30.05.2015

BurmaMenschen ohne Land

Nuralam ist 23, Rohingya und staatenlos. Weil die Regierung ihm alle Rechte nahm, floh er wie Tausende andere mit einem Boot Richtung Malaysia. Dort kam er nie an. Von Katrin Kuntz
Nachts, wenn ein lauer Wind um die Hütte weht und durch die Tür der Geruch von Salzwasser dringt, liegt Nuralam oft stundenlang wach. Er schaut zu seiner Schwester neben sich auf der Matte. Er sieht seinen Bruder zu seinen Füßen, seine Mutter; sie schlafen. Wenn er jetzt noch einmal zum Meer laufen würde, denkt er, wenn er sich davonstehlen würde in Richtung Malaysia, wie er es schon einmal getan hat, dann müsste er sie hier allein zurücklassen.
Natürlich würden sie ihn vermissen. Doch hätten dann nicht auch die Geschwister mehr Platz in der kleinen Hütte? Und würde er selbst, Nuralam ohne Nachnamen, 23 Jahre alt, ein kleiner Mensch mit leiser Stimme, einem Tuch um die Hüften und schwarzen Augen, in der Fremde nicht endlich ein richtiger Mensch werden können? "Ein Mensch mit einer Arbeit", sagt er. "Und mit Rechten."
Weil er zur muslimischen Minderheit der Rohingya gehört, erkennt sein Land ihn als Staatsbürger nicht an. Radikale Buddhisten hetzen gegen seinen Glauben. Die Behörden bezeichnen ihn als "Bengalen", als käme er aus Bangladesch. Dabei ist er in Burma geboren.
Nuralam ist ein Mensch ohne Land, kein Bürger. Warum also sollte er bleiben?
Unzählige Male hat er im Lager über diese Frage nachgedacht, weil es sonst nichts zu tun gab. Wieder und wieder ist er durch den Staub spaziert, hat die nackten Kinder im Abwasser spielen sehen. Mehr als 25 000 Rohingya sind in diesem Jahr schon mit Booten durch den Golf von Bengalen geflohen; die Bilder ihrer verzweifelten Odyssee vor den Küsten Thailands, Malaysias und Indonesiens gingen um die Welt. Nuralam sagt dennoch: "Ich wollte einer von ihnen sein."
In der Nacht des 14. April, als alle schliefen, stand Nuralam von seiner Matte auf. Er ging leise zur Tür hinaus und lief zum Strand. Dort wartete ein Schmuggler, mit dem er verabredet war. Nuralam wusste nicht, dass er zu einer Irrfahrt aufbrach. Er wollte den Wahnsinn in seinem Land für immer vergessen.
Nuralam, seine drei Geschwister und seine Mutter leben seit drei Jahren im Camp Bawdupa für vertriebene Rohingya in Sittwe, der Hauptstadt des Bundesstaats Rakhine im Westen Burmas. Rakhine ist einer der ärmsten Bundesstaaten, ein Niemandsland, in dem gut drei Millionen Menschen hausen, davon fast eine Million Rohingya. 140 000 von ihnen müssen in gettoartigen Dörfern leben, die sie nicht verlassen dürfen.
Seit einer Woche ist Nuralam wieder zurück im Lager, seine Flucht ist nach Wochen auf See gescheitert. Er sitzt an einem Morgen im Mai in seiner Hütte, die auf Stelzen gebaut ist, seine Mutter würde den Gästen gern etwas anbieten, aber sie hat nichts. "Wir leben hier in einem Gefängnis", sagt er. Er will von seinem Leben, seiner Flucht erzählen.
Seine Geschichte beginnt vor drei Jahren mit einem Ereignis, das das Leben der Rohingya in ein Vorher und ein Nachher teilt. Im Mai 2012 soll eine Gruppe Muslime in Rakhine eine buddhistische Frau vergewaltigt und getötet haben. Buddhisten brannten danach muslimische Dörfer nieder. Hunderte Menschen starben, Tausende flohen, seither leben viele in Camps.
Nuralam arbeitete damals als Rikschafahrer in der Stadt Sittwe, nie hat er eine Schule besucht. Als er am 8. Juli 2012 nach Hause ging, lag seine Nachbarin vor dem Haus, ihr Kopf lag neben ihrem Körper. Nuralam sah, wie Buddhisten die Rohingya zusammentrieben. Sie zündeten sein Haus an. Nuralam versteckte sich in den Büschen. In der Nacht lief er aus seinem Viertel in Sittwe davon, die Regierung wies ihm einen Platz im Camp zu.
Der Bundesstaat Rakhine ist eine Region, in der sich die Zerrissenheit Burmas spiegelt. Einerseits hat sich das Land nach dem Amtsantritt von Präsident Thein Sein im März 2011 nach fast 50 Jahren Militärdiktatur geöffnet. Die "Nationale Liga für Demokratie" von Aung San Suu Kyi wurde als Oppositionspartei anerkannt, politische Gefangene kamen frei, und der Westen hob die meisten Sanktionen auf. Für kurze Zeit schien Burma eine der wenigen ermutigenden Geschichten auf der Welt zu sein. Doch Reformen kamen bald ins Stocken, und dann gingen die Gewalttaten gegen die Rohingya los.
