09.02.1987

Auf die Arier Gottes warten die Geier

SPIEGEL-Reporter Olaf Ihlau über die sterbende Sekte der Parsen in Bombay *
Auf der weißgetünchten Kante der Ringmauer hocken behäbig 67 Geier. Sie warten auf ihr Totenmahl. Weitere drei Dutzend der Aasfresser hängen wie gelb-schwarze Klumpen in den Wipfeln der umliegenden Teak- und Feigenbäume. Aufgeregt flattern Krähen und Milane herum.
Bombay, Malabar Hill, 16.45 Uhr an einem Werktag. Von der Arabischen See weht eine würzige Brise herauf zum Dungerwadi, dem Totenpark der Parsen. Umwuchert von tropischer Vegetation stehen hier fünf "Dakhmas", Türme des Schweigens.
Die brunnenartigen Hohlbauten sind Bestattungsstätten einer der ältesten Religionsgemeinschaften der Welt, gewiß der exklusivsten: Ihr Schöpfer ist der altiranische Prophet Zarathustra.
Die Greifvögel mit der hellen Halskrause werden unruhig. Einige schlagen nervös mit den mächtigen Schwingen. Über einen Pfad nähern sich zwei weißgekleidete Leichenträger mit einer Bahre.
Durch das Eisentor betreten sie die hochgelegene Plattform. Wie ein Rost liegt sie in drei markierten Ringen um den Schacht einer offenen Beingrube.
Der mittlere Abschnitt ist für Frauen bestimmt. Die Totenbrüder setzen die Bahre ab, ziehen das weiße Leinentuch weg und legen den nackten Leichnam auf den Betonboden nieder. Gierig krächzen die Geier, hüpfen hoch, zucken ruckartig mit ihren kahlen Köpfen.
Doch erst als die Totenbrüder den Turm verlassen haben, läßt sich einer der Raubvögel, der stärkste wohl, mit zwei Flügelschlägen zu der Toten hinab. Er pickt mit seinem Schnabelhaken zunächst die Augen heraus. Dann kommen fünf andere dazu, beginnen mit dem Zerfleischen des Körpers.
Nach den Geiern folgen die Milane am Schluß die Krähen. Binnen einer Stunde, noch vor Sonnenuntergang, sind von der Toten nur Skelettknochen übrig.
"Ein schauriges Schauspiel", sagt die Inderin Kumari Vazir angeekelt. Die Hindu-Familie Vazir hat einen unfreiwilligen Logenplatz für die wenigstens zweimal täglich ablaufende Horrorschau. Wenn die Vazirs die Vorhänge an der Südseite ihres Apartments im 24. Stock der Hochhaus-Kette am "Grand Paradi" zurückziehen, blicken sie direkt auf den Totenpark hinunter.
Früher lag er am Rande der Stadt. Doch im überquellenden Bombay von heute mit seinen neun Millionen Einwohnern - ein Drittel davon lebt in Slums - ist Baugrund so knapp und teuer wie in Hongkong oder Manhattan. Deshalb rücken die Wohnblöcke den Türmen des Schweigens immer näher.
Besonders unangenehm ist es, wenn mehrere Leichname gleichzeitig in den Dakhmas liegen. "Dann sind die Vögel zu schnell gesättigt, und man riecht den Gestank der verwesenden Körper", klagt Kumari Vazir. Ihre Schwiegermutter weigert sich an solchen Tagen, bei offenem Fenster zu schlafen. Auf dem Nachbarbalkon deponierte eine Krähe mal ein Stück Menschenhand.
Verständlich, daß viele Hindus aus hygienischen Gründen gegen diese Form der Leichenbeseitigung protestierten. Auch den Fluglotsen und Piloten sind die Geier ein Ärgernis. Doch gegen die Parsen, Bombays Pioniere und Elite, unternimmt so schnell niemand etwas in Indiens Handelsmetropole.
Das Bestattungsritual, das so barbarisch erscheint, empfinden die Nachfahren Zarathustras als letzte Gabe an die Natur. Der entseelte Körper ist Abfall, er darf die heiligen Elemente Feuer, Erde, Wasser und Luft nicht beschmutzen.
