30.05.2015

FußballSpielverderber

Die Fifa, der wichtigste Sportverband der Welt, steht seit Jahrzehnten unter Korruptionsverdacht. Nun ermitteln Amerikas Justizministerin und das FBI wegen organisierter Kriminalität. Endlich. Die Funktionäre haben es nicht anders verdient.
Ausgerechnet eine Frau. Eine Amerikanerin. Die erste schwarze Justizministerin in der Geschichte der Vereinigten Staaten. Als Loretta Lynch vor gerade fünf Wochen in Washington ihr Amt antrat, erzählte sie, wie sie als kleines Mädchen in North Carolina mit ihrem Großvater auf dem Feld war und ihn bat, dass er sie auf den Rücken des Esels hob, damit sie mehr sehen konnte, höher, weiter, so viel Welt wie möglich. Und dann sagte sie: Dieses Mädchen ist nun Justizministerin der Vereinigten Staaten. We can do anything. Alles ist möglich.
Am Mittwoch vergangener Woche hatte Lynch ihren zweiten großen Auftritt. Diesmal in einem Justizgebäude in Brooklyn, New York. Hinter ihr eine Bücherwand mit Rechtsliteratur, davor der FBI-Chef James Comey und diverse Ermittler. Sie ist 56 Jahre alt, eine zierliche Frau, die Mutter Schulbibliothekarin, der Vater Pfarrer einer Baptistengemeinde. Sie hat eine warme Stimme, man kann ihr stundenlang zuhören, sie hat Charme und den Sound der schwarzen Kirche, aber sie ist eine Karrierejuristin, ihren Doktor hat sie in Harvard gemacht, sie war Staatsanwältin. Sie weiß nicht nur, dass alles möglich ist. Sie weiß auch, wie sie es bekommt.
Nun ist Loretta Lynch angetreten, die Fifa, neben dem IOC der mächtigste und reichste Sportverband der Welt, vor Gericht zu bringen. Ausgerechnet eine Frau, eine Amerikanerin, die möglicherweise nicht sonderlich viel Ahnung hat von Fußball, dem Spiel der Spiele, nichts weiß von Doppelsechs, Umschalten und Pressing. Vielleicht nicht einmal von dem Genie eines Messi oder eines Ronaldo. Sie muss das alles nicht wissen. Sie hat nur den Verdacht, dass dieser Weltfußballverband unter Führung seines Präsidenten Joseph Blatter eine kriminelle Organisation ist.
Ehrlich gesagt, es ist viel mehr als nur ein Verdacht. Seit Jahren schon hat Lynch als Bundesstaatsanwältin in New York die Ermittlungen gegen Fußballfunktionäre geleitet. Am vergangenen Mittwoch in Brooklyn berichtete sie auf einer Pressekonferenz, dass am Morgen im fernen Zürich, im feinen Hotel Baur au Lac, sieben Funktionäre der Fifa von Schweizer Polizisten verhaftet worden waren. Insgesamt gebe es 14 Beschuldigte. Der Vorwurf: Korruption, Betrug, Geldwäsche. Sie nennt auch Zahlen von Bestechungsgeldern, die geflossen seien: insgesamt mehr als 150 Millionen Dollar. Die Verdächtigten hätten eine moralische Verantwortung gehabt, den Fußball zu pflegen und zu entwickeln, sie hätten dieses Vertrauen missbraucht, um sich selbst zu bereichern, und damit Kindern auf der ganzen Welt geschadet, deren Traum es sei, Fußball zu spielen.
Noch nie gab es eine größere Anklage gegen den Weltfußballverband. Und noch nie ist eine Anklage gegen den Fußball mit einem solch hohen Aufwand betrieben worden, von den besten Ermittlern der USA, ausgerüstet mit modernster Technik und dem absoluten Willen, das kriminelle System Weltfußball zu entlarven. "Die Ermittlungen sind mitnichten vorbei", erklärte Staatsanwalt Kelly Currie an diesem Mittwoch. Eine Drohung? Absolut.
Und auch das muss vorweg gesagt werden: Die Fifa hat es nicht anders verdient. Seit Jahrzehnten schon gab es immer wieder Skandale, seltsame Praktiken bei der Vergabe von Fernsehrechten und der Auswahl von Austragungsländern. Und immer wieder und noch viel häufiger machten Gerüchte darüber die Runde, wie viel Geld die Funktionäre sich in die Tasche steckten, damit Ausrüster einen Deal bekommen, Sportvermarkter ihre Assets, Funktionäre ihre Wahlstimmen. Die Gerüchte hörten sich oft an wie wüste Verschwörungstheorien, und wenn sie sich zu bewahrheiten schienen, wurden interne Kommissionen eingesetzt, nicht um die Dinge aufzuklären, sondern um sie zu vertuschen.
Das alles erinnert an den Radsport, der jahrzehntelang von Doping verseucht war. Alle wussten es, die meisten machten mit, viele vertuschten, bis staatliche Ermittler in Frankreich und Italien begannen, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Doch erst als amerikanische Ermittler gegen Lance Armstrong, den Weltstar des Radrennsports, vorgingen und mit Gerichtsverfahren drohten, brach das System zusammen. Heute ist der Radsport tot oder zumindest vergessen.
Fußball ist viel größer, die Fifa viel mächtiger und reicher als der internationale Radsportverband. Allein 5,7 Milliarden Dollar hat der Weltfußballverband im vergangenen, vier Jahre dauernden WM-Zyklus eingenommen, 1,5 Milliarden mehr als in den vier Jahren davor. 2,5 Milliarden davon zahlten Fernsehsender, 1,6 Milliarden die Sponsoren. Bei der Machtübernahme von Fifa-Präsident Joseph Blatter 1998 hatte der Verband Reserven von 3 Millionen Dollar, 2014 waren es 1,5 Milliarden.
209 nationale Verbände haben sich in der Fifa zusammengeschlossen, die Uno hat nur 193 Mitglieder. In seinen Reden spricht Blatter wie ein Monarch von seinem Reich, von der weltumspannenden Kraft des Fußballs, von der Schönheit des Spiels, aber auch von seiner politischen Wucht. Wahrscheinlich hält er sich wirklich für einen König, und auch das wäre nur eine kleine Anmaßung.
