02.03.1987

„Nur Extremisten setzen diesen Kampf fort“

Afghanistans Parteichef Nadschibullah über die „nationale Aussöhnung“ und einen Truppenabzug der Sowjets *
SPIEGEL: Herr Generalsekretär, Sie haben offenbar Schwierigkeiten, den von Ihnen einseitig proklamierten Waffenstillstand durchzuhalten. Bombenanschläge, Flugzeugabschüsse, Raketenüberfälle auf Kabul zeigen, daß die moslemische Widerstandsbewegung Ihr Angebot nicht akzeptiert. Ist das bereits das Ende der Friedenshoffnungen für Afghanistan?
NADSCHIBULLAH: Dank für die Anteilnahme und Sorge, aber die Lage ist zufriedenstellend. Wir bleiben unserem Kurs treu, mit unbeirrbarem Friedenswillen die Atmosphäre in unserer Region zu entgiften.
SPIEGEL: Wie viele Mudschahidin und Flüchtlinge haben von Ihrem Angebot zur "nationalen Aussöhnung" bislang Gebrauch gemacht?
NADSCHIBULLAH: Über 30000 Emigranten und 60000 frühere Widerstandskämpfer sind allein während des letzten Monats nach Afghanistan zurückgekehrt und haben sich der Regierung angeschlossen. Über 100 bewaffnete Gruppen verhandeln derzeit mit uns. Andere warten ab, nur die Extremisten setzen diesen Kampf fort. Das sind etwa 15000.
SPIEGEL: So wenige? Dann müßten Sie doch bald keine größeren Probleme mehr haben.
NADSCHIBULLAH: Uns macht allein die Einmischung von außen zu schaffen. Wenn diese jenseits unserer Grenzen organisierte Aggression aufhört, haben wir auch keine Probleme mehr im Landesinnern.
SPIEGEL: Wie hat sich der Einsatz amerikanischer Stinger-Raketen durch die Moslem-Rebellen ausgewirkt?
NADSCHIBULLAH: Je moderner die Waffen, desto mehr Opfer fordern sie - besonders beim Einsatz gegen Verkehrsflugzeuge mit friedlichen Passagieren.
SPIEGEL: Wie viele politische Gefangene haben Sie bis heute freigelassen?
NADSCHIBULLAH: Bis jetzt 6900 Gefangene.
SPIEGEL: Riskieren Sie doch mal eine Prognose: Wann verläßt das letzte sowjetische Regiment Afghanistan?
NADSCHIBULLAH: Das hängt von den derzeit laufenden Genfer Gesprächen mit Pakistan ab. Wir sind vorsichtig, aber wenn die Gegenseite sich konstruktiv verhält, werden wir mit großem Mut einen mit der sowjetischen Regierung abgestimmten Zeitplan für den Truppenabzug vorlegen.
SPIEGEL: Wären 16 Monate für den Truppenabzug ein angemessener Zeitraum?
NADSCHIBULLAH: Wir können uns nicht vorher festlegen.
SPIEGEL: Also wird es womöglich diesmal noch keine Einigung geben?
NADSCHIBULLAH: Wir hoffen, daß dies die letzte Verhandlungsrunde mit Pakistan ist.
SPIEGEL: Es gibt hier in Kabul Gerüchte, die Sowjet-Union werde zum afghanischen Neujahrsfest Mitte März den Abzug von zunächst 50000 Soldaten ankündigen.
NADSCHIBULLAH: Es geht nicht nur um 50000 Mann, sondern um den Abzug aller Sowjetsoldaten. Darüber und über die Garantien einer künftigen Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten Afghanistans muß in Genf entschieden werden.
SPIEGEL: Der "revolutionäre Prozeß" in Afghanistan ist für Sie "irreversibel". Andererseits bieten Sie den bürgerlichen Kräften Rückkehr und Mitarbeit in einer Regierung der nationalen Konzentration an. Zu welchen Bedingungen - als schöne Feigenblätter?
NADSCHIBULLAH: Nein, wir praktizieren das bereits. Vier Minister, die Regime der nationalen Bourgeoisie dienten, gehören unserer Regierung an, außerdem 36 Parteilose. Eine Zusammenarbeit ist möglich, wenn alle kooperationswillig sind. Auch die Mudschahidin sind dazu eingeladen.
SPIEGEL: Würden Sie neben der Afghanischen Volkspartei die organisierte Existenz anderer Parteien und ihre Beteiligung an freien Wahlen zulassen?