Die Knochen zerfallen zu Staub und verschwinden im Schlund des Turms. Dessen Kapazität reicht für zwei Jahrhunderte. "So werden nach dem Tod Reiche und Arme wieder gleich", preist eine Broschüre des Parsen-Pantschajats, des obersten Verwaltungsrats der Gemeinde, diese Bestattungsart. Auch der amerikanische Schriftsteller und Indienbesucher Mark Twain sah in den Dakhmas ein "perfektes System zum Schutz der Lebenden gegen Verseuchung durch ihre Toten". Nur lagen damals, 1896, die Beingruben noch draußen vor der Stadt.
Daß die Toten den Vögeln zum Fraß vorgeworfen werden sollen ist mit Sicherheit keine Anweisung Zarathustras, sondern ein erst später - vermutlich von den altorientalischen Medern - übernommener Brauch.
Die Gestalt des Propheten, der die neben dem Judentum älteste monotheistische Religion schuf, steht verschwommen in der Grauzone zwischen Mythologie und Historie.
Nach Überzeugung des Religionsforschers Kurt Rudolph hat Zarathustra (griechisch: Zoroaster) im 9. oder 8. Jahrhundert vor Christus im ostiranischen Steppenland am Unterlauf des Amu-Darya gewirkt. In diesem "heiligen Land der Arier", einer patriarchalischen Hirten- und Bauernkultur, war Zarathustra offenbar ein verarmter Adliger aus dem Geschlecht der Spitama. Er wurde vom Priester zum Propheten: ein strenggläubiger Moralist, Gegner orgiastischer Kulte und Opferzeremonien, der sich selber "Feind der Lügner und Beistand der Wahrhaftigen" nannte.
Zarathustra predigte die persönliche Verantwortung vor dem Gott Ahura Masda (Weiser Herr), den ethischen Dualismus mit der individuellen Wahl zwischen Gut und Böse, Gott oder Teufel. 17 Singstrophen, die älteren "Gathas" schwer verständliche Verspredigten, werden dem Propheten als authentische Überlieferung zugeschrieben.
Zudem war dieser "Weltheiler" wohl auch der erste Apokalyptiker des Vorderen Orients: Er verkündete das nahe Weltgericht, die Erwartung des Gottesreichs.
Die Wirkungen dieser neuen Religionsform, so Kurt Rudolph, seien "noch heute im Judentum, Christentum und Islam festzustellen". Die Achämeniden des altpersischen Großreichs, angefangen mit Darius, waren Zarathustra-Anhänger. Ihr Symbol, der männliche Engel mit den Adlerschwingen, prangte auf dem Osttor von Persepolis. Hätte Alexander der Große dieses Imperium nicht zerstört, wäre nach Überzeugung des Indologen Max Mueller der Zoroastrismus zur Weltreligion geworden. Seine letzte Blüte erlebte er unter den Sassaniden.
Auf der Flucht vor dem Islam erreichten im Jahr 785 sieben Schiffe mit Zarathustra-Anhängern das indische Gudscharat, wo ein Hindu-Fürst den Exilanten Bleibe und Religionsfrieden gab. Nach ihrer persischen Herkunft wurden die Neuansiedler Parsen genannt.
"Daß wir überlebten und sogar zu einer Gemeinschaft von 100000 aufblühen konnten, ist ein bemerkenswertes Zeugnis für die Toleranz des Hinduismus", findet der Bombayer Industrielle Sohrab Godrej, 74. Sein Konzern gehört zu den wenigen Unternehmen auf dem Subkontinent, die beeindruckende Sozialeinrichtungen vorzuweisen haben.
Auf Godrej oder Jehangir Ratanji Dadabhoy Tata, 82, den Chef der bedeutendsten privaten Industriegruppe Indiens, passen jene Eigenschaften, die den Parsen gern zugeschrieben werden: Wohlstand, Weltaufgeschlossenheit, Unternehmungsgeist, Bescheidenheit, soziale Aktivitäten.
Bombay, Indiens kosmopolitischste, vitalste, aber auch schroffste Stadt, ist ihre Schöpfung, ihr Zentrum. Überall erinnern Denkmäler an die Leistungen erfolgreicher Parsen.
Die Parsen waren die ersten Einheimischen, die von den englischen "Sahibs" zu Kolonialzeiten für würdig befunden wurden, im Jim Connors Club beim Cricket mitzuspielen. Europäisch orientiert wie keine andere Gruppe, legten sie die Fundamente der indischen Industrie;
ihre Namen funkelten am hellsten in Bombays Handel und Verwaltung, sie besaßen die feinsten Adressen am Marine Drive und Malabar Hill.