Denn Fußball ist das Spiel der Spiele, das schönste, größte, verführerischste der ganzen Welt. Das Finale der Weltmeisterschaft im vergangenen Juli sahen rund um den Globus eine Milliarde Menschen, in Deutschland allein waren es fast 35 Millionen. Kein Schulhof auf dieser Welt, auf dem sich nicht achtjährige Jungs darüber streiten, wer besser ist: Messi oder Ronaldo? Und ob es nicht vielleicht doch sein kann, dass Neymar vom FC Barcelona zum FC Bayern wechselt? Auf den iPads ihrer Eltern spielen sie "Fifa 15", wo sie ihre Fantasien ausleben und die Wirklichkeit nachahmen. Sie lernen die Tricks der Großen, sie merken sich die Namen der Spieler und der Vereine und werden nebenbei eingeführt in die hyperkapitalistische Fußballwelt, in der die Statistikwerte der einzelnen Spieler genauso wichtig sind wie ihre Marktwerte. Sie sind süchtig nach diesem Spiel, und kein Fußballfan jenseits der Pubertät sollte glauben, dass er selbst ganz und gar anders sei.
Die Macht des Spiels ist es auch, dass der Fußball ein Spiegel der Realität ist. Das WM-Halbfinale Deutschland gegen Brasilien beispielsweise zeigte ja nicht nur das Spiel einer plötzlich hoffnungslos unterlegenen Mannschaft gegen einen übermächtigen Gegner. Auf dem Rasen zerplatzte wie in einer kollektiven Psychose der Traum einer zerrissenen Nation, die auf Einheit und Erfolg und Harmonie hoffte. Überall mischen sich längst schon im Fußball die Welt des Spiels und die Welt der Macht und Politik. Ukrainische Oligarchen, Herrscher über ein Land, halten sich Fußballvereine wie einen Zoo. Ein spanischer Bauunternehmer, der das Land in die Immobilienblase trieb, regiert den größten Klub des Landes und häuft Schulden in dreistelliger Millionenhöhe an. Ein Konzern wie Red Bull entdeckt den Fußball nicht nur als Marketinginstrument, sondern als eigenen Geschäftszweig. Ein Unternehmen wie VW leistet sich einen eigenen Bundesligaklub. Der russische Energiekonzern Gazprom macht aus Fußball Politik. Und wenn, wie es nun geschieht, auch amerikanische und Schweizer Ermittler die Umstände der Vergabe der WM 2018 nach Russland untersuchen, wird in den Reaktionen russischer Politiker, die von politisch motivierten Ermittlungen sprechen, deutlich, dass längst schon wieder ein neuer Kalter Krieg begonnen hat.
20 Milliarden Euro setzen die europäischen Fußballklubs jährlich um. Hinzu kommen die Milliarden, die Sportartikelhersteller verdienen, die Fernsehsender, die Werbeagenturen. Und die Fifa mit ihrer alle vier Jahre stattfindenden Weltmeisterschaft bereitet die große Bühne für das Spiel und für das Geschäft drum herum. Ein Klub der alten Männer, die sich seit Jahrzehnten kennen. Ehemalige Spieler wie Franz Beckenbauer genauso wie gewählte Funktionäre, die oft ehrenamtlich tätig sind, sie alle haben seit den Achtzigerjahren mit großem Erfolg die Kommerzialisierung des Spiels betrieben. Und es scheint tatsächlich so zu sein, wie es Korruptionsexperten beschreiben: Wenn ein kleines, geschlossenes, intransparentes System plötzlich mit viel Geld geflutet wird, gedeiht die Korruption, entsteht wie bei der Mafia organisierte Kriminalität. Und die Droge, die diese Gangster verkaufen, heißt: Fußball.

Das Zürcher Hotel Baur au Lac, zwischen Börse und See gelegen, ist das Lieblingshaus von Fifa-Funktionären, Diener in weißem Livree servieren hier ein Glas frisch gepressten Orangensaft für 14 Franken. Es war viertel vor sieben am Mittwochmorgen, als sich sieben hochrangige Fifa-Funktionäre, darunter die Exekutivkomiteemitglieder Jeffrey Webb von den Cayman Islands und Eugenio Figueredo aus Uruguay, von Beamten der Zürcher Kantonspolizei widerstandslos festnehmen ließen. Fünf wurden in Autos abtransportiert, die in der Tiefgarage gewartet hatten. Die zwei anderen wurden von Beamten durch einen Seiteneingang abgeführt.
Bilder von der Festnahme gibt es nur, weil der Schweizer Fotograf Pascal Mora einen Tipp von der anstehenden Verhaftung bekommen und in der Lobby des Hotels gewartet hatte. Als um kurz nach sechs mehrere Zivilfahnder an der Rezeption nach den Zimmerschlüsseln der Fifa-Funktionäre fragten, brachte sich Mora am Seiteneingang des Hotels in Stellung und schoss die Bilder einer Verhaftung, die den Weltfußball für immer verändern werden.
Die Anschuldigungen, die den Mitstreitern des Fifa-Präsidenten Joseph Blatter gemacht werden, lesen sich tatsächlich, als handelte es sich um Ermittlungen gegen Mobster: Die Staatsanwaltschaft des Eastern District of New York wirft den Fußballfunktionären vor, über einen Zeitraum von 24 Jahren Schmiergeldzahlungen und Kickback-Geschäfte von mehr als 150 Millionen Dollar angenommen zu haben.
Keine drei Kilometer Luftlinie entfernt, auf dem Zürichberg, rückte gleichzeitig die Schweizer Bundesanwaltschaft an. Dort steht das Hauptquartier der Fifa. Die Beamten stellten elektronische Daten und Dokumente sicher, auf denen sie sich Informationen zur Vergabe der umstrittenen Fußball-Weltmeisterschaften 2018 in Russland und 2022 in Katar erhoffen. Die Ermittlungen richten sich – noch – gegen unbekannt. Es besteht der Verdacht der "ungetreuen Geschäftsbesorgung" sowie der Geldwäsche auf Schweizer Konten.
Ende der Woche sollte, so sah die Choreografie es vor, die Krönungsmesse für Sepp Blatter sein. Der Schweizer, der seit 1998 die Fifa regiert, stand zur Wiederwahl, und eigentlich gab es keinen Zweifel daran, dass er seinen einzigen Gegenspieler, den Jordanier Ali Bin Al-Hussein, auf Abstand halten und mit großer Mehrheit zum vierten Mal in seinem Amt bestätigt würde. Der Sonnenkönig aus dem Örtchen Visp im Wallis, ein Gerontokrat von 79 Jahren. Der ewige Sepp und sein ewiges Reich. Gier. Günstlingswirtschaft. Korruptionsstadl. Selbstbedienungsmentalität. Dunkelkammer Fifa. Das schwarze Loch, in das durch den Verkauf der Rechte an den Fußball-Weltmeisterschaften Milliarden Dollar fließen. Und einiges davon versickert, wo auch immer, wie auch immer.
