09.02.1987

„Ein Spinnweb gegen die Gefahr“

Schützen Präservative gegen Aids? *
Zeitungsleser J. Gerhard aus München 80 schickte seine launige Zuschrift an die "AZ": "Frau Süssmuth empfiehlt: 'Kondome beim Sex!' Der Bischof empfiehlt: 'Beten statt Sex!' Kompromiß: 'Beim Sex beten, daß Kondome dicht sind'."
An einer Bonner Anzeigenkampagne zum Thema Aids-Gefahren hatte sich der Streit zwischen weltlicher und geistlicher Macht entzündet. Doch nicht nur dadurch geriet, wie die "FAZ" in einem Kommentar entgleiste, das Kondom letzte Woche "in aller Munde".
Sollen demnächst Präservative an Bundeswehrsoldaten kostenlos verteilt werden? Sollen Kondom-Automaten an jeder Ecke, auch in Damentoiletten aufgestellt werden?
Die bei Homos wie bei Heteros wachsende Aids-Furcht kommt einer Industriebranche gelegen, deren Absatzziffern noch bis vor zwei Jahren einen Trend nach unten zeigten. Erstmals 1986, erläutert Claus Richter, Marketingleiter beim westdeutschen Kondom-Produzenten Mapa, verzeichne die Branche wieder steigende Umsätze. Auch Mapa-Konkurrent London Rubber in Mönchengladbach glaubt, daß sich die Aufrufe der Aids-Warner, wenn überhaupt, erst mit einem "Verzögerungseffekt" in den Büchern niederschlagen werden.
In den USA, wo die gezielten Aids-Kampagnen schon früher einsetzten, ist die Kondom-Branche im letzten Jahr mit vier bis fünf Prozent in den Aufwind geraten. Die westdeutschen Hersteller suchen nun nach neuen Vertriebswegen. Um die "lückenlose Versorgung" zu erreichen, so Mapa-Sprecher Richter, könnte künftig auch in Zigarettenautomaten "ein Schacht für Kondome" reserviert sein.
Von Anfang an hatten die hautengen Hüllen gesundheitlichen Schaden abwenden sollen. Er schwöre beim "ewigen Gott", versicherte der italienische Anatom Gabrielle Fallopio in seinem 1564 erschienenen Standardwerk über die Syphilis ("De Morbo Gallico liber absolutismus"), daß er mit einem neuartigen Experiment 1100 Männern die Krankheit vom Leib gehalten habe: Nach der Weisung des Heilkundlers stülpten die Probanden über die Eichel ein leinenes Säckchen und schoben die Vorhaut wie eine Manschette darüber.
Doch schon einem mittelalterlichen Schlachter könnte, wie Norman E. Himes in seiner 1936 erschienenen "Medizingeschichte der Verhütung" vermutet, beim Hantieren mit elastischem Tiergedärm der zündende Gedanke gekommen sein. Ziegenblasen, so glauben die Forscher, haben bei den Römern dem gleichen Zweck gedient: der Vorbeugung gegen Infektionen.
Die kratzigen Eichelhauben und das Tiergedärm arbeiteten bei beiden Geschlechtern der Wonne entgegen. Die Armierung des Penis, klagte Madame de Sevigne ihrer Tochter, der Gräfin de Grignan, 1671 in einem Brief, sei ein "Bollwerk gegen das Vergnügen, aber ein Spinnweb gegen die Gefahr".
Erst die Zeitgenossen Casanovas (1725 bis 1798) bedienten sich der Kondome als Mittel zur Empfängnisverhütung. Der regsame Liebhaber selbst zwängte sein Glied zum Zwecke der Kohabitation bereitwillig in die "tote Haut", solange ihm dadurch nur bestätigt wurde, "daß ich völlig auf der Höhe bin".
Bald war für die Futterale auch ein internationaler Markt entstanden, wie die Londoner Herstellerin Mrs. Philips gegen Ende des Jahrhunderts auf Werbezetteln verkündete: Größere Aufträge aus Frankreich, Spanien, Portugal und Italien würden mit Leichtigkeit befriedigt. Unter der Kundschaft tummelten sich, wie Mrs. Philips kundtat, "Botschafter, Ausländer, Ehrenmänner und Schiffskapitäne".
Hauptsächlich die Blinddarme von Lämmern, Schafen, Kälbern und Ziegen wurden zu "englischen Mänteln" verarbeitet. Die Vorläufer der hauchdünnen Hochleistungspräser waren in drei Größen erhältlich (so zeigte ein Fund in einem englischen Landhaus 1952). Dem Gentleman wurde der Schoner auf Wunsch maßgeschneidert.
Eine ruppige Längsnaht störte Präservativbenutzer im 19. Jahrhundert. 1839 hatte Charles Goodyear die Vulkanisierung des Kautschuks zu Gummi erfunden: Die Verhütungsmittel wurden zur billigen Massenware, die ihren Trägern gelegentlich den Eindruck verschaffte, als hätten sie ihr Fortpflanzungsorgan in einen Fahrradschlauch gezwängt.
Längst werden die Kondome seither aus dem Saft des Gummibaumes, der Latexmilch, gefertigt - Gefühlsechtheit steht bei der Kundschaft hoch im Kurs. Mit einer Wanddicke von 0,04 bis 0,08 Millimeter sind die üblichen Modelle dünner als ein menschliches Haar.
