09.02.1987

Betr.: Aids

Datum: 9. Februar 1987 Betr.: Aids
"Schreck von drüben" hieß 1982 der erste SPIEGEL-Bericht über die in den USA aufgetretene "geheimnisvolle Krankheit". Damals war in Deutschland noch kein Aids-Fall sicher diagnostiziert, die medizinische Fachpresse schwieg. SPIEGEL-Redakteur Dr. med. Hans Halter schrieb, wo die Krankheit sich hierzulande ihre ersten Opfer holen würde: unter den Homosexuellen in West-Berlin. So kam es. 1983 erschien der erste SPIEGEL-Titel über Aids: "Eine Epidemie, die erst beginnt".
Vier Jahre danach tritt der Schreck von drüben hüben in ein neues Stadium. Was tun gegen Aids? Die Frage geht längst nicht mehr nur an die Medizin, sie stellt sich, immer drängender, auch der Politik. Zu klären ist, welche Abwehrwaffen angemessen sind im Kampf gegen die gefährlichste Seuche, die je die Menschheit heimgesucht hat. Journalisten, hier die des SPIEGEL, haben in dieser Frage ebensowenig Allheilmittel anzubieten wie die Politiker. Tatsächlich, das zeigte letzte Woche eine dreistündige Diskussion von 13 mit Aids-Berichterstattung befaßten Redakteuren, sind die Positionen im SPIEGEL-Haus kaum weniger weit auseinander als in der Fachwelt.
Die Wissenschaftsredakteure beispielsweise halten eine Aids-Meldepflicht mittlerweile für seuchenmedizinisch geboten. Aber: Keiner von ihnen geht etwa so weit, auch Quarantänestationen für Infizierte zu fordern. Entschiedene Gegner von Meldepflicht und staatlicher Überwachung andererseits sehen ein, daß im Extremfall zwischen den Freiheitsrechten von Infizierten und dem Recht auf Leben und Gesundheit der (noch) nicht Infizierten abgewogen oder auch entschieden werden muß.
Alle stimmen dagegen überein: Wenn denn Bonn doch eine ärztliche Meldepflicht für Aids beschließen sollte, wären rechtsstaatliche Garantien gegen eine Diskriminierung Infizierter nötig. Vollends einig sind beide Seiten in der Kritik an den Versäumnissen Bonner Gesundheitspolitiker. Was bisher an staatlicher Aufklärung über die Todesseuche geleistet wurde, bleibt weit zurück hinter dem Notwendigen--Thema des SPIEGEL-Gesprächs mit Gesundheitsministerin Rita Süssmuth (Seite 33), die sich für das Titelbild von SPIEGEL-Photographin Monika Zucht symbolhaft unter einer Schutzhülle aufnehmen ließ.

DER SPIEGEL 7/1987
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