09.02.1987

„Der Lernprozeß ist langsam - zu langsam“

Greenpeace-Vorstandsmitglied Monika Griefahn über die Öko-Bilanz „Der Osten ist grün?“ Die Diplom-Soziologin Monika Griefahn, 32 hat die bundesdeutsche Greenpeace-Organisation mit aufgebaut und ist seit 1983 einziges deutsches Mitglied im Vorstand von Greenpeace International. *
Umweltaktionen sind in sozialistischen Ländern überflüssig", beeilte sich das Ost-Berliner Institut für Internationale Politik und Wirtschaft zu versichern, nachdem Greenpeace im September dem Umweltminister der DDR, Hans Reichelt, einen Zentner Salz vor die Tür geworfen hatte. Dieses Salz, gewonnen aus zwei Kubikmetern Werrawasser, sollte auf die ständige Verseuchung eines Trinkwasserflusses durch die Kaliminen in der DDR hinweisen.
Doch nicht nur die Bürger der Bundesrepublik bekommen den Dreck der DDR-Industrie zu spüren. Der Zustand der DDR-Gewässer ist katastrophal. Lebensmitteltechniker in Halle und Ost-Berlin haben errechnet, daß DDR-Bürger im Schnitt täglich 150 Milligramm Nitrat zu sich nehmen. Das Leipziger Hygieneinstitut hat daher Müttern empfohlen, bei der Zubereitung von Säuglingsnahrung lieber Mineralwasser zu verwenden.
Diese und andere Fakten kann man in Sabine Rosenbladts eindrucksvollem Buch nachlesen: Nicht nur in der DDR, auch in Nordböhmen (CSSR), in und um Krakau und im sibirischen Industriegebiet Kusbass - überall findet man Auswirkungen einer rücksichtslosen Industrialisierung.
Die Autorin versucht, in ihren "Ökoreportagen" einen Weg zu finden zwischen Sachberichterstattung und Wiedergabe persönlicher Eindrücke, dazu kommen Interviews mit offiziellen und inoffiziellen Funktionären und ermutigende, allerdings teilweise zu positiv gefärbte Darstellungen von Reformbemühungen. Bislang gibt es kein umfassenderes Standardwerk über die Umweltprobleme und die Bürgerbewegungen in den osteuropäischen Staaten.
Sabine Rosenbladt ist vor Ort gegangen. Auf ihren Reisen durch Ungarn und Polen, durch die DDR, die CSSR und die UdSSR sprach sie mit Verantwortlichen über die Pläne zum Ausbau der Industrie, zur Steigerung der landwirtschaftlichen Produktion und über deren ökologische Folgen, sammelte Eindrücke über das Ausmaß der Verschmutzung. Doch die kommentierende Einschätzung kommt bei der Autorin etwas zu kurz.
Gesundheitliche Schäden von Kindern, insbesondere durch Umweltbelastung - das ist ein durchgehendes Problem in fast allen Ländern, die Sabine Rosenbladt besucht hat, vor allem in der DDR, die zu den am höchsten industrialisierten Ländern der Welt gehört.
In der Ost-Berliner Zeitschrift "Das deutsche Gesundheitswesen" haben DDR-Mediziner 1984 auf den Zusammenhang zwischen Umweltverschmutzung und erhöhtem Krebsrisiko hingewiesen: Bei einem Vergleich aller beim Nationalen Krebsregister der DDR gemeldeten Neuzugänge an bösartigen Tumoren im Braunkohle-Bezirk Cottbus aus den Jahren 1958 bis 1961 und 1972 bis 1975 fanden die Forscher heraus, daß die Krankheitsrate am stärksten in jenen fünf Kreisen gestiegen ist, die durch den Braunkohletagebau und durch Großkraftwerke unter den größten Umweltbelastungen litten.
Erheblich gefährdet ist die Gesundheit der Kinder in den Industriegebieten der DDR. Weil die Luftverschmutzung die Sonneneinstrahlung hemmt, ergaben Untersuchungen ein beträchtlich verzögertes Knochenwachstum bei Kindern aus Halle-Bitterfeld und Karl-Marx-Stadt, beides Schwerindustriestädte im Süden der Republik. Bitterfelder Kinder litten doppelt so häufig an chronischen unspezifischen Lungenkrankheiten wie Kinder aus Quedlinburg im Harz.
