12.01.1987

SCHRIFTSTELLERLieber Pfeifenonkel

Günter Graß, der im indischen Kalkutta Abstand vom deutschen Kulturbetrieb suchte, will wieder zurück. *
Der Mann mit dem Schnauzbart und der Pfeife im Mund sitzt auf dem Fensterplatz im überfüllten Zugabteil, ihm gegenüber seine geduldige Frau. Er blickt hinaus in die Vorortlandschaft um Kalkutta: winzige Landparzellen, vor den Hütten dunkle, ausgemergelte Frauen, die ihre schmutzigen schlecht ernährten Kinder aus dem Morast vor den Behausungen jagen.
Manchmal gleitet der Blick des Ausländers zu seinen Mitreisenden hinüber: Landarbeiter, Straßenverkäufer, junge Arbeitslose, Studenten, bengalische Frauen mit dem typischen scharlachroten Hennastreifen im Haar.
Abwesend klopft Günter Graß seine Pfeife auf dem Fensterrahmen aus. Der warme Fahrtwind bläst seiner Frau die Asche ins Gesicht. Sie schaut mit milder Mißbilligung zu ihm hin, er stößt ein entschuldigendes Grunzen aus.
Regelmäßig, wenn auch nicht gerade täglich, bestieg das Ehepaar Graß den Nahverkehrszug, der die beiden für je zwei Rupien (31 Pfennig) von Baruipur, einem kleinen Vorort 32 Kilometer südlich von Kalkutta, in die Stadt brachte.
Seit August vergangenen Jahres erlebt und erduldet der deutsche Schriftsteller Indien dort, wo es am faszinierendsten und zugleich am abstoßendsten ist: in der Elendsmetropole Kalkutta. "Ich hatte es _(Im Max-Müller-Bhavan. )
kaum anders erwartet", schrieb er einem Freund über seine Erfahrungen.
Ein Jahr lang wollte der 59jährige Abstand gewinnen von Kohl-Deutschland und seiner in Nabelschau versunkenen Kulturszene. Er wollte, wie er sagte, seiner drohenden "Selbstversteinerung" durch Klimawechsel entfliehen und - nach dem Verriß seines europäischen Weltuntergangsszenarios "Die Rättin" - im schmutzig-bizarren, lebensvollen Indien eine Gegenwelt erleben.
Der Zug aus Baruipur wird jetzt so voll, daß die Mitreisenden bei jedem Ruckeln über das Künstlerehepaar fallen. Doch die beiden Deutschen ertragen alles geduldig, den Lärm und das Gewirr, den Dreck im Abteil, das ständige Ploppen von Kronenkorken und den geschwätzigen Verkäufer, der ihnen Pulver gegen Wanzen, Kakerlaken und Läuse andrehen will.
Am Zielort, dem Sealdah-Bahnhof im Osten Kalkuttas, kommt es zu einem fürchterlichen Geschubse und Gerangel, weil die Wartenden den Zug entern, noch bevor alle Reisenden aussteigen können. Graß hält mit einem Arm seine Pfeife hoch über den Kopf, mit dem anderen schützt er seine Frau Ute vor dem Getümmel.
Erst dachten die Einwohner von Baruipur, das deutsche Paar, das da zu ihnen gekommen war, müsse leicht "bananas" sein verrückt. Doch dann gewöhnten sie sich so an die fremdländischen Gäste, daß sie traurig waren, als die beiden in ein besseres Viertel in Kalkuttas Norden umzogen. "Wir alle vermissen sie so", sagt Anwar Ali, der Gärtner des kleinen Landhauses, in dem das Ehepaar wohnte, "Günter Graß spielte oft mit meinem Sohn, und der Junge war ganz vernarrt in den Pfeifenonkel."
Die Frau des Gärtners nannte Frau Graß "didi", Schwester. "Sie hat schnell Bengalisch gelernt, und sie ist eine hingebungsvolle Gattin, immer um ihren Mann bemüht", erzählt Anwar Ali. Graß habe viel gezeichnet sei spät aufgestanden und habe zuviel Tee getrunken.
