09.02.1987

„Eine Intervention muß in einem Fiasko enden“

Mit einem gewaltigen Flottenaufmarsch versuchten die USA, die Geiselnehmer im Libanon einzuschüchtern. Ein riskantes Vorgehen der Supermacht, denn die nervös gewordenen Schiiten könnten dadurch erst recht provoziert werden. Die israelischen Verbündeten hatten abgeraten: „Gegen Terroristen helfen keine Flotten.“ *
Niemand wußte, woher er kam, keiner kannte seinen Namen. Eine Jammergestalt, in einen dreckstarrenden Mantel gehüllt, den er auch in der größten Sommerhitze nie ablegte. Auf dem Kopf trug er stets einen schwarzen, breitkrempigen Hut mit einer schmierigen Taubenfeder.
Die Bewohner des Geschäftsviertels Hamra im Zentrum des moslemischen West-Beirut nannten den schrulligen Penner einfach Abu Risch, Vater der Feder.
Er war einer der vielen tausend Obdachlosen in der vom Bürgerkrieg zerstörten Stadt, die sich mit Betteln durchbrachten und nachts in Toreinfahrten schliefen.
Jeder im Hamra-Distrikt kannte Abu Risch, der für ein paar Groschen dem Gemüsehändler den Bürgersteig fegte oder - geistig verwirrt, wie er wohl war - sich stundenlang todesmutig auf Kreuzungen postierte und mit mächtigen Gesten den chaotischen Verkehr zu regeln versuchte.
Dann - es war Sommer 1982, die israelische Armee stand vor den Toren West-Beiruts - war Abu Risch plötzlich verschwunden. Als er einige Tage später wieder auftauchte, trug er die Offiziersuniform der israelischen Besatzungstruppen.
Über zwei Jahre hatte der Top-Mann des israelischen Geheimdienstes Mossad und Führer des Beiruter Agentennetzes im Feindesland observiert, ausgespäht und nach Jerusalem berichtet.
Trotz - oder gerade wegen - dieser exzellenten Spionage-Erkenntnisse vermied es der damalige Premier Menachim Begin, den Sieg über die verhaßten PLO-Fedajin schon vor Augen, seine Soldaten zum entscheidenden Kampf nach West-Beirut zu schicken. Aus gutem Grund: In den Straßenschluchten der geteilten libanesischen Hauptstadt hätte, so ein hoher Jerusalemer Offizier "keine Armee dieser Welt auch nur die geringste Chance".
Bestens bewaffnete und hochmotivierte Milizionäre, vertraut mit dem Gelände und unterstützt von der Bevölkerung, bildeten damals schon eine unbezwingbare militärische Macht in der Trümmerstadt am Mittelmeer. Inzwischen ist der Beiruter Dschungel eher noch unübersichtlicher, die Kampfeslage noch verworrener geworden.
Daran gemahnte vergangene Woche Israels Verteidigungsminister Jizchak Rabin. Er habe "Schwierigkeiten zu glauben", daß die Vereinigten Staaten im Libanon eine "Strafaktion durchführen" könnten. Denn, so ergänzte einer seiner Berater: "Eine amerikanische Intervention, gleich welcher Art, ob Invasion oder Bombardierung, muß in einem Fiasko enden." Seine Empfehlung: "Deshalb sollten die Amerikaner die Finger davon lassen."
Bis Ende vergangener Woche blieb es fraglich, ob sich die USA an den kundigen Rat ihrer israelischen Verbündeten halten würden. Denn US-Präsident Ronald Reagan hatte im östlichen Mittelmeer eine imposante Streitmacht aufgeboten: *___Zwei Flugzeugträger-Gruppen mit insgesamt 22 ____Kriegsschiffen und über 150 Kampfflugzeugen kreuzten ____nur 80 Kilometer vor der libanesischen Küste, ____atombewaffnet und von über wältigender konventioneller ____Schlag kraft. *___Zwei Kampfeinheiten mit zeitweilig 3800 ____Marineinfanteristen standen den Navy-Kommandeuren zur ____Verfü gung. *___Eine dritte Flugzeugträger-Gruppe nahm Kurs auf das ____Arabische Meer; weitere Kriegsschiffe hielten sich im ____Persischen Golf bereit.
