09.02.1987

„Auf Schalke wird wieder gefeiert“

SPIEGEL-Redakteur Kurt Röttgen über den Präsidenten des FC Schalke 04 Günter Siebert *
Noch nachts um drei hockte Günter Siebert beim Pils in einer Gelsenkirchener Kneipe, umringt von den alten Kumpeln wie "Millionen-Egon" oder "Charly" Neumann. Der Präsident des FC Schalke 04, am Montagabend vergangener Woche zum dritten Mal nach 1967 und 1978 auf den Vereinsthron gehievt, mochte nicht heimgehen.
Er erzählte. Seine Zuhörer lauschten hingerissen den Geschichten aus den Anfängen dieser ungewöhnlichsten Funktionärskarriere im deutschen Fußball. Wie er einen lispelnden Kohlenhändler nur mit dem Versprechen in den Vorstand locken konnte, niemals eine Rede halten zu müssen. Oder als Frau Siebert dahinterkam, daß der Ehemann heimlich für eine Vereinsschuld von über 400000 Mark gebürgt hatte - "auweia hat die mir einen Tanz gemacht".
Gar nicht zu reden von "dem Ding mit dem Bomber". Kaum im Amt, mußte der damals von Abstiegsnöten geplagte Vereinschef Siebert ausgerechnet seinen besten Stürmer, Willi Kraus, feuern. Der hatte sich, bevor er dann wegen schwerwiegenderer Vergehen für Jahre hinter Gittern verschwand, auf seinen nächtlichen Zechtouren öfter geprügelt und mit seinen Kumpanen auch schon mal das Mobilar zertrümmert, wenn es ihm im Lokal nicht gefiel.
Sieberts Augen leuchteten, die Wangen glühten. Schon vor 20 Jahren, suggerierte er den Freunden am Biertisch, habe er alle Krisen gemeistert, und so werde es jetzt wieder sein. Der Retter Schalkes, das ist Sieberts Lebensrolle. Ohne die geringste Spur von Zweifeln an seiner Sendung stellt er sie dar.
Schalkes Präsident holt alle Überzeugungskraft aus dem Bauch. Ihn wie die "Welt" nur als einen "schlicht gestrickten Mann" abzutun, ist eine Fehleinschätzung, der auch seine Gegner bei der turbulenten Vereinsversammlung im Hans-Sachs-Haus aufsaßen.
Gewiß war die Wahlrede des gelernten Zimmermannes Siebert längst nicht so geschliffen wie die seines Rivalen Professor Heinrich Meya. Aber dafür sprach er vor den mehr als 1000 Mitgliedern ohne Manuskript. Mit dem sicheren Gespür des geborenen Demagogen für die Stimmung im Volk. Vor einem erwartungsvollen Publikum lief er immer schon zur Hochform auf, in Schalke nennen sie ihn auch "Pater Leppich".
Siebert verdroß während seiner bislang elf Schalker Amtsjahre die "liebe Schalker Familie" höchst selten mit unbequemen Bestandsaufnahmen. Lange bevor die Regierenden in Bonn auf diesen Dreh kamen, verbreitete er regelmäßig neue Hurrameldungen über die angeblich stetig steigende Solvenz seines königsblauen Unternehmens.
Finanzielle Probleme, in Schalke wie bei den zumeist schwindsüchtigen anderen Profiklubs ein Dauerleiden, grenzte Siebert am liebsten aus. Nicht der Schreibtisch in der Geschäftsstelle war sein Operationsfeld, ihn zog es viel mehr an die Basis, in die Kneipen im Münster- und im Sauerland. Da erschien er oft unvermittelt, verteilte Wimpel und Autogrammkarten und fuhr glücklich wieder heim, wenn die Gäste mit ihm vor der Polizeistunde noch das Vereinslied gesungen hatten: "Tausend Freunde, die zusammenstehn, dann wird der FC Schalke niemals untergehn."
Siebert beklagt vor allem die Entfremdung zwischen Fans und Klub. "Schalke", so erklärte er geradezu feierlich, "muß seinen Anhängern wieder Nestwärme geben." Er versteht sich dabei als Pate, der zum Wohle aller denkt und lenkt und dafür zumindest respektiert eigentlich aber geliebt werden will.
