09.02.1987

IRLANDAuf die Titanic

„Charlie der Böse“ gegen „Garret den Guten“ - die Parlamentswahlen sind ein Duell zweier Erzrivalen. *
Bananenrepublik ohne Bananen" nennen zynische Iren ihre Insel. Der Staat hat, pro Kopf gerechnet, dreimal soviel Auslandsschulden wie Mexiko. Irlands Wirtschaftswachstum sackte unter ein Prozent. Jeder fünfte findet keinen Job.
Die Politiker wissen kein Rezept gegen die Krise. Der Posten des Premierministers in Dublin gilt deshalb als "Ticket für die Titanic".
Jetzt will ein selbsternannter "Mann der nie untergeht", das schlingernde Staatsschiff entern: Charles Haughey, schon zweimal als Regierungschef abgelöst, Überlebender etlicher politischer Krisen und des Untergangs seiner Luxusjacht "Taurima", die 1985 vor der irischen Küste zerschellte.
Vor den vorzeitig angesetzten Wahlen am Dienstag nächster Woche führt Haugheys Partei Fianna Fail ("Soldaten des Schicksals") mit beträchtlichem Vorsprung vor der Partei Fine Gael ("Stamm der Gälen") des amtierenden Premiers Garret FitzGerald.
Bei Wahlreisen im irisch-grün gestrichenen Hubschrauber, den ein Haughey-Sohn steuert, gibt sich der Fianna-Fail-Führer schon wie der neue "Taoiseach" (Häuptling), so der offizielle Titel des irischen Premiers. Seine sendungsbewußte Wahlhymne fordert: "Erhebt euch und folgt Charlie."
Staatsschulden von 24 Milliarden Pfund, ein Rekord-Haushaltsdefizit von 8,6 Prozent des Bruttosozialprodukts und Sozialhilfeleistungen für 40 Prozent der Bevölkerung - daran wird auch die Fianna Fail so rasch nichts ändern können, wenn sie wieder an die Macht kommen sollte. Und weil auch keine wesentlichen ideologischen Unterschiede die beiden großen Parteien trennen ist der Wettstreit um die Häuptlingswürde ein reiner Zweikampf von Persönlichkeiten.
FitzGerald und Haughey treten zum viertenmal gegeneinander an - mit einer Feindschaft, die von Mal zu Mal bitterer wurde. FitzGerald warf Haughey einmal "übermächtigen Ehrgeiz" und einen "defekten Stammbaum" vor. Haughey hält FitzGerald für einen "shoneen", jemanden, der sich bei den Briten anbiedert.
Dabei sind FitzGerald wie Haughey irische Patrioten. Beide sind 61 Jahre alt. Beide wurden vom gleichen Mann, dem ehemaligen Irland-Premier Sean Lemass, in die Politik gebracht. Als Studenten in Dublin buhlten sie um dieselbe Kommilitonin. FitzGerald gewann, Haughey ehelichte daraufhin die Lemass-Tochter Maureen.
Beide verkörpern irische Charaktereigenschaften wie aus dem Bilderbuch. Haughey hat die Verschlagenheit eines Volkes, das jahrhundertelang von den Briten kujoniert wurde. Er war einmal in eine Waffenschmuggelaffäre verwickelt, wurde jedoch freigesprochen. Seine Regierung ließ die Telephone von Journalisten anzapfen. Als "Mischung zwischen Nixon und Salazar" sah ihn ein Parlamentskollege. Die Iren nennen ihn "Charlie den Bösen".
FitzGerald dagegen heißt im Volksmund "Garret der Gute", er gilt als Inkarnation irischer Aufrichtigkeit und Treue. Oft schiebt er in der Öffentlichkeit seine arthritiskranke Frau im Rollstuhl vor sich her. Als er einst die Fluggesellschaft Aer Lingus verließ, mußte er durch vier Männer und einen Computer ersetzt werden, heißt es.
Den Politiker FitzGerald zeichneten allerdings mehr Träume als Taten aus. "Intellektuelle Kneipentouren", beschreibt ein Gefährte seinen Stil, "von einer Idee zur anderen." Weder schaffte er es, die Wirtschaft ausreichend zu modernisieren, noch konnte er Irlands katholisch festgefügte Gesellschaft liberalisieren. Volksbefragungen über Abtreibung und Ehescheidung im "letzten Land, das noch dem Vatikan gehört" ("Financial Times"), brachten ihm Niederlagen.
Jetzt macht ihm sogar seine Bescheidenheit zu schaffen - FitzGerald besitzt nur ein Haus in Dublin. Haughey aber hat mehrere Villen, Grundstücke, Rennpferde, sogar eine Insel. Wer so gut für sich selbst sorgt, sollte auch fähig sein, den Wohlstand des Landes zu mehren, meinen viele Iren.
Als Kind erlebte Haughey in den Sommerferien im britischen Nordirland, wie der protestantische "Orange Order" die katholische Minderheit einschüchterte. Seit jener Zeit glaubt Haughey, daß den Unionisten besser mit dem Knüppel beizukommen sei als mit Argumenten.
FitzGerald dagegen träumt davon, daß Irlands Katholiken und Protestanten einmal so zusammenfinden wie seine Eltern. Seine Mutter war eine nordirische Protestantin, die sich zur republikanischen Patriotin entwickelte. Beim Osteraufstand 1916 kämpfte sie zusammen mit Ehemann Desmond im Postamt von Dublin gegen die Engländer.
Haughey und FitzGerald begegneten sich zum ersten Mal am University College von Dublin. Haughey studierte Betriebswirtschaft und Jura und wurde ein erfolgreicher Anwalt und Geschäftsmann; FitzGerald promovierte in Geschichte, arbeitete, außer als Manager bei Aer Lingus, als Joumalist und Universitätsdozent.
Seitdem hängt ihm das Image vom zerstreuten Professor an, der gelegentlich zwei verschiedene Socken anzieht, über seine offenen Schnürsenkel stolpert und Salz statt Zucker in den Tee streut. Der britische Ex-Außenminister und Chef der Sozialdemokraten, David Owen, hält ihn für den "liebenswertesten Politiker der Welt".
Seine größte Leistung war der Abschluß des anglo-irischen Vertrags im November 1985: Die Republik verzichtete auf die Wiedervereinigung Irlands gegen den Willen der protestantischen Mehrheit in der britischen Provinz Ulster, dafür erhielt Dublin ein begrenztes Mitspracherecht in Nordirland. So wurden britisch-irische Instanzen eingerichtet, bei denen sich Katholiken beschweren können, wenn sie sich von Behörden oder Arbeitgebern diskriminiert fühlen.
Gut möglich, daß das vierte Duell Haughey gegen FitzGerald die letzte Schlacht der beiden sein wird. Denn immer mehr jungen, dynamischen Iren kommen die alten Kämpen wie Ikonen aus der Vergangenheit vor.
Diese Aufsteiger-Generation fühlt sich zu der neu gegründeten Partei der Progressiven Demokraten hingezogen, die nach Umfragen 18 Prozent der Stimmen erzielen könnte - was Haughey womöglich die ersehnte absolute Mehrheit kosten würde.

DER SPIEGEL 7/1987
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