09.02.1987

NAHRUNGSMITTELFestes Bollwerk

Die Industrie-Bäcker haben es schwer. Überkapazitäten drücken die Preise, viele Brotfabrikanten ziehen sich aus dem Geschäft zurück. *
Die Auswahl ist immer wieder beeindruckend. Durchschnittlich 40 verschiedene Brotsorten, vom knackigen Bio-Kloben bis zum pappigen Weizenbrötchen, hält ein normaler Supermarkt für seine Kunden bereit.
Brot und Backwaren gelten als ausgesprochene Kundenmagneten. Da langt fast jeder zu. 84 Prozent der Bundesbürger halten Brot für ein unentbehrliches Nahrungsmittel.
Die Voraussetzungen, so scheint es, um mit Brot und Backwaren gute Geschäfte zu machen, könnten nicht besser sein.
Doch das Bild täuscht. In wenigen Branchen wird so hart um Kunden und Konditionen gekämpft wie im industriellen Brotgewerbe. Viele Brotfabrikanten ziehen sich aus dem wenig einträglichen Geschäft zurück.
In den vergangenen zehn Jahren wuchs der Brotabsatz um magere neun Prozent. Obwohl die Kosten stiegen, konnte die Industrie Preiserhöhungen
bei den Einkäufern des Handels kaum durchsetzen. Da zudem die Rationalisierungsmöglichkeiten weitgehend ausgereizt sind - die Zahl der Beschäftigten liegt seit 1980 konstant bei 22000 -, klagen fast alle Firmen über sinkende Erträge.
Seit Jahren häufen sich die Meldungen über Firmenverkäufe. Erst vergangene Woche übernahm eine französische Firma die Großbäckerei Rugenberger. Der Verband der Brot- und Backwarenindustrie registrierte vor zehn Jahren noch weit über 200 Unternehmen. Inzwischen hat sich die Zahl glatt halbiert.
Trotz der Konzentrationswelle ist die Brotindustrie immer noch eine mittelständische Branche. Großunternehmen wie Unilever, Nestle oder Oetker wollen mit dem aufwendigen Geschäft nichts zu tun haben. In der Rangliste der 100 größten Lebensmittel-Lieferanten rangieren selbst die Riesen der Bäckerzunft - etwa Wendeln, Rugenberger oder Jaus - auf den hinteren Plätzen.
Da haben es die Einkäufer der Handelskonzerne leicht, die Konditionen zu diktieren. Wer nicht mitmacht, fliegt aus dem Geschäft.
Die Auslieferungsfahrer der Brotfabriken müssen die Regale in Ordnung halten, die Preise auszeichnen und die alt gewordene Ware wieder mitnehmen. Unzählige Rabattvariationen und langfristige Zahlungsziele - 30 bis 45 Tage nach Lieferung bekommen die Bäcker erst ihr Geld - machen das Brotgeschäft für den Handel zu einem einträglichen Sortiment. Die Hersteller müssen sich bestenfalls mit einer Umsatzrendite von 1,5 Prozent begnügen.
Überdies sind die Brotfabrikanten im Kampf gegen die kleinen Backstuben benachteiligt. Anders als die Handwerksbetriebe müssen die Fabriken die beim Backen verwendeten chemischen Zutaten auf der Verpackung detailliert angeben. Das Image der Fabrikware ist daher, oft zu Unrecht, schlechter als das des Brots vom Bäcker.
Anfangs traf der beinharte Kampf um Kundschaft vor allem die kleinen Brotfabrikanten, die nur in ihrem engeren Umkreis das Brot verkaufen. Inzwischen haben auch große und renommierte Firmen Probleme.
Das spektakulärste Beispiel für die Nöte der Industrie-Bäcker war in den vergangenen Monaten der Ausstieg der seit fast 60 Jahren in Berlin ansässigen Familie Paech aus dem Brotgeschäft.