Aber das war noch längst nicht alles. Soldaten der amerikanischen Antiterroreinheit "Delta Force" warteten startbereit in Spezialmaschinen auf ihren US-Stützpunkten. Und an Bord der Mittelmeerflotten harrten zwei Züge des Marine-Sonderkommandos
"Seals" auf möglichen Blitzeinsatz. "Seals", so ein Navy-Sprecher, "bereiten Landeoperationen vor", stünden aber auch "für direkte Kampfhandlungen" zur Verfügung.
Die Machtdemonstration galt schiitischen Extremisten-Organisationen, die im Libanon 23 nichtarabische Ausländer als Geiseln entführt haben, darunter neun amerikanische Bürger. Die Terroristen wiederum drohten, ihre Geiseln zu erschießen, falls "US-Soldaten den Boden Libanons betreten" sollten.
Im krassen Gegensatz zu den unverhüllten Drohgebärden der westlichen Supermacht versuchte Reagans neuer Pressesprecher Marlin Fitzwater, den Flottenaufmarsch herunterzuspielen. Dabei handele es sich "um ganz normale Operationen", die, wie Pentagon-Sprecher Robert Sims ergänzte, "reine Vorsichtsmaßnahmen" darstellten. Charles Redman vom Außenministerium erklärte Mitte voriger Woche, daß es "ausschließlich darum geht", die Terroristen "zur Freilassung ihrer Geiseln zu bewegen".
Daß die USA glauben, mit Muskelspiel und viel Getöse ihr Ziel erreichen zu können, ist für die meisten Nahostkenner eine fragwürdige Taktik. Aharon Jarif, der ehemalige Leiter des israelischen Militärnachrichtendienstes: "Eins ist klar: Gegen Terrorbanden bleiben Flotten machtlos."
Diese Erfahrung hatten die Amerikaner schon 1984 machen müssen. 290 Granaten - jede fast zwei Meter lang und 1200 Kilo schwer - feuerte Anfang Februar das amerikanische Weltkrieg-II-Schlachtschiff "New Jersey" in die Schuf-Berge hinter Beirut. Doch die anvisierten Ziele - mutmaßliche Verstecke schiitischer Extremisten - wurden verfehlt. Die "New York Times" notierte, die Trefferquote sei "äußerst schwach" gewesen, nicht zuletzt wegen "alter und minderwertiger Munition".
Auch andere militärische Optionen der Pentagon-Planer schienen Ende vergangener Woche nicht besonders erfolgversprechend. Eine Möglichkeit wäre etwa die See- und Luftblockade des Libanon gewesen. Dies würde die ohnehin fast völlig zerrüttete Wirtschaft des Landes noch weiter ruinieren. Positiver Nebeneffekt: Das lukrative Geschäft mit Rauschgift, die bedeutendste Einnahmequelle für die mächtigen libanesischen Familien-Clans, würde unterbunden.
Auch gezielte Luftangriffe gegen "Terrornester" (Präsident Reagan), etwa in der ostlibanesischen Bekaa-Ebene, waren im Pentagon umstritten. Als Frankreich im November 1983 in einem Präventivschlag mit Super-Etendard-Kampfflugzeugen das Hauptquartier einer proiranischen Miliz in Baalbek bombardierte, kamen 39 Menschen ums Leben, 150 wurden verletzt. Nur: Die Opfer waren überwiegend unschuldige Zivilisten.
Außerdem könnte eine Luftattacke, so nahe an der syrischen Grenze, zu einer Konfrontation mit Damaskus führen. Auch da gibt es aus jüngerer Vergangenheit schlechte Erfahrungen.
Im Dezember 1983 waren bei einem Vergeltungsangriff gegen syrische Artillerie-Stellungen im Libanon zwei amerikanische Flugzeuge abgeschossen worden, ein Pilot geriet in syrische Gefangenschaft.
Die spektakulärste, aber gefährlichste Möglichkeit wäre ein Kommandounternehmen, um die Geiseln der Gewalt ihrer Entführer zu entreißen. Doch das würde wohl nur Hollywoods Rambo schaffen; die Gefahr, daß die Geiseln umgebracht würden, bevor sie befreit werden könnten, scheint übergroß.
Außerdem: Die Amerikaner verfügen über keine eigenen gesicherten Erkenntnisse über die Aufenthaltsorte ihrer gefangenen Landsleute. Auch die Amtshilfe des sonst allwissenden Mossad, beklagte vergangene Woche ein Regierungsbeamter in Washington, sei "äußerst flau. Die kommen mit nichts Vernünftigem über".
