09.02.1987

„Ich war's nicht, verdammt noch mal“

Wie Nazi-Kinder mit der Vergangenheit ihrer Eltern leben / Aufgezeichnet von Peter Sichrovsky (II) _(1987 Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln. ) *
RUDOLF
Die Schuld verfolgt mich, wissen Sie. Und wer schuldig ist, wird auch bestraft. Wenn nicht hier und jetzt, dann zu einer anderen Zeit an einem anderen Ort. Mich wird sie auch noch erreichen. Ich entkomme ihr nicht. Aber erfahren werden Sie nichts von mir. Nichts, kein Wort. Was sie getan haben, bleibt ein Geheimnis, niemand soll es erfahren. Ihre Taten oder besser Untaten sollen nie irgendwo erwähnt werden. Kein Wort.
Nur, auf mir liegt heute die Schuld. Meine Eltern, die kochen schon in der Hölle. Die sind längst tot, haben es hinter sich, dieses Leben. Und mich ließen sie zurück. Schuldig geboren, schuldig zurückgelassen. Die Träume sind das Schlimmste. Immer in der Nacht kommen sie mich holen. Immer der gleiche Traum. Ich kenn ihn wie einen Film, den ich schon hundertmal gesehen habe: Sie reißen mich aus dem Bett, zerren mich durchs Zimmer, über die Treppen und stoßen mich in ein Auto. Es sind Männer in gestreiften Uniformen. Der Wagen rast durch eine Stadt. Von außen dringt Lärm in den Wagen. Menschen schreien, brüllen und kreischen. Manchmal glaube ich durch eine Straße zu fahren in der die Menschen uns zujubeln. Wir kommen zu einem Haus, das ich nicht erkenne. Ich werde die Treppen hinunter in den Keller gestoßen, man reißt mir das Nachtgewand runter und schiebt mich in einen Raum. Hinter mir wird die Tür geschlossen. Muß ich weitererzählen, was dies für ein Raum ist?
An der Wand sind Duschen, und aus den Duschlöchern strömt es, pfeift es leise, als ob aus einem undichten Fahrradventil langsam die Luft entweicht. Mir fällt es schwer zu atmen, es drückt mir die Kehle zu. Stürze zur Tür, versuche
sie zu öffnen. Rüttle, schreie, die Augen brennen; dann wache ich auf. Meist steh ich dann auf und geh nicht mehr zu Bett. Schlafen kann ich dann nicht mehr. Kaum schließe ich die Augen, fängt es wieder an. Es gab Zeiten, da hatte ich zweimal die Woche diesen Traum.
Manchmal stell ich mir vor, ich bringe jemanden um. Ich suche mir einen aus, den ich nicht kenne. Töte ihn und stelle mich dann der Polizei. Alles wäre vorbei. Mein restliches Leben säße ich im Gefängnis. Dort wo ich hingehöre. Wenn schon nicht mein Vater dort war. Die würden mich quälen dort, prügeln, und den ganzen Tag müßte ich eine völlig vertrottelte Arbeit machen. Aber alles noch besser als jetzt. Sehen Sie mich an. Als Unschuldiger lebe ich das Leben eines Schuldigen.
Die Eltern flohen nach Südamerika. Neuer Name, neuer Paß. Neuer Beginn in der "freien" Welt. Aber nicht anonym, wo denkst du hin. Unter lauter Freunden und Kampfgenossen. Man kommt in eine neue Stadt, wird schon erwartet, mit dem Wagen abgeholt, Freunde umarmen sich, ein neues Haus, alles ist da, und ein neues Leben beginnt. Bis man wieder abfährt. Und wieder woanders empfangen wird. Überall haben sie auf uns gewartet.
Ich bin 1950 geboren. Als ich zehn Jahre alt war, waren wir bereits viermal umgezogen. Dann war Ruhe. Wir blieben in einem südamerikanischen Land. Niemand hat uns mehr gesucht. Oder wenigstens nicht gefunden. Sie werden es nicht glauben, aber wir bekamen sogar später wieder unseren deutschen Paß.
Heute bin ich Deutscher. Deutscher mit der Identität eines Verbrechersohnes. Verurteilt lebenslänglich. Grund: Mördersohn. Verurteilt zu Eltern, die als Metzger lebten. Weiß ich, was sie wirklich getan haben?
Vielleicht hat mein Vater die Frauen, die er sich aus dem Lager holte, am Morgen danach in die Gaskammer geschickt. Oder er hat sie behalten und ihnen geholfen. Und das liebe Mütterchen hat ihren Fahrer zurück zum Arbeitsdienst geschickt, weil vielleicht der Wagen nicht richtig geglänzt hat. Dann hat sie sich einen neuen genommen.
Nichts hat er getan. Nichts hat sie getan. Was war das schon? Mit dem Lkw ins polnische Dorf. Die Juden hinaus auf den Friedhof, Frauen und Männer getrennt. Die Männer heben eine lange Grube aus, während sich die Frauen und Kinder ausziehen und ihre Kleider und Schmucksachen fein geordnet auf verschiedene Haufen legen. Einmal, ein einziges Mal war mein Vater so betrunken, daß er davon sprach, wie furchtbar es gewesen sei, als sie die Kinder mit der Pistole einzeln erschießen mußten, weil die idiotischen Soldaten mit dem MG zu hoch auf die stehenden Erwachsenen gezielt hatten.
Ach Gott, der liebe Papa. Was war er für ein guter Mensch! Geweint hat er damals, als er es erzählte. Was waren das für schlimme Zeiten, hat er gejammert. Gott sei Dank, daß sie vorbei seien. Da hat er sich geirrt, der liebe Papa. Die werden nie vorbei sein. Kennen Sie das Lied: "They're coming to take me away", das singe ich immer so vor mich hin. Die kommen noch, das sag ich Ihnen. Meine Eltern haben sie sich schon geholt. Die sind 1968 bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Krach, bumm, aus war's. Verbrannt sind sie im Auto. Nicht einmal unterscheiden konnte man sie danach. Es war herrlich, wie ein Atomblitz.
Leider hab ich es nicht gesehen, aber ich hätte es gerne gesehen. Beide wurden sie in Argentinien begraben, obwohl im Testament meines Vaters stand, er möchte in Deutschland begraben werden. Ich tat's nicht. Ich hab es verhindert. Nichts sollte mehr geschehen nach seinem Tod. Keine Befehle mehr, keine Anordnungen.