Zum Teil gilt das noch heute, obwohl der Glanz der Parsen mit dem Ende der britischen Herrschaft im unabhängigen Indien zu verblassen begann. Den Tatas und Godrejs erwuchsen einheimische Konkurrenten, die skrupelloser handelten und ihre Profite nicht philanthropisch für Krankenhäuser, Bibliotheken oder Wohnheime stifteten.
Nach wie vor stellen die Parsen, durch Tod und Auswanderung in Indien heute auf 71000 geschrumpft (davon 56000 in Bombay), überproportional viele Wissenschaftler, Ärzte, Künstler von Rang.
Der 1966 verstorbene "Vater der indischen Atombombe", Homi J. Bhabha, war Parse. Indiens einziger Feldmarschall Sam Manekshaw oder der brillante Diplomat und Anwalt Nani A. Palkhiwala gehören der Sekte an.
Ihr international derzeit bekanntester Repräsentant ist der in den USA lebende Dirigent Zubin Mehta, 50. Bei Besuchen in seiner Geburtsstadt Bombay setzt der Maestro brav die mit dunklem Samt überzogene Fetah-Filzkappe auf. Die Hüftschnur jedoch oder das traditionelle Leibhemd (Sudra) dürfte Mehta kaum tragen, seine Kinder wurden christlich erzogen.
Orthodoxe, Glaubensbrüder verübeln dem Stardirigenten auch die "Blasphemie", in dem dramatisierten Dokumentarfilm "On Wings of Fire" jüngst den eingekerkerten Propheten Zarathustra halbnackt gezeigt zu haben. Aufgebrachte Parsen suchten bei Bombays High Court ein Aufführungsverbot zu erwirken - vergebens.
Als einen der Ihren reklamieren streitbare Parsen auch Indiens Regierungschef Rajiv Gandhi. Dessen Mutter Indira, Kaschmir-Brahmanin, war in einer schnell erkaltenden Ehe mit dem parsischen Journalisten Feroze Gandhi verheiratet gewesen.
"Natürlich ist Rajiv der Rasse nach ein Parse", sagt der Arzt Aspi F. Golwala, Bombays oberster Parsenwächter. Wenn der Vater Parse ist, gelten seine Kinder, selbst die unehelichen oder religiös entfremdeten, automatisch auch als Parsen.
Nur sind sie damit nicht zugleich Zoroastrier. Dafür müssen sie die Nawdschote-Zeremonie ablegen, ein der Konfirmation vergleichbares Initiationsritual. Rajiv tat dies nicht, fühlt sich wie sein Großvater Jawaharlal Nehru als Agnostiker. Doch bei Hochzeiten seiner Verwandten taucht der junge Premier gelegentlich auf.
Nie haben die Parsen sich um den Übertritt Andersgläubiger bemüht. Als "Arier Gottes" pflegen sie einen elitären Rassen- und Reinheitskult.
Um im Ozean des Hinduismus nicht unterzugehen, halten sie ihre Feuertempel, abwehrenden Felsen gleich, allen Ungläubigen versperrt ("No admission except Parsees"). Mischehen werden als Frevel empfunden.
"Als Parse wird man geboren, nicht durch Religionswechsel geschaffen", doziert Aspi Golwala mit sektiererischem Dünkel. Damit liegt er ganz auf der Linie der in Bombay dominierenden Fundamentalisten. Denen ist ein Greuel, was gegenwärtig unter den 7000 Parsen in der amerikanischen Diaspora passiert: Vier liberale Priester in New York fanden sich bereit, den Computerunternehmer Joseph Peterson, einen Christen, mit der Nawdschote-Zeremonie als Glaubensbruder in die Gemeinschaft aufzunehmen.
Die Empörung der Orthodoxen in Bombay über dieses Sakrileg schäumt seitdem in den Leserbriefspalten der Zeitschrift "Parsiana" ohne Unterlaß hoch. Kein Feuertempel würde dem Konvertiten Peterson hier den Zutritt gestatten.
"Lieber sterben wir aus, als daß wir uns mit schlechtem Blut vermischen", grollen die Puristen "man kann auch seine Haut nicht wechseln."
