08.12.1986

ZEITGESCHICHTEAusgestorbene Urrasse

Hans-Ulrich Thamer, 43, Professor für Neuere und Neueste Geschichte an der Universität Münster, hat eine ausgewogene und verständliche Darstellung des Dritten Reiches vorgelegt. *
Man ist schon froh, über deutsche Geschichte wieder ohne philosophische oder soziologische Tiefgründigkeiten sprechen zu können. Im Siedler Verlag, der zur Verheerung der Diskussion mehr als jeder andere Verlag beigetragen hat, ist unter dem Titel "Verführung und Gewalt" ein über 800 Seiten starkes Buch erschienen aus der Feder von Hans-Ulrich Thamer, das wie kein anderes geeignet ist, die Geschichte des nationalsozialistischen Reiches von 1933 bis 1945 darzustellen.
Es hätte wenig Sinn, das Volumen des Bandes zu besprechen. Erlaubt muß sein, sich auf wenige Probleme zu konzentrieren. Bislang war beispielsweise herrschende Meinung, auch Konrad Adenauer teilte sie und gab ihr Ausdruck im Jahre 1963, Hitler habe England nicht wirklich treffen wollen. Bezug genommen wird dabei immer auf eine Erinnerung des Chefdolmetschers im Auswärtigen Amt Paul Schmidt ("Statist auf diplomatischer Bühne"), der uns geschildert hat, wie böse Hitler seinen Außenminister Ribbentrop angeguckt habe, als am 3. September 1939 Englands Kriegserklärung eintraf.
Thamer läßt solche Kinkerlitzchen erst gar nicht zu. Es ist ja keine Frage, daß Hitler, dieses Überbleibsel einer "sonst ausgestorbenen Urrasse", so der Hohenzollern-Historiker Otto Hintze, schon lange vor dem von ihm angezettelten Krieg England als den Hauptfeind betrachtet hat. Er kann nicht überrascht gewesen sein, als die Kriegserklärung eintraf, allenfalls war er, wie in kritischen Situationen fast immer, nervös. Schließlich war er kein Dummkopf.
Man muß nur den während der Nürnberger Prozesse zur Sprache gekommenen
Bericht über eine Besprechung am 23. Mai 1939 lesen - "Nur durch Offizier, Arbeitszimmer des Führers, Neue Reichskanzlei, Protokollführer Oberstleutnant des Generalstabs Schmundt".
Hitler ereifert sich da, wenn die Auseinandersetzung mit Polen nicht möglich sei ohne Eingreifen der Westmächte, dann sei es besser, "den Westen anzufallen und dabei Polen zugleich zu erledigen". Es sei Sache geschickter Politik, Polen zu isolieren.
Diese geschickte Politik hatte keine Basis. Hitler: Im eigenen Interesse Japans sei es, vorzeitig gegen Rußland vorzugehen. Japan ging nicht gegen Rußland vor, und Hitler schloß mit Rußland wenige Monate später seinen berühmten Vertrag.
Es lag nun einmal in seiner verqueren Alles-oder-nichts-Psyche, entweder mit Polen über Rußland herzufallen oder mit Rußland über Polen. Entweder den Westen "anzufallen" und dabei Polen zugleich zu erledigen, oder Polen zu vernichten, ohne daß die Westmächte eingreifen. Alles in Wahrheit nur die Pläne eines Psychopathen, dem die Wehrmacht und die Diplomatie teils begeistert, teils halbherzig ihre Unterstützung gewährten.
Bezeichnend ist, daß Hitler sich in dieser Chefbesprechung am 23. Mai 1939 vor sämtlichen Großen seiner Wehrmacht zwar durchaus darauf verläßt, daß England das schwächere Frankreich nicht hängenlassen würde. Nicht aber tritt der Gedanke in Erscheinung, es könnten die USA England nicht hängenlassen. Die USA kommen in dem ellenlangen Protokoll überhaupt nicht vor.
Anscheinend hat außer dem Generalfeldmarschall, späteren Reichsmarschall, Hermann Göring niemand den Führer gewarnt. Göring sagte am Tage vor dem Angriffsbefehl auf Polen zu Hitler: "Wir wollen doch das Vabanque-Spiel lassen." Hitler aber entgegnete nur: "Ich habe in meinem Leben immer va banque gespielt."
Wenn England nicht bereit war, ihm ganz Europa bis nach Baku und bis zum Ural zuzugestehen, so war England eben der hauptsächlich auszuschaltende Feind. Thamer stellt klar, daß bei Dünkirchen militärische Überlegungen Hitler zu dem Anhalte-Befehl für seine Truppen bewogen hatten, nicht politische Rücksichtnahmen.
Ebenso wird klar geschildert, daß der Überfall auf Rußland nur eine Frage des Datums war, nichts sonst. Der Staatssekretär des Auswärtigen Amtes, Ernst von Weizsäcker: "Überanstrengung." Jene Überanstrengung, die Preußen sich seit 1756 schon zweimal geleistet hatte, 1866 und 1914. Kriegspremier Churchill 1941: "Wir werden vielleicht Gnade walten lassen - um Gnade bitten werden wir nicht."
Wie verquer Hitler dachte, sieht man an seinem Plan, das verbündete Italien, das besiegte Frankreich und das neutrale Spanien in sein Bündnis einzubeziehen, obwohl diese drei Länder untereinander in unüberwindliche Konflikte verstrickt waren, von ihren Beziehungen zur siegreichen Hitlermacht ganz abgesehen.
Daß Stalin Hitler in den Krieg gegen die Sowjetmacht geradezu hineingezwungen habe: Thamer widerlegt es. Wohl wußte Stalin, daß er sich irgendwann würde schlagen müssen. Hitler aber war, als Molotow am 12. November 1940 Berlin besuchte, bereits zum Krieg entschlossen. Molotow lieferte ihm das Alibi, indem er Sowjetrußlands Kriegsziele so formulierte, als sei Hitlers Zeit schon zu Ende.
Als dieser sich bereits im Besitz von Moskau und Leningrad wähnte, ermunterte er auch die Japaner, sofort gegen Rußland und die USA vorzugehen. Aus dieser Gesinnung heraus wird sonnenklar, warum er den japanischen überfall auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 nicht nur billigte, sondern seinerseits zur Kriegserklärung an die USA nutzte. Diplomaten mögen da anderer Ansicht sein, aber in Hitlers Konzept des "alles oder nichts" war diese Kriegserklärung schlüssig. Roosevelt führte de facto bereits einen unerklärten Krieg gegen ihn.
Hans-Ulrich Thamers reich bebildertes Werk erklärt den Zweiten Weltkrieg. Wer seine Vollstrecker, wie etwa den Reichsführer SS Heinrich Himmler, kennenlernen will, muß nur einmal das Photo auf Seite 263 zur Kenntnis nehmen. Es gehört, wie alle anderen Bilddokumente, zum Text. Dies ist kein Erinnerungsband. Dies ist Geschichtsschreibung. Rudolf Augstein
Von Rudolf Augstein

DER SPIEGEL 50/1986
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