In der Nacht nach dem Begräbnis bin ich zurück auf den Friedhof gegangen und hab auf das Grab gepinkelt. Bin darauf herumgetrampelt, hab getobt, geweint, es war schrecklich. Das war mein Abschiedsgruß. Ich war nie wieder dort. Und auch als Toter möchte ich dort nicht begraben werden.
Warum kamen die auf die wahnsinnige Idee, nach allem, was geschehen war, noch ein Kind zu machen? So auf Familie tun. Als Teufel gelebt und als Engel dann sterben, wie soll das gehen? Es ging uns immer gut, wir hatten alles. Geld war immer genug da. "Aktion Reinhard", sagt Ihnen das was? Bei uns in der Gegend waren viele aus Deutschland. Viele mit einer ähnlichen Vergangenheit wie meine Eltern. Denen ging es allen gut. Große Häuser, Swimmingpool, Hausangestellte. Das Geld kam vom "Reinhard". Jeder hatte da seinen Koffer von Deutschland mitgenommen.
Als ich zehn war, kaufte mein Alter ein Haus und eröffnete ein Büro für Immobilien. Er holte alle seine Genossen in die Gegend. Viele waren schon vorher da. Rund um uns war alles deutsch. Deutsche Schule, deutsche Geschäfte, zur Kirche am Sonntag, danach auf ein Bier in die Gaststube. Deutsche Freunde, deutsche Witze und deutsche Zeitungen. Ach ja, natürlich auch Österreicher. Aber sonst war man unter sich. Deutsche Sieger.
Von der Niederlage sah man hier nichts. Die zerbombten Häuser kannten wir nur von Bildern. Hier blühte immer alles. Ewiger Frühling, fruchtbarer Boden, ein Paradies für die
Sieger. Warum bin ich geboren worden? Kennen Sie den Satz? Den sagte Jodl, nachdem er in Nürnberg zum Tode verurteilt wurde. Ein toller Satz. Eine gute Frage, nicht wahr?
Ich habe alles gelesen, was die damals im Prozeß gesagt haben. Frank war der einzige, dem es leid getan hat, was passiert war. Ich habe mir oft vorgestellt, was mein Vater gesagt hätte. Ich glaub', mit keinem Wort hätte er sein Bedauern, seine Schuld erwähnt. Wenn er nüchtern war, war er ein Held. Ein Sieger. Immer die Stimme ein wenig lauter als die anderen, immer ernst, entschlossen. Nicht lächeln, sondern lachen, richtig laut lachen und dann wieder ernst.
Und vor allem gerecht und konsequent. Kam die Köchin zehn Minuten zu spät zum Dienst, wurde sie entlassen. Er kontrollierte jedesmal den Rasen, nachdem er geschnitten wurde. Einer neuen Dienstmagd wurde genau erklärt, wie die Gläser im Wandschrank stehen müssen.
Geschlagen wurde nach einem Ritual. Ich mußte mich mit den Armen nach oben an die Wand stellen. Dann schlug er fünfmal mit einem dünnen Bambusstab auf mein Hinterteil. Meine Mutter stand daneben und sah zu. Nahm mich dann in die Arme und tröstete mich, der Vater verließ das Zimmer. Danach mußte ich ins Zimmer von Vater und ihn um Verzeihung bitten. Ich hatte ihn doch gekränkt.
Einmal fehlte Geld aus einer Schatulle, die auf dem Schreibtisch meines Vaters stand. Nicht viel. Er hatte dort immer ein wenig Kleingeld für Trinkgelder. Er wollte uns zeigen, wie man so einen Fall löst. Nach dem Essen rief er die Hausangestellten: die Köchin, die Hausgehilfin und den Gärtner. Sie hätten eine Stunde Zeit, dabei ging er auf und ab vor ihnen, um denjenigen oder diejenige zu melden. Sonst würden sie alle entlassen.
Ich war zwölf damals. Es war ein wichtiger Tag. Ich rief meinem Vater zu, er solle sie in Ruhe lassen, ich hätte das Geld genommen. Mein Vater schickte die Angestellten hinaus und brüllte wie ein Verrückter. Aber wissen Sie, um was es ihm ging? Er tobte, weil ich es auf spanisch gesagt hatte. Ich habe ihn vor den Angestellten blamiert, schrie er. Mein erster kleiner Triumph über ihn. Stolz war ich damals. Den großen Helden hatte ich aus der Fassung gebracht.
Nicht weit von uns entfernt lebten die jüdischen Emigranten. Auch alles Deutsche. In der Schule waren in manchen Klassen oft die Hälfte Juden und die andere Hälfte Nicht-Juden, meist Kinder von alten Nazis.
Aber privat gab es keine Kontakte. Im Gegenteil, nicht selten kam es zu Prügeleien und richtiger Bandentätigkeit. Ich war nie ein Raufer. Ich war ein dickliches Kind, aß immer nur Süßigkeiten und war bei Schlägereien immer unterlegen. Ein richtiger Offizierssohn. Aber die anderen hatten Jugendgruppen und spielten Krieg. Da wurde mal einer der Juden überfallen und verprügelt, dann holten die sich einen von uns und so ging das immer hin und her. Ich war da nie so richtig dabei, die wollten mich nicht; die gingen mir sowieso auf den Geist.
Die letzten drei Jahre hab' ich meinen Eltern das Leben zur Hölle gemacht. Als sie starben, war ich 18. Mit 15 fing ich an mit anderen Männern und Jungs. Als meine Alten erkannten daß ich schwul bin, wollten sie mich umbringen. Vielleicht war der Autounfall auch gar kein Unfall.
Einen rosaroten Winkel hätten sie dir damals gegeben, kreischte meine Mutter immer. Sie mußte es ja wissen. Aber diese Zeiten waren vorbei. Im Gegenteil. Blond mit blauen Augen war ich ein Hit damals in Argentinien. Ich konnte sie alle haben.
So hatte die Wiedergeburt nicht funktioniert. Der Neubeginn der Eltern in Südamerika wurde zur Sackgasse. Alles hatte so vielversprechend begonnen. Der Neubeginn in einem Land ohne Krieg. Der Erfolg, das schöne Haus, die Freunde. Der Weihnachtsbaum, der Kinderchor, Hitlers Geburtstag, der 30. Januar, alles Freudentage und Feiertage. Die hatten keine Angst. Nicht mehr seit 1960. Da war alles vorbei. Die fühlten sich wie vor '45 in Deutschland.
