29.09.1986

KIRCHEKartoffeln und Kraut

Mit ihrer Haltung zur Kernkraft verkörpern die katholischen Bischöfe ein breites Meinungsspektrum - von CSU-fromm bis grün. *
Friedhelm Farthmann, SPD Fraktionschef im Düsseldorfer Landtag, setzt auf Beistand von Joseph Kardinal Höffner. "Ich empfehle Euch dringend", schrieb er Mitte September an Parteifreunde, Höffners Erklärung zum Ausstieg aus der Kernenergie "in Eure Wahlkampfarbeit vor Ort" mit einzubeziehen. Denn die Worte des Kölner Oberhirten seien "auf einer Wellenlänge mit unserer Politik".
Was die Sozis begeistert und die Union so nervös machte (SPIEGEL 39/1986), kommt so überraschend nicht: Seit Jahren rückt der Dr. theol., Dr. phil., Diplomvolkswirt, Dr. rer. pol., Dr. rer. pol. h. c. Höffner in öffentlichen Erklärungen von der Kernenergie ab.
"Brüter, Wiederaufarbeitungsanlagen und Atommüllablagerungen", warnte der Westerwälder Bauernsohn bereits 1980, "drohen nicht nur die heute lebenden Menschen, sondern auch die Zukunft des Menschengeschlechts zu gefährden."
Nach der Katastrophe von Tschernobyl ging der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz in die Offensive. Ende Juni riet er im ZDF von der Atomkraft ab und empfahl als Alternative die Sonnenenergie. Auf einer Dechantenkonferenz in Köln forderte er, die Frage nach der Sicherheit der Atomkraftwerke neu zu stellen.
Doch so eindeutig wie beim Aachener Katholikentag äußerte sich der Kirchenmann bislang noch nicht. "Was wir" bei der Atomenergie "wahrscheinlich nennen, heißt 999,9 sicher". Doch "wenn dieser Ausnahmefall 999,9" eintrete, so Höffner, dann gebe es "eine Katastrophe für Menschen und kommende Geschlechter". Der Kardinal propagierte unverhohlen den Ausstieg und hatte dabei, wie er sagte, nicht einmal Berührungsängste mit den Grünen, die für ihn eigentlich des Teufels sind.
Zwar gilt der trockene und verkniffene Gottesmann, der sonst durch Bannflüche gegen Empfängnisverhütung, Ehescheidung und Abtreibung auffällt, als dominierende Figur im Episkopat, doch genügt beim Thema Kernenergie kein sanfter Wink, um alle deutschen Oberpriester auf Kurs zu bringen. Obwohl die Jugendverbände der katholischen Kirche längst auf Anti-Atomkurs gegangen sind und selbst Kolping-Verbände den Ausstieg aus der Kernenergie verlangen, ist die Haltung der Amtskirche widersprüchlich und verworren.
Auffallend viele deutsche Bischöfe, eigentlich "Lehrmeister der Wahrheit", haben sich bislang zur Kernenergie überhaupt nicht geäußert. Während etwa der österreichische Bischof von Linz, Maximilian Aichern, in einem Hirtenwort den Bau und Betrieb von Atomkraftwerken "nach Tschernobyl" als "ethisch nicht mehr vertretbar" bezeichnete, hält sich der deutsche Klerus auffällig zurück. Und das hat Tradition. "Die meisten Oberhirten", verriet einmal der frühere Münsteraner Bischof Heinrich Tenhumberg, "sind ohne eigene Meinung oder artikulieren sie nie."
Eine "gängige Art von Kirchenoberen, sich aus der umweltpolitischen Affäre zu ziehen", schrieb das kritische Christenblatt "Publik-Forum", bestehe darin, "eine Neutralitätsposition einzunehmen". In Kompromißformeln oder salbungsvollen Umschreibungen werden oft die Konflikte umgangen. Als im Juni
beispielsweise die Bischöfe von Luxemburg, Metz und Trier zum französischen Kernkraftwerk Cattenom Stellung nahmen, war die Botschaft sorgsam ausgewogen. "Die einen müssen sich fragen lassen: 'Warum seid ihr so unbesorgt?' Die anderen müssen sich fragen lassen: 'Warum gerade diese Angst?'" Für "jedermann ein passendes Zitat", kommentierte das Monatsblatt "Imprimatur" den Aufruf.
Dort, wo Staatsmacht und Kirche noch immer eng verfilzt sind, im Freistaat Bayern, ist die katholische Nomenklatura - Höffner zum Trotz - CSUfromm auf Atomkurs. Bei Treffen von Bischöfen und CSU-Spitze, wie im Frühjahr in Freising, stimmen C-Partei und C-Kirche ihre Haltung miteinander ab.