Während des brüchigen politischen Übergangs zur Demokratie in den vergangenen Jahren hat die Regierung den alten Konflikt neu angefacht. Burma ist ein Land, das seine Identität zum großen Teil über Religion definiert. Viele Buddhisten glauben, die muslimischen Rohingya seien erst durch die britischen Kolonialherren ins Land gekommen. Sie fühlen sich von ihnen bedroht.
Dabei gab es hier schon im 16. Jahrhundert eine muslimische Gemeinde. Während der britischen Kolonialzeit kamen Muslime als Arbeiter. Als Burma 1948 unabhängig wurde, waren Muslime in Rakhine in vielen Gegenden in der Mehrheit. Buddhisten warfen ihnen vor, den Briten geholfen zu haben. 1982 wurde den Rohingya die Staatsbürgerschaft verweigert. Bis heute werden sie diskriminiert.
Die Vereinten Nationen nennen die Rohingya eine der am meisten verfolgten Minderheiten der Welt. Selbst Aung San Suu Kyi, die Friedensnobelpreisträgerin, die das Militär jahrelang unter Hausarrest stellte und die wohl die Stimmen für ihre Partei bei der Parlamentswahl im Herbst nicht gefährden will, schweigt über die Rohingya, als ob ihr Name Unheil brächte. Die Menschenrechtsorganisationen, die sich einst für Aung San Suu Kyi einsetzten, kritisieren sie nun. Ihr Pressesprecher sagt über die Rohingya: "Es sind Einwanderer, Bengalen."
Im Camp, in dem Nuralam jetzt leben muss, ist wenig zu sehen von der Arbeit internationaler Organisationen. Buddhisten in Rakhine stürmten 2014 die Büros von Ärzte ohne Grenzen, zerschlugen Möbel und forderten, dass die Buddhisten die Hälfte aller Hilfe bekommen. Ihre Komitees kontrollieren jetzt die Camps. Seitdem gibt es Schulen ohne Lehrer und Krankenstationen, in denen niemand weiß, ob ein Arzt kommt. Nuralam sagt: "Niemand hält dieses Leben hier aus."
Nuralam kennt die vier Rassengesetze, die gerade im Parlament diskutiert werden. Eine buddhistische Frau muss einen Antrag stellen, wenn sie einen muslimischen Mann heiraten will. Polygamie soll verboten werden. Eine Frau darf in einigen Regionen nur alle drei Jahre ein Kind bekommen. Wer seine Religion wechseln möchte, muss dies beim Staat beantragen. Die Geburtenregelung hat Präsident Thein Sein gerade zum Gesetz gemacht. Sie könnte von den Regionalregierungen in Rohingya-Gebieten angewendet werden, fürchten Menschenrechtler.
Der Schmuggler, den Nuralam am Strand traf, brachte ihn die Küste hinauf, zu einem Schiff, das aus Thailand kam. 400 Rohingya aus Burma und Bangladesch stiegen zu. Auch dort leben mehr als 200 000 Rohingya, die vor allem vor Armut fliehen. Als die Besatzung ihm seinen Platz an Deck zuwies und er draußen auf dem Wasser an seine schlafende Mutter dachte, habe er geweint, sagt Nuralam. Aber es habe sich richtig angefühlt.
Der Schmuggler hatte Nuralam eine Arbeit in einer Fabrik in Malaysia versprochen, er verlangte zuerst kein Geld von ihm. Auf dem Boot verteilte er Reis, eine Tasse Wasser und Salz. Er befahl den Flüchtlingen, still zu sitzen. Als Nuralam an einem Tag ein zweites Mal zur Toilette ging, schlug einer der Schmuggler ihn mit einer Eisenkette. Vier Wochen lang sollte Nuralam auf einem Quadratmeter ausharren, die Arme um die Beine geschlungen, ein Mensch, zusammengerollt zu einer Kugel, bereit, verschluckt zu werden vom Meer.
Nuralam erzählt, dass die Flüchtlinge von Sittwe erst zahlen müssen, wenn sie das Schiff verlassen wollen. 2000 Dollar sind ein gängiger Preis für Reisen von Burma durch die Andamanensee nach Thailand, dann über Land nach Malaysia.
Wer das Geld nicht hat, den behalten die Schmuggler auf dem Boot oder sperren ihn in einen Verschlag im Dschungel. Sie rufen die Angehörigen der Flüchtlinge an, übergießen die Menschen mit heißem Wasser oder reißen ihnen die Fingernägel aus, damit die Angehörigen zahlen. Nuralams Schiff hielt vor der Küste Thailands an. "Ich konnte das Land sehen", sagt er, doch er durfte nicht aussteigen. Er wurde noch einmal heimatlos, diesmal auf dem Meer.