Nach den Durchsuchungen und Verhaftungen am Mittwoch schickte Blatter seinen Sprecher Walter De Gregorio vor die Weltpresse, der erklärte, die Ermittlungen der Schweizer und der US-Behörden richteten sich nicht gegen Blatter: "Der Präsident ist nicht involviert. Er tanzt nicht in seinem Büro. Aber er ist entspannt, weil es eine Bestätigung ist, dass er nicht beschuldigt ist. Aber er ist kein glücklicher Mann heute."
De Gregorios Auftrag war durchsichtig: Er sollte Blatter als Aufklärer und Reformer darstellen, und er sollte den Skandal und die Bedrohung für die Fifa kleinreden. Doch seit dem vorigen Mittwoch hat die Fifa einen Gegner, der alles daransetzen wird, Blatters Schattenreich bis in den letzten Winkel auszuleuchten: eine Allianz unterschiedlicher US-Behörden, zu der das Justizministerium in Washington gehören, die Staatsanwaltschaft des östlichen Distrikts von New York, das FBI sowie die Steuerfahnder der Internal Revenue Service-Criminal Investigation. In einer Mitteilung des US-Justizministeriums heißt es: "Genug ist genug." Die Verhaftungen und Durchsuchungen hätten gezeigt, dass die US-Behörden "gewillt" seien, bei der Fifa "sämtliche korrupten Praktiken zu beenden, Machtmissbrauch auszurotten und Straftäter vor Gericht zu stellen – und wir freuen uns darauf, auch mit anderen Ländern an dieser Aufgabe zu arbeiten". Es klingt fast, als wären die Amerikaner auf einem Kreuzzug.
Die Vorwürfe der US-Behörden sind in einer 162 Seiten umfassenden Anklage gebündelt. Es geht vor allem um schmutzige Geschäfte in den Kontinentalverbänden Nord-, Mittel- und Südamerikas, der Confederation of North, Central America and Carribbean Association Football (Concacaf) sowie der Confederación Sudamericana de Fútbol (Conmebol). Sie sind das Pendant zur Uefa in Europa.
Millionen Dollar für Bestechungen sollen an die Funktionäre geflossen sein, um sich die lukrativen Übertragungs- und Marketingrechte an internationalen Fußballturnieren zu sichern – und sie zu ihrem eigenen Vorteil auszuschlachten.
Laut den Ermittlungsunterlagen geht es um WM-Qualifikationsspiele im Concacaf-Revier. Es geht um einen Wettbewerb namens Gold Cup, um die Copa Libertadores, die südamerikanische Variante der Champions League. Es geht aber auch um einen Werbe-Deal zwischen dem US-amerikanischen Sportartikelgiganten Nike und dem brasilianischen Fußballverband. Und um die Vergabe von Fußball-Weltmeisterschaften, den wundesten Punkt in Blatters Fifa.
Wie der Kauf von Stimmen funktioniert haben soll, lässt sich beispielhaft an der WM 2010 in Südafrika nachvollziehen. Neben den Südafrikanern hatten sich die Marokkaner beworben, es schien ein enges Rennen zu werden. Im Mai 2004 sollte das Exekutivkomitee der Fifa über die Vergabe abstimmen.
Im Frühjahr 2004 machten sich den Dokumenten zufolge die damaligen Concacaf-Bosse Jack Warner und Charles Blazer, beide Mitglieder im Fifa-Exekutivkomitee, auf zu einer Roadshow. Sie inspizierten nicht nur die örtliche Infrastruktur, sondern loteten auch aus, wie viel Geld die Bewerber unter der Hand für ihre beiden Stimmen zu zahlen bereit waren. Die Marokkaner boten, so steht es in den Ermittlungsunterlagen der New Yorker Staatsanwaltschaft, eine Million Dollar. Folgt man Charles Blazer, dann kannten die Marokkaner sich mit Bestechung schon aus. Bereits im Vorfeld der Vergabe der WM 1998 sollen sie Funktionären Geld gezahlt haben – die WM ging dennoch an Frankreich.
Wie die Marokkaner hatten offenbar auch die Südafrikaner bereits Erfahrung mit dem Kauf von Fifa-Stimmen gemacht – insbesondere mit Jack Warner. Vor der Abstimmung um die Austragung der Fußball-WM 2006, bei der Südafrika im Juli 2000 Deutschland unterlegen war, soll Warner einen Vertrauten nach Paris geschickt haben, um eine südafrikanische Delegation zu treffen. In einem Hotelzimmer habe ein hochrangiges Mitglied des südafrikanischen Organisationskomitees einen Geldkoffer mit Bündeln von jeweils 10 000 Dollar überreicht. Warners Mittelsmann blieb nur für ein paar Stunden in der französischen Hauptstadt, ehe er mit dem nächsten Flugzeug zurück nach Trinidad und Tobago flog, Warners Heimatland.
Diesmal, beim Rennen um die Weltmeisterschaft 2010, sollte nichts schiefgehen. Wie bei einer Auktion stachen die Südafrikaner Marokko im Frühjahr 2004 aus, indem sie zehn Millionen Dollar offerierten, damit drei US-Funktionäre "die afrikanische Diaspora unterstützen". Laut den Ermittlungsakten soll die Bestechung nicht nur von den südafrikanischen Fußballfunktionären ausgegangen sein, auch die Fifa sei involviert gewesen sowie die südafrikanische Regierung. Doch die Südafrikaner hatten wohl Probleme, die zehn Millionen zu bezahlen. Geld direkt aus dem Haushalt der Regierung zu überweisen, schien zu riskant, schwarze Kassen waren in dieser Größenordnung offensichtlich nicht vorhanden. Am Ende ersonnen die Konspirateure nach jahrelangem Hin und Her einen Umweg: Das Geld sollte direkt von der Fifa überwiesen werden, und zwar aus dem Etat, der eigentlich für die Förderung des Fußballs in Südafrika vorgesehen war.