Manchmal schlenderte der Schriftsteller über den von Kokospalmen gesäumten Basar von Baruipur oder feilschte in Raschid Mullicks Laden um den Preis für Brot und Eier. "Ein gerissener Käufer, aber ein guter Mensch", urteilt der Händler anerkennend.
Doch nach acht Wochen hatten Graß und seine Frau genug von den Moskitos in Baruipur, den hartnäckigen Besuchern und den neugierigen Journalisten. Sie zogen in ein zitronengelbes Haus nach Lake Town, ein gehobeneres Viertel der Elf-Millionen-Stadt. Dort wird jeder unangemeldete Gast von einer Bengalin streng gemustert und ausgefragt, bevor er Einlaß bekommt. Meist bleibt die Tür des deutschen Gurus zu.
Jeden Mittwoch und Freitag fahren die beiden ins Max-Müller-Bhavan, so heißt das Goethe-Institut in Indien. Günter Graß, weite Hosen, lockeres Hemd und Sandalen, sitzt im weißen Korbstuhl im Garten des Instituts und blickt über seine halben Brillengläser abwartend in die Gesichter seiner Zuhörer. Die jungen bengalischen Deutsch-Studenten umschwärmen ihn, laden ihn in ihre Eltenhäuser ein und führen ihn durch Kalkutta. Seine Bücher sind in allen Buchläden der Stadt ausverkauft.
Das Max-Müller-Bhavan zeigte die Verfilmung der "Blechtrommel", der Autor las selbst aus der "Rättin" vor. "Günter Graß hat mehr für die deutschindischen Beziehungen gebracht als der Besuch eines Bundeskanzlers", sagt einer seiner Fans, der 25jährige Ramen Bose.
Da verzeihen sie dem deutschen Schriftsteller auch einige Äußerungen über Kalkutta, die sonst die stolzen Bengalen aufbringen würden. "Die Menschen wühlen im Müll, sie leben vom Müll, das ist ihre einzige Überlebenschance", hatte Graß in einem Interview im "Statesman", der größten englischsprachigen Zeitung von Kalkutta, im Dezember erklärt. "Sie sehen aus wie Müll, und sie sind außerhalb der Gesellschaft das heißt, die Gesellschaft betrachtet sie als Müll."
Als der indische Ministerpräsident Rajiv Gandhi Kalkutta einmal eine sterbende Stadt zu nennen wagte, gingen die Bengalen voll Wut auf die Straße. Aber die hitzköpfigen Einwohner von Kalkutta, die schon bei der geringsten Fahrpreiserhöhung die Straßenbahnen anzündeten und so ziemlich in jedem Ausländer einen CIA-Agenten vermuten, ertrugen die Graß-Äußerungen über den Müll als Lyrik besonderer Art.
"Herr Graß ist ein mitfühlender Mensch", so der bengalische Schriftsteller Ananda Sanker Ray über seinen deutschen Kollegen, "das war keine Abschätzigkeit, er meint es gut."
Vor zwölf Jahren hatte Graß nach einem ersten Besuch seine Liebe zu Kalkutta entdeckt. "Aber Kalkutta, diese bröckelnde, schorfige, wimmelnde, ihren eigenen Kot fressende Stadt", schrieb er im, Butt", "hat sich zur Heiterkeit entschlossen. Sie will, daß ihr Elend - überall ließe sich Elend photographieren - schrecklich schön ist.
Aber jetzt, nach noch nicht einmal einem halben Jahr, scheint Graß das schrecklich schöne Elend nicht länger ertragen zu können. "Ich habe alles gesehen, was man hier sehen muß", sagte er kürzlich einem Bekannten in Neu-Delhi. Ende Januar will der Schriftsteller wieder nach Hause - obwohl dem SPD-Anhänger auch in Indien nicht entgangen sein kann, wer dann wohl in Bonn weiterregieren wird.
Im Max-Müller-Bhavan.

DER SPIEGEL 3/1987
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