Vielleicht deshalb, weil sie selbst nur unzureichend informiert sind. Schai Feldmann, Professor am Strategischen Institut der Universität Tel Aviv hat Zweifel, ob Israel den USA überhaupt helfen könne: "Es ist uns ja nicht einmal gelungen; unsere eigenen Geiseln aus den Händen der Terrortrupps im Libanon zu befreien." Seit der Invasion 1982 werden vier israelische Soldaten vermißt. Ihr Schicksal ist bis heute unbekannt.
Wie professionell und perfekt organisiert die Kidnappergruppen in West-Beirut mittlerweile operieren, zeigt die Entführung von vier Lehrern des amerikanischen Colleges am 24. Januar.
Die vier Kidnapper, ausgerüstet mit amerikanischen Schnellfeuerwaffen und bekleidet mit der Khaki-Uniform und dem roten Barett der libanesischen Sonderpolizei-Einheit "16", fuhren mit einem Polizei-Jeep auf dem Campus vor. Den Torwächtern erklärten sie lediglich, "dringende und wichtige" Informationen für die Professoren - drei Amerikaner, ein Inder - zu haben. Dann zerrten sie die Lehrer in den Jeep und brausten davon.
Für diese Entführung übernahm die bislang kaum aufgetauchte Organisation "Islamischer Heiliger Krieg für die Befreiung Palästinas" die Verantwortung: ein weiterer verwirrender Name im schwer durchschaubaren Geflecht libanesischer Kampf- und Entführergruppen.
Diese neue Organisation, vermuteten vorige Woche Washingtoner Nahost-Experten, sei nur ein Ableger der bekannten Gruppe "El-Dschihad el-islami" (Islamischer Heiliger Krieg).
Doch selbst diese Terrortruppe, die wahrscheinlich mindestens vier französische Geiseln gefangenhält, ist keine eigenständige Miliz. Auch "El-Dschihad el-islami" gehört, wie ein Dschihad-Anführer mitteilte, zur libanesischen Schiiten-Organisation "Hisb Allah".
Diese Partei Gottes, vom Iran finanziert, entführte wohl auch die beiden Deutschen Rudolf Cordes und Alfred Schmidt. Bislang letztes und prominentestes Opfer der Hisb Allah: der britische Unterhändler Terry Waite (siehe Kasten Seite 112). Seine Geiselhaft könnte für die schiitischen Extremisten ein wertvolles Faustpfand zum Schutz _(Von den Entführern aufgenommene Polaroid ) _(Bilder. )
vor militärischen Vergeltungsaktionen der Amerikaner sein.
Trotz der vorsichtigen Entwarnung Ende voriger Woche - die USA beorderten den Flugzeugträger "John F. Kennedy" zu einem "Freundschaftsbesuch" in den israelischen Hafen Haifa - herrschte in den von den Entführern kontrollierten Stadtvierteln West-Beiruts höchste Alarmbereitschaft.
Experten bezweifeln, daß die ausländischen Geiseln ins Bekaa-Tal geschafft worden sind - so hatten es die Hisb-Allah-Führer vergangene Woche noch verkündet. Denn in West-Beirut gibt es genügend sichere Verstecke: nicht nur in den schwerbewachten Häuserblocks der Milizen, sondern auch in einem weitverzweigten, noch von der PLO errichteten Tunnelsystem.
Ohnehin werden die Gefangenen nach einem ständig wechselnden Verfahren innerhalb der Stadt verlegt, bisweilen - praktisches Transportmittel und Psycho-Folter in einem - in Särgen. Um den Geiseln jede Gelegenheit zur Orientierung zu nehmen, werden sie mit verbundenen Augen durch die Straßen gefahren und müssen anschließend stundenlang Treppen hinauf- oder hinabgehen - so lange, bis sie nicht mehr wissen, ob sie sich in einem Keller oder in einer Etagenwohnung befinden.
Dem Pentagon und dem Weißen Haus bliebe unter diesen Umständen wohl nur eine letzte erfolgversprechende Option, die allerdings für einen Rechtsstaat nicht zulässig sein sollte: die Entführung eines Chefs der Kidnapper.
Geiselnahme gegen Geiselnahme - zumindest der Israeli Rafael Eitan hält das für eine gute Idee. Der ehemalige Generalstabschef behauptete im israelischen Fernsehen: "Amerika kann die Terrorbosse sicherlich überall erwischen: im Nahen Osten, in Europa oder sogar in der Antarktis."
Von den Entführern aufgenommene Polaroid Bilder.

DER SPIEGEL 7/1987
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