Bis meine Mutter unter meinem Bett Schwulen-Pornos fand. Bis sie von mir bekamen, was sie nie vermutet hatten. Ich traf sie unvorbereitet, und sie zerbrachen. Diese Aufrechten, Unzerstörbaren zerfielen und verfielen.
Aus war's mit der deutschen Ehre. Als sie merkten, daß ich schwul war, zogen sie sich völlig zurück. Nie haben sie mit mir darüber gesprochen. Es wurde überhaupt nur noch sehr wenig geredet. Keine Besuche mehr, kein Bier am Stammtisch, kein Ehrenamt im Karnevalskomitee. Sie verkrochen sich wie Schnecken. Sie schämten sich für mich, die Armen. Zum erstenmal im Leben schämten sie sich.
Als ich erkannte, wie sehr ich sie damit treffen konnte, war jede Hemmung bei mir vorbei. Ich brachte Freunde mit nach Hause, trug auffallend tuntige Kleidung, sprach wie eine Tunte, wenn Bekannte meiner Eltern da waren. Ich machte sie fertig.
Sie hätten meine Eltern damals sehen sollen! Innerhalb von ein paar Monaten veränderten sie sich total. Ich flog dann aus der Schule wegen sexueller Belästigung anderer Schüler, so sagte der Direktor. Mein Vater wurde in die Schule vorgeladen.
Ich hoffe, es war der schwärzeste Tag in seinem Leben.
Ich darf keine Kinder haben. Dieses Geschlecht muß mit mir aussterben. Was hätte ich den Kindern über den Großvater erzählen sollen? Auf mich fällt die Rache, und das ist gut so. Zu lange habe ich mit meinen Eltern gelebt, wer weiß, was alles in mir steckt? Es soll nicht weitergegeben werden. Aus, vorbei ist es mit dem stolzen Adel.
Das letzte Jahr vor dem Tod meiner Eltern trieb ich mich nur noch herum. In die Schule durfte ich nicht mehr. Arbeit suchte ich auch keine, und meine Eltern kümmerten sich nicht mehr um mich. Ich las damals viel. Alles was ich über das Dritte Reich bekommen konnte, hab ich durchgelesen. Und immer wieder stieß ich auf den Namen meines Vaters.
Langsam erkannte ich, wer mein Vater war. Aber es war so, als ob ich alles schon vorher gewußt hätte. Nichts Neues las ich da. Alles Bestätigungen meiner Ahnungen und Vermutungen. Ein Bild entstand aus dem Gelesenen und den Erzählungen des Vaters. Auch die paar Anekdoten der Mutter, oft so nebenbei kurz nur hingeworfen, paßten plötzlich.
Vielleicht hab ich sie umgebracht. Vielleicht fuhren sie mit Absicht gegen den Baum, ohne zu bremsen. Aber warum saß ich nicht auch in dem Auto? Was hätte ich mir alles erspart später! Wozu dieses Warten jetzt? Nach dem Tod meiner Eltern hab ich alles verkauft und bin wieder nach Deutschland gegangen. Ich hatte ja noch einen deutschen Paß. Und Geld war genügend da.
Die letzten Jahre hab ich nichts getan. Arbeiten muß ich nicht, zumindest solange das Geld noch reicht. Studieren kann ich nicht, weil ich kein Abitur habe, und die Schule nachmachen, dazu hab ich keine Lust. 15 Jahre hab ich nichts getan. Ich bin ein professioneller Versager. Jahrelang dazu erzogen zu versagen.
Manchmal wünsch ich mir, daß es vorbei ist. Es ist so sinnlos, nur zu warten. Hoffentlich holen die mich bald.
RAINER/BRIGITTE
RAINER: Wir kommen aus einer Nazifamilie. Unser Vater war ...
BRIGITTE: Wir kommen nicht aus einer Nazifamilie, sondern aus einer Offiziersfamilie. Ich weiß, daß wir über unsere Eltern nicht einer Meinung sind. Vielleicht können wir uns jedoch wenigstens auf einen gleichen Sprachgebrauch einigen.
RAINER: Wie du das haben willst, ist mir egal. Du kannst dann deine Version erzählen. Für mich war es eine Nazifamilie. Eigentlich noch eher eine Kriegsverbrecherfamilie. Jeder Nazi war ja nicht unbedingt ein Kriegsverbrecher. Aber unser Vater hat es geschafft, beides zu sein.
BRIGITTE: Ich mach da nicht mit, wenn du gleich so anfängst. Ich habe überhaupt keine Lust, von Anfang an in die Verteidigerrolle gedrängt zu werden. Entweder wir halten die persönliche Interpretation heraus oder ich gehe gleich.
RAINER: Gut, bleiben wir ganz sachlich. Unser Vater - wie soll ich es sagen? - war ein hoher Offizier in der Wehrmacht. Er plante im Generalstab zusammen mit anderen Kollegen notwendige Feldzüge gegen Untermenschen. Er schaffte Lebensraum für Deutsche, brachte ihnen Korn aus der Ukraine, Erdöl aus Rumänien und Kohle aus Polen. Für ihn war Krieg ein Gesellschaftsspiel mit bunten Fahnen auf der Landkarte. Ein paar Divisionen nach Norden, ein paar nach Süden. Flugzeuge nach rechts, Panzer nach links. Und der Sieg zählt soviel wie ein guter Geschäftsabschluß.
BRIGITTE: Dein Zynismus hilft dir nicht weiter. Er war dein Vater! Und ich sehe dich heute noch auf seinem Schoß sitzen, während er dir Geschichten vorliest. Ich sehe dich in unserem Garten mit ihm Fußball spielen und bei Wanderungen, wie du seine Hand suchst, weil du müde und erschöpft warst. Er war ein Vater für dich, ein Vorbild und ein Held.
Nichts wußtest du von seiner Vergangenheit, und es wäre dir auch egal gewesen. Als du geboren wurdest, war der Krieg vorbei. Die letzten Monate der Katastrophe hast du nicht miterlebt. Was weißt du von Bomben, Flucht vor den Russen, die Angst in der Familie, als Vater verhaftet wurde? Und dann auch noch seine Verurteilung.
