt es dafür nur eine Lesart: Der Papst hält an seinem Skandal-Bankier fest. Schließlich "kann Karol Wojtyla nichts von Geld verstehen, er kommt aus einem kommunistischen Land ohne freie Marktwirtschaft und ohne Börse", befindet Vatikan-Kenner Benny Lai.
Ob der polnische Papst seinen amerikanischen Freund nach Erlaß des Haftbefehls den italienischen Behörden ausliefern wird, war Ende letzter Woche ungewiß. Sicher fühlte sich Finanzjongleur Marcinkus allerdings nicht. Er hatte sich - trotz Beschattung durch zwei italienische Kriminalbeamte - aus seinem bevorzugten Refugium, der auf italienischem Staatsgebiet gelegenen Villa Stritchi, hinter die Mauern des Kirchenstaates in Sicherheit gebracht.
Dort ist der Haftbefehl der Mailänder Untersuchungsrichter nicht vollstreckbar. Auf Amtshilfe können die Behörden nicht bauen: Zwischen der Italienischen Republik und dem Kirchenstaat gibt es kein Auslieferungsabkommen.
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Beim Papstbesuch in Polen 1979.

DER SPIEGEL 10/1987
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