09.02.1987

Nachts kommen die Lastwagen mit den Särgen

In der irakischen Hauptstadt Bagdad wächst die Angst vor der drohenden Niederlage *
Durch die dunklen Straßen hallen Schüsse. Armeetransporter stoppen vor schäbigen Häusern in den Kleineleutevierteln Karrada und Kassimija. Soldaten springen ab, laden schwere Holzkisten aus und feuern in die Luft.
Die Knallerei ist ein letzter Salut für Bagdads tote Soldaten. Nachts verteilt die Armee die Leichen der Gefallenen; man wünscht nicht, daß zu viele Schaulustige die Ablieferung der makabren Fracht beobachten. Während der verlustreichen Kämpfe um die südirakische Hafenstadt Basra hielten die aus der DDR stammenden IFA-Laster in manchen Nächten vor über 500 Häusern.
Anders als im Tran, wo die Hinterbliebenen den Opfertod eines Ehemannes, Sohnes oder Bruders festlich begehen, dürfen im Irak keine öffentlichen Trauerfeiern veranstaltet werden. Den Familien ist es sogar verboten, die Särge zu öffnen. Die Regierung wünscht kein Wehklagen.
Weil die Verluste während der iranischen Offensive vor Basra dramatisch anstiegen (nach Schätzungen bis auf 10000 seit Jahresbeginn), kam die Armee mit den Gefallenen-Transporten nicht immer nach. Taxifahrer mußten unentgeltlich Leichen ausfahren - von einem der vielen Kühlhäuser aus, in denen die oft zur Unkenntlichkeit verstümmelten Kriegsopfer gesammelt werden, direkt in rascher Fahrt zu den Angehörigen, die vom Heldentod des Familienmitglieds meist erst erfahren, wenn ihnen der Sarg übergeben wird.
Längst hat der Staat aufgehört, wie in den ersten Kriegsjahren, leidgeprüften Familien für jeden Gefallenen eine Toyota-Limousine zu schenken. Dafür schauen die Polizisten schon mal weg, wenn die Hinterbliebenen die schwarzen schiitischen Trauerfahnen aushängen - trotz Verbots und der Androhung von Geldstrafen.
Der Krieg ist der Hauptstadt ein Stück näher gerückt. Keine Familie, die nicht mindestens einen Gefallenen zu beklagen hätte, kein Lebensbereich, der nicht unter den Auswirkungen der Kämpfe zu leiden hätte.
Die Behörden, die bis vor kurzem noch bereitwillig ausländische Diplomaten zu den Einschlagstellen iranischer Raketen führten, melden nur noch die - übertriebenen - Verlustziffern der Feinde. Läßt sich ein iranischer Volltreffer in Bagdad nicht mehr verheimlichen, weil zu viele den Einschlag gehört und die mehrere hundert Meter hohe Rauchwolke gesehen haben, dann heißt es lakonisch: "Es gab Tote und Verwundete. "
Vorigen Donnerstag rief das iranische Hauptquartier in Teheran die Bevölkerung von Bagdad auf, ihre Stadt zu räumen, weil "schwere Angriffe" durch iranische Boden-Boden-Raketen bevorstünden - die Etappe wird zur Front.
Gewiß haben sich die Iraker an den langen Krieg gewöhnt. Aber die wachsenden Schwierigkeiten, die näherrückende Bedrohung zermürben sie. Zu oft ist der Krieg jetzt hautnah zu spüren.
Aus dem umkämpften Basra ziehen Flüchtlingsströme Richtung Norden. In der zerschossenen zweitgrößten Stadt des Landes leben kaum noch Menschen. Viele "Basrawis" mieten sich einen Wagen, der ihre Habe für 500 Dinar in Sicherheit bringt. Bei einem durchschnittlichen Monatsgehalt von 80 Dinar stürzt dieser Aufwand viele Familien in Schulden. Der Staat zahlt keine Entschädigung, die öffentlichen Kassen sind leer.
Nahe den heiligen Städten Nadschaf und Kerbela werden die Frontflüchtlinge in Zeltlagern untergebracht und, immerhin, kostenlos verpflegt. Dort sind sie vor iranischen Raketen sicher, denn Ajatollah Chomeini hat höchstpersönlich versichert, diese schiitischen Heiligtümer zu verschonen.
Dennoch ziehen viele nach Bagdad weiter, um bei Verwandten unterzuschlüpfen. Der Koch Dschassim Ali beherbergt in seiner Dreizimmerwohnung zwölf Flüchtlinge, zusätzlich zu seiner eigenen fünfköpfigen Familie.