Am 2. Januar 2008, so steht es in den Akten der US-Ermittler, überwies die Fifa 616 000 Dollar auf ein Depot der Bank of America in New York, das auf den amerikanischen Fußballverband Concacaf lief, aber laut Ermittlern von Jack Warner kontrolliert wurde. Vier Wochen später, am 31. Januar 2008, flossen aus Zürich weitere 1,6 Millionen Dollar. Und am 7. März 2008 folgte der Löwenanteil von 7,784 Millionen Dollar – zusammen genau jene zehn Millionen, die vereinbart waren.
Warner splittete das Geld anschließend in kleine Tranchen auf, wusch es und überführte es auf private Konten, die unauffällig zu sein schienen. Dabei nutzte er Zwischenhändler in Trinidad und Tobago, um die Spuren zu verwischen.
Als Charles Blazer von einem Fifa-Funktionär hörte, dass die zehn Millionen geflossen waren, meldete er sich bei Warner und verlangte seinen Anteil: eine Million Dollar. Warner klagte, er habe bereits zwei andere Funktionäre auszahlen müssen, er müsse Blazers Anteil deshalb mindern.
Im Dezember 2008 überwies Warner 298 500 Dollar auf Blazers Konto in New York, eine zweite Tranche folgte per Scheck für ein Bankkonto in der Karibik. Einen weiteren Scheck über 250 000 Dollar lieferte einer von Warners Mittelsmännern persönlich bei Blazer im damaligen Concacaf-Hauptquartier in New York ab.
Der Beschuldigte Jack Warner, der sich noch am Tag der Verhaftungen von Zürich den Behörden in seinem Heimatland Trinidad und Tobago stellte, behauptet, er habe mit der ganzen Sache nichts zu tun.
Die Veröffentlichung all der kompromittierenden Details versetzt aber nicht nur Südafrikas Regierung in Aufregung. Sie muss auch Sepp Blatter in Panik versetzen. Wer soll ihm glauben, wenn er beteuert, er habe nicht gewusst, dass zehn Millionen Dollar aus der Fifa-Kasse an Jack Warner und Chuck Blazer flossen?
Für die Fifa muss es ein Albtraum sein, dass Blazer, ein früherer Intimus Sepp Blatters, zum Kronzeugen der US-Ermittlungsbehörden wurde. 17 Jahre lang, bis 2013, gehörte der US-Amerikaner als Mitglied der Fifa-Exekutive zum Inner Circle des Fifa-Präsidenten, sein Spitzname war "Mister Zehn Prozent", ein Mann, der bei jedem Deal seine Hände aufhielt.
Ins Visier der US-amerikanischen Fahnder war Blazer bereits 2011 geraten. Ihm wurde zum Verhängnis, dass die amerikanische Regierung seit den Terroranschlägen von 9/11 die internationalen Finanzströme überwacht und Transaktionen von mehr als 10 000 Dollar von den Banken, aber auch Auslandskonten von US-Bürgern gemeldet werden müssen.
Wie einst bei Al Capone begannen die Ermittlungen gegen Blazer als Steuerfall, weil er zwischen 2005 und 2011 zehn Millionen Dollar vor dem Finanzamt verheimlicht hatte, um unter anderem ein Penthouse im New Yorker Trump Tower und ein Apartment in Miami zu finanzieren. Der Tipp kam wohl von Blazers altem Concacaf-Buddy Jack Warner, mit dem Blazer sich überworfen hatte. Warner hatte die kompromittierenden Unterlagen an die Behörden geschickt.
Fortan war Blazer, der sich gegenüber der Staatsanwaltschaft von New York bereits im November 2013 diverser Straftaten wie Geldwäsche und Steuerhinterziehung für schuldig bekannt hatte, ein V-Mann für die Behörden. "Wir können Sie entweder in Handschellen abführen, oder Sie kooperieren", sollen ihm die Agenten gesagt haben. Blazer, der mittlerweile an Darmkrebs erkrankt ist, kooperierte.
Bei den Olympischen Sommerspielen 2012 in London etwa traf sich Blazer mit zahlreichen Fifa-Funktionären. Die Gespräche zeichnete er für die US-Ermittler auf – über ein Mikrofon, das in seinem Schlüsselanhänger installiert war. Ein Spion in der Welt des geldverseuchten Fußballs.

Der Moment, von dem an das große Geld in den Fußball floss, liegt irgendwo am Beginn der Siebzigerjahre. Es waren die Profis der 74er-Generation, die während der Weltmeisterschaft in Deutschland das Spiel nicht nur auf dem Platz, sondern auch geschäftlich modernisierten. Das deutsche Team hatte sogar mit Streik gedroht, weil es sich mit dem DFB nicht über die fünfstelligen Siegprämien einigen konnte. Männer wie Johan Cruyff oder Franz Beckenbauer wurden plötzlich Popstars, die den internationalen Jetset suchten, gut dotierte Verträge von Sponsoren bekamen und für Bonbons, Bücher und Benzin warben. Franz Beckenbauer allein beispielsweise verdiente 1,5 Millionen Mark durch die Weltmeisterschaft, und schon die Hälfte der Fifa-Einnahmen bestand damals aus der Vermarktung von Rechten für Fernsehen und Radio, für Werbung und Souvenirverkäufe. Der Weltfußballverband machte einen Gewinn von 50 Millionen Mark, doppelt so viel wie beim Turnier in Mexiko vier Jahre zuvor.
Die WM 1982 in Spanien schließlich wurde erstmals exklusiv für Sponsoren vermarktet, und fortan stiegen die Einkünfte der Fifa, die drei Weltmeisterschaften in den Neunzigerjahren brachten bei Sponsoren und Fernsehen gar sagenhafte 220 Millionen Euro. Längst hatte genau jene 74er-Generation die Klubs in ihren Heimatländern übernommen und sie mehr und mehr zu modernen Unternehmen umgebaut. Aus Vereinen wie Bayern München, Real Madrid und FC Barcelona wurden weltweit operierende Konzerne.
Es gab immer wieder Momente, in denen deutlich wurde, dass die Modernisierung des Sports auch ein Schattenreich erschaffen hatte. Dies zeigte sich vor allem in der Affäre um die Rechteagentur International Sport and Leisure (ISL), die, jedenfalls bis vergangene Woche, als einer der größten Betrugsskandale der Sportgeschichte gilt.
Die Schweizer ISL, 1982 vom damaligen Adidas-Chef Horst Dassler gegründet, kaufte Vermarktungsrechte von Sportveranstaltungen und verkaufte sie weiter – an Sponsoren, an Fernsehsender und an allerlei Firmen, die Lizenzen erwarben, um beispielsweise das WM-Logo auf ihre Produkte zu drucken. Sie war schnell im großen Geschäft, schon für die WM 1986 in Mexiko erhielt sie von der Fifa den Auftrag zur weltweiten Vermarktung.