Etwa 4000 Rohingya sind immer noch auf Booten unterwegs, schätzen Menschenrechtler. Viele südostasiatische Staaten haben die Flüchtlingskonvention von 1951 nicht unterzeichnet. Erst vor wenigen Tagen haben Indonesien und Malaysia zugestanden, Rohingya für ein Jahr aufzunehmen, als Notlösung.
Seit Anfang Mai in Thailand Massengräber entdeckt wurden, wahrscheinlich mit den Überresten von Rohingya, haben die thailändischen Behörden die Kontrollen an den Grenzen verstärkt. In den vergangenen Tagen wurden weitere Massengräber im malaysischen Dschungel gefunden. Schlepperbanden hatten dort Hunderte Flüchtlinge festgehalten und ihre Familien erpresst, noch einmal zu zahlen.
Im Camp in Sittwe kommt Nuralams ältere Schwester in die Hütte. Sie schaut ihren Bruder vorwurfsvoll an, als er erzählt, wie sie zehn Tage vor der thailändischen Küste ankerten. Wie er fürchtete, vor Hunger und Durst zu sterben. Wie die thailändische Marine sie zwang umzukehren. Wie er daher vor einer Woche wieder in Sittwe ankam, entkräftet und verschämt. Und wie die Familie sich mit 100 Dollar verschuldete, um ihn, Nuralam, den Gescheiterten, aus dem Boot freizukaufen.
"Ich werde Nuralam verheiraten", sagt die Schwester. "Denn wir gehören in dieses Land." Sie weiß, dass die Rohingya eine zweitklassige Staatsbürgerschaft beantragen können, wenn sie nachweisen, dass ihre Familie seit über 60 Jahren in Burma lebt. Und wenn sie den Namen "Bengale" akzeptieren. Es sieht aus wie eine großzügige Geste des Staates, in Wirklichkeit hat kaum ein Rohingya Dokumente.
Die buddhistische Mehrheit im Land sieht das gern, vor allem nationalistische Organisationen wie die "969-Bewegung", die in Burma sehr großen Einfluss haben. Wer nicht Theravada-Buddhist ist, ist kein Burmese, finden sie.
In Mandalay im Zentrum Burmas empfängt Ashin Wirathu, 46, im Masoeyein-Kloster, ein kleiner Mensch mit sanftem Lächeln, leiser Stimme, er wird der "burmesische Bin Laden" genannt; das "Time"-Magazin hat ihn als "Gesicht des buddhistischen Terrors" bezeichnet. Über sieben Jahre verbrachte Wirathu wegen Hetze im Gefängnis, vor wenigen Jahren kam er durch eine Amnestie frei, jetzt führt er die 2500 Mönche in Mandalay an, viele sehen ihn als Marionette des alten Regimes.
Wirathu sitzt an diesem Morgen in roter Robe im Gebetsraum, Mönche verbeugen sich still vor ihm, nebenan hängen Fotos von verstümmelten Menschen – Buddhisten angeblich, die von Muslimen getötet worden seien.
"Facebook", sagt Wirathu, als man ihn nach seinen wichtigsten Aktivitäten fragt. Gerade hat er Bilder von einem buddhistischen Mädchen gepostet, das von einem Muslim vergewaltigt worden sein soll. Es gibt auch eine Wirathu-App, YouTube-Videos, er hält Reden im ganzen Land. Immer geht es um die Rohingya, die Burma übernehmen wollen. Wirathu lässt das Interview mit dem SPIEGEL filmen. Nicht, dass man ihn missversteht. Er will natürlich nicht, dass jemand stirbt.
Was will die 969-Bewegung dann?
"Wir sichern die Identität und die Religion in Burma", sagt Wirathu, Mönch seit seinem 14. Lebensjahr.
Was haben Sie gegen die Rohingya? "Die Muslime sind in der Minderheit hier, aber sie bedrohen uns: 'Charlie Hebdo', 9/11, das Café in Australien, Syrien, Nigeria, Kenia, Boko Haram, IS, sehen Sie nur", sagt er. "Sie wollen aus dem Staat Rakhine eine bengalische Republik machen."
Warum fliehen sie dann? Schweigen.
Warum hilft Burma den Flüchtlingen nicht? "Burma hat keine Verantwortung für sie. Staatenlose Menschen können doch keine Flüchtlinge sein", sagt Wirathu. Er freut sich über seine Antwort. Er behauptet, Saudi-Arabien finanziere die Rohingya.
Im Rohingya-Camp in Sittwe bricht ein neuer Tag an. Nuralam ist um fünf Uhr aufgestanden, er hat Wasser am Brunnen geholt und Betelnusspäckchen gefaltet. Er wird versuchen, den Tag rumzubringen. "Ich mag Wind", sagt er, "und Stille".
Für die Zukunft hat er sich überlegt, mit seinem Schwager Hühner auf dem Markt zu verkaufen. Ein bisschen Geld wäre gut, für die Mutter. Für ihn sei es nicht so schlimm, dass er nichts besitze, sagt Nuralam. Er weiß, dass es in diesem Land keine Chance für ihn gibt. Er will frei bleiben und ungebunden. Dann sei es auch leichter zu fliehen.
Von Katrin Kuntz

DER SPIEGEL 23/2015
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