Unübersehbar zeichnet der Krieg nach sechseinhalb Jahren das Land. Längst sind fast alle wehrfähigen Männer eingezogen, beherrschen Frauen das Stadtbild der Hauptstadt. Die wenigen Halbwüchsigen, die man noch sieht, sind entweder Studenten oder Oberschüler. Das Verteidigungsministerium hat alle Studenten und Professoren aufgerufen, sich in Sonderlehrgängen auf den Ernstfall vorzubereiten, das heißt: Auch sie dürften bald herangezogen werden, um die immer aufs neue anbrandenden Angriffswellen der Iraner abzuwehren. Selbst Polizisten mußten schon ins Feld. Sie gehören der "Volksarmee" an, einer irakischen Variante des ehedem großdeutschen Volkssturms. In den Luxushotels der Fünf-Millionen-Stadt
Bagdad besteht das Personal fast nur noch aus Ausländern. Die Pagen im "Meridien Palestine" sind Ägypter, die Kellner Afro-Asiaten aus Mauritius, der Pizzakoch kommt aus Tunis.
"Wir haben eben nur ein Drittel soviel Menschen wie der Iran", klagt der noch nicht einberufene Englischlehrer Abu el-Iss, "in einem so langen Krieg mußten wir das einmal zu spüren bekommen."
Da nehmen sich die stereotypen Durchhalteparolen des Verteidigungsministeriums im Fernsehen wirklichkeitsfremd aus. Die Sondermeldungen über eigene Kleinsterfolge klingen hohl, etwa: "Die Bomben der Gerechtigkeit rissen die Traktorenfabrik der (iranischen) Stadt Arak in Stücke."
Das Kriegsjahr Nummer sieben kündigte sich mit einer fühlbaren Verschlechterung der Wirtschaftslage an. Seit einem halben Jahr gibt es in den staatlichen Konsumgesellschaften keine Eier mehr zu kaufen auch Butter und Speiseöl sind knapp.
Weil der staatliche Devisenvorrat aufgebraucht ist, bleibt das brasilianische und äthiopische Gefrierfleisch aus, das bis vor kurzem noch zum Preis von nur anderthalb Dinar (8,50 Mark) pro Kilo zu haben war. Irakisches Rindfleisch, nicht subventioniert, kostet 22 Mark, viel zu teuer für den Durchschnittshaushalt.
Um Devisen zu sparen, erließ das Innenministerium ein striktes Ausreiseverbot. Das trifft die Iraker, die als reisefreudig gelten, besonders hart. Früher fuhren viele von ihnen mindestens einmal im Jahr ins Nachbarland Türkei, um einzukaufen, oder flogen gar nach Europa, vorzugsweise nach England, um den mörderischen heimischen Sommertemperaturen zu entfliehen.
Der Verfall des Erdölpreises und die kriegsbedingte Behinderung des Exports, vor allem aber die aberwitzigen Kriegskosten haben die Staatsfinanzen ruiniert. Zwar dürfte der Irak in diesem Jahr wieder Erdöleinnahmen in Höhe von mindestens acht Milliarden Dollar erzielen und damit günstiger abschneiden als der Feind Iran.
Doch die Abwehrschlacht gegen den Iran ist unsäglich teuer geworden. Seit den Kämpfen um Fau und Basra an Iraks schmaler Golfküste kaufte Bagdad in der Sowjet-Union, in Frankreich, der Schweiz und Italien Waffen für rund fünf Milliarden Dollar; weitere anderthalb Milliarden Dollar kosteten Munitionslieferungen aus Ägypten.
Wie hoch die Kredite sind, die dem Irak von Saudi-Arabien, Kuweit und den übrigen Golfstaaten gewährt werden, können selbst Experten nur annähernd schätzen: bisher wohl jährlich an die acht Milliarden Dollar. Doch auch diese Summe reicht nicht mehr aus.
Ein halbes Jahr überwies die Rafidein-Bank, die im Auftrag der Zentralbank die Finanz- und Kreditverpflichtungen wahrnimmt, keinen Cent mehr an die auslandischen Gläubiger und verhandelte über neue Kreditspannen. Erst jetzt setzen die Zahlungen wieder ein.
Das Planungs- und das Finanzministerium dagegen tun so, als gebe es weder Geldnot noch Krieg. Beharrlich führen sie großangelegte Entwicklungsprojekte weiter, so gut es geht. Ein jugoslawischtürkisches Konsortium will demnächst mit dem Bau eines großen Wasserkraftwerks im bürgerkriegsgefährdeten Kurdistan beginnen. Bezahlt werden soll mit späteren Erdöllieferungen.
Die Essener Hochtief AG will bis zum Sommer ein als Jahrhundertwerk gepriesenes Staudammprojekt im Norden von Mossul fertigstellen. Die Philipp Holzmann AG baut an einem mehrere hundert Kilometer langen Netz von Entsalzungskanälen, deren Inbetriebnahme die landwirtschaftliche Nutzfläche verdreifachen soll. Die Strabag Bau-AG hat den neuen internationalen Flughafen Basra gerade fertiggestellt. Die Firma Bilfinger + Berger wird in wenigen Wochen das südliche Teilstück einer sechsspurigen Autobahn übergeben, die auf einer Länge von 1100 Kilometern Jordanien mit Kuweit verbindet.
Abends erstrahlt Bagdad in einem Lichtermeer, den neuen internationalen Flughafen "Saddam International Airport" erleuchten wohl dreimal so viele Glühlampen und Scheinwerfer wie Frankfurts Luftkreuz.
