02.03.1987

FORSCHUNGÜbersinnliches Kribbeln

Mit 400000 Mark finanziert Minister Riesenhuber ein dubioses Forschungsprojekt: „Erdstrahlen"gibt's die? *
Das Jahr 1929 ist für die Anhänger der Wünschelrute ein großes Jahr. Wie ein Berserker arbeitete zu jener Zeit der knorrige Landadelige Gustav Freiherr von Pohl im niederbayrischen Flecken Vilsbiburg - und schenkte der Zunft ein Standardwerk.
Sämtliche "Untergrundströme" und "Wasseradern" erspürte der Freiherr unter heftigem Schwitzen und weit heftigeren Ausschlägen der Rute im Boden unter der Kleinstadt. Seinen Verdacht fand er grausam bestätigt: Die unterirdischen Adern verliefen allesamt unter Häusern und Betten, in denen der Krebs die Ansässigen hinweggerafft hatte. 1932 gab der Freiherr die Ergebnisse des Vilsbiburger "Experiments" in einem Buch kund ("Erdstrahlen als Krankheitserreger"; vorläufig letzte Auflage: 1983).
Das Werk des Strahlenfühligen hatte Schönheitsfehler. Die verhängnisvollen Ströme wühlten, bei genauer Betrachtung, fast unter jedem Haus und waren so dick aufgezeichnet, daß sie kaum eine Bettstatt ausließen. Etwa drei Viertel der Einwohner hätten dem Krebs demnach erliegen müssen: in Wirklichkeit beträgt die Krebssterblichkeit im Städtchen 6,5 Prozent.
Auf den Spuren des Lügenbarons wandelt neuerdings die seriöse deutsche Wissenschaft. "Erdstrahlen", so ließ das Bonner Forschungsministerium wissen, stünden "in breiten Bevölkerungsschichten" im Ruf, schwere Krankheiten auszulösen. Gegen die "Überfrachtung des Problemkreises mit pseudowissenschaftlichen Erklärungen" wollen die Bonner nun Front machen: Zwei Jahre lang sollen Münchner Physiker die Zuckungen der Rutengänger mit naturwissenschaftlicher Akribie beobachten. 400000 Mark läßt Bundesforschungsminister Riesenhuber für das zweifelhafte Vorhaben springen.
Zum Trip ins Mystische drängen Naturheilkundler unter den Krebsbekämpfern schon seit geraumer Zeit. Über "Erdstrahlen" und "geopathogene Reizzonen" stand die Parlamentarische Staatssekretärin im Bonner Gesundheitsministerium, Irmgard Karwatzki, im Bundestag Rede und Antwort. Der SPD-Abgeordnete Xaver Wolf sorgte sich im Münchner Landtag über einen möglichen Zusammenhang von elektromagnetischen Feldern und Leukämie.
Auf Ärztekongressen und in der Presse wird vor allem Dr. med. Veronika Carstens, Frau des Alt-Bundespräsidenten, nicht müde, für den angeblich brachliegenden Forschungszweig zu werben: "Wenn es stimmen sollte", so die Ex-Präsidentengattin, "daß bei der multifaktoriellen Krankheit Krebs ein Faktor obligatorisch dabeisein sollte, nämlich der Einfluß von unterirdischen Wasseradern, dann ist es nicht zu verantworten, daß man diesem Phänomen nicht mit großer Intensität durch physikalische Forschungen nachgeht."
Eine Bonner Arbeitsgruppe ("Unkonventionelle Methoden der Krebsbekämpfung") segnete das Wünschelruten-Projekt des Forschungsministeriums schließlich ab- Frau Carstens, berichtet ein Mitglied der Arbeitsgruppe, habe den Beratungen vornehmlich dann beigewohnt,
wenn über die Krähe aus dem Untergrund diskutiert wurde.
Sprecher des Forschungsministeriums bemühen sich seither, den Vorgang aus der Reizzone der öffentlichen Aufmerksamkeit herauszurücken. Mit Recht, denn frühere Tests mit angeblich Strahlenfühligen verliefen regelmäßig wie das Hornberger Schießen: Die Medien versagten kläglich; doch mit der Branche ging's bergauf. "Eher könnte man aus Nebel eine Eisenbahnbrücke bauen", formulierte der Gerichtsmediziner Professor Otto Prokop seine Erfahrungen mit den Mutern, "als einen Rutengänger und Erdstrahlen-Gläubigen mit seinen eigenen Behauptungen einfangen."
