09.02.1987

VERSICHERUNGENNerven behalten

Die Versicherungsholding AMB will das Geld für den Kauf der BfG an der Börse holen - es wird nicht leicht. *
Zwei Stunden brauchte Helmut Gies, um seinen Aufsichtsrat zu überzeugen, die Öffentlichkeit hatte er schneller abgefertigt: Den Kauf der Bank für Gemeinwirtschaft, so der Chef der Aachener und Münchener Beteiligungs-AG (AMB) Ende November, werde er mit einem "bunten Strauß von Kapitalbeschaffungsmaßnahmen" ermöglichen.
So bunt wird der Strauß, wie sich nun zeigt, gar nicht - und vielleicht muß Gies sich auch nach einem ganz neuen Gebinde umsehen. Denn Gies möchte das Kapital über die Börse einsammeln, und die ist derzeit launisch.
Die Versicherungsholding AMB hatte im November die knappe Mehrheit der gewerkschaftseigenen BfG übernommen - 50 Prozent plus eine Aktie. Die dafür erforderlichen 1,86 Milliarden Mark sollen Aktionäre aufbringen. Zusammen mit den Experten der Dresdner Bank, der Hausbank der Aachener, haben sich Gies und seine Finanzmanager ein Dreistufenkonzept ausgedacht, das die Eigentümer der Versicherungsholding am 9. März billigen sollen. Gies möchte das Grundkapital der AMB zunächst aus Eigenmitteln von 66 auf 88 Millionen Mark aufstocken. Dafür erhalten die Aktionäre Gratisaktien.
Dann beginnt, so ein Börsenexperte, ein "finanzieller Husarenritt". Durch die Ausgabe von 1,76 Millionen jungen Aktien, die von einem Konsortium unter Leitung der Dresdner Bank zum Preis von 760 Mark angeboten werden, will die AMB ihr Grundkapital auf 176 Millionen Mark verdoppeln. Schließlich sollen im Ausland, vor allem in der Schweiz, weitere 800000 Aktien im Nennwert von 44 Millionen Mark zum Tageskurs an den Börsen plaziert werden.
Alles in allem, so hoffen die AMB-Manager, werden bei dieser zweitgrößten Aktienemission der Nachkriegsgeschichte rund zwei Milliarden Mark der Aachener Holding zufließen - mehr als genug, um den Preis für die BfG auf einen Schlag bezahlen zu können.
Doch das so großzügig entworfene Finanzierungsgerüst für die Machtübernahme in der Gewerkschaftsbank steht auf einem wackligen Fundament. Die Berechnungen nämlich gehen von einem Kurs für die AMB-Aktie von etwa 1800 Mark aus, und der ist zu hoch.
Seit Monaten schwindet die Kauflust der Anleger, und die AMB-Aktien liegen voll im Trend dieses Börsenabschwungs. Von April vergangenen Jahres bis Ende Januar fiel der Kurs von 2860 auf 1900 Mark. Vergangene Woche, nach der Bekanntgabe des ehrgeizigen Finanzierungsplans, sackte der Kurs gar auf unter 1500 Mark.
Hält der Trend an, droht das ganze Finanzpaket für die Bankübernahme zu platzen. Bei weiter fallenden Kursen kommt nicht genügend Kapital zusammen, um die Gewerkschaften auszahlen
zu können. Nach dem Neue Heimat-Fiasko mit dem Berliner Großbäcker Horst Schiesser kämen die Gewerkschaften erneut in Schwierigkeiten beim Ausverkauf ihrer Unternehmen.
Vor einem Jahr, als Gies die Gewerkschaftsmanager auf die BfG ansprach, machte er noch mächtig Eindruck. Die AMB-Holding lenkt eine Reihe starker Versicherungsunternehmen (siehe Graphik), darunter die "Ertragsperle" (Gies) Thuringia. Die AMB, so schien es, verfügt über genügend Masse, um eine so spektakuläre Transaktion wie den BfG-Kauf ohne Probleme meistern zu können.
Die Gewerkschaften sahen in den Aachenern einen so idealen Partner, daß sie weitaus interessantere Angebote ausschlugen. Amerikanische Interessenten etwa waren bereit, bis zu drei Milliarden Mark für die BfG-Mehrheit zu zahlen.
Doch Gies, der seine einseitig im Versicherungsgeschäft verankerte Holding seit langem auf eine breitere Basis stellen möchte, unterschrieb Mitte November den zehnseitigen Vertrag mit der Gewerkschaftsholding BGAG, dem bisherigen BfG-Eigner. Die BfG soll nach diesem Vertrag bis 1995 Hausbank der Gewerkschaften bleiben, die Aachener werden bis dahin von ihrer hauchdünnen Mehrheit keinen Gebrauch machen.
Strahlend vor Stolz und Glück über den gelungenen Coup verkündete Gies wenige Tage später: "Wenn wir unser Geschäft richtig betreiben, gehören wir im Jahre 2000 zu den drei größten Finanzkonzernen Deutschlands."
Doch nun zeigt sich, daß die oft gerühmte Finanzkraft, über die Gies zweifellos verfügt, nicht so leicht zu aktivieren ist. Denn die "prall gefüllte Kriegskasse", von der Gies gern schwärmte, liegt vor allem bei den Töchtern. Anders als die vor zwei Jahren geschaffene Allianz-Holding verfügt die AMB nicht über eigene Einnahmequellen. Sie ist vielmehr auf die Gewinnausschüttungen knapp 50 Millionen Mark im Jahr, der Töchter angewiesen.
Gelingt es Gies nicht, das nötige Kapital für die BfG-Übernahme an der Börse zu beschaffen, wird es schwierig. Er könnte sich zwar einen Kredit für den BfG-Kauf bei den Banken besorgen. Aber die Zinsen würden die Einnahmen aus der BfG - erwartet werden für 1986 und 1987 jeweils rund 50 Millionen Mark - bei weitem übersteigen.
Billiger wäre es, die Töchter am Kauf zu beteiligen. Doch da hätte das Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen in Berlin ein Wort mitzureden. Lehnt das Amt ab, könnte Gies nur versuchen, eine Tochter aus dem AMB-Imperium zu verkaufen, um mit dem Erlös bei der Bank einzusteigen.
Noch hoffen die AMB-Manager, solche Notlösungen vermeiden zu können. Bis zum Frühjahr, so hoffen sie, werde das Klima an der Börse wieder besser. Dann würden die 2,6 Millionen neuen Aktien schon ihre Käufer finden.
Viel Zeit bleibt dem ehrgeizigen Assekuranzmanager nicht. Am 1. Juni, so ist es vereinbart, wollen die Gewerkschaften das Geld für die BfG auf ihrem Konto haben. "Wir müssen", meint ein AMB-Manager, "jetzt einfach die Nerven behalten, dann klappt das schon."
[Grafiktext]
BfG: ZUM SCHLUCKEN ZU GROSS? Die Aachener-Münchener-Gruppe, die im November 1986 die BfG gekauft hat Streubesitz 80% (rund 15000 Aktionäre) 20% Royal Insurance Plc., London Prozentangaben = Beteiligungen der Aachener und Münchener-Gruppe Aachener und Münchener Beteiligungs-Aktiengesellschaft Aachen Kapital: 66 Mill. Mark Kaufpreis: 1,86 Milliarden Mark BfG Bank für Gemeinwirtschaft AG Frankfurt Kapital: 1 Milliarde Mark
[GrafiktextEnde]
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Die größte war die Ausgabe von Aktien der Feldmühle Nobel in Höhe von rund zwei Milliarden Mark 1986.

DER SPIEGEL 7/1987
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