In der Etappenstadt Bagdad füllen sich bei Anbruch der Dunkelheit die Fischrestaurants am Tigris-Ufer mit wohlhabenden Gästen. In den mit rotem Schummerlicht beleuchteten Kaschemmen an der Saadun-Straße, Bagdads Nord-Süd-Achse, können durstige Iraker zwischen den drei lokalen Biermarken Scheherezade, Schahrajar und Farida wählen.
Während des vergangenen Fastenmonats Ramadan war der Alkoholausschank zwar verboten - eine Maßnahme, die religiöse Eiferer besänftigen sollte, doch dafür stieg der Whiskykonsum anschließend um so drastischer.
Für den irakischen Normalbürger werden die Kriegsfolgen immer erdrückender. Vermutlich muß die Regierung in naher Zukunft jene Sozialleistungen drastisch kappen, auf die sich die sozialistische Baath-Partei seit ihrer Machtübernahme vor 19 Jahren soviel zugute hält: Die Gesundheitsfürsorge, das teure Erziehungswesen und die voll vom Staat finanzierte Altersversorgung fast der gesamten Bevölkerung schneiden ins Geld.
Selbst geringfügige Sparmaßnahmen, wie die im letzten Sommer verfügte Aufhebung der Gratisfahrt für alle Staatsangestellten zum Arbeitsplatz, werden von den Betroffenen als Zumutung empfunden.
Um drohenden Unmut aufzufangen, intensiviert die Baath-Partei die ideologische Vorsorge. Schulen und Universitäten predigen Durchhaltewillen, die Armee verstärkt die politische Schulung nach dem Baath-Wahlspruch "Einheit, Freiheit, Sozialismus". Politkommissare der Partei haben in Armee und Volkssturm Mitspracherecht bei Beförderungen und Operationsplänen.
Der Personenkult um Staatschef Saddam Hussein erreichte einen neuen Höhepunkt. In manchen Amtsstuben hängen gleich drei Bilder des "begnadeten Führers".
Daß die Opfer und Entbehrungen noch keine offene Abkehr des Volkes vom Regime ausgelöst haben, dafür sorgt der allgegenwärtige Staatssicherheitsdienst. Aber auch die Perspektive eines iranischen Siegs wirkt abschreckend, der arabische Nationalismus ist ungebrochen und hilft der Regierung. "Wenn der Krieg vorbei ist", sagt ein Beamter des Erziehungsministeriums "werden wir wieder genausogut leben wie vorher, viel besser als die Perser, die uns Araber schon immer gehaßt und beneidet haben."
Der Staat greift hart durch, um seine Herrschaft zu sichern. Deserteure werden erschossen. Todesstrafe steht auch auf bestimmte Formen von Korruption. Im vergangenen Oktober sollen sieben Händler hingerichtet worden sein, die Medikamente mit Wasser und Mehl gestreckt hatten. Zum Tode verurteilt wurde der korrupte Unterstaatssekretär des Erdölministeriums. Der Bürgermeister von Bagdad verlor wegen Unfähigkeit seinen Posten.
Typisch für die rigorosen Methoden, mit denen der Staat schon seit Beginn des Krieges die ausufernde Schiebermentalität bekämpft, ist das Sondergesetz von 1984. Jeder Ladenbesitzer, der Ware hortet, verliert sie; der Denunziant erhält 20 Prozent des Werts. Die beliebtesten Fernsehsendungen mit dem Titel "Fakkir maa-na" (Denk mit uns) sind live übertragene Prozesse gegen korrupte Staatsbeamte.
Gelegentlich werden auf dem Bildschirm auch Iraker angeprangert, weil sie den "über den Konfessionen stehenden Gedanken der Gleichheit aller Staatsbürger" nicht beachtet hätten. Seit langem ist es in der Armee, in Schulen und Universitäten verboten, religiöse Gegensätze zwischen Moslems und Christen, vor allem aber zwischen Sunniten und Schiiten, den beiden rivalisierenden Moslem-Volksgruppen des Irak, öffentlich zu diskutieren.
Mit Toleranz und Religionsfreiheit hat das wenig zu tun. Die Repression manifestiert sich allenthalben. Von Meinungsvielfalt kann keine Rede sein. Außer ägyptischen Tageszeitungen und einigen Journalen aus dem benachbarten Kuweit dulden die Zensoren keine ausländischen Publikationen.
Wer es wagt, die Parolen der Baath-Partei und ihres Führers öffentlich zu kritisieren, landet im Gefängnis; wenn er gar Sympathien für das theokratische System des iranischen Kriegsgegners äußert, hat er sein Leben verwirkt.
Die irakische Presse bringt derweil täglich Siegesmeldungen, auch wenn die Iraner im Vormarsch sind und mit ihren Erfolgen vor Basra dem Regime militärisch, politisch und psychologisch eine womöglich nicht wiedergutzumachende Schlappe zugefügt haben. Und Staatschef Saddam Hussein schärft seinen Landsleuten nach wie vor ein: "Der Faktor Zeit arbeitet gegen den Feind."

DER SPIEGEL 7/1987
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