Bis Anfang der Achtziger galt das Familienunternehmen als Marktführer in Berlin. Auch in Norddeutschland hatte sich Paech in die Spitzengruppe vorgearbeitet. Doch mit dem Vordringen nach Norddeutschland hatten sich die Paech-Manager offensichtlich übernommen. Schon 1983 wiesen etliche Um- und Neubesetzungen in der Paech-Führung auf Probleme hin. Zwei Jahre später war die Krise offenkundig. Paech legte einzelne Zweigwerke still und entließ 40 Prozent der Belegschaft.
Die Sanierung kam nur schleppend voran, der Umsatz fiel fast um die Hälfte. Da sah der bis dahin weithin unbekannte Horst Schiesser, Hauptlieferant für die Brotregale in den Aldi-Läden, seine große Chance.
Mit einem Schlag wollte der Billigmacher (Westfalia-Brot) zur Spitze aufsteigen und im einträglicheren Geschäft mit dem Markenbrot Fuß fassen. Vollmundig verkündete Schiesser im Juli vergangenen Jahres, nach der Übernahme von Paech: "Mit unserem Zusammenschluß haben wir mindestens bis zum Jahr 2000 ein krisenfestes Brotbollwerk."
Doch ebenso wie sein Part als größter Wohnungsunternehmer der Bundesrepublik währte auch Schiessers Rolle als Deutschlands größter Bäcker nur kurz. Ende November reichte Schiesser seine Neuerwerbung an die in Garrel bei Oldenburg ansässige Familienfirma Wendeln weiter.
Schiesser hat es in der Zunft seit seinem Ausflug in die Welt des großen Geldes noch schwerer als vorher, da er wegen seiner Aldi-Beziehungen schlecht angesehen war. Die Kollegen haben wenig Verständnis für seine Posse als Neue-Heimat-Sanierer. Ein solcher Handel, rügte Verbandspräsident Anton Hammel öffentlich, gehöre nicht zu den "üblichen Geschäftstätigkeiten" seiner Zunft.
Nach dem Rückzug Schiessers hat sich die Firma Wendeln als neuer Brotkönig etabliert. Die Großbäcker aus Garrel haben eine heruntergewirtschaftete Firma nach der anderen aufgekauft und in aller Stille ihr Verbreitungsgebiet zunächst auf Niedersachsen und später auf den gesamten norddeutschen Raum ausgedehnt. Mit Paech sind sie nun auch in Berlin dabei.
Der Aufstieg der Wendeln-Gruppe wird von den Konkurrenten mit Argwohn beobachtet. Die Bäcker aus Garrel, so behaupten sie, betrieben einen "knallharten Wettbewerb im Kampf um die Kunden". In einigen ihrer norddeutschen Zweigwerke, behaupten Gewerkschafter, nähmen die Wendeln-Manager es auch "nicht so genau mit den Tarifverträgen".
Insgesamt unterhält die Firmengruppe (270 Millionen Mark Umsatz) nun acht Produktionsbetriebe und beschäftigt rund 2000 Mitarbeiter. Fast 1000 Lastwagen beliefern täglich rund 15000 Supermärkte zwischen Flensburg und Kassel mit Brot- und Backwaren.
Und das soll erst der Anfang sein. Im Sommer 1986 zog Wendeln einen vielversprechenden Auftrag an Land. Für zehn Jahre übernahm Wendeln die "Distributionsverantwortung" für das Brot- und Backwarensortiment sämtlicher 1600 Filialen des Handelsriesen Co op.
Zwar wurde der Start des umstrittenen Distributionssystems inzwischen um einige Monate verschoben, dennoch fürchten viele Brothersteller um ihre Regalplätze in den Co-op-Läden. Auf Dauer, da sind sich die Konkurrenten einig, werde Wendeln versuchen, bei Co op das Geschäft allein zu machen.
Die Wendeln-Manager bestreiten das. Doch erste Indizien für die These der Konkurrenz gibt es bereits. Ende Dezember übernahm Wendeln die Nürnberger Brotfabrik Geback. Damit sind die Oldenburger erstmals auch in Süddeutschland vertreten.

DER SPIEGEL 7/1987
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