Erst Ende der siebziger Jahre begann sich die Situation leicht zu verbessern, weil durch Filtereinbau die Staubemissionen geringfügig sanken. So betrug 1978 der Rückstand des Knochenwachstums bei Kindern aus Bitterfeld "nur" noch sechs Monate, 1968 waren es noch zehn Monate gewesen.
In Nordböhmen, dem Ruhrgebiet der CSSR, wurden bei Vorsorgeuntersuchungen in den Städten Most, Chomutov, Teplice und Usti nad Labem nur bei 38,4 Prozent der Heranwachsenden keine krankhaften Veränderungen festgestellt. Die nordböhmischen Jugendlichen leiden unter erhöhter Anfälligkeit gegenüber Infektionskrankheiten, Wachstumsstörungen, chronischer Bronchitis und Hautkrankheiten.
Ursache ist die extrem hohe Luftverschmutzung, die auch die Wälder im Erz- und im Riesengebirge bedroht. Die CSSR-Regierung hat zwar versprochen, die Emissionen von Kohlekraftwerken drastisch zu senken. Die Umweltpolitiker des Landes setzen dabei aber vor allem auf neue Kernkraftwerke.
So haben die Greenpeacer sich die Verringerung von Schadstoffen nicht vorgestellt, als im April 1984 internationale Teams gleichzeitig in acht Ländern unter anderem in Karlovy Vary (Karlsbad), Schornsteine von Kraftwerken und Raffinerien bestiegen. Nachdem tschechische Volksmiliz auf eine Schwedin einen Dänen und einen Franzosen geschossen hatte, verließen die Greenpeacer den Schornstein, sie wurden vorübergehend festgenommen.
Die Beamten, von denen die drei vernommen wurden, meinten: "Solche Aktionen brauchen wir nicht. Bei uns
kann man jeden Mißstand benennen, und dann versuchen wir, Abhilfe zu schaffen."
Wie sieht die Realität aus? Eine unabhängige kritische grüne Lobby gibt es in der CSSR nicht. Dennoch interessiert sich vor allem die Jugend brennend für ökologische Themen. Unter dem phantasiereichen Namen "Brontosaurus" etwa entstand vor zehn Jahren eine Jugendgruppe, die sich mit Umweltverschmutzung und Naturzerstörung auseinandersetzt.
Die Gruppe, eine Unterorganisation des SSM, des Jugendverbandes der Kommunistischen Partei, veranstaltet Exkursionen, Baumpflanzungen, Jugendlager, außerdem jährlich das Folk- und Countryfestival "Porta". Zur Porta '85 kamen 26000 Jugendliche. Popstars sangen Lieder über den sterbenden Wald und über den Fluß Becva, dessen einstmals klares Wasser von der Industrie mal rot, mal grün, mal blau verfärbt wird.
Greenpeace ist heute in 17 Ländern der Erde vertreten, aber in keinem Ostblockland, erlaubt. Dennoch ist Greenpeace in den meisten von Sabine Rosenbladt skizzierten Ländern sehr bekannt.
Die umweltpolitischen Möglichkeiten, die Ostblock-Bürger haben, sind höchst unterschiedlich. Am phantasievollsten konnten - bis zur Verhängung des Kriegszustandes - die Polen ihren Protest zum Ausdruck bringen. Im Gefolge der Gewerkschaft Solidarität entstand eine Art grüne Volksbewegung.
Damals wurden in Polen Happenings veranstaltet, die auch Greenpeace-Aktionen hätten sein können. So gossen weißgekleidete Frauen mit Gasmasken Trinkwasser in den verschmutzten Fluß Lynia. Andere zogen qualmspeiende "Smog-Drachen" - auf polnisch heißt Drache "Smok" - aus Dosen. Reifen und anderen umweltbelastenden Abfällen durch die Stadt. Ein Maler überpinselte demonstrativ ein Landschaftsgemälde mit schwarzer Farbe. Seit 1981 jedoch sind diese Arten des Protestes in Polen nicht mehr möglich.
Relativ erfolgreich war die ungarische Gruppe Dunar Kör (Donaukreis), die auch im Westen bekannt geworden ist. Ihr und ihren Mitstreitern ist es immerhin gelungen, den Bau eines Donaukraftwerkes zu verschieben.
