09.02.1987

GEWERKSCHAFTENLieber selber spenden

Die IG Metall hat Ärger mit Funktionären, die ihre Aufsichtsratstantiemen behalten. *
Metall", die Gratis-Zeitschrift für alle Mitglieder der IG Metall, findet zum Kummer der Redaktion nicht immer die gebührende Aufmerksamkeit in den Betrieben. Tausende von Exemplaren bleiben oft gebündelt und ungelesen in den Geschäftsstellen liegen.
Eine Ausgabe des Hefts erfreut sich allerdings doch jedes Jahr lebhafter Nachfrage. Das ist die Nummer, in der eine Liste mit den Namen all jener Funktionäre veröffentlicht wird, die ihre Aufsichtsratsvergütungen nicht an die gewerkschaftseigene Hans-Böckler-Stiftung abgeführt haben. Diesmal wurden die Sünder in Heft 2 namhaft gemacht. Es war schnell vergriffen.
Die Liste veröffentlicht der IG-Metall-Vorstand nicht freiwillig, er handelt im Auftrag des höchsten Gewerkschaftsgremiums. Nach dem Neue-Heimat-Debakel wollten die Delegierten des Gewerkschaftstages Transparenz in Geld-Angelegenheiten schaffen.
Jeder Arbeitnehmervertreter in den Aufsichtsräten müsse nachweisen, daß er seine Tantiemen auch wirklich bis auf einen Anerkennungsbetrag abgeführt habe. Raffgier solle in der Mitgliederzeitschrift angeprangert werden, Wiederholungstäter sollten ausgeschlossen werden. Ihr Verhalten sei "gewerkschaftsschädigend".
Es half nichts, erneut mußte Metall eine lange Liste veröffentlichen. Über 100 Namen tauchen nun schon zum wiederholten Mal in dieser Sünder-Tabelle auf.
Zu den Wiederholungstätern zählt auch ein so prominenter Metaller wie der Gesamtbetriebsratsvorsitzende von Klöckner-Humboldt-Deutz (KHD) in Köln, Paul Bleffert.
Der verdiente Gewerkschafter, seit 31 Jahren Betriebsrat und ehemals Vorstandsmitglied der IG Metall, weigert sich beharrlich, die Tantieme rauszurücken. Die zuletzt 57000 Mark Aufsichtsratsvergütung, meint Bleffert, stünden ihm persönlich zu. Statt es an eine anonyme Stiftung weiterzureichen, will Bleffert das Geld nach eigenem Gutdünken spenden.
Gemeinsam mit zwei weiteren Verweigerern wurde der Kölner nun vor eine Untersuchungskommission zitiert. Vorab verloren die widerspenstigen Funktionäre erst mal ihre Gewerkschaftsposten.
Der Fall Bleffert ist für die Gewerkschaftsführung ein Test. Weitere Ausschlußverfahren sollen schon bald in Bocholt, Frankfurt und Ulm anlaufen.
Leicht ist das für die Gewerkschaftsführung nicht, IG-Metall-Chef Franz Steinkühler kommt durch die Verweigerer in Verlegenheit. Einerseits muß der Vorsitzende die Beschlüsse des Gewerkschaftstages durchsetzen. Andererseits bringt er die Basis in den Firmen gegen sich auf, wenn er beliebte Betriebsräte wie Bleffert feuert. "Jegliche öffentliche Erörterung", so seine Bitte an die Kölner Kollegen, solle deshalb unterbleiben.
Die offene Aussprache wird sich aber nicht vermeiden lassen denn die Betriebsratswahlen stehen bevor. Alles deutet darauf hin, daß die KHD-Belegschaft ihren Anführer wiederwählen will, allen Vorwürfen zum Trotz.
Solange die Untersuchung läuft, kann Bleffert jedoch nicht für die IG Metall kandidieren. Und das braucht er auch nicht unbedingt. Bleffert käme ohne die Unterstützung der Gewerkschaft mit einer eigenen Wahlliste durch. Die Betriebsräte sämtlicher KHD-Niederlassungen haben sich einstimmig auf seine Seite geschlagen. Auf die mit über 80 Prozent bestens organisierte Belegschaft könnte sich die IG Metall in der laufenden Tarifrunde kaum noch verlassen.
Für Bleffert geht es um viel Geld. Weit über 100000 Mark müßte er für mehrere Jahre im Aufsichtsrat nachzahlen, wenn er dem Gewerkschaftsvorstand gehorchen würde. Das Geld ist längst weg, und sein Häuschen will der 59jährige Metaller nicht gern verkaufen.

DER SPIEGEL 7/1987
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