29.09.1986

CSUPate im Wurzelgeflecht

Politische Vasallentreue und Kampfbereitschaft machen CSU-Generalsekretär Gerold Tandler zum geeigneten Nachfolger von Franz Josef Strauß. *
In Physiognomie und Mimik sind entfernte Ähnlichkeiten mit Hans Moser selig und dem CSU-Altvordern Hermann Höcherl unverkennbar. Doch so perfekt verquer im Hantieren mit den Vertracktheiten des Lebens wie der nuschelnde Alt-Mime aus Wien ist Gerold Tandler natürlich nicht, und die genialisch-versöhnliche Gabe des ehemaligen Bundesinnenministers aus Brennberg in der Oberpfalz, die eigenen Taten gelegentlich "etwas außerhalb der Legalität" zu orten, fehlt ihm vollkommen.
Wenn Tandler auf Wahlversammlungen in Bayern den meist verhaltenen Applaus einstreicht und dabei genußvoll mit den Augendeckeln klappert, erinnert er sogar ein wenig an Helmut Kohl. Aber des Kanzlers schier unnachahmliche Vielfalt der Einfalt schafft er denn doch nicht, will er wohl auch nicht.
Wenn schon, dann ist Tandler, keineswegs unbegabt, Imitator des CSU-Vorsitzenden und bayrischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß. Dessen Sprüche hat er voll drauf und leider auch die Neigung, die Reden endlos in die Länge zu ziehen.
Denn "unser Strauß" gilt Tandler als Glücksfall für die CSU", die Partei und ihr Chef sind für ihn das ein und alles, der eherne "Doppelbegriff bayerischer, deutscher und europäischer Politik". Den Vorsitzenden preist er als "Motor unserer Politik", als "Warner" und "Mahner", "politischen Erneuerer" und "Wächter auf den Zinnen".
Ganz genau weiß Tandler noch, wann und wo er seinem Idol zum ersten Mal begegnet ist: "Es war im oberbayerischen Mühldorf, und ich werde den Eindruck dieses Abends stets in besonders eindringlicher Erinnerung behalten." Damals legte der 23jährige die Grundfesten für eine große, vielleicht zu große Karriere, die weit über die Enge der Partei- und Landespolitik hinausreichen sollte.
Gerold Tandler, inzwischen 50, kam nach dem Krieg als Flüchtling aus dem sudetendeutschen Reichenberg. Nach einem kurzen Zwischenaufenthalt in Potsdam gelangte der damals zwölfjährige Sohn eines Hauptschullehrers an der Hand seiner Mutter in den oberbayrischen Wallfahrtsort Altötting.
Die Ausbildung zum Zahntechniker blieb zwar unvollendet, aber noch heute vermag Tandler interessierten Laien die Schieflagen seiner Zahnwurzeln fachmännisch zu erklären. Statt zu den Zähnen zog es ihn dann aber zu Zahlen und Zinsen - und zur Politik: Er absolvierte eine Lehre bei der Bayerischen Vereinsbank und trat mit 20 Jahren der CSU bei.
Danach arbeitete Tandler, fast parallel und mit viel Virtuosität, an seinem beruflichen und politischen Doppelaufstieg. 1962 wurde er Zweigstellenleiter seiner Bank in Altötting und Bezirksvorsitzender der Jungen Union Oberbayern. 1969 war er Zweigstellendirektor und kurz danach auch Landtagsabgeordneter. 1970 rückte er zum stellvertretenden Filial-Direktor auf und ein Jahr später zum CSU-Generalsekretär.
Mit schrillen Kommandotönen verschaffte sich Tandler in der Partei Gehör. Er scheuchte die vom jahrzehntelangen Erfolg verwöhnten Partei-Senioren unerbittlich auf die Straße, verhalf der Partei zu einem neuen, dynamischeren Signet, ließ vom "Team 70" das Image der CSU zu einem modischbayrischen Markenartikel entpolitisieren - und erzielte damit bei den Landtagswahlen 1974 das Rekordergebnis von 62,1 Prozent.