Als Vorsitzender eines Industrie-Imperiums besitzt J. R. D. Tata die Statur, sich eine abweichende Meinung zu erlauben. "Die Parsen degenerieren allein wegen ihrer Weigerung, frisches Blut zuzulassen", hielt JRD, selbst mütterlicherseits französischen Geblüts, den Dogmatikern entgegen. "Wenn sie mit diesem absurden Glauben fortleben, werden sie langsam verschwinden."
Wohl wahr, sie sind auf dem besten Wege dazu. "In 50 Jahren", orakelt der Rechtsanwalt Homi P. Ranina düster "werden Parsen so rar sein wie weiße Tiger; von denen gibt es gerade noch vier auf der Welt."
Auch JRD Tata hat nicht für eigene Nachkommen gesorgt, sondern seine Erben adoptiert. Zeugungsunfähigkeit und ein schwach entwickeltes Sexualleben
sind weit verbreitet unter den Parsen - Folgen offenbar der jahrhundertelangen Inzucht mit zwangsläufigen Kusinen Ehen und des Anspruchs, als "auserwähltes Volk" die eigene genetische Art zu erhalten.
"Brustkrebs tritt bei Parsinnen zehnmal häufiger auf als bei gleichaltrigen Hindu-Frauen", berichtet der Arzt Golwala. Viele Parsen sind anämische Erscheinungen, haben Boris-Karloff-Gesichter mit breiten Schattenhöfen um tiefliegende Augen.
Die Gemeinschaft ist überaltert, auf eine Geburt kommen zwei Todesfälle, zwei Fünftel des Nachwuchses scheiden durch Wegheirat aus. "Allein in den letzten zehn Jahren verließen uns 20000 Mitglieder", sagt Jehangir Patel, Herausgeber der Zeitschrift "Parsiana". Sein Magazin hat sich an der Bastion Road in einem Entbindungsheim einquartiert, das überflüssig geworden ist, denn "wir produzieren ja keine Babys mehr".
Die Jungen stammeln die Gebete auf Pahlawi, der Sprache der Sassaniden, oft ohne den Sinn zu verstehen. Vor sechs Jahren starb der letzte Hutmacher der Parsen. Mühsam halten sich auf der Princess Road ein paar Läden, welche die besonderen religiösen Accessoires verkaufen.
Aber: "Es gibt keine Bettler, Pflasterschläfer oder Lastenschlepper, die Parsen sind", behauptet der Industrielle Sohrab Godrej stolz. "Wenigstens 75 Prozent" rechnet Jehangir Patel zur Mittelklasse, "wirkliche Armut herrscht bei uns nicht".
Nein, in Slum-Siedlungen vegetieren Indiens Parsen nicht. Ihr Reichtum und Einfluß haben indes abgenommen, und Kümmerexistenzen finden sich genügend, zum Beispiel Minu Dhalla.
Im Innenhof des Wadiagis-Feuertempels sitzt der 72jährige auf der Bank unter einem Mangobaum. Minu und die anderen Senioren in abgerissener Kleidung warten darauf, daß gutbetuchte Tempelbesucher ihnen Almosen zustecken.
"Unter den Briten ging es uns am besten", preist Minu Dhalla mit ungeheuchelter Wehmut die Kolonialzeit. Damals hätten die wohlhabenden Parsen mehr für ihre Gemeinschaft getan. "Heute schlagen sich viele gerade so durch", greint der nahezu zahnlose Alte. Als ehemaliger Angestellter einer Baumwollspinnerei muß er mit 500 Rupien (80 Mark) monatlich auskommen. Wenigstens hat er einen gesicherten Schlafplatz in einem Hinterzimmer.
"Bald tragen sie auch mich zu den Türmen des Schweigens", sagt Minu Dhalla ohne Bitternis. Der Gedanke an die Geier schreckt ihn nicht, "wenn ich tot bin, ist das doch egal". 95 Prozent aller Parsen wollen an diesem Bestattungsbrauch festhalten, hat das Pantschajat ermittelt.
Ein betörender Duft nach Sandelholz dringt aus dem Wadiagis-Tempel, der zu den vier großen von insgesamt 47 Gotteshäusern der Parsen in Bombay zählt. Einige tragen eine stilisierte Flamme auf dem Dach. Andere schließen sich gegen die Umwelt mit hohen Eisengittern ab, die von vergoldeten Sonnenemblemen geschmückt werden.