Heute steht fest, dass die ISL bis zu ihrem Konkurs im Jahr 2001 rund 160 Millionen Schweizer Franken Schmiergeld gezahlt hatte, unter anderem an Fifa-Mitarbeiter. Wohin das Geld am Ende floss, ist nie ganz aufgeklärt worden, von zwei Dritteln der Summe fehlt jede Spur.
Blatters Name hatte nicht auf der Empfängerliste gestanden, aber er wusste von den Zahlungen. Solche "Provisionen" seien früher in der Schweiz legal gewesen, sagte er, man habe sie "sogar von den Steuern absetzen können". Was sarkastisch klang, war ernst gemeint. Rechtlich gesehen lag kein Delikt vor, also war der Fall für Blatter nicht weiter der Rede wert. Zumal auch die sogenannte Fifa-Ethikkommission im April 2013 nach einer weiteren Überprüfung der Vorgänge konstatierte, dass das Verhalten des Präsidenten zwar "ungeschickt gewesen sein" möge, aber nicht zu einem "strafrechtlichen oder ethischen Fehlverhalten" geführt habe. Spätestens mit diesem Freispruch war der Fall für Blatter abgeschlossen.
Die ISL-Affäre hätte das Zeug dazu gehabt, das System der Fifa freizulegen und den Weltverband in dessen Grundfesten zu erschüttern. Doch Korruptionsexperten, Kontrolleure und Fahnder kamen nicht weit genug voran.
Warum also sollte sich ein Mann wie Blatter – an dem die besten Juristen abgeglitten waren, der von Königen und Präsidenten hofiert wird – irgendwelche Sorgen machen?
Den Weg zu Blatters eigener Monarchie hatte sein Vorgänger Dr. Jean-Marie Faustin Godefroid (genannt João) de Havelange geebnet. Er ist der Sohn eines belgischen Industriellen aus Lüttich, der nach Brasilien ausgewandert war, und galt über zwei Jahrzehnte lang neben dem IOC- Präsidenten Juan Antonio Samaranch als mächtigster Sportführer der Welt. Der vermögende Großindustrielle aus Brasilien nahm zweimal an Olympischen Spielen teil. Er baute den Verwaltungsapparat Fifa zum Sportunternehmen um.
1974 war er in Frankfurt als erster Nicht- europäer zum Präsidenten der Fifa gewählt worden. Auch ihm waren damals die Stimmen der fußballerischen Entwicklungsländer zugutegekommen. Er hatte sie mit einem Millionenaufwand auf eigene Kosten bereist und ihnen Förderprogramme in Aussicht gestellt. Deswegen wohl stockte er die WM von 16 Nationen auf zunächst 24 und ab 1998 auf 32 auf. Havelange rühmte sich, der Fifa "die Strukturen eines modernen Industrieunternehmens gegeben" zu haben. Und er wollte neue Märkte für den Fußball gewinnen. Bei den TV-Rechten landete er 1996 einen großen Coup. Er erteilte für 2,8 Milliarden Schweizer Franken dem Medienmogul Leo Kirch den Zuschlag bis 2006. Die Mehreinnahmen ließ Havelange auf die Mitgliedsverbände verteilen.
Havelange sagte bereits während der WM 1990: "Der Fußball ist eine riesige Industrie geworden, und er muss mit entsprechendem Management geleitet werden."
Was er damit meinte? Havelange jedenfalls, das ist belegt und bewiesen, hat, genauso wie sein ehemaliger Schwiegersohn Ricardo Teixeira, ebenfalls damals ein ranghoher Fifa-Funktionär, Gelder von ISL bekommen. Insgesamt 21,9 Millionen Schweizer Franken. Modernes Family Business.
Als sich seine Amtszeit 1998 dem Ende zuneigte, versuchte Havelange, die Weichen für Blatter zu stellen. Es war seine Empfehlung, die WM 2006 an Südafrika zu vergeben, und dies sollte seinem Generalsekretär Blatter den Weg auf den Präsidentensitz ebnen.
Doch die Weltmeisterschaft 2006 ging stattdessen nach Deutschland. Mit dem heutigen Wissen scheint es fast unmöglich, dass ausgerechnet diese WM-Vergabe frei von Beeinflussungen und Korruption gewesen sein soll. Zumal die Wahl sehr knapp ausfiel. Bei der entscheidenden Sitzung am 6. Juli 2000 in Zürich setzte sich Deutschland mit zwölf zu elf Stimmen gegen Südafrika durch. Interessant ist, dass der Delegierte Charles Dempsey aus Neuseeland unter bis heute ungeklärten Umständen die Sitzung verließ; er hatte vom ozeanischen Verband eigentlich den Auftrag bekommen, für Südafrika zu stimmen. Mit seiner Stimme hätte es ein Patt gegeben, Fifa-Präsident Blatter hätte dann doppeltes Stimmrecht gehabt, er hatte sich schon lange für Südafrika starkgemacht.
In einem Interview mit einem Schweizer Boulevardblatt sagte Blatter später zum Thema "gekaufte WM": "Da erinnere ich mich an die WM-Vergabe für 2006, wo im letzten Moment jemand den Raum verließ ... Nein, ich vermute nichts. Ich stelle fest." Ein typischer Blatter-Satz.
Thematisiert, aber niemals belegt wurde auch ein möglicher Zusammenhang zwischen der WM-Vergabe und dem Verhalten des damaligen Kanzlers Gerhard Schröder, der wenige Tage vor der entscheidenden Sitzung in Zürich im Bundessicherheitsrat die Lieferung von 1200 Panzerfäusten an Saudi-Arabien durchgesetzt hatte, dem Heimatland eines der entscheidungsberechtigten Delegierten. Eine Verschwörungstheorie? Wahrscheinlich. Und wenn nicht?
Weltmeisterschaften in Deutschland und in Südafrika, die erste überhaupt auf dem afrikanischen Kontinent, das sind Entscheidungen, die in ihrer Entstehung wohl zweifelhaft, aber dennoch nachvollziehbar waren.

Am 2. Dezember 2010 aber wurden gleich zwei Weltmeisterschaften auf einen Schlag vergeben. 2018 soll das Turnier in Russland stattfinden und 2022 das in Katar. Die eine Entscheidung ist so politisch delikat wie die andere absurd. Korruption, Bestechung, Geldwäsche, das alles wollen die Ermittler aus der Schweiz und den USA nun herausfinden.