Vier Jahre saß Vater im Gefängnis. Kannst du mir sagen, wofür? Millionen sind mit "Hurra" in den Krieg gezogen. Tausende haben an den Judenverfolgungen teilgenommen und sich bereichert. Unser Vater war immer anständig. Er hat nie auch nur ein Stück beschlagnahmtes Material von Juden genommen. Seine Villa hat er mit dem eigenen Geld bezahlt. Er hatte nie etwas mit der SS zu tun, nichts mit dem KZ und nichts mit der Erschießung von Frauen und Kindern. Er war
Soldat. Aber nie ein Verbrecher. Ich verstehe nicht, warum du so von ihm reden kannst.
RAINER: Er war nicht der eine und er war nicht der andere. Nicht der Vater oder der Verbrecher. Er war beides. Und das ist es, was ich ihm vorwerfe. Wie konnte er nur Ball spielen mit mir, als ob nichts gewesen wäre? Was hat er alles in seinem Leben gleichzeitig gespielt? General, Vater, Ehemann und Mitglied des Vorstandes der Bank, seine spätere ehrenvolle Aufgabe? Mutter wollte immer, daß ich ihm nicht zur Last falle. Er würde sich doch so furchtbar aufregen. Dieses vorsichtige, rücksichtvolle Getue. Jeder Konflikt wurde so verhindert. Jede ehrliche Aussprache. Fiel ein Wort über die Nazizeit, reagierte Mutter sofort mit ihrem eisigen Blick und den üblichen Sätzen: Laßt Vater in Ruhe! Er hat genug durchgemacht. Sieben Jahre Krieg und vier Jahre Gefängnis ist schon zuviel für ein einziges Leben.
BRIGITTE: Ich hab' dich anders in Erinnerung: Wie du als Sechsjähriger mit deinem ersten Zeugnis nach Hause gekommen bist. Wie stolz du deine Medaillen vom Schwimmwettbewerb gezeigt hast. Mit ihm am Sonntagnachmittag ins Kino gingst und dir von ihm die Geschichten von Karl May vorlesen ließest. Ihr wart immer ein Herz und eine Seele. Glaubst du, ein kleines Kind kann man belügen? Er liebte dich und war immer ein guter Vater zu dir, genauso wie zu mir. Deine Haßtiraden heute, glaube ich, richten sich weniger gegen ihn als gegen dich selbst. Was hast du nicht alles unternommen, um selbst zum Opfer zu werden!
Lüg dir nichts vor, du bleibst der Sohn eines deutschen Offiziers. Auch wenn du in Israel in einem Kibbuz gearbeitet hast. In Arbeitsgruppen auf der Uni über Faschismustheorie großartige Vorträge hältst. Du bleibst der Sohn eines deutschen Offiziers, auch wenn du dich auf der Straße bei Demos mit angeblichen Neonazis herumprügelst. Vor ein paar Jahren hast du doch sogar überlegt, zum Judentum überzutreten. Was soll das alles? Glaubst du, du kannst so vor deiner Vergangenheit davonlaufen?
RAINER: Du tust so, als ob es für dich nie ein Problem war.
BRIGITTE: Es war deshalb nie ein Problem, weil ich stolz auf unseren Vater bin. Er hatte den Mut, sich einer Bewegung anzuschließen, die eine neue Zukunft versprach. Ich habe ihn immer verteidigt, weil ich ihn auch verstehe. In der Schule gegen die verlogenen Lehrer, die plötzlich alle Antifaschisten waren. Gegenüber sogenannten Freunden, denen es geil vorkam, mit der Tochter eines berühmten Nazi ins Bett zu steigen, und gegen die anderen Freunde, die sich eine Verlängerung der Vergangenheit wünschten und in mir eine Verbündete suchten.
Ich weiß, was damals geschehen ist. Mir brauchst du nicht als Schulmeister zu kommen. Aber ich weiß auch, daß mein Vater, als er damals Mitte 30 mit Begeisterung sich den Nazis anschloß, der festen Meinung war, das Richtige zu tun. Aber du wirst nicht einer der anderen, wenn du mir oder ihm vorwirfst, was er getan hat.
RAINER: Hör auf, mir wird schlecht, wenn du so allgemein daherredest. Was heißt, das Richtige getan? Was heißt, er hat geglaubt? Es war ihm nicht möglich, schon 33 zu erkennen was sich anbahnte? Es war ihm nicht möglich, nach der Kristallnacht aufzuhören? Es war ihm nicht möglich, sich wenigstens der 20.-Juli-Bewegung anzuschließen?
Weißt du, was unser Vater war - ein Feigling! Ein verbrecherischer Feigling. Ein beamteter Waschlappen. Ein Hampelmann mit Pensionsberechtigung. Seine Feinde waren nicht die Russen, die Franzosen oder die Engländer. Seine Feinde waren die Deutschen. Die Deutschen im eigenen Land. Und deshalb haßte er mich so in den letzten Jahren. Weil ich den Deutschen glich, die er mit Hilfe der Partei geglaubt hatte ausgerottet zu haben. Er haßte mich, weil ich nein sagen konnte. Er haßte mich, weil ich weniger Angst hatte als er.
BRIGITTE: Du hast nicht weniger Angst als er. Du hast sie nur vor anderen Dingen. Du weißt gar nicht, wie ähnlich du ihm bist. Dieses ewige Gerechtsein hat oft so etwas Unmenschliches. Hör dir doch zu, wie du über deine politischen Gegner sprichst! Oft schon hab ich mir gedacht, daß Vater damals wohl genau so geredet hat. Vielleicht bist du nur zufällig auf der anderen Seite. Du willst in einer Welt leben mit Verbündeten oder Feinden. Das ist ungefähr so, wie es schon einmal war. Sag mir, was ist der Unterschied zwischen dir und deinem Vater?
RAINER: Mein Fanatismus verhindert einen neuen Faschismus, nicht deine Ohnmacht oder dein so genanntes Verständnis. Ja, ich führe einen Krieg gegen die deutsche Vergangenheit. Ich sehne mich nach dem Tag, an dem der letzte Überlebende des Dritten Reiches tot ist. Sie sollen endlich alle aussterben. Vielleicht haben wir dann eine Chance für ein neues Deutschland.