Auch seinen eigenen Landtagswahlkreis in München-Milbertshofen konnte Tandler damals der SPD abknöpfen. Doch das war ein einmaliger, bislang nicht mehr wiederholbarer Glücksfall, der nicht dem Glanz des Kandidaten, sondern den erbitterten innerparteilichen Querelen der Münchner Genossen zu danken war.
Bis heute hat Tandler seinen tiefschwarzen Heimatwahlkreis Altötting (CSU-Anteil: 68,2 Prozent) ausgeschlagen. Er ist "entgegen dem Rat aller Parteifreunde" dem Arbeiterviertel am Olympiagelände treu geblieben, obschon das Industriegebiet im Münchner Norden mit BMW und Krauss-Maffei für einen CSU-Kandidaten "sehr schwierig" und ein Erfolg "angesichts der Wählerstruktur fast aussichtslos" ist. Verlieren kann er sein Landtagsmandat sowieso nicht, denn auf der Liste besetzt er hinter Ministerpräsident Strauß und Finanzminister Max Streibl den sicheren dritten Platz.
In der Parteiorganisation räumte Tandler gründlich auf. Die CSU kaufte unter seiner Regie als erste Partei einen leistungsfähigen Computer für ihre Zentralkartei,
denn die Personalien der fast 200000 Mitglieder mußten im Konfliktfall schnell griffbereit sein. Manches Dossier, vor allem von allzu gefühlsduseligen, bei der Parteimehrheit verpönten "Schwarzsozialisten", enthielt zum allfälligen Gebrauch auch schon mal die Daten der Geliebten samt Telephonnummer und voller Adresse.
Derlei Computer-Künste prädestinierten Tandler geradezu für den Posten des Innen- und Polizeiministers in Bayern. Wie erwartet, bewährte er sich in diesem Amt nach CSU-Maßstäben vortrefflich. Er schob Asylsuchende schon 1979 gewaltsam über die Grenze ab, sogar solche aus Ostblockländern. Lange vor Wackersdorf forderte er die Aufrüstung der Polizei mit Gummikugeln und Gasgranaten gegen Demonstranten.
Parallel zu seinem politischen Aufstieg entwickelte Tandler auch privatwirtschaftlichen Tatendrang. 1976 legte er sich in Altötting den 500 Jahre alten "Gasthof zur Post" zu, eine Liegenschaft direkt gegenüber der von Wallfahrern vielbesuchten Gnadenkapelle. Für Kauf und Renovierung machte er Millionen-Subventionen vom Freistaat locker. "Wahrscheinlich wußte Tandler besser als andere", kommentierte damals die "Süddeutsche Zeitung", "wo der Barthel den Most der günstigen Zuschüsse holt."
Nicht immer geht es so glatt und rasch. Bei der geplanten Autobahn zwischen Altötting und München mitten durch das idyllische Isen-Tal, dem vom Volk vielgeschmähten "Tandler-Highway", stellt sich immer noch eine "Aktionsgemeinschaft gegen die A 94" quer - der zu allem Überdruß reichlich CSU-Funktionäre angehören.
Auch an die Bundespost nörgelte der einflußreiche Altöttinger zehn Jahre lang vergeblich hin, um seiner expandierenden Herberge auch noch ein Stück vom benachbarten Postamt einzuverleiben.
Und als Tandler sein Gastronomie-Reich um eine "Bavaria Hotelberufsfachschule" und eine "Bavaria Internat GmbH" arrondieren wollte, kooperierte er mit einem Teilhaber, auf den nicht nur ein Haftbefehl wegen Steuerhinterziehung in Millionenhöhe, sondern gleichzeitig in der Münchner Staatskanzlei ein Bundesverdienstkreuz Erster Klasse "für vorbildliche Privatinitiative" wartete. Steuerstrafverfahren und damit Konflikte dieser Art sind für Tandler "eher alltäglich".
Gleichwohl spielt der erfolgreiche Politiker den Nebenerwerbswirt im Wallfahrtsort nicht mehr so gerne. "Aus der Sicht von heute", sagt der CSU-Fraktionschef und CSU-Generalsekretär, "würde ich es nicht mehr machen." Vor allem die Zusatzarbeit für die mit fünf kleinen Kindern ausgelastete Ehefrau Gabriele bereitet Tandler ein "rabenschwarzes Gewissen".