So hatten etwa Amsterdamer Wissenschaftler Anfang der fünfziger Jahre in verschiedenen Gebieten Hollands nach angeblich besonders starken Erdstrahlen gefahndet. Trotz vierjähriger Bemühungen, die unterirdischen Störquellen mit modernem wissenschaftlichen Instrumentarium aufzuspüren, blieb die Suche ergebnislos. "Es gibt überhaupt keine Erdstrahlen", kommentierten die Forscher von der Königlichen Akademie der Wissenschaften und enttarnten die von Okkultgewerblern verhökerten Entstörungs- und Abschirmgeräte als wertlosen Plunder.
Bei einer vom britischen Verteidigungsministerium finanzierten Testserie schnitten die Strahlenkundigen nicht besser ab. Ohne Wünschelrute, durch bloßes Raten, urteilten die neutralen Beobachter, wäre die Trefferquote nicht schlechter ausgefallen.
Vom siebten Sinn sind die Muter vorhersehbar immer dann verlassen, wenn sie ihre Fähigkeiten in den Labors unter Beweis stellen sollen. Auch auf künstlich erzeugte und veränderte Magnetfelder, so ergaben Versuchsreihen, sprechen die Ruten keineswegs zuverlässig an - die Resultate blieben im statistischen Rauschen, entgegen der häufig vorgebrachten These, die Muter seien für elektromagnetische Signale empfänglich.
Mit schwammigen Theorien über den angeblich krankmachenden Einfluß von Erdstrahlen bleiben die Radiästhesie-Jünger dennoch gut im Geschäft. Reizstreifen und Störzonen, so behaupten sie, durchziehen im Abstand von nur wenigen Metern den Boden. Schon die Dichte der diversen Netze ("Globalgitternetz", "Currynetz") erleichtert Rutengängern das Handwerk ungemein: "Schädliche Strahlungen" schlagen ihnen in so gut wie jedem Haus entgegen, Verdienstausfall ist nicht zu befürchten.
Beim anfälligen Bettenrücken läßt sich wundersame Heilung von allerlei Gebresten nicht ausschließen. Es wäre "ein Wunder", meint der Münchner Radiästhesie-Kritiker Karl Dirnagl, wenn der aus der Medizin bekannte Placebo-Effekt die Strahlengläubigen nicht gelegentlich auf den Weg der Besserung brächte.
Rund 100 verschiedene Entstrahlungs- und Abschirmgeräte zählte die "Zentrale zur Bekämpfung von Unlauterkeit im Heilgewerbe" Anfang der achtziger Jahre. Zwischen 50 und 100 Millionen Mark geben die Westdeutschen nach Schätzungen von Kennern der Radiästhesieszene Jahr für Jahr aus, um gegen die Bedrohung aus dem Untergrund gewappnet zu sein.
Die Hersteller der Entstrahlungsapparate sind nur selten zimperlich. Bei Stückpreisen bis zu 6000 Mark für "Großraumgeräte", warnen sie die Kundschaft davor, die verzapften und verplombten Behälter zu öffnen - für den teuer bezahlten Schutz könne andernfalls nicht garantiert werden. Vor Gericht mußten die Kästen hin und wieder ihr Geheimnis preisgeben. Ans Licht kamen, wie der Mannheimer Richter Wolf Wimmer notierte, Fensterkitt und Teeblätter, Drahtspulen und Schuheinlagen, Blechstreifen, Sand, Salatöl, Ohrringe, Eisenspäne, Ameisensäure, Holzstückchen, Aluminiumpulver und Erde.