BRIGITTE: Du träumst. Nie wird sich etwas ändern. Wenn du heute an der Macht wärst, würden die anderen hängen. Deine Lager wären ebenso voll wie die der anderen. Du und deine Freunde können mich nicht täuschen. Seit zweihundert Jahren sind die Männer in unserer Familie Offiziere. Aber bis auf dich waren es wenigstens richtige Männer. Sogar aus der Gefangenschaft kam Vater erhobenen Hauptes, abgemagert, aber immer noch stolz und aufrecht. Du bist nicht der Neue, der Gute, der du immer zu sein glaubst. Deine linke Begeisterung war doch nichts anderes als eine Trotzreaktion auf Vater. Wie du dein Zimmer geschmückt hast, einfach lächerlich: Ein Bild von Mao hier, eines von Lenin dort, die Marx Büste auf dem Schreibtisch. Wie lächerlich du da sitzt!
RAINER: Ich habe immer ehrlich versucht, ein neuer, ein anderer Deutscher zu werden. Habe mich geweigert, meinem
Vater auch nur in irgendeiner Hinsicht zu gleichen. Was soll daran schlimm sein? Er hat mir dabei nicht geholfen. Er sprach immer wieder von der Neutralität der Soldaten. Für den gab es angeblich nichts anderes als den Dienst und die Pflicht. Immer der jeweiligen Regierung gegenüber fühlte er sich verpflichtet. Und wo ist die Pflicht zum Ungehorsam? Die kannte er nicht.
Nur einmal hat Vater mit mir etwas ehrlicher über die Zeit damals gesprochen. Er war schon sehr krank. Er erzählte, daß unter den Offizieren oft darüber diskutiert wurde, daß vorerst einmal der Krieg gewonnen werden müßte, um dann in Friedenszeiten Hitler zu stürzen. Er sprach davon, daß die Offiziere die echte Absicht hatten, nach dem Krieg ein demokratisches System aufzubauen. Aber dieses Nachdem-Krieg! Was für eine fatale Mischung aus Naivität und Wahnsinn. Er hat wirklich daran geglaubt, den Krieg gewinnen zu können. Das ist es, was ich heute noch nicht glauben kann.
BRIGITTE: Du hast keine Ahnung, wovon du redest. Oder du weißt es und sagst bewußt die Unwahrheit. Der Generalstab war es, der Hitler abgeraten hat, in Österreich einzumarschieren, das Rheinland und die Tschechoslowakei zu besetzen und der sogar den Krieg gegen Polen verhindern wollte. Jodl sagte noch 1938, daß Hitler zwar das ganze Volk hinter sich habe, aber nicht den Generalstab.
Aber du hast dich wie ein wildgewordenes Tier benommen. Hast auf Vater herumgetrampelt, auch als er schon ein alter Mann war. Was ist es für eine Heldentat, einen alten kranken Mann zu beleidigen?
RAINER: Lüg dir nichts vor. Vater war das letzte Glied einer Kette, von Generationen von Befehlsempfängern und Gehorsamkeitsmasochisten. Ein Offizier nach dem anderen, zuerst preußisch, dann faschistisch, funktionierte je nach Auftrag. Und ich bin stolz darauf, diese Tradition durchbrochen zu haben. Zweihundert Jahre lang gab der Vater dem Sohn nichts anderes weiter, als daß er bedingungslos gehorchen solle. Bei mir riß diese Kette, Gott sei Dank. Der erste Nichtmilitarist seit vielleicht einhundertfünfzig Jahren.
BRIGITTE: Hältst du ihn wirklich für einen Massenmörder? Oder ist das alles das perfekte Theater? Hast du ihn immer in einer Reihe mit KZ-Wächtern und SS Mördern gesehen? Ich kann dir das nicht abnehmen. Deine Empörung ist oft so lächerlich hysterisch, so gekünstelt. Du schreist herum, tobst, wirfst ein Glas auf den Boden, was sollte das alles?
Du hättest dich sehen sollen, wie du dich aufgeführt hast. Und dann die Frauen, die mit dir kamen. Manchmal war es fast lustig. Die letzten abgerissenen Typen. Und noch die Haschischzigarette im Mund, wenn sie aus deinem Zimmer kamen, oder nur in der Unterhose, oben ohne. Hast du das alles vorbereitet? War das sozusagen ein Teil deiner Strategie, um dem Vater zu beweisen, wie anders du bist? Oder wolltest du uns alle schrecken? Mit dem bißchen Busen und Po? Rainer, der Bürgerschreck, zum Totlachen!
Warum bist du nicht ausgezogen? Warum hast du nicht auf den Scheck verzichtet? Hast dich nicht total getrennt von der Familie, um wirklich irgendwo neu zu beginnen? Dann hätte ich dir noch glauben können. Aber dein Protest war von Vater finanziert. Nie hast du auch nur einen Pfennig verdient. Eigentlich tust du mir leid.
RAINER: Es ist schön, wenn ich dir leid tue. Aber es wird dir nicht viel helfen und mir auch nicht. Ich hasse ihn nämlich über seinen Tod hinaus. Jede noch so lächerliche Aktion von mir war ein Versuch, mich gegen ihn zu wehren. Aber es waren wenigstens Versuche. Im Gegensatz zu dir. Dein Leben war ein einziger Anpassungsversuch. Eine verzweifelte Art, alles zu tun, um nicht nur ihm zu gefallen, sondern auch sein Leben fortzusetzen.
Aber im Grunde genommen hast du recht. Ich hab meinen Kampf verloren. All meine - wie du sie nennst - lächerlichen Versuche, ein anderer zu werden, waren vergeblich. Ich habe verloren. Meine Zukunft? Ich will keine, sie interessiert mich nicht. Wenn Vater nicht zu überwinden ist, dann gibt es auch keine Zukunft für mich. Denn sein Leben ist für mich nicht lebbar.
BRIGITTE: Schon wieder dieses Opfergetue. Du bist kein Opfer deines Vaters. Mach was du willst, nur tu mir den Gefallen und hör auf zu jammern. Wir haben es beide nicht leicht, das weiß ich auch. Wir kommen aus einer Familie, die den Krieg verloren hat. Und zwar mehr als viele andere, weil sie ihn nämlich mit begonnen hat.