Deshalb vor allem blieb Siebert in der Nacht nach dem Wahlsieg so lange unter Gleichgesinnten, verzögerte den Aufbruch. Im Familienkreis gilt er nicht als Retter Schalkes, sondern als Vollidiot. "Hast du denn von dem Verein immer noch nicht genug?" hatte ihn Frau Hanne schon zuvor verständnislos gefragt.
Tatsächlich erscheint nach Kohlenpott-Kriterien ein Mensch wohl mindestens partiell beknackt, der wie der 56jährige Siebert auf Gran Canaria als Wirt sein Auskommen hat und trotzdem ins Revier zurückkehrt. Und das nicht einmal, weil es ihn so sehr zur geliebten Familie zieht, sondern um, ehrenamtlich den Vorsitz eines Bundesligaklubs zu übernehmen, der mit 5,2 Millionen Mark verschuldet ist.
Dabei hatte er sich, seit zweieinhalb Jahren Bewohner der Sonneninsel, bestens eingelebt. Besuchern erzählte er, die Schatten seiner Schalker Vergangenheit könnten ihn hier nicht mehr erreichen. Manchmal habe er sogar jedes Zeitgefühl verloren: "Ich weiß immer nur ganz genau, wann Dienstag ist. Dann kommt das Bier aus Deutschland."
Siebert personifiziert wie kein anderer Schalker die ganze Widersprüchlichkeit eines Vereins, der, so Nordrhein-Westfalens Ex-Kultusminister Jürgen Girgensohn, "rauschhafter Jubel ist und Selbstmord".
Der Klubchef war Mittelstürmer der Schalker Mannschaft, die vor 29 Jahren den bislang letzten der sieben Meistertitel gewann. Er baute das junge Team auf, das 1972 den DFB-Pokal holte und dem ähnlich glanzvolle Perspektiven prophezeit wurden wie Franz Beckenbauers FC Bayern. Statt dessen wurde fast die komplette Elf gesperrt. Die Profis hatten ein Spiel verschoben, falsch geschworen, Schalke hieß im Land nur noch "FC Meineid". Der Angeklagte
Siebert wurde freigesprochen. Der Vorwurf, sich bei Spielertransfers am Verein bereichert zu haben, konnte ebenfalls nicht nachgewiesen werden. Siebert hatte sich immer dagegen gewehrt, wenn es zu dick kam auch mit den Fäusten.
Ende der 70er Jahre mußte er gehen, endgültig, wie es schien. Die Schalker waren die Skandale und das meist öffentlich ausgetragene Gezänk ihrer Führungscrew leid. Der besonnene Nachfolger, Hans-Joachim Fenne, promovierter Betriebswirt, Unternehmensberater, Golfspieler, ein totaler Gegensatz zum hemdsärmeligen Macher Siebert, versprach den Mitgliedern vor allem eins: Ruhe im Verein. Der von Fenne angeheuerte Manager Rudi Assauer erklärte forsch, er werde "diesen Sumpf trockenlegen".
Der Traditionsklub, bis dahin wenigstens noch unangefochten Deutscher Meister im Unterhaltungswert, degenerierte allmählich zur grauen Maus. Das cool gemanagte Schalke erfüllte nicht mehr die Bedürfnisse seiner Fans, die im vom wirtschaftlichen Niedergang gebeutelten Revier, intensiver als in den Großstädten Hamburg, München oder Köln, Fußball als emotionales Ventil brauchen. Der strapazierte Begriff von der "Weltanschauung Schalke" stimmt ja 50 Jahre nach der Erfindung des legendären "Kreisels" durch Szepan und Kuzorra immer noch.
Eine solche Beziehung hält Streit aus und zur Not auch Mißerfolg, aber nicht Distanz und Reduzierung des Vereinslebens auf professionelle Show.