Überdies hat sich Tandler, der sonntags im Kirchenchor singt, Orgel und auch leidlich Tennis spielt, noch ein umwerfendes sportliches Hobby zugelegt: Seit er vor sechs Jahren Zeuge einer blutigen Rauferei wurde, frönt er dem Judo-Sport, und prompt brachte er es, ehrgeizig und erfolgsorientiert, schon zum 1. Kyu, dem Braungürtel, der Vorstufe zum Meistergrad. Tandler: "Man kann sehr leicht in so was verwickelt werden, und dann möchte ich mich wehren können."
Judo stärkt nicht nur die Muskeln, die Kampfsportart fördert auch das Image. Längst steht Tandler "im Rufe eines bayerischen Luca Brasi" ("Zeit")- jenes Folterknechts aus dem Mafia-Roman "Der Pate", der im Auftrag seines Herrn den Gegnern "die Gelenke einzeln zertrümmert".
Die Macho-Allüren des so vielseitig talentierten Politikers, der wegen einer Vorliebe für taillierte Kleidung immer so aussieht, als wäre ihm der Anzug zu klein, dämpfen zuweilen die Anhänglichkeit der Partei-Freunde. So verweigerten ihm bei der Wahl zum Fraktionsvorsitzenden im Bayerischen Landtag immerhin 35 der 131 anwesenden CSU-Parlamentarier das Ja-Wort.
Auch als er mit Macht in den Vorstand des CSU-Bezirks München drängte, wurde er nur sechster unter den zwölf Gewählten, selbst nach Ansicht von CSU-Sympathisanten "kein berauschendes Ergebnis". Nur dort, wo man ihn noch nicht so gut kennt, schneidet Tandler besser ab - zum Beispiel bei der Wahl zum Vizepräsidenten der Europäischen Volkspartei, bei der er letztes Jahr 55 von 58 Stimmen bekam.
Dabei ist er mit dem Dirigieren der Unionsfraktion im Münchner Maximilianeum eigentlich voll ausgelastet. Denn dort steht ja, so läßt Tandler ein wenig Größenwahn anklingen, sogar der Abgeordnete Franz Josef Strauß "unter meiner Fuchtel". Rasch aber fügt Tandler korrigierend hinzu, was das in Wirklichkeit heißt: "Meistens tun wir in der Landtagsfraktion das, was er wünscht."
"Er hängt sein Mäntelchen nie in denn Wind, er sagt nicht, was gerade opportun ist, was gerne gehört wird", lobt Fraktionsvize Siegfried Möslein das schmiegsame Verhalten Tandlers, sondern "er Sagt, was er für richtig hält". Und das fällt ihm übermäßig leicht, weil laut Originalton Tandler im Freistaat Bayern im Zweifelsfall noch immer folgendes richtig ist: "Der Mensch denkt, und Gott lenkt, und Franz Josef entscheidet."
Noch vor einem Jahr wies Tandler alle Spekulationen um seine Rolle als Strauß-Nachfolger strikt von sich: "Ach Käse!" Doch inzwischen zählt er sich selber zum "Wurzelgeflecht für die Nachfolge von Strauß", wenn auch nur "als einer von vielen".
Konkreter will er nicht werden, denn "bei diesen Prognoseversuchen sind schon so viele auf den Bauch gefallen, daß ich mich an solchen Versuchen gar nicht beteiligen möchte". Strauß sei doch "eine einzigartige Person" mit einer so "faszinierenden Vitalität". Tandler: "Da kann man nicht sagen, wie sich das noch alles ergeben und entwickeln wird."
Auch für den Fall, daß es in der Politik plötzlich nicht mehr weiter aufwärtsgehen sollte, scheint der vielseitige Tandler gerüstet: "Wieso fragt mich eigentlich keiner, warum ich nicht zu meiner Bank zurückkehre?"

DER SPIEGEL 40/1986
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