Eine Weltmeisterschaft in Katar? In der Wüste bei 50 Grad in der Sonne? In einem Land, das halb so groß ist wie Hessen, in neugebauten Stadien, die zwar schick aussehen werden, aber wie riesige offene Kühltruhen gebaut werden müssen, damit nicht nur die Zuschauer, sondern auch die Spieler die Hitze überleben?
Das alles ist tatsächlich so absurd, dass es eigentlich fast bewundernswert ist, wie die Fifa die Entscheidung für Katar als eine total normale und logische erklären kann.
Schon weit im Vorfeld der Bewerbung wurden offenbar Stimmen gekauft. Izetta Wesley, damals Präsidentin des Verbands von Liberia, schrieb bereits 2009 in einer E-Mail an einen Mitarbeiter des katarischen Geschäftsmanns und Fußballfunktionärs Mohamed Bin Hammam, lange wichtigster Wahlhelfer des Fifa-Präsidenten Joseph Blatter: "Ich habe die Überweisung erhalten. Bitte richten Sie Mohamed Dank und Wertschätzung aus. Möge Allah der Allmächtige seine Quellen hundertfach wieder auffüllen."
10 000 Dollar hatte sie bekommen. Viel Geld für sie, wenig für Bin Hammam, der zu jener Zeit ein Füllhorn über die Chefs der Fußballverbände aus Afrika ergoss, sie samt Familien in Luxushotels einlud und jedem bei Ankunft 5000 Dollar in die Hand drücken ließ. So etwas hebt die Stimmung.
Auf diese und ähnliche Weise wurde ein ganzer Kontinent bestochen. Von Bin Hammams Konten flossen unter anderem: 22 400 Dollar nach Togo, 10 000 nach Gambia, 50 000 nach Sambia. Das entfachte eine Gier, die manchmal sogar dem Spender zu viel wurde. Manuel Dende, Verbandspräsident des Inselreichs São Tomé und Príncipe, bat Bin Hammam um 232 000 Dollar für Kunstrasenplätze, zahlbar auf sein Privatkonto. Als nur 50 000 aufliefen und ihm klargemacht wurde, dass er nicht mehr zu erwarten habe, schrieb Dende einsilbig zurück: "Okay, danke."
Etwa fünf Millionen Dollar insgesamt hat Bin Hammam allein in Afrika verteilt. Das Geld hat seinen Zweck erfüllt. Als die Fifa die WM an Katar vergab, stimmten im Exekutivkomitee 14 der 22 Mitglieder für das Emirat. Darunter ziemlich sicher auch die drei Vertreter Afrikas.
Bin Hammam soll aber auch 1,7 Millionen Dollar für Stimmen aus Asien bezahlt haben. Dem damaligen Exekutivmitglied Reynald Temarii aus Tahiti erstattete er 305 000 Euro für Anwaltskosten. Temarii war es auch, der im Herbst 2010 auf zwei Undercover-Reporter der "Sunday Times" hereingefallen war. Die Journalisten boten Fifa-Exekutivmitgliedern fiktive Geldsummen für ihre WM-Stimme. Neben Temarii war auch Amos Adamu aus Nigeria interessiert. Adamu verlangte 500 000 Pfund. Beide wurden noch vor der WM-Vergabe suspendiert.
Selbst nach der Vergabe an Katar ging es immer weiter: Der damalige Fifa-Vizepräsident Jack Warner erhielt 1,2 Millionen Dollar von einem Unternehmen Mohamed Bin Hammams. Warners Söhne und ein Mitarbeiter des Fifa-Funktionärs bekamen ebenfalls Zahlungen in einer Höhe von insgesamt 1,1 Millionen Dollar. Delegierte der Concacaf belohnte Bin Hammam mit jeweils 40 000 Dollar pro Landesverband. Daraufhin wurde er kurz vor der Fifa-Präsidentschaftswahl suspendiert und später lebenslang gesperrt.
Das WM-Organisationskomitee von Katar wies jegliches Fehlverhalten zurück, es teilte mit, man habe die WM auf rechtmäßigem Wege erhalten. Und es betonte, Bin Hammam habe im Bewerbungsverfahren überhaupt keine Rolle gespielt.
Weniger eindeutig liegen die Dinge im Fall der WM-Vergabe an Russland. Hier ist es eher die Anhäufung von Seltsamkeiten, die einen gespannt machen auf die Ermittlungserkenntnisse der Schweizer und der US-Amerikaner. Zuerst wurde einem der Chefermittler der Fifa-Ethikkommission, der die Ereignisse von 2010 untersuchen sollte, die Einreise verweigert. Dessen Stellvertreter schließlich wurde von dem Organisationskomitee um Alexej Sorokin nur eine begrenzte Menge an Dokumenten zur Verfügung gestellt. Man behauptete, die Computer, die für die WM-Bewerbung benutzt worden waren, seien vernichtet, die E-Mail-Konten nicht mehr einsehbar. Im SPIEGEL erklärte Sorokin den Vorgang folgendermaßen: "Die Bewerbung war ein kurzfristiges Projekt. Es war einfacher für uns, die Büroeinrichtung zu mieten und später zurückzugeben. So haben wir es mit den Möbeln gemacht und auch mit den Computern und Faxgeräten. Wir haben uns aufrichtig angestrengt, um den Ermittlern zu berichten, wie unsere Bewerbung ablief. Wir haben alles so transparent wie möglich gemacht."
Auch dass Fifa-Funktionäre bei Besuchen in Russland mit Luxushotels und dem einen oder anderen Geschenk verwöhnt wurden, regt in Moskau niemanden auf. Das fällt unter Gastfreundschaft und sei, so sieht man das dort, in vielen anderen Ländern auch üblich. Als Erfolg einer geschickten Sportdiplomatie wurde ebenso verbucht, dass Franz Beckenbauer einen Vertrag beim Verband russischer Gasproduzenten unterschrieb. Wenige Monate zuvor hatte Beckenbauer seinen Posten im Exekutivkomitee der Fifa aufgegeben. Er war einer der 22 Funktionäre gewesen, die über die Austragungsorte Russland und Katar abgestimmt hatten.