NADSCHIBULLAH: Darüber entscheidet nicht die Demokratische Volkspartei, sondern die neue Verfassung Afghanistans. Über deren Inhalt wird derzeit noch diskutiert.
SPIEGEL: Es gibt genug Leute in Kabul und im Exil, die Ihren Ankündigungen mißtrauen, solange die Sowjets nicht einen verbindlichen Abzugsplan vorlegen.
NADSCHIBULLAH: Reden wir doch im Klartext: Das sind die Führer einiger radikaler Gruppen, die unter der direkten Propaganda des US-Imperialismus stehen. Sie verzapfen Unverantwortliches Zeug, schieren Quatsch.
SPIEGEL: Wären Sie selber bereit, Ihre eigene Person zur Disposition zu stellen, wenn dies der nationalen Aussöhnung helfen würde?
NADSCHIBULLAH: Man soll Politik nicht zu sehr mit Personen verknüpfen. Gegenwärtig repräsentiere ich den Aussöhnungswillen von 170000 Parteimitgliedern. Diesen Willen möchte ich durchsetzen.
SPIEGEL: Muß es nach Abzug der Sowjets nicht zu gegenseitigen Racheakten kommen?
NADSCHIBULLAH: Unsere Gegner brauchen sich nicht zu fürchten, wir werden uns nicht rächen. Der Weg der nationalen Aussöhnung ist ein humaner Weg.
SPIEGEL: Sie haben auch dem ehemaligen König Sahir Schah angeboten, aus dem Exil in Rom nach Hause zu kommen und am Aussöhnungsprozeß mitzuwirken. Meinen Sie das ernst?
NADSCHIBULLAH: Die Tore unseres Landes stehen all jenen offen, die nach Hause kommen und der Gesellschaft dienen wollen.
SPIEGEL: Welche Rolle könnte der König denn in Kabul spielen? Die einer übergeordneten Integrationsfigur, vielleicht sogar des Staatspräsidenten?
NADSCHIBULLAH: Eine Prognose zu stellen wäre nicht richtig. Überlassen wir das dem Prozeß der nationalen Aussöhnung. Das Volk soll darüber in einer Wahl entscheiden. Aber die Position eines Königs ist in unserer demokratischen Struktur nicht vorgesehen.
SPIEGEL: Die will er wohl selber nicht, er hat ja abgedankt. Aber könnte Sahir Schah nicht entscheidend zur nationalen Aussöhnung beitragen? Gab es ein direktes Angebot?
NADSCHIBULLAH: Wir haben gesagt: Wer sich mit den Prinzipien der nationalen Aussöhnung einverstanden erklärt, der ist uns willkommen. Direkt an Sahir Schah haben wir uns nicht gewandt, doch er ist in das Angebot an alle eingeschlossen.
SPIEGEL: Was würden Sie denn machen, wenn er tatsächlich käme?
NADSCHIBULLAH: Wenn er mit unseren Prinzipien übereinstimmt, werden wir ihn empfangen.
SPIEGEL: Würden der Ex-König und andere heimkehrende Großgrundbesitzer Teile ihres Landeigentums zurückerhalten?
NADSCHIBULLAH: Der Revolutionsrat wird im März ein Dekret über Veränderungen in der Landreform mit neuen Bemessungsgrenzen und Richtlinien veröffentlichen.
SPIEGEL: Es gibt in Ihrer Partei offensichtlich Spannungen über die Bedingungen und das Tempo des sowjetischen Truppenabzugs.
NADSCHIBULLAH: Natürlich gibt es in jeder Partei verschiedene Meinungen. Wir diskutieren und gelangen dann nach dem Prinzip des demokratischen Zentralismus zu einer Entscheidung. Die ist für alle verbindlich.
SPIEGEL: Drängt Gorbatschow darauf, das sowjetische Militärengagement am Hindukusch möglichst schnell zu beenden?
NADSCHIBULLAH: Beide Seiten sind daran interessiert, daß die Spannungen um Afghanistan schnell beseitigt werden. Aber in unserer Kooperation bleiben wir ein souveräner Staat und vertreten unsere eigene Position.
SPIEGEL: Wie liegt Ihnen Gorbatschow?
NADSCHIBULLAH: Ausgezeichnet, unser Verhältnis ist absolut freundschaftlich.

DER SPIEGEL 10/1987
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