Als spürbegabt empfinden sich derzeit rund 4000 Bundesbürger, die in Gesellschaften wie der "Fachschaft Deutscher Rutengänger" ihre Fähigkeiten pflegen. Etwa 500 Männer und Frauen wünscheln professionell, die Zuckung zu 300 bis 500 Mark. Und eher noch beflügelt fühlen sich Obskuranten und Spökenkieker, seit es Verhaltensforschern gelungen ist, bestimmte bis dahin rätselhafte Fähigkeiten von Tieren weitgehend aufzuklären - als Leistung eines bei manchen
Tierarten nachweisbaren elektromagnetischen Sensoriums.
Verschiedene Fischarten beispielsweise orientieren sich mit Hilfe elektrischer Sinnesorgane. Fischschwärme, so entdeckten die Forscher, werden durch ein gemeinsames elektrisches Feld zusammengehalten; den ihnen nachstellenden Haien, Rochen und Stören wiederum dient der unsichtbare Vorhang als Beutesignal. Auch den Formationsflug der Vögel bestimmen elektromagnetische Felder, wie Biophysiker der Uni Saarbrücken unlängst erkannten. Mit einer Art Magnetkompaß navigieren Tauben selbst dann traumwandlerisch sicher, wenn dichte Wolken die Sonne verdecken: Im Blindflug orientieren sie sich am Magnetfeld der Erde.
Derlei aufregende Resultate sind vom Bonner Wünschelruten-Projekt keinesfalls zu erwarten. Die auf zwei Jahre angelegten Tests im Labor und auf freiem Feld gelten wieder nur der - längst negativ entschiedenen - Frage, ob übersinnliche Fähigkeiten von Rutengängern statistisch zu belegen seien. Und selbst da ist Vorsicht angebracht.
Statt skeptische Wissenschaftler mit dem 400000-Mark-Projekt zu betrauen, verfielen die Geldgeber auf die Münchner Physik-Professoren Herbert L. König und Hans-Dieter Betz - Namen, die bei Kennern der Rutenszene übersinnliches Hautkribbeln auslösen.
Schon 1982 hatten die beiden Wissenschaftler in einem Aufsatz in der "Zeitschrift für Parapsychologie und Grenzgebiete der Psychologie" gleichsam den harten Kern ihrer Überzeugung zu erkennen gegeben: Das "Grundphänomen" der ortsabhängigen Rutenausschlags, so schrieben sie, lasse "sich bei aller Kritik keinesfalls leugnen".
In einem 1975 erschienenen Buch ("Unsichtbare Umwelt") zitiert TU-Physiker
König dubiose Größen des Erdstrahlen-Geschäfts wie den Eberbacher Erfinder des "Globalgitternetzes" Dr. med. Ernst Hartmann ("Krankheit als Standortproblem") gerade so, als sei an den krausen Theorien des Krebsstrahlen-Ideologen auch nur ein Gran erwiesen (Königs Lebensgefährtin ist eine Tochter Hartmanns). Als Gutachter vor Gericht mußte sich der Elektrophysiker deshalb schon mal belehren lassen, daß sein Buch nur der Unterhaltungsliteratur zuzurechnen sei.
Dem Hersteller einer "Strahlenschutz-Decke" im Niederbayrischen ging König mit einer Expertise zur Hand, wonach dem "mit Kupfer bestückten Gewebe (der Decke) zumindest im niedrigen Frequenzbereich unter Berücksichtigung der elektrophysikalischen Prinzipien Abschirmwirkung" zukomme. Und als nach einer Fernsehsendung zahlreiche Verstörte bei ihm anriefen, erteilte König bereitwillig Rat: Sie möchten ihre Betten verrücken - und liquidierte dafür je 100 Mark. Das Geld will er an die Unikasse weitergeleitet haben.
Auch den Mitgliedern des Arbeitskreises, "Unkonventionelle Methoden der Krebsbekämpfung" sind wegen des Physikergespanns mitunter schon Zweifel gekommen. König und Betz, gesteht der Leiter des Gremiums, der Düsseldorfer Physiologe Professor Raimund Kaufmann, seien "nicht unsere Wunschkandidaten" gewesen. Aber halbherzig haben sie den 400000-Mark-Brocken bewilligt.
Den kann jetzt wohl nur ein Schwarm aufmerksamer Gutachter davor bewahren, daß er im strahlendurchfurchten Untergrund versinkt.

DER SPIEGEL 10/1987
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