Nur jedes achte Paar verwendet in der Bundesrepublik die "hauchdünne Illusion" ("FAZ"), um sich vor Schwangerschaft zu schützen. Eine "Betonwand von Vorurteilen", stellte der ärztliche Leiter des Karlsruher Instituts für Familienplanung und Gesundheit Knut O. K. Hoffmann, 1985 fest, stehe dem mechanischen Verhütungsmittel bei westdeutschen Verbrauchern im Weg. Nur eine Minderheit der Sex-Aktiven mag sich für die mal trockenen mal feuchten, mal mit gefühlsanregender Beschichtung und mal mit spermizider Gleitsubstanz ausgerüsteten Gummihäute entscheiden.
Aversionen und Hemmungen im Umgang mit Präservativen sind auch unter den jüngeren Paaren verbreitet, wie eine Befragung durch Wissenschaftler der Abteilung für Sexualforschung an der Hamburger Universität ergab: Die Befragten lehnten Kondome noch vehementer ab als den Coitus interruptus. Nichts, so erfuhren die Wissenschaftler, ist in deutschen Betten verpönter und dämpft die Lust nachhaltiger als das umständlich aus der Verpackung gefingerte Präservativ.
1980 haben sich die führenden Kondom-Hersteller der Bundesrepublik zu einer Gütegemeinschaft zusammengeschlossen, die auf die Qualität der Produkte achtet: Die maschinell zu Hunderttausenden
pro Tag produzierten Präser durchlaufen laut Vorschrift 33 elektronische und mechanische Tests, ehe sie hygienisch verpackt in den Handel gehen.
Für die Fremdüberwachung der mit dem Gütesiegel "dlf" (Deutsche Latex Forschung) ausgezeichneten Kondome sorgt die staatliche Materialprüfungsanstalt. Dennoch fielen, als sich die Berliner Warentester 1983 die schlüpfrigen Gummis vorknüpften, vier von insgesamt zwölf getesteten Marken durch: "Vor allem die Kondom-Spitze war oft 'undicht'."
Bei einer nur über die Apotheken vertriebenen Marke waren den Testern bei einem Prüfmuster "allein dreizehn Undichtigkeiten in Längsrichtung" aufgefallen. Vier Kondome flogen den Prüfern um die Ohren, noch ehe das festgesetzte Berstvolumen von mindestens 20 Litern Luft erreicht war. Beim Vergleich verschiedener Methoden der Schwangerschaftsverhütung schnitten denn auch Kondome mit am schlechtesten ab: Wenn 100 Frauen ein Jahr lang mit Kondomen lieben, kommt es in etwa sieben Fällen zu ungewollten Schwangerschaften - eine Versagerquote, zehnmal so hoch wie bei der Pille.
Für Aids-Viren ist, wie für Spermien, das Gummi undurchlässig, solange es dicht bleibt. Doch vor der Annahme, daß sich Homosexuelle beim Analverkehr mit Präservativen zuverlässig gegen das Aids-Virus schützen könnten, warnte schon 1985 der Berliner Professor Hans Pohle. Mehr als einen "gewissen Schutz", so der Internist, dürften sich die Schwulen nicht versprechen: "Rutscht er ab, reißt er, sitzt er locker", sei der Schutz dahin und das Aids-Virus frei.
Dem Analverkehr, erläuterte Pohle, sei "so ein dünnes Gummi" nicht gewachsen.
Speziell für Kundschaft, bei der eine "etwas härtere Gangart" (Richter) gepflegt wird, hat Hersteller Mapa deshalb vor einem halben Jahr ein neues Modell auf den Markt gebracht: Mit einer Wandstärke von 0,1 Millimeter ist es hauchdünnen Kondomen in puncto Sicherheit überlegen.
Beim Aids-Kongreß in Berlin im letzten Jahr will dagegen der Mönchengladbacher Konkurrent London Rubber unter den Schwulen die Gegentendenz ausgemacht haben. In der Szene, so brachte eine Firmenmitarbeiterin in Erfahrung, herrscht wie bei den Heteros der Wunsch nach einem gefühlsintensiven, mit Feuchtigkeitsfilm versehenen Kondom vor.
Vom holländischen Ableger des Unternehmens lassen sich die Mönchengladbacher seither mit einem 0,08 Millimeter dicken Modell ausrüsten, das "in dieser Richtung positioniert" ist.
Der vorbeugende Nutzen von Präservativen gegen Infektionen ist bei Experten unumstritten. Zweifler können dagegen schon beim englischen Landarzt Daniel Turner Bestätigung finden. Das Kondom, so schrieb der Medicus Anfang des 18. Jahrhunderts in einem Werk über die Syphilis, sei "das beste, wenn nicht das einzige Mittel, auf das unsere Libertins bisher gestoßen sind".
Der Doktor wollte allerdings den Lustschwärmern nicht trauen. Viele von ihnen, so war ihm hinterbracht worden, hatten den Tripper gewählt, anstatt sich "cum hastis sic clypeatis", mit der Speerspitze im Futteral, zu begnügen.

DER SPIEGEL 7/1987
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 7/1987
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Ein Spinnweb gegen die Gefahr“

  • Unwetter in Österreich: Lage entspannt sich, Gefahr bleibt
  • Hongkong: Wie ein SPIEGEL-Reporter den Protesttag erlebt
  • Smoggeplagtes Neu-Delhi: Zuflucht in der Sauerstoffbar
  • Schneechaos in den Alpen: Amateurvideo zeigt Lawine