Als Fenne dämmerte, daß sein Manager Schalke, wie angekündigt, schaffen würde, ging er auf Gegenkurs. Doch der Verwaltungsrat, das Aufsichtsgremium, blockierte den Plan, Assauer durch den populären früheren Schalke-Profi Rolf Rüßmann zu ersetzen. Enttäuscht trat der Präsident zurück.
Die Schalker haben in Günter Siebert den nostalgischen Traum ihres eigenen Lebens gewählt. "Singen, singen", skandierten sie gegen Mitternacht im Hans-Sachs-Haus, als das Ergebnis der Abstimmung bekannt war. Siebert sollte wie früher bei derlei Anlässen das Vereinslied anstimmen. Ein bißchen frustriert verließen sie schließlich den Saal, weil ihr Heros nicht kapierte. Der war viel zu sehr damit beschäftigt, den 60 Reportern seine Pläne zu erläutern.
Er werde, so Siebert, Assauers Entlassung durchsetzen, auf den Dörfern nach Talenten suchen, an den Schulen Freikarten für Heimspiele verteilen, denn eines sei ja wohl klar: "Ohne die Jugendlichen läuft gar nichts. Die müssen wir für Schalke 04 begeistern."
Das klang platt, die jungen Leute überzeugte es trotzdem. Wie beispielsweise Stefan, einen 22jährigen Versicherungskaufmann aus Hamburg. Er sympathisiert seit jeher mit Schalke, seine frühen Jahre als Fußballfan dürften kaum besonders fröhlich gewesen sein. Um zur Versammlung nach Gelsenkirchen reisen zu können, hatte er drei Tage Urlaub genommen. Hernach war er von Siebert begeistert. Weil, so Stefan, "der emotional ehrlich war und auch die Jungen ernst nahm".
Siebert nennt als Motiv für seine Rückkehr, er habe in der Fremde "Bauchschmerzen bekommen, wenn ich in der Zeitung las, was aus meinem Schalke geworden war". Das kann man ihm so abnehmen. Doch die Verlockung wieder der mächtigste Schalker zu sein war für ihn zumindest ebensogroß; Schalke ist sein Schalke oder gar nicht. Das lebt er auch.
Er beherrscht alle Tricks des Gewerbes, wie unter Deutschlands Fußball-Präsidenten oder Fußball-Managern allenfalls noch der Münchner Uli Hoeneß. Siebert bog die Wahrheit mitunter so zurecht, wie er sie gerade brauchte, und er benutzte Menschen wie es ihm paßte.
"Rosi Mittermaier hat soeben den Olympischen Abfahrtslauf gewonnen. Der FC Schalke 04 hat ihr sofort ein Glückwunschtelegramm geschickt", rief Siebert mit einer sich vor Begeisterung überschlagenden Stimme den Teilnehmern der Schalker Jahreshauptversammlung im Februar 1976 zu.
Wie die Schlachtenbummler an der Olympiapiste in Innsbruck jubelten darauf die Knappen im Hans-Sachs-Haus, waren im weiteren Verlauf der Tagung für Argumente nicht mehr zugänglich und wählten den zuvor als chancenlos geltenden Siebert erneut zum Präsidenten. Bei "Gold-Rosi" ist bis heute kein Telegramm aus Schalke eingetroffen.
Doch nie hat dem Volkstribun jemand bestreiten können, ein "echter Schalker" zu sein. Und das zählte allemal mehr als die Affären der Vergangenheit für die er steht. Kein Wunder, daß Kohl-Sprecher Friedhelm Ost sich in der vorigen Woche telegraphisch mit einem "Glückauf" an den erfolgreichen Populisten ranschmiß.
Daß die Akademiker im Verwaltungsrat jetzt fürchten, die Banken könnten dem neuen Vereinschef nicht so großzügig Kredit gewähren wie seinem seriösen Vorgänger, interessierte wenig.
Vergeblich mahnten die studierten Real-Kapitalisten der Freizeit-Industrie Fußball das Prinzip Sachlichkeit an. Fenne bei seiner Abschiedsrede: "Der Weg zum Ziel muß realistisch sein, er darf nicht illusionär sein." Den Fans war viel wichtiger, wie Siebert künftig das Vereinsleben gestalten werde, und er enttäuschte sie nicht: "Auf Schalke wird wieder gefeiert", verkündete er und verfügte als erste Amtshandlung die Wiedereinführung "unseres schönen Winterfestes".