Aber das ist nun mal unser Schicksal. Für uns Kinder jener, die alles verursacht und begonnen haben, ein schweres Schicksal. Aber vielleicht auch eine Chance, ich weiß nicht. Ich seh sie auch nicht. Oft möchte ich nur noch meine Ruhe haben. Sollen doch unsere Kinder es besser machen.
RAINER: Auch du hast resigniert. Genau wie ich. Das beruhigt mich fast. Ich dachte immer, du bist viel stärker als ich. Es ist eigenartig, aber ich fühl mich irgendwie verbunden mit dir, mehr als früher.
BRIGITTE: Es tut mir leid, wenn ich dich enttäuschen muß, aber du bist mir genauso fremd wie immer. Ich will nicht eine Leidensgemeinschaft mit dir bilden. Ich mach aus der Situation etwas anderes als du. Ich krieche nicht am Boden und mach mich unschuldig dadurch, daß ich neben Tausenden anderen auch ein Opfer meines Vaters bin. Ich will nicht, verstehst du! Ich verweigere diese Rolle! Ich
hasse sie, sie ist mir zuwider! Ich will kein Jammerlappen sein, und niemand ist für mein Schicksal verantwortlich außer ich selbst.
Ich bin kein Täterkind! Ich bin kein Kind von einem Nazi! Ich laß mich nicht in ein Klischee pressen. Ich lebe nicht die beschränkten Phantasien von irgendwelchen Psychologen, die in mir das verunstaltete Kind eines Obernazis sehen. Ich fühle mich als Mensch, der für seine Entscheidungen verantwortlich ist. Was ich tue, ist mein Wunsch oder mein Wille, soll es doch lächerlich pathetisch klingen, das ist mir egal.
Ich habe nie ein Drittes Reich erlebt. Ich war in keiner Hitlerjugend, meine Nachbarn wurden nicht fortgeschleppt, weil sie Juden waren, und ich habe mich nicht amüsiert, als Juden die Gehwege mit Zahnbürsten reinigen mußten. Ich habe nie mitgemacht und nie weggesehen. Ich habe nie etwas gemacht, was zum Schaden eines anderen Menschen war. Was bin ich also? Ein Mensch oder ein Fußabdruck im Sand? Ich kann dir nicht helfen. Will auch nicht. Wenn man deine um Hilfe ausgestreckte Hand ergreift, versuchst du, einen hinunterzuziehen. Du gibst vor, aufstehen zu wollen, hast jedoch Angst vor deinen eigenen wackligen Beinen. Ich hab nicht die Absicht, mich neben dich zu legen. Bleib im Dreck liegen, aber mach mich nicht schmutzig.
RAINER: Eine Sekunde lang hatte ich die Phantasie, daß wir uns doch versöhnen könnten. Aber du hast recht, es ist sinnlos. Deine Art mit Schwäche umzugehen, entspricht der Tradition des Hauses. Ist man verzweifelt, so wird man getreten. Zeigt man Stärke, so wird man gelobt. Das alte System: Zuneigung nach Leistung und nicht nach Bedürfnis. Es funktioniert, auch bei dir. Der stolze aufrechte Kämpfer, der sogar erhobenen Hauptes aus der Gefangenschaft kommt. Der nie imstande war zu weinen über das Unheil, an dem er mit schuld war. Kein Satz der Entschuldigung, nie das Eingestehen einer Schuld, nie auch nur ein einziges bedauerndes Wort.
Du kannst wirklich stolz sein auf dieses Vorbild. Ein Vater, der mit der gleichen Selbstverständlichkeit eine Bank wie eine Armee leitet, ein überall verwertbarer und gebrauchsfähiger Mensch. Nur dort nicht, wo auch nur das geringste Maß an Gefühl und Sensibilität notwendig wäre. Ja, er hat mit mir Ball gespielt und hat mir auch vorgelesen, und er hat mich sogar getröstet, wenn ich mir beim Radfahren die Knie aufgeschlagen hatte. Aber später? Als mich seine Verbrechen während des Krieges von einer Gruppe zur anderen trieben? Als ich versuchte, ein anderer Deutscher zu werden als er einer war? Wo war damals mein Vater?
Ich hätte doch die einmalige Chance gehabt, von einem zu lernen, der maßgeblich an der Katastrophe beteiligt war! Er hätte mir erklären können, warum er sich damals unterworfen hatte, warum er keinen Widerstand geleistet hat und warum er nicht wenigstens rechtzeitig aufgehört hatte. Nichts kam von ihm. Nicht ein Wort. Und deshalb hasse ich ihn vor allem. Weil er neben seinem verpfuschten Leben auch noch die Chance versäumt hat, seine Erfahrungen weiterzugeben. Da wäre es fast besser gewesen, sie hätten ihn wie manch andere hingerichtet.
BRIGITTE: Ich bin froh darüber, daß er mich mit den Geschichten von früher in Ruhe gelassen hatte. Ich wußte, was damals passierte und wußte auch, was die Rolle von Vater war. Was sollte er mir da noch erzählen? Und einen Vater, der vor mir sitzt und seine Schuld bekennt? Ein schrecklicher Gedanke! Auf so einen Vater kann ich verzichten. Ein Vater der sich ausweint und sich selbst bedauert? Ein Vater, der mir vorjammert, was er alles falsch gemacht hat? Um Gottes Willen. So etwas nennst du eine historische Chance? Ich bin froh, daß unser Vater nicht so war. Sonst hätte ich jede Achtung vor ihm verloren.
Er hat das mit sich selbst ausgemacht, und das war sicherlich nicht einfach für ihn. Nach der Niederlage in der Gefangenschaft hatte er vier Jahre Zeit, darüber nachzudenken, was er falsch gemacht hatte. Uns hat er damit Gott sei Dank in Ruhe gelassen. Und hat damit uns das Leben nicht erschwert, sondern erleichtert. Ich kann darin nichts Negatives sehen.
Natürlich hatte er sich verändert. Er war nach dem Krieg kein Anhänger des Nationalsozialismus. Er hat sich keinen rechten Gruppen angeschlossen, und all diesen Wiedersehensfeiern der alten Nazis ist er aus dem Weg gegangen. Er hatte sich zu einem echten Demokraten entwickelt. Und das genügte mir. Ich brauchte da keine lächerlichen Schuldbekenntnisse dazu. Er war fähig, sich zu ändern. Und das setzt ein Erkennen von Fehlern voraus. Mir war immer wichtig, was er tat, und ich habe nicht darauf gewartet, was er sagen sollte.