Währenddessen müssen sich die Russen um die Korruption im eigenen Land kümmern. Im gerade veröffentlichten Jahresbericht des Moskauer Rechnungshofs heißt es, dass im vergangenen Jahr 525 Milliarden Rubel, umgerechnet 9,36 Milliarden Euro, an staatlichen Ausgaben nicht sauber eingesetzt worden seien. Hinzu kommt die enge Beziehung zwischen Präsident Putin und Präsident Blatter, der von den Russen wie der Staatschef einer Großmacht hofiert wird. Es sei, sagte Putin schon 2011, "absoluter Quatsch, den Schweizer Blatter der Korruption zu verdächtigen". Putin ist auch der Vorsitzende des Aufsichtsrats des WM-Organisationskomitees. "Er ist in alle wichtigen Entscheidungen zu 100 Prozent involviert", sagt Sorokin.
Dass nun Loretta Lynch der Fifa "zügellose, systemische und tief verwurzelte" Korruption vorwarf, bestärkte die Moskauer Machtelite in ihrer Wahrnehmung, die Operation sei vor allem gegen Russland gerichtet. Das Außenministerium antwortete mit einer wütenden Demarche, Putin persönlich warf Amerika vor, "sich als Richter außerhalb seiner Grenzen aufzuspielen". Die Regierungszeitung "Rossijskaja gaseta" schrieb: "Amerika demonstriert einmal mehr, dass es keinerlei Fairplay-Regeln kennt, wenn es gilt, Russland zu schaden. Amerika hat entschieden, einen weiteren Umsturz zu organisieren." Der kremlnahe Politologe Sergej Markow macht eine "feindliche Übernahme des Weltfußballs durch die Amerikaner" aus. "Josef Blatter agierte unabhängig vom Welthegemon Amerika", erklärt er, "nun wird ein ganz gewöhnlicher Korruptionsskandal benutzt, um die Fifa-Wahlen zu beeinflussen. So erhält der Hegemon die Möglichkeit, über den Fußball auf die Politik zahlreicher Länder Einfluss zu nehmen." So ist das im neuen Kalten Krieg.
Katar und Russland sind nun auch das Ziel staatlicher Ermittlungen, und das FBI und die Staatsanwälte werden weiterkommen als die Ethik-Kommission der Fifa. Sie wurde im Juli 2012 reformiert, der amerikanische Jurist Michael Garcia zum Chefermittler ernannt. Im Leben davor hatte Garcia Terroristen gejagt, Waffenschieber hinter Gitter gebracht, betrügerische Milliardendeals an der Wall Street verfolgt und galt als Kandidat für den Chefposten der Bundespolizei FBI. Zusammen mit dem deutschen Richter Joachim Eckert, der auch jahrelang als Staatsanwalt in München die Abteilung Organisierte Kriminalität geleitet hatte, sollte er nun im Auftrag des Weltfußballverbands die Integrität desselben Weltfußballverbands wiederherstellen.
Interessanter Auftrag, komplizierte Recherche. Garcia konnte keine Telefonate abhören, konnte niemanden beschatten, keine Geldströme verfolgen. Er konnte noch nicht einmal die wichtigsten Zeugen vernehmen. Von den 24 Mitgliedern des Fifa-Exekutivkomitees, die am Bewerbungsverfahren für die beiden Fußball-Weltmeisterschaften beteiligt waren, waren 11 nicht mehr im Amt, nur 6 dieser 11 ließen sich befragen oder antworteten schriftlich. Zwei blieben für Garcia unauffindbar; in mehr als zwei Jahren konnte er keinen Kontakt herstellen. Auch mit Bin Hammam sprach er nicht. Und Franz Beckenbauer, die ewige Lichtgestalt des deutschen Fußballs, verweigerte lange seine Aussage. Den Erfolg der deutschen Mannschaft in Brasilien musste er wegen einer Suspendierung zu Hause am Fernseher erleben.
Im September 2014 legte Garcia der Fifa seinen Bericht vor, 430 Seiten lang. Einen Monat später, am 13. November, veröffentlichte Eckert eine 42-seitige Zusammenfassung und fällte sein Urteil: Es fänden sich keine Beweise, die es rechtfertigten, Russland oder Katar die WM zu entziehen. Garcia sah das anders. Er kritisierte Eckerts Entscheidung und legte bei der Fifa Berufung ein, jedoch ohne Erfolg. Im Dezember 2014 trat Garcia als Chefermittler zurück.
Seltsamerweise hatte die Fifa zuvor schon selbst Strafanzeige bei der Schweizerischen Bundesanwaltschaft in Bern gestellt. Sie richtet sich gegen ein mögliches Fehlverhalten von Einzelpersonen, ohne Namen zu nennen. Laut Fifa seien bei Garcias Untersuchung Verdachtsmomente aufgetaucht, "dass in einzelnen Fällen internationale Verschiebungen von Vermögenswerten mit Berührungspunkten zur Schweiz stattgefunden haben".
Auf dieser Anzeige basiert das aktuelle Strafverfahren in der Schweiz. Die Ermittlungen in Zürich. Die Fifa hatte den Garcia-Report an die Staatsanwaltschaft übergeben – es ist der Bock, der da zum Gärtner wird. Der verantwortliche Präsident macht sich selbst zum Aufklärer.

Joseph Blatter also. Es gibt das Zitat eines langjährigen Gefährten, das viel verrät über den mächtigsten Mann des Weltfußballs: "Blatter hat einmal zu mir gesagt: Ich habe ein Monster geschaffen und bin nun ein Opfer des eigenen Erfolgs."
Und es gibt noch ein Bonmot, das besonders ist, diesmal von Blatter selbst: "Wenn ich sage: ich, dann ist es die Fifa."
Der Sohn eines Chemie-Werkmeisters hatte Talent als Fußballer. Doch der Vater verhinderte, dass Joseph Blatter einen Profivertrag bei Lausanne Sports unterschrieb. Stattdessen studierte er weiter Volkswirtschaft. Sein erstes Geld verdiente er als Conférencier bei Hochzeiten, später wurde er PR-Chef bei der Uhrenmarke Longines.
Bei der Fifa begann er als Technischer Direktor, angeleitet aber wurde er von dem damaligen Adidas-Chef Horst Dassler. Seltsam? Ach wo. Der damalige Präsident Havelange machte ihn 1981 zum Generalsekretär, Blatter wurde sein treuer Gefolgsmann. Er hat den Ausbau der Fifa zum Weltkonzern mitgestaltet und fortgeführt, als er 1998 zum Präsidenten gewählt wurde. In der Nacht vor der Wahl sollen Briefumschläge mit Bargeld an Fifa-Delegierte in einem Pariser Hotel verteilt worden sein. Es hieß, das Geld komme aus Katar. Blatter hat selbstverständlich dementiert.