Ironischerweise scheitert der vollständige Erfolg - der Nichtbau - am Nachbarn im Westen: Österreich. Statt sich weiterhin mit dem eigenen Wahnsinnsprojekt Hainburg herumzuschlagen, fördern die österreichischen Behörden den Bau des ungarischen Donaukraftwerks.
Auf dem Gebiet des konventionellen Naturschutzes, der Sicherung von Nationalparks und Naturschutzgebieten, sind einige Erfolge zu registrieren - etwa in Europas letztem Urwald an der polnischrussischen Grenze, wo im Nationalpark von Bialowieza der europäische Bison,
der Wisent, vor dem Aussterben gerettet worden ist.
Aufschlußreicher sind die Gespräche, die Sabine Rosenbladt mit Vertretern offizieller Stellen geführt hat. Dort wie hier behaupten sie, daß sie ihr Möglichstes für die Umwelt tun, geben zu, einiges versäumt zu haben und sind aufgeschlossen für neue Vorschläge. Nur, leider, fehle es am Geld.
Wir Greenpeacer haben in Osteuropa nicht immer so positive Anhörung finden können. Die Ordnungshüter waren in der Regel perplex über die Dreistigkeit unserer Aktionen und ungehalten über den gewaltfreien Protest - etwa als wir gegen den sowjetischen Walfang demonstriert haben; als wir mit unserem Flußaktions- und Laborschiff "Beluga" zu dicht an der DDR-Grenze die Elbverschmutzung gemessen haben; als wir mit dem Heißluftballon "Trinity" über der Viermächtestadt Berlin für einen Atomwaffenteststopp geworben haben.
Sabine Rosenbladt hat nicht nur die offiziellen Umweltschützer befragt. So berichteten ihr Jugendliche in der Tschechoslowakei: "Die bundesdeutschen Grünen sind in der CSSR sehr beliebt, aber solche Aktionen wie bei euch, Blockaden und Fabrikbesetzungen, das können wir uns hier nicht erlauben."
Dennoch: Es tut sich etwas. Der Unmut der Bürger wächst. So gibt es in der DDR eine "Gesellschaft für Natur und Umwelt", eine 1980 gegründete Organisation von Amateur-Naturschützern mit 60000 Mitgliedern. Dieser Verband arbeitet ähnlich wie einige Ortsgruppen des bundesdeutschen BUND: Fachgruppen untersuchen bedrohte Tierarten und schützen Ökotope.
In der DDR ist die kirchliche Ökologiebewegung wichtig für die öffentliche Diskussion. Im Zentrum steht das kirchliche Forschungsheim in Wittenberg, ursprünglich konzipiert als "Stätte der Begegnung zwischen christlichem Glauben und Naturwissenschaften". Neben Informationsschriften und Seminaren fördern ein Pfarrer und ein Biologe Aktionen wie "Mobil ohne Auto".
Um dem Rohstoffmangel abzuhelfen, hat die DDR schon lange eingerichtet, was bei uns heute zum Zwecke der Müllreduzierung heiß diskutiert wird: "Sekundärrohstoff-Erfassungsstellen" sorgen für Recycling. Flaschen, Gläser, Kronkorken, Altkleider, Spraydosen und das, was bei uns "Sperrmüll" heißt, werden durch die "Abproduktwirtschaft" gesammelt und aufgearbeitet.
Bereits 1984 wurden 29 Millionen Tonnen Sekundärrohstoffe wiederverwertet, das sind elf Prozent des gesamten volkswirtschaftlichen Rohstoffbedarfs der DDR. Doch trotz dieser Anstrengungen gibt es immer noch 4500 bis 5000 wilde Müllkippen, daneben die berühmtberüchtigte Sondermülldeponie Schonberg, die hauptsächlich Westmüll aufnimmt.
Immerhin, Fortschritte sind unverkennbar. Auch Greenpeace-Aktionen haben schon etwas bewirkt: 1988 will die UdSSR den Walfang beenden, eineinhalb Jahre lang hat sie ein einseitiges Atomteststopp-Moratorium eingehalten. Doch der Lernprozeß kommt nur langsam voran, zu langsam.
Jüngst erst meldeten die Zeitungen, daß der Reaktor 2 von Tschernobyl wieder ans Netz geht. Und während bei uns der Rhein vergiftet wurde, kam es in der Oder nach einem Ölunfall zum Fischsterben. Was alles muß eigentlich noch passieren?
Von Monika Griefahn

DER SPIEGEL 7/1987
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