Wenn ich dich ansehe und dir zuhöre, versteh ich nicht, wie wir dieselben Eltern haben können, zusammen in einem Haus aufgewachsen sind und auch jahrelang miteinander spielten. Heute sitzt ein Fremder vor mir. Und oft, wenn du von Vater sprichst, ist meine erste Reaktion: Was weiß der schon von meinem Vater. Erst der nächste Gedanke ist der, daß er ja auch dein Vater war.
Das ist vielleicht das einzige, was ich meinem Vater vorwerfe. Daß seine Geschichte ein normales Familienleben nicht mehr zuläßt. Solange wir leben, wird sein Schicksal uns nicht mehr in Ruhe lassen - auch wenn er schon lange tot ist und noch länger tot sein wird.
GERHARD
Meinem Vater hat man immer alles mögliche in die Schuhe geschoben, und nichts davon war wahr. Von 1940 bis 1945 war er Bürgermeister hier in unserer Stadt. Meine Mutter war die Leiterin der Hitler-Mädchen. Mein Vater kommt aus einer Kaufmannsfamilie. Seine Eltern hatten einen Fleischerladen, einen ganz kleinen, da war nichts Besonderes dran. Es hat gerade gereicht, die Kinder und die Eltern zu ernähren.
Mein Vater ist 1910 geboren, meine Mutter 1914. Ich glaub, beide Familien leben schon lange, seit vielen Generationen hier in dieser Stadt. 1979 starb der Vater, 1982 die Mutter.
Der Vater hat sich schon früh der Partei angeschlossen. Wann, weiß ich nicht, aber er hat immer gesagt: Ich war von Anfang an dabei. Bei so einer Veranstaltung der Partei hat er auch meine Mutter kennengelernt. Das muß eine schöne Zeit damals gewesen sein. Beide waren immer ganz begeistert, wenn sie darüber erzählten. Neben seiner Arbeit im Geschäft hat der Vater so viel Zeit wie möglich in der Partei verbracht. Für sein Ziel - hat er immer gesagt - hat er sich voll und ganz eingesetzt.
Die Mutter hat sich für die Jugend interessiert. Die hat immer Kinder gern gehabt. Wir waren vier Kinder zu Hause. Die Mutter war immer die wichtigste Person im Haus. Der Vater brüllte oft und schlug auch nicht selten, aber letzten Endes geschah, was die Mutter wollte. Ich habe zwei Brüder und eine Schwester.
Ich habe einen Fleischerladen, und der ist mein eigenes Geschäft. Nicht das meines Vaters. Er hat es verkauft und ist dann ganz in die Politik gegangen. Ich bin verheiratet, und meine Frau hilft mir im Geschäft. Unser Sohn Gustav ist zwölf Jahre alt und geht in die Schule.
Uns geht's ja nicht schlecht, wenn da nicht diese Zeit gewesen wäre, in der mein Vater sich politisch engagiert hatte. Das wurde ihm später sehr übelgenommen. Immer wieder hat man ihn angegriffen. Nach dem Krieg - er war schon lang kein Bürgermeister mehr - ist man immer wieder auf ihn losgegangen.
Da er sein Geschäft verkauft hatte, mußte er eine Arbeit suchen, was nicht einfach war. Aber Gott sei Dank stellte ihn der Besitzer der Holzfabrik ein, der immer schon auf seiner Seite war. Beide kannten sich von früher, und der eine half dem anderen, als die Zeiten schlechter wurden. So wie mein Vater ihm half, als er Bürgermeister war. Der konnte Gott sei Dank nach dem Krieg seine Holzfabrik behalten und dann wieder meinem Vater helfen. Der Vater war dann viele Jahre lang Direktor der Firma. Nach dem Krieg baute der Vater ein neues Haus. Heute lebe ich in dem Haus.
Die Mutter war nach dem Krieg immer zu Hause. Mit den vielen Kindern war es wahrscheinlich auch gar nicht anders möglich. Lang hat sie versucht, im Kindergarten der Stadt mitzuarbeiten. Aber die haben sie nicht lassen. Da war irgendwer, der böse auf sie war. Warum, weiß ich nicht. Was hatte sie schon getan? Sie hat damals mit den jungen Leuten gespielt und ist wandern gegangen, was konnte man der schon vorwerfen? Aber einige rächten sich wahrscheinlich, um sich selbst Vorteile zu verschaffen.
So richtige Schwierigkeiten hatte der Vater gar nicht nach dem Krieg. Nur Bürgermeister durfte er nicht mehr sein. Auch die anderen politischen Parteien haben ihn nicht mehr aufgestellt, so daß er auch nicht mehr im Bürgermeisteramt tätig sein konnte. Man hat ihm von heute auf morgen alles weggenommen. Er hat oft gesagt, lange nach dem Krieg: Dieselben haben ihm's genommen, die's ihm vorher gegeben haben.
Da waren ein paar böse auf ihn, und ich weiß bis heute nicht warum. Auch mich haben manche beschimpft, früher als ich noch klein war. Dein Vater war ein alter Nazi, einer der ärgsten, sagte einmal ein Lehrer zu mir. Aber es war Gott sei Dank nur einer von den Lehrern. Der hatte einen richtigen Haß auf mich. Wann immer eine Prügelei war und ich dabei war und er kam dazu, zog er mich heraus und schrie mir ins Gesicht, daß er von mir nichts anderes erwartet hätte.
Mein Vater sprach von ihm als dem alten Sozi, der nicht vergessen kann. Der war so ein richtiger Feind von meinem Vater. Angeblich war mein Vater schuld, daß der Lehrer ins Gefängnis gekommen ist. Das sagte mir mal der Heinz, der Sohn vom Lehrer. Die Lehrerfamilie wohnte ganz in der Nähe von uns. Aber mein Freund war der Heinz nie. Der war so aufgehetzt wie sein Vater.
Mein Vater hätte ein paar hundert Leute auf dem Gewissen, sagte der Heinz einmal zu mir. Und sonst noch andere verrückte Sachen. Als ich ihn anschrie, er solle verschwinden und mich in Ruhe lassen, schrie er zurück, ich sollte einmal meinen Vater fragen, was denn mit den Juden hier in der Stadt gewesen wäre.
