15.12.1986

Wie Astronauten

Streß und Risiko machen Erfolgstrainer zu Kandidaten für einen frühen Tod - vor allem im Profifußball. *
Aus Freude hüpfte Alfred Balen, 56, in voller Montur ins Becken. Seine Wasserball-Mannschaft von Spandau 04 Berlin hatte am ersten Dezembersonntag nach je acht deutschen Meistertiteln und Pokalen sowie drei Europacups der Landesmeister gerade den Supercup erkämpft. Drei Stunden später war er tot - Gehirnschlag.
Der Sprung ins kalte Wasser, so der Gießener Professor Paul Nowacki, "im Zustand hoher Erregung" sei eine schwere Kreislaufbelastung gewesen. Vermutlich sei dabei ein Gefäß geplatzt.
Doch am gefährlichsten leben Trainer im Profifußball. Der Ungar Gyula Lorant, der auch in der Bundesliga tätig war, starb 1981 während eines Spiels auf der Trainerbank in Saloniki am Herzschlag. 1985 setzte das Herz des schottischen Nationaltrainers Jock Stein bei einem WM-Qualifikationsmatch aus.
In den öffentlich am meisten beachteten Sportarten steigert Erwartungsdruck den Streß. "Je mehr Mammon im Spiele ist, desto größer die Verantwortung", sagte der Kölner Professor Heinz Liesen. "Dafür muß man zahlen." Der langjährige Arzt der Hockey-Nationalmannschaft betreute 1986 erstmals auch den WM-Kader der Kicker. "Die Belastung ist nicht mit der in anderen Sportarten zu vergleichen", erfuhr er am eigenen Leib.
Trotz "traumhafter Ernährung" nahm sogar der Teamarzt in Mexiko "unter dem Druck der 140 permanent anwesenden Journalisten fünf Kilo ab". Während eines Hockey-WM-Turniers "haben wir diese Probleme nicht", verglich Liesen, obwohl der Trainer "unter vergleichbarem Streß leidet". Doch der Erwartungsdruck ist geringer.
Zusätzliche Risiko-Faktoren wie Bluthochdruck und Übergewicht, warnt Liesen, "potenzieren sich", zumal "Nikotin wirkt ganz negativ". Besonders gefährlich leben Trainer, so der Freiburger Professor Josef Keul, "die nicht zur Entspannung fähig sind" und den Berufsstreß in das Privatleben mitschleppen.
Vielen färbt die Spannung den Kopf fiebrig rot. "La Gamba", Krebs, hatte Diego Maradona seinen Trainer Udo Lattek in Barcelona, "Osram" Nationalspieler Wolfram Wuttke den Mönchengladbacher Trainer Jupp Heynckes genannt.
Sogar der Druck durch Funktionäre kann tödlichen Streß erzeugen. Trotz aller Erfolge setzten Querelen und Querschüsse der Verbandsfunktionäre dem Ratzeburger Rudertrainer Karl Adam ständig zu. "Er hatte das Gefühl, sie wollten ihn loswerden", berichtete Nowacki. "Ich kann den Druck nicht mehr aushalten", klagte er, kurz bevor ihn 1976 der tödliche Herzinfarkt ereilte.
Das Risiko der Trainer schlägt sich in keiner offiziellen Statistik nieder. Nicht einmal das Statistische Bundesamt und die Lebensversicherungs-Unternehmen erfassen das Sterbealter nach Berufsgruppen. Als zuverlässig gilt nur die durchschnittliche Lebenserwartung von Männern (70,8 Jahre) und Frauen (77,5 Jahre) in der Bundesrepublik. Älter werden tendenziell Landwirte und Geistliche, deutlich darunter bleiben vor allem Gastwirte.
Doch als der Kölner Sportarzt Dr. Herbert Plum die Überlebenschancen der hochgefährdeten Risikogruppe der Fußball-Bundesligatrainer untersuchte, erschrak er: Die EKG der Fußballehrer zeigten während eines Spiels bis zu 190 Herzschläge pro Minute, wie bei Astronauten vor dem Start.
"Die Mehrzahl der Bundesligatrainer ist akut herzinfarktgefährdet", entdeckte Plum. Er fand zu "60 Prozent pathologische Befunde am Herzen". Fünf Trainern riet er, aufzuhören. Tatsächlich überlebten Bundesligatrainer wie Paul Oswald und Hermann Eppenhoff Herzinfarkte nur knapp.
Flucht oder Kampf als natürliche Auswege bleiben dem Trainer versagt. Extrovertierte Typen wie Werder-Trainer Otto Rehhagel schaffen sich durch Zornausbrüche und aufgeregte Gestik am Feldrand Luft. "Lieber Zirkus machen als mit Magengeschwüren ausfallen", erklärte Rehhagel.
"Wenn der Erfolg ausbleibt, wird's mehr Streß, als man glaubt", gab HSV-Trainer Ernst Happel zu. Während eines Spiels verläßt er selten die Bank, dafür qualmt er filterlose Zigaretten in Serie. Den introvertierten, scheinbar ruhigen
Typ, wie ihn Happel verkörpert, hält Liesen für "noch problematischer". Letzten Sommer mußte sich Happel einer Magenoperation unterziehen. Seinem inzwischen verstorbenen Kollegen Otto Knefler war schon zuvor der größte Teil des Magens entfernt worden. "Zwei Drittel unseres Gehaltes", sagte Knefler, "sind Gefahrenzulage."
Einige Trainer flüchten in den Alkohol. Der Jugoslawe Branko Zebec, der mit Bundesliga-Mannschaften Meistertitel erkämpfte, verlor deshalb mehrmals seinen Job. "Meinen Beruf", witzelte der wegen Alkoholmißbrauch schon abgemahnte Trainer Kuno Klötzer, "kann man nur im Dschum ertragen."
Hockey-Bundestrainer Klaus Kleiter dagegen kompensiert berufliche Anspannung durch musische Interessen. Der Opernfan singt auch selbst. Becker-Trainer Günther Bosch läuft regelmäßig. "Solche Trainer", sagt Keul, "können ihre eigene innere Ruhe auf andere übertragen." Er rät, Streßsituationen regelmäßig abzubauen, die Risikofaktoren zu mindern und maßvoller zu leben.
Sportmediziner Nowacki rät Trainern als Überlebenshilfe, möglichst im Training mitzumachen, "denn körperliche Belastung ist die einzige Chance, Streß unmittelbar abzubauen". Vor allem sollten Trainer nach dem Spiel "fünf bis zehn Minuten auf einem Fahrrad-Ergometer" strampeln, "bevor sie sich der Presse stellen".

DER SPIEGEL 51/1986
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