Gepredigt wird offiziell das Einerseits-Andererseits. Tschernobyl, erklärte der Erzbischof von München und Freising, Friedrich Kardinal Wetter, bei einem Gottesdienst, dürfe weder verharmlost noch hochgespielt werden. Aber: Eine "Absage an den wissenschaftlich-technischen Fortschritt wäre kein Weg in die Zukunft". Der Unverbindlichkeit nach außen steht die Unerbittlichkeit nach innen gegenüber. Vor allem der Einsatz vieler Christen und Priester gegen die atomare Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf (WAA) erzürnt die katholischen Würdenträger.
Als "härtesten Knochen" sieht die bayrische Theologin Beate Seitz-Weinzierl den Bischof von Regensburg, Manfred Müller. Ehemann Hubert Weinzierl, Vorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland, hat dem Gottesmann das Prädikat "Atom-Bischof" verliehen. Müller lehnt jede Unterredung mit Kernkraftgegnern ab. "Meine Berater", sagt er, "sind die leitenden Beamten des bayrischen Umweltministeriums", die Aufsichtsbehörde für Wackersdorf.
Als Müllers Sprachrohr meldet sich das "Regensburger Bistumsblatt", das in heftiger Fehde mit allen Kernkraftgegnern liegt - selbst wenn sie die Soutane tragen. "Warum", fragte ein Blatt-Kommentator, "müssen wir uns anhören und lesen, was die Bischöfe von Linz und Salzburg zur Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf für eine Meinung haben?" Schließlich hätten sich Bayerns Bischöfe auch nicht in die Volksabstimmung über das österreichische Kernkraftwerk Zwentendorf eingemischt.
Wackersdorf, so das Bistumsblatt, "sichert unsere Energieversorgung auf Jahrzehnte hinaus". Ohne Kernenergie "verödet die Republik zum Morgenthau-Modell: Kartoffeln und Kraut, Soja und Mais. Daraus wächst keine Kirchensteuer".
Aus Rom reiste kürzlich der Präfekt der römischen Glaubenskongregation, Joseph Kardinal Ratzinger, nach Bayern, um die Bischöfe auf ihrem Atomkurs zu stützen. Kirchliche Amtsträger dürften nicht, so Ratzinger, in der Debatte um die Atomenergie "Orakel spielen" und "von oben her" mit einer Sachkompetenz sprechen, die ihnen nicht zukomme.
Eindeutig ist auch die Haltung des unionslastigen Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), des Dachverbandes katholischer Organisationen und Räte. Ein Ausstieg aus der Kernenergie, legte sich ZdK-Präsident Maier fest, wäre "keine sachgemäße Lösung".
Neben Höffner haben sich von den Kirchenführern bislang nur die vergleichsweise liberalen Bischöfe von Mainz, Karl Lehmann, und von Limburg, Franz Kamphaus, vorsichtig auf den Anti-Atomkurs gemacht. Kamphaus verlangte, nach Tschernobyl müßten die Politiker "den nun notwendigen Prozeß der Umorientierung fördern und vorantreiben". Lehmann warnte vor der "Selbstgerechtigkeit", mit der behauptet werde, Tschernobyl könne in der Bundesrepublik nicht passieren. Sein Umweltbeauftragter, Professor Martin Rock, betonte, der Glaube an die totale Machbarkeit von Sicherheit entpuppe sich als "gefährlicher Irrglaube".
Manche katholischen Atomgegner haben noch den Glauben an Papst Johannes Paul II. Ein Vatikan-Dokument der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften zur Atomenergie, das im Mai schon fertig war, ist nach Tschernobyl noch einmal überarbeitet und bislang nicht veröffentlicht worden. Die Auswirkungen der Atomenergie in Friedenszeiten, erklärte Kardinal-Staatssekretär Casaroli, müßten neu durchdacht werden.
Vergangenen Monat marschierten 30 Kernkraftgegner, darunter ein Franziskanerpater, nach Rom und überreichten im Vatikan die Forderung, auf Kernenergie zu verzichten.
JP 2 hat noch nicht geantwortet.

DER SPIEGEL 40/1986
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