09.02.1987

GRÜNEKampf der Giganten

Im Kampf um das Amt des Fraktionssprechers der Grünen unterlag der Realo Otto Schily dem Ökosozialisten Thomas Ebermann - aber eine Richtungswahl war das nicht. *
Wäre Heinrich Heine in Düsseldorf geblieben, wenn es damals Otto Schily schon gegeben hätte? Solche Assoziationen weckte der grüne Otto zumindest, als er in Düsseldorf mit Plakaten um seine Direktkandidatur für den Bundestag warb, die sein Porträt mit dem großen Sohn dieser Stadt in Verbindung brachten.
Womöglich aber hätte es der ätzende Kritiker Heine eher mit einem anderen grünen "Flügelhengst" (Parteispott) gehalten - mit dem traditionalistisch-links gestrickten Satiriker Thomas Ebermann aus Hamburg, der sein Verhältnis zu grünen Anfängen aus Müslikultur, Naturschwärmerei und Ökobäuerlichkeit so beschreibt: "Es war nicht ganz einfach für uns, mit Baldur Springmann 'Wo wir uns finden, wohl unter Linden' zu singen - und Rudi Dutschke sang mit, während Milan Horacek dirigierte."
Als Schily in der vergangenen Woche im Kampf um den Posten als einer von drei gleichberechtigten Fraktionssprechern der Grünen im Bundestag seinem Gegenspieler Ebermann mit einer Stimme unterlag, war Heinrich Heine da um den Schlaf gebracht?
Statt dessen jubelten die Ökosozialisten, und der unterlegene Kandidat Schily stieß wilde Verwünschungen aus. Er fühlte sich "abserviert" und wähnte "Schaden für die Gesamtpartei".
Tatsächlich läßt sich ein größerer Unterschied kaum vorstellen als der zwischen dem ehemaligen Mitglied des Kommunistischen Bundes (KB) Ebermann und dem Strafverteidiger und Anthroposophen Schily. Während Ebermann die Charakterrolle des proletarischen Revoluzzers blendend beherrscht und auch mal, von Wahlerfolgen und Sekt berauscht, unversehens in Männerraufereien gerät, wahrt Schily sonst Distanz, bürgerlichen Habitus, gute Manieren.
Wenn der Hamburger Trabrennfan Ebermann besorgten Journalistenfragen nach dem Verhältnis der Grünen zur Gewalt mit Ironie begegnet und mit gespielter Unschuld deklamiert: "Ich säge keine Strommasten um und rufe auch nicht dazu auf, weil, das ist verboten", fordert der linke Verteidiger Schily mit gebotenem Ernst und "in aller Deutlichkeit" das Gewaltmonopol des Staates.
Der Streit geht nicht nur um Begriffe, wenn Ebermann in seiner Partei eine "Lobby der Unterdrückten" sehen will und Schily sie jenseits des "alten Links-Rechts-Schemas" zur "Kraft der Mitte" erklärt. In beiden ist der Flügelstreit in der Partei durchaus verkörpert - hie der dogmatische Flügel, der die SPD erst gründlich entlarven will, bevor er es auf eine Zusammenarbeit ankommen ließe, dort der pragmatische Teil, der sich in dieser Frage schon in staatstragende Verantwortung genommen fühlt.
Nur: Ein "Kampf der Strömungsgiganten" ("Frankfurter Rundschau") war die Entscheidung zwischen Ebermann und Schily nicht. Der "Schaden für die Gesamtpartei", den Schily nach seiner Niederlage betroffen schilderte,
siedelt zuvörderst in seiner empfindsamen Seele.
Schilys Vorwurf, Ebermann vertrete eine exzentrische und teilweise abenteuerliche Position", konterte der Hamburger ironisch-bescheiden: "Mit dem, was der Otto da gesagt hat, stimme ich nicht hundertprozentig überein."
Solch parodistische Einlagen werden ihn in Bonn zum Liebling vieler Journalisten machen. Die anderen werden so lange an ihm herumkratzen, bis sie seine kommunistische Vergangenheit enthüllt haben. Ob von ihr nach zwei Jahren im Bundestag noch viel nachbleiben wird? Da ist, wie sein Kollege Jürgen Reents, Ex-MdB und ebenfalls Ex-KB-Mann, bescheinigt, schon mancher milder geworden.
Die Fraktion hat mit der Vorstandswahl ein schwieriges Problem elegant gelöst. Schließlich gibt es, wie Fraktionsspaßvogel Jürgen Reents per Flugblatt aufklärte, bei 44 Fraktionsmitgliedern und einem dreiköpfigen Sprecherrat "genau 13244 unterschiedliche Möglichkeiten, diesen Sprecherrat zusammenzusetzen". Angesichts solcher Vielfalt bewies die Fraktion Sinn für Realitäten.
Ihr neuer Vorstand ist ein ausbalanciertes Mobile - angesichts der komplizierten Proporzgebote kein geringes Kunststück. Denn nicht nur die politischen Flügel wollten repräsentiert sein, sondern auch die Frauen, mindestens 25:19 entsprechend, und nicht zuletzt Parlamentsneulinge.
Weise hat die Fraktion Gerechtigkeit walten lassen: Ein Ökosozialist mußte sein. Dafür kam, weil im übrigen vor allem Frauen gewählt wurden, nur Ebermann in Frage - Schily hätte den Anteil der Realos bei Sprechern und Geschäftsführern auf 6:0 gestellt. Ebermann wird flankiert von der parlamentserfahrenen Realo-Frau Waltraud Schoppe, die zugleich die Gegenspielerin von Frauenministerin Rita Süssmuth sein soll, und von der "neuen", sich selbst als "flügelübergreifend" einschätzenden Bärbel Rust, Software-Entwicklerin aus Bayern.
Im Rücken des Vorstands waltet ebenfalls realpolitische Gefolgschaft: Der dreiköpfigen parlamentarischen Geschäftsführung gehören der altgediente Hubert Kleinert an sowie die hessische Koalitionsbefürworterin Karitas Hensel und die ehemalige Böblinger Stadträtin und OB-Kandidatin Christa Vennegerts.
Freunde Otto Schilys spendeten Trost. Der Jurist und Flick-Jäger, zur Entschädigung für die Wahlschlappe von der Fraktion in den vornehmen Auswärtigen Ausschuß gewählt, wird es nicht schwer haben, das Übergewicht seines Gegenspielers in Presse und Fernsehen zu konterkarieren.
Nach dem Besten für Deutschland nun der Beste für die Grünen", spottete Antje Vollmer über die Kämpfe der Flügelhengste.

DER SPIEGEL 7/1987
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