Er ist nun der erste Fifa-Präsident, der fürstlich für seine Tätigkeit bezahlt wird, man könnte sagen, er war ein erfolgreicher Unternehmensführer. Fußball ist heute, um im Wirtschaftsjargon zu bleiben, werthaltiger als jemals zuvor, so groß wie noch nie. Und natürlich ist auch Joseph Blatter damit immer größer und werthaltiger geworden.
Die amerikanische Justizministerin Loretta Lynch hat Blatters Namen vergangenen Mittwoch auf der Pressekonferenz ausdrücklich nicht genannt. Blatter wird den Auftritt der Amerikanerin trotzdem als Drohung verstanden haben. In 17 Jahren haben die Ermittler und Kritiker und Journalisten ihn nie ganz erwischen können. Vielleicht weil er zu schlau ist, um sich erwischen zu lassen. Vielleicht weil er zu schlau ist, sich jemals selbst in das Korruptionsgeschäft seines Unternehmens persönlich einzumischen.
Aber er ist der Präsident der Fifa. Er wird die Verantwortung übernehmen müssen. Am Mittwochabend lässt er mitteilen, dass er die Ermittlungen der Amerikaner und Schweizer begrüße, so unglücklich das alles auch sei, und dass er im Grunde sowieso schon der oberste Aufklärer der Fifa gewesen sei.
Am Donnerstag, nur einen Tag nach den Verhaftungen, beginnt der Kollaps von Blatters Bollwerk. Großsponsoren wie Coca-Cola und McDonald's äußern sich besorgt. Der Kreditkartenkonzern Visa droht mit Ausstieg. Adidas verlangt von der Fifa Transparenz. Der südkoreanische Automobilhersteller Hyundai erklärt, er sei "extrem besorgt" und wolle die Lage genau beobachten. Nur Russlands Energieriese Gazprom verspricht Blatter die Treue.
Der Ruf nach einem Rücktritt wird lauter. Die britische Regierung von David Cameron fordert das zum Beispiel. Der Brite David Gill will im Falle einer neuen Amtszeit Blatters auf seinen Sitz im Fifa-Exekutivkomitee verzichten. Auch ein Kontinentalverband wie der von Südamerika scheint seine bislang klare Position pro Blatter zu überdenken.
Es geht nun nicht mehr darum, ob ein paar Medien, Funktionäre oder Staatsanwälte über den Führungsstil der Fifa murren. Zürich, als Ort der Krönungsmesse von Blatter für Blatter gedacht, wird zum Krisengebiet des Weltfußballs. Am späten Vormittag trifft sich Blatter mit den Chefs der sechs Kontinentalverbände, um ... ja, um was? Um seine Wiederwahl noch zu retten?
Einer, der dabei war, sucht danach die große Bühne: Michel Platini, der Präsident der Uefa und Gegenspieler Blatters. Minutenlang berichtet der Franzose der Presse, wie er mit Blatter gesprochen und ihm den Rücktritt nahegelegt habe, angeblich unter Tränen, dass Blatter dies jedoch abgelehnt habe, so kurz vor dem Kongress. "Sepp, es ist Zeit zu gehen", habe er ihm gesagt. Platini schaut zunächst ernst und verschränkt die Arme auf dem Tisch, doch dann lächelt er immer wieder und gestikuliert entspannt, als erzählte er eine drollige Geschichte. Platinis Stunde könnte jetzt schlagen.
Und er droht. Damit, dass sich im Fall von Blatters Wiederwahl die europäischen Nationalteams aus den Wettbewerben der Fifa zurückziehen könnten. Auch einen Boykott der WM 2018 in Russland schließt er nicht aus, ebenso dass sich die europäischen Mitglieder geschlossen aus der Fifa-Exekutive zurückziehen könnten. Platini scheint fast heiter zu sein, er braucht gar nicht laut und eindringlich zu werden. Seine Worte wirken auch so.
Zwei Stunden später eröffnet Blatter am Donnerstag den Fifa-Kongress mit einer Rede. Sie hat den typischen Pathos und Gestaltungswillen; ein wenig trotziger vielleicht als üblich spricht er von den "schwierigen Zeiten für die Fifa, die nächsten Monate werden nicht einfach". Er werde "nicht zulassen, dass der Ruf des Fußballs und der Fifa länger in den Dreck geworfen wird". Er spricht von Welt, Menschen und Frieden, es gehe darum, "das verloren gegangene Vertrauen" zurückzugewinnen. "Morgen, morgen" werde man damit anfangen, sagt er und ballt die rechte Faust in der Luft.
Morgen, damit meinte er seine geplante Wiederwahl am Freitag, die außerhalb des Redaktionsschlusses dieser Ausgabe lag. Aber er hat längst verloren, es ist wohl nur noch eine Frage der Zeit.
Denn das Spiel ist aus. Für Blatter, für die Fifa, so wie wir sie kennen und hassen gelernt haben. Aber für den Fußball? Niemals.
Lukas Eberle, Lothar Gorris, Maik Großekathöfer, Detlef Hacke, Jörg Kramer, Guido Mingels, Matthias Schepp, Christoph Scheuermann, Samiha Shafy, Holger Stark, Michael Wulzinger

Aktualisierung

Joseph Blatter als Präsident der Fifa wiedergewählt


Nach Redaktionsschluss der gedruckten SPIEGEL-Ausgabe hat am Freitag nachmittag beim Kongress des Weltfußballverbandes in Zürich die Wahl des Fifa-Präsidenten stattgefunden. Der Schweizer Joseph Blatter wurde für vier weitere Jahre in seinem Amt bestätigt. Für Blatter votierten 133 der 209 Nationalverbände, auf seinen Herausforderer, den jordanischen Prinzen Ali Bin Al-Hussein, entfielen 73 Stimmen. Drei Stimmzettel waren ungültig. Weil Blatter die für einen Sieg im ersten Wahlgang erforderliche Zwei-Drittel-Mehrheit von 140 Stimmen knapp verpasst hatte, wäre eigentlich ein zweiter Urnengang nötig gewesen. Dazu kam es nicht, weil Blatters Herausforderer Al-Hussein seine Kandidatur zurückzog. Im zweiten Wahlgang hätte dem Sieger eine einfache Mehrheit von 105 Stimmen gereicht. wul

Stand: Freitag, 19.35 Uhr

DER SPIEGEL 23/2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 23/2015
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Fußball:
Spielverderber