09.02.1987

AMERICA'S CUP IIEnde der Welt

In den USA hat das Tauziehen um den nächsten Austragungsort des America's Cup begonnen, im westaustralischen Fremantle fürchtet man nach dem Verlust des Pokals für die touristische Zukunft. *
In San Diegos Jachtklub knallten die Champagnerkorken, und selbst die kleinen Jungs machten sich kühne Hoffnungen: "Wenn Dennis den Cup in vier Jahren hier verteidigt, braucht er Bootsjungen."
Doch obwohl Skipper Dennis Conner, der am vergangenen Mittwoch mit seinem vierten Sieg gegen das australische Boot Kookaburra III den America's Cup zurück in die Staaten holte, seit über 30 Jahren Mitglied des San Diego Jachtklubs ist, steht keineswegs fest, daß dann die begehrteste Segeltrophäe der Welt tatsächlich vor der kalifornischen Küste ausgesegelt wird.
Während die amerikanische Öffentlichkeit den 44jährigen Skipper noch als neuen Volkshelden feiert (Ronald Reagan schickte ihm gleich nach dem Sieg eine Einladung ins Weiße Haus, New York will eine Konfetti-Parade vorbereiten), hat das Ringen um den nächsten Austragungsort begonnen. Nicht weniger als sieben Bewerber haben sich neben San Diego bereits gemeldet.
Einhellig sind sie der Meinung, im Segelrevier vor San Diego treibe zuviel Seetang und es herrsche zu oft Flaute, um so spannende Rennen zu garantieren, wie sie für das Medienspektakel America's Cup angebracht seien.
Jeder preist seine Vorzüge: Hawaii etwa verweist darauf, daß Conner vor seiner Küste ja monatelang schon für das diesjährige Finale trainiert habe. San Francisco rückt sein Großstadtflair ins gebührende Licht, und Newport auf Rhode Island, wo der Pokal über 100 Jahre in der Vitrine des feinen Jachtklubs stand, argumentiert, der America's Cup müsse dorthin zurückkehren, wo "er einfach hingehört".
Auf der anderen Seite des Globus, im westaustralischen Fremantle, herrscht dagegen Weltuntergangsstimmung. Hier hatte man schon vor Beginn des Finales gewußt: Stars & Stripes und Kookaburra III segeln nicht nur um die "alte Kanne", wie die Australier den Cup respektlos nannten, sondern "um die Zukunft von Fremantle" (das Blatt "West Australian").
Nach der deprimierenden Niederlage des einheimischen Boots sieht man diese Zukunft schon wieder am Ende, bevor sie so recht begonnen hat. "The boom town could be a gloom town" (der Ort des Booms könnte zu einem Ort der Öde werden), reimte düster die "Daily News" aus der benachbarten Großstadt Perth.
Schon vor dem Startschuß zum Finale hatten Hoteliers, Taxi-Fahrer, Restaurant-Besitzer und Charter-Boot-Manager über die wirtschaftlichen Konsequenzen eines K. o. ihrer Kookaburra diskutiert und die einfache Gleichung aufgestellt: Niederlage = Touristenschwund um 50 Prozent = 50 Prozent weniger Umsatz = 50 Prozent mehr Pleiten.
Über Jahrzehnte hatten die Australier der vier Jet-Stunden entfernten Metropolen Sydney und Melbourne über die West-Provinz gelästert: "Unsere Uhren gehen drei Stunden vor, und deren Entwicklung liegt dreißig Jahre zurück."
Perth, notierte einmal die Londoner "Sunday Times", sei nichts anderes als ein Symbol für einen geographischen Irrtum des Christoph Kolumbus: "Es existiert tatsächlich ein Ende der Welt" - Perth eben. Erst die Jacht Australia II des Royal Perth Yacht Club brachte "uns auf die Landkarte der Welt", erkannte Unternehmer Alan Bond, der das Siegerboot von 1983 finanziert hatte.
Ein neuer, diesmal touristischer Goldrausch sollte der America's Cup für das als Regatta-Ort gewählte Perth-nahe Fremantle werden. In den Flug-Magazinen australischer Luftlinien wie Qantas lobten Autoren Fremantle als "das Saint-Tropez am Indischen Ozean". In Reise-Beilagen propagierten Regierungsmitglieder, Westaustralien habe das, "was Kalifornien zu haben behauptet" - unendlichen, sauberen Strand.
Die australischen Behörden investierten mehr als 200 Millionen Dollar, um das weltvergessene Städtchen zu renovieren. Taxifahrer Vic Dadley: "Hier hätte man vor ein paar Jahren am Sonntag auf der Hauptstraße mit einer Maschinenpistole schießen können, ohne jemanden zu treffen."
Die um die Jahrhundertwende erbauten Häuserfronten wirken heute frisch- und buntbemalt - wie Filmkulissen in Hollywood. Die Pubs erinnern an die viktorianische Epoche und britischen Kolonial-Glanz, die kleinen italienischen Restaurants an Trattorias in den Gassen von Palermo.
Doch ob das kurzlebige Prädikat, ein paar Wochen die Stadt des America's Cup gewesen zu sein, den Tourismus in Fremantle auf Dauer am Laufen hält, ist mehr als fraglich. Die Schickeria aus USA und Europa, sowieso eher spärlich vertreten (Ausnahmen waren die englische Prinzessin Anne und Prinz Albert von Monaco), packte sofort nach der letzten Wettfahrt die Koffer. Und Anschlußbuchungen von Allerweltstouristen blieben bisher weitgehend aus.
Auch die Hotellerie scheint der Langzeit-Attraktivität eines Fremantle ohne Cup nicht zu trauen: Das Luxus-Restaurant "Casa Italia", das der italienische Modemacher Gucci finanziert und das Flavio Scala, Hotelier am Garda-See und selbst ehemaliger Olympia-Segler, führt, wird in den nächsten Tagen schließen.

DER SPIEGEL 7/1987
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