Drinnen werden keine Messen zelebriert. Es erklingen keine Gesänge. Die Gläubigen beten still, überreichen dem Priester als Opfergabe Sandelholzscheite für "Atasch Behram", das "Feuer des Sieges".
Diese Flamme in einer Bronzeurne darf nie verlöschen. Sie ist nach der Mystik der Parsen als das oberste der
heiligen Elemente ein Ausdruck Gottes, ein "Symbol der Wahrheit".
"Werdet ihr in jeder Lampe Brennen/ Den Abglanz höhern Lichts erkennen", reimte Goethe im "Vermächtnis des Parsen" über dieses Gotteslicht, das kein Blick eines Ungläubigen verunreinigen darf. Es soll sich aus 16 Feuerquellen speisen. Die erste Flamme muß aus einem Scheiterhaufen kommen, und "dann 91mal gereinigt werden", beschreibt die Anthropologin Pilu Nanavutty in ihrem Werk "The Parsees" das komplizierte Verfahren.
Dazu gehören sollen außerdem: Feuer aus einer Töpferei und Ziegelbrennerei, Feuer eines Asketen, eines Goldschmieds, Klempners, Waffenschmieds, Bäckers, Brauers, Götzendieners und Soldaten, eines Reisenden oder Hirten; dazu das Feuer aus dem Haus des Bürgermeisters der Stadt, dem eines zoroastrischen Priesters, eines Laien und letztlich, was am schwierigsten zu finden ist, Feuer von einem durch Blitzschlag entzündeten Brand.
Nicht alle Gemeinden der Arier Gottes verfügen heute über solch eine Königsflamme. Weniger rein leuchtet das ewige Licht in den Feuertempeln Nordamerikas, am Golf und wohl auch in der Urheimat Iran, wo bei Jasd noch etwa 20000 Zoroastrier leben. Ihre Anerkennung durch den Islam als Offenbarungsreligion schützt sie unter dem Revolutionsregime des Ajatollah Chomeini vor Verfolgung. Sie stellen sogar einen Abgeordneten im Teheraner Parlament.
Eine Religion, die ihren Moralkodex auf die einfache Lebensmaxime "gute Gedanken, gute Worte, gute Taten" komprimiert, braucht keine Trost spendenden Seelsorger. Die Parsen kennen keine Beichte, keine Vergebung der Sünden. Kein Parse wendet sich mit seinen Sorgen an den Feuerpriester, der auch nicht zu Hausbesuchen erscheint, sondern allein für religiöse Zeremonien und das Brennen der Tempelflamme zuständig ist.
"Ein ziemlich unpersönliches Verhältnis", sagt Jehangir Patel. Vermutlich ist das der Grund, warum viele emotional ausgedörrte Parsen Zuspruch bei spiritualistischen "Babas" suchen, an denen es in Hindustan nie mangelt.
"Schamgefühle" plagen Godrej, wenn er sieht, wie ungebildet und schlecht versorgt der Parsen-Klerus gewöhnlich ist. Der Industrielle meint damit nicht die wenigen Hohenpriester, sondern deren Assistenten, die "Mobed".
Auf der weniger vornehmen Seite von Malabar Hill, in Saher Agieri, duckt sich vor der Hochhaus-Kulisse ein winziger Schindeldach-Tempel unter Mangobäumen. Aus dunklem Flur schlurft ein krumpeliges Männlein daher mit weißem Stoppelbart und schlotterndem, weißem Baumwolldreß.
Bhanda S. Rustamdschi, 73, ist Feuerpriester wie seine Vorfahren seit Generationen. Wie alle Geistlichen lebt er von den Gebühren für seine Tempelriten. Eine Bestattung, mit vier Totenlitaneien übers Jahr, bringt 1750 Rupien.
"Wir haben gut verdient", sagt Bhanda S. Rustamdschi mit Blick auf 1986. Die Bilanz illustriert die Agonie der Parsen: Im ganzen Jahr gab es nur drei Aufnahme-Zeremonien. Aber jeden Monat mußten 40 Tote zu den Türmen des Schweigens geleitet werden.
Von Olaf Ihlau

DER SPIEGEL 7/1987
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