Ich hab dann auch meinen Vater gefragt, und der hat mir erzählt, daß die alle nach Amerika ausgewandert sind und dort ein gutes Leben führten. Wahrscheinlich geht's denen heute besser als uns hier. Wenigstens haben die keine Bomben kennengelernt und keinen Krieg gehabt. Viele Jahre später ist dann wirklich einmal ein Ehepaar aus Amerika gekommen. Zwei alte Leute und zwei Jüngere, so vielleicht in meinem Alter. Und die kamen mit einem riesigen schwarzen Mercedes
in unsere Stadt, gingen herum und wurden vom Bürgermeister empfangen. Die sahen nicht so aus, als hätte man ihnen alles weggenommen. Weggenommen hat man nur meinem Vater alles.
Bei all den Dingen, wenn's um die Nazizeit geht, wird der Vater immer gleich wütend. Wenn die im Fernsehen von den vielen Toten sprechen und den Verbrechen der Nazis, dann schreit er herum: Die sollen uns nicht immer alles in die Schuhe schieben. Oder er schreit: Alles Lügen, alles Lügen. Oder: Sie machen uns immer nur schlecht.
Wir Kinder wußten nie so genau, warum er sich immer so aufregte. Aber wir wußten, daß es besser ist, mit ihm nicht über den Krieg zu sprechen. Also haben wir es nicht getan. Die Mutter sagte, es war am Anfang eine schöne Zeit und dann später eine furchtbare Zeit, und wir sollten froh sein, daß wir sie nicht erlebt hätten.
Mein Bruder Stefan, der war ja schon neun, als der Krieg aus war. Stefan kann sich auch genau erinnern, als die Amerikaner kamen. Die waren immer so freundlich. Selbst als sie kamen und den Vater holten, gaben sie den Kindern Kaugummi und Schokolade. Aber der Vater war bald wieder zu Hause. Die konnten ihm ja nichts tun, er war ja nur ein Bürgermeister.
Na ja, was gibt es sonst noch zu sagen? Ich war nie politisch engagiert. Bin auch bei keiner Partei. Das hätte mir doch nichts genützt, die hätten mir doch nicht helfen können. Ich kümmere mich lieber nicht darum. Ich gehe wählen, ja das schon, aber keine Funktionen, keine Posten dort, ich kümmere mich lieber um das Geschäft. Das ist alles, was mich interessiert.
Obwohl - und das ist komisch, weil sie meinen Vater immer so beschimpft haben - ich vielleicht Chancen gehabt hätte. Die haben mich oft gefragt, alle Parteien, ob ich nicht mitmachen will. Die hätten mir sogar einen sicheren Platz gegeben, um ins Stadtparlament hineinzukommen.
Aber mein Vater wollte das nicht. Er sagte immer: Wenn sie den einen nicht wollen, sollen sie auch den anderen nicht kriegen. Ihn haben sie nie mehr genommen. Da ging ich auch nicht hin.
Aber trotzdem haben wir es oft schwer gehabt. Ohne daß der Vater Bürgermeister war, gab's viele Nachteile. Schauen Sie, der Reimer zum Beispiel. Dem sein Onkel war dann später Bürgermeister. Der hat auch einen Fleischerladen und hat ihn in der Fußgängerzone bekommen. Das ist das beste Lokal in der ganzen Stadt. Die ganzen Leute, die dort vorbeigehen, kaufen bei ihm ein. Der macht das ganz praktisch, der verkauft neben Wurst und Fleisch auch noch kleine Speisen und Imbisse und hat außerdem die Bewilligung bekommen, noch drei Tische zu machen.
Und was hab ich bekommen gegen den Reimer? Das lächerliche kleine Geschäft außerhalb auf der Straße. Nur weil sein Onkel ein Sozi ist und dann Bürgermeister wurde. Ist das vielleicht Gerechtigkeit? Die Stadt, die neue Zeit, von der der Lehrer immer sprach, die nach 45 begonnen hat? Was hat sich denn da schon viel geändert?
Und meinen Vater, den haben sie genauso gewählt wie später den anderen. Damals war eine Mehrheit für ihn so, wie später eine andere Mehrheit für den anderen war. Ich frage mich, wieso da der schuld sein soll, der von der Mehrheit gewählt wird. Das Resultat von dem Ganzen: Der Reimer hat sein Lokal in der Fußgängerzone und ich nicht.
Was habe ich nicht immer in der Schule und auch sonst im Fernsehen von den Opfern des Krieges gehört. Aber die Opfer, das waren immer die anderen. Und wie war's bei uns? Darüber hat niemand geredet. Der Bruder von meinem Vater, der ist nie aus der russischen Gefangenschaft zurückgekehrt. Die beiden Brüder der Mutter sind gefallen. Ein halbes Dutzend Verwandte meines Vaters lebte während des Krieges in München und ist bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen.
Wir haben doch genau erfahren, was Krieg ist. Ich Gott sei Dank nicht. Aber die ganze Familie hat darunter gelitten. Aber uns haben sie nie einen Groschen gegeben nachher, immer nur den anderen. Wer weiß, wer da alles kassiert hat, nachher, und was denen wirklich passiert ist. Was uns passiert ist, ist klar: Meinem Vater haben sie die Stelle weggenommen.
Aber es gab auch wieder einen Neubeginn. Alle haben wir zusammen geholfen beim Aufbauen. Zehn Jahre später waren wir wieder eine angesehene Familie. Hatten ein schönes Haus, und der Vater war wieder wer in der Stadt. Zwar nicht mehr der Bürgermeister, aber der Herr Direktor in der Holzfabrik. Niemand hat dann noch irgend etwas gegen ihn gesagt. Außer dem alten Lehrer natürlich.
Der Vater hat immer gesagt: Wir sind eine anständige Familie. Er war stolz auf die Kinder und zu was die es alle gebracht haben. Nur Bürgermeister durfte er nicht mehr sein. Was schade ist - ich hätt' vielleicht dann doch den Platz in der Fußgängerzone.
Im nächsten Heft
"Eines Tages wußte ich es: Mein Vater war Leiter einer Wachmannschaft in einem KZ. Sollte ich von zu Hause weglaufen?"
Von Peter Sichrovsky

DER SPIEGEL 7/1987
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