Demagogie? Gewiß, aber die "Doktoren und Professoren" (Siebert) sind in Schalke nicht nur deshalb gescheitert, weil das bedächtige Wiegen des Kopfes noch nie eine mitreißende Volksbewegung war. Von Männern, die das Fußball-Geschäft mit dem Taschenrechner betreiben, wird erwartet, daß die Bilanz stimmt.
Doch auch da waren sie mindestens so erfolglos wie Siebert und dazu noch unendlich langweilig. _(Beim Bundesligaspiel gegen Borussia ) _(Dortmund am 20. September 1986 im ) _(Gelsenkirchener Park stadion (Schalker ) _(mit Trigema-Trikots). )
Beim Bundesligaspiel gegen Borussia Dortmund am 20. September 1986 im Gelsenkirchener Park stadion (Schalker mit Trigema-Trikots).
Von Kurt Röttgen

DER SPIEGEL 7/1987
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 7/1987
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Auf Schalke wird wieder gefeiert“

Video 01:30

"Remembrance Day" in Großbritannien Blüten aus dem Bomber

  • Video "Liverpool-Sieg über Manchester City: Man sollte Jürgen und mich auf eine Flasche Wein einladen" Video 01:41
    Liverpool-Sieg über Manchester City: "Man sollte Jürgen und mich auf eine Flasche Wein einladen"
  • Video "Atomkonflikt: Iran beginnt mit Bau eines zweiten Reaktors" Video 01:36
    Atomkonflikt: Iran beginnt mit Bau eines zweiten Reaktors
  • Video "Hongkong: Polizist feuert auf Demonstranten" Video 01:20
    Hongkong: Polizist feuert auf Demonstranten
  • Video "Russland: Letzte Tiere aus Wal-Gefängnis freigelassen" Video 00:55
    Russland: Letzte Tiere aus "Wal-Gefängnis" freigelassen
  • Video "Wahlkampf in Großbritannien: Die dritte Kraft" Video 02:56
    Wahlkampf in Großbritannien: Die dritte Kraft
  • Video "Bolivien: Präsident Morales erklärt Rücktritt" Video 00:32
    Bolivien: Präsident Morales erklärt Rücktritt
  • Video "SPD-Vorsitz: Das Kandidatenduell" Video 42:03
    SPD-Vorsitz: Das Kandidatenduell
  • Video "Filmstarts der Woche: Der aufrechte Patriot" Video 06:11
    Filmstarts der Woche: Der aufrechte Patriot
  • Video "Die Chaotisch Demokratische Union: Nur ein Frieden auf Zeit" Video 03:24
    Die Chaotisch Demokratische Union: "Nur ein Frieden auf Zeit"
  • Video "Tirade gegen Impeachment-Prozess: Trump gegen die Never-Trumpers" Video 02:12
    Tirade gegen Impeachment-Prozess: Trump gegen die "Never-Trumpers"
  • Video "30 Jahre Mauerfall: Virtuelle Zeitreise ins geteilte Berlin" Video 05:07
    30 Jahre Mauerfall: Virtuelle Zeitreise ins geteilte Berlin
  • Video "Krieg in der Ostukraine: Dritte Phase des Truppenrückzugs beginnt" Video 00:51
    Krieg in der Ostukraine: Dritte Phase des Truppenrückzugs beginnt
  • Video "Trauer nach Tod eines Studenten: Das hat Hongkong tief erschüttert" Video 02:45
    Trauer nach Tod eines Studenten: "Das hat Hongkong tief erschüttert"
  • Video "Ein Jahr nach Waldbrandkatastrophe: Neue Hoffnung in Paradise" Video 03:29
    Ein Jahr nach Waldbrandkatastrophe: Neue Hoffnung in Paradise
  • Video "Remembrance Day in Großbritannien: Blüten aus dem Bomber" Video 01:30
    "Remembrance Day" in Großbritannien: Blüten aus dem Bomber