12.01.1987

SPIELEMiese Stimmung

Seit 75 Jahren sitzen die Deutschen mit Vorliebe vor einem Pappbrett und würfeln: „Mensch ärgere Dich nicht“ wurde zum populärsten Gesellschaftsspiel der Nation. *
Die vier Sporttaucher, darunter zwei Frauen, vom lippischen Tauchclub Lage kontrollierten ein letztes Mal den korrekten Sitz von Gummianzügen und Sauerstoffflaschen. Dann stülpten sie sich die ovalen Gesichtsmasken über, sprangen ins Wasser und begannen in 3,50 Meter Tiefe, mit sonderbaren Figuren und Aliuminiumwürfeln zu hantieren. 34 Stunden und zwölf Minuten dauerte der Spuk - ein Fall für das Guinness-Buch der Rekorde 1986.
Millionen von Bundesbürgern frönen auf dem Trockenen derselben Leidenschaft wie die vier Taucher: Stundenlang hocken sie vor dem lackierten Pappquadrat mit 72 Kreisfeldern, würfeln reihum und schieben farbige, gut zwei Zentimeter hohe Spitzkegel über das Brett, auf einet festgelegten Route bis ins Ziel. Stets, schreibt die Regel vor, "ist besonders darauf zu achten, die Figuren seiner Gegner hinauszuwerfen".
Und grade dann kommt häufig jene miese Stimmung auf, die eigentlich unerwünscht ist, denn: "Mensch ärgere Dich nicht" heißt das ebenso simple wie spannende Spiel, das in deutschen Familien seit mehreren Generationen zur Grundausstattung zählt, so selbstverständlich wie Kochtopf oder Bügeleisen.
Kein anderes Gesellschaftsspiel, weder "Dame" noch "Schach", weder "Mühle" noch "Halma", wurde annähernd so beliebt wie das Würfeln um Vorrücken und Rausschmeißen. In drei von vier westdeutschen Haushalten, stellten Marktforscher fest, steht irgendwo im Regal der knallrote Karton mit dem düster blickenden Herrn im dunklen Anzug auf dem Pappdeckel. Weltweit wurden bislang rund 55 Millionen Exemplare des Originals verkauft, einschließlich aller Raubkopien und leicht modifizierten Nachahmungen sogar mehr als hundert Millionen.
Das Geschäft mit Würfelspaß und Schadenfreude machte einen Mann zum Millionär, der das Spiel schon als Flop abgeschrieben hatte. Josef Friedrich Schmidt, ein erfolgloser bayrischer Eisenwarenverkäufer, gründete 1912 in der Münchner Lilienstraße eine Werkstatt, um das von ihm bereits 1905 erdachte, bis dahin aber nur in Handarbeit gebastelte Spiel in Serie zu produzieren.
Schmidt erfand den Namen, "Mensch ärgere Dich nicht" und ließ gleich größere Stückzahlen fertigen. Doch das Spiel fand kaum Abnehmer, nicht einmal für 35 Pfennig pro Exemplar. Als zwei Jahre nach Anlauf der Produktion der Erste Weltkrieg ausbrach, saß Jungunternehmer Schmidt auf Tausenden unverkäuflicher Pappkartons. Verbittert über die drohende Pleite, verschenkte er die Spiele an das Deutsche Rote Kreuz.
Die milde Gabe brachte ihm Millionen. Das Rote Kreuz verteilte die Würfelkisten an Krankenhäuser und Lazarette - der Ladenhüter wurde zur Lieblingsbeschäftigung der Gebrechlichen und Verletzten. "Sie können sich nicht vorstellen", bedankte sich 1916 eine norddeutsche Rotkreuzschwester beim Spender, "welch große Freude Sie damit den Verwundeten gemacht haben."
Direkt aus den Lazaretten gelangte das Spiel an die Front, genesene Soldaten schleppten es bis in die Schützengräben. Während die deutschen Soldaten zurückwichen, war der Vormarsch von Schmidts Spiel nicht mehr aufzuhalten - bis 1918 war schon rund eine Million der flachen Kartons mit dem eher dürftigen Inhalt (Pappbrett, Holzfiguren, Würfel) abgesetzt.
Der Boom hielt auch in den folgenden Jahrzehnten an. Und wenn der Absatz mal kurzfristig lahmte, wurde der Karton werbewirksam einem Prominenten in die Hand gedrückt, wie 1957 dem damaligen Wirtschaftsminister Ludwig Erhard.
Noch immer verkauft die Firma "Schmidt Spiele", inzwischen einer der größten deutschen Hersteller mit umfangreichem Sortiment, jährlich fast eine Million der beliebten Rotkisten, zu Stückpreisen zwischen 10 und 20 Mark, je nach Ausstattung (Titel und Markenzeichen sind nach wie vor geschützt). Jedes zweite Spiel wird exportiert, etwa nach Italien als "Non t''arrabbiare!" oder nach Frankreich ("T''en fais pas!").
Der beständige Erfolg gilt in der Branche als Glücksfall. Die meisten Spielideen können sich nur kurze Zeit am Markt behaupten, mitunter verschwinden sie schon nach einer Saison. Nur wenige der in diesem Jahrhundert erfundenen Gesellschaftsspiele setzten sich international durch und wurden zu dauerhaften Bestsellern, darunter *___"Monopoly", das amerikanische Ränkespiel um Geld und ____Immobilien, von dem seit 1933 fast 90 Millionen Stück ____produziert wurden; *___"Scrabble" (Auflage: rund 80 Millionen), ein 1948 ____veröffentlichtes Kreuzworträtselspiel des ____amerikanischen Schafzüchters James Brunot; *___"Memory", 1960 von dem Schweizer Ingenieur William ____Hurter vorgestellt und rund 50 Millionen mal verkauft; _(An seinem 60. Geburtstag ) *___Master Mind", das 1971 präsentierte Logikspiel des ____Israelis Marco Meirowitz (Auflage: 50 Millionen), und *___"Trivial Pursuit", ein Quizspiel mit Frage- und ____Antwortkarten aus Kanada, das 1982 publiziert wurde und ____bereits 30 Millionen Käufer fand.
Viele erfolgreiche Spiele sind in Wahrheit gar nicht so neu, wie ihre Autoren oft vorgeben. Fast immer wurden Ideen abgekupfert oder Sujets verwendet, die längst bekannt sind, oft schon seit Jahrhunderten. Auch "Mensch ärgere Dich nicht" hatte Vorläufer, schon Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in England ähnliche Brettspiele.
Und noch früher, vor rund 400 Jahren, schätzte der indische Großmogul Akbar den Umgang mit Würfel und Spielfiguren. Statt auf einem kleinen Brett spielten Hoheit am liebsten auf einer riesigen Fläche aus farbigen Marmorplatten.
Die bunten Figuren zum Spielen ließ Akbar aus dem Harem herbeischaffen: Statt hölzerner Spitzkegel ruckten sechzehn junge Sklavinnen übers Feld.
An seinem 60. Geburtstag

DER SPIEGEL 3/1987
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