17.11.1986

„Entweder wie die Camorra oder wie Maradona“

SPIEGEL-Redakteur Helmut Sorge über den Fußball-Starkult in Neapel *
Vor dem Stadion "San Paolo" zu Neapel häuften sich Hunderte, ach was, Tausende blauweißer Fahnen. Daneben zerfetzte Regenschirme, mit Maradona-Porträts bedruckt, Pizza-Reste, zerknüllte Seiten aus der "Gazzetta dello Sport" - der Nachlaß einer Fußballschlacht.
Im Presseraum unter den Tribünen malte ein Klubangestellter mit Kreide die Statistiken dieses Sonntags auf eine Wandtafel: 81621 Zuschauer, Einnahme: 1552592467 Lire (mehr als 2,2 Millionen Mark).
Vor beinahe zwei Stunden hatte der Schiedsrichter die Begegnung der "Societa Sportiva Calcio Napoli" gegen "Internazionale Milano" abgepfiffen. Kein einziges Tor war gefallen. Die norditalienischen Spieler waren längst in ihrem neapolitanischen Quartier, dem Hotel "Vesuvio", angekommen.
Drei Dutzend italienischer Reporter tranken unterdessen im Stadion ihr traditionelles Kaffee-Likör-Gemisch aus Pappbechern und warteten auf jenen Spieler, der von sich stets im Pluralis majestatis spricht - Diego Armando Maradona. Der Argentinier, Mannschaftsführer der Neapolitaner, stand noch unter der Dusche - nach Heimspielen duscht er besonders lange.
Draußen, vor der mit schweren Eisentoren gesicherten Einfahrt in den Stadiontunnel, warteten mehrere tausend Fans auf den Star - wie immer nach Heimspielen. Dann endlich, Nacht hatte sich bereits über die Stadt gelegt, schoß der dunkelgraue Mercedes 190 mit dem Fußballstar aus der Betonröhre. Eine Polizei-Eskorte bahnte ihm mit aufgeblendeten Scheinwerfern den Weg.
Maradona, in Jeans und Pullover gekleidet, vertragsgemäß Sportschuhe der Marke Puma an den Füßen, einen kleinen goldenen Ring im linken Ohr eine goldene Rolex am rechten Handgelenk hob huldvoll den Arm und grüßte sein Volk. Die Polizisten kämpften mit den Fans, die sich unbedingt auf die Kühlerhaube werfen wollten.
"Eigentlich weiß ich nicht, wie wir da jedesmal wieder heil durchkommen", sagt der argentinische Maradona-Vertraute Fernando Signorini, der dem Kicker als Fahrer, Fitnesstrainer und Leibwächter zugleich dient. Aber so ist es nun mal mit Diego und Neapel - seit zwei Jahren schon. Und die Begeisterung, die Erwartung, der psychische Druck und die Hysterie nehmen zu.
Nach dem Gewinn der Weltmeisterschaft in Mexiko ist Maradona, wie auch Karl-Heinz Rummenigge, deutscher Gastarbeiter bei Inter Mailand, lobt,
"eindeutig die Nummer eins, der weltbeste Fußballer" - am Donnerstag voriger Woche wurde er als bester Spieler der Weltmeisterschaft in Paris offiziell geehrt. Und auch das ist Diegos Verdienst: Neapel, ein Klub, der noch nie in der 60jährigen Vereinsgeschichte italienischer Meister werden konnte, übernahm die Tabellenführung.
Noch ein Wunder: Juventus Turin, in Neapel als Vasallen-Club der Industrie verachtet, wurde 3:1 besiegt - ausgerechnet in Turin. Seit 30 Jahren war dies den Neapolitanern nicht mehr gelungen.
Nun darf die Stadt am Vesuv tatsächlich träumen. Neapel - italienischer Meister, das wäre mehr als nur Fußballgeschichte, es wäre endlich die Selbstbestätigung eines Volkes, das nach Überzeugung mancher Italiener wohl singen und stehlen, jedoch nicht siegen kann.
Neapel gegen Turin und Mailand, der Mezzogiorno gegen den Norden, das ist die Konfrontation von Armut und Industrialisierung, da kämpft die Welt der Bürger gegen die der Gelegenheitsarbeiter. Und die siegt auf einmal. Maradona sei Dank, denn der ist, wie der scharfsinnige Außenminister Andreotti bemerkte, "allein eine ganze Mannschaft wert".
"Jeder identifiziert sich mit ihm" sagt Romolo Acampora, Sportchef des lokalen "Mattino". Wenn Diego leidet, leiden seine Fans, wenn er in Verzweiflung die Hände hebt, tun ihnen die Finger weh. Er ist "ihr Führer geworden", so Acampora, "ihr Idol".
Eine Geste von Maradona, und das Volk springt im Stadion auf die Sitze. Wenn Maradona befiehlt, schweigt das Volk. Er hat eine "Aura um sich verbreitet, er strahlt Charisma aus wie kein anderer", bekennt neidlos Rummenigge.
Wenn Maradona mit seinen 19 Mannschaftskameraden im Trainingszentrum, dem "Centro Paradiso" im neapolitanischen Vorort Soccavo probt, bleiben die eisernen Pforten geschlossen. Ein Dutzend Ordner, ein Privatpolizist sowie mehrere Streifenwagen wachen über den Star. Lediglich am Donnerstag, zu den Übungsspielen der Profis, sind Zuschauer zugelassen: Am 30. Oktober, dem 26. Geburtstag Diegos, kamen etwa 6000.
In den Wohnungen der Armenviertel stehen Maradona-Photos neben den Bildern der heiligen Madonna. In den engen Gassen malen Fans kunstvolle Maradona-Porträts an die Wände oder sprühen Sprüche wie "Viva Maradona", "Forza Maradona" mit Farbpistolen auf den Platz.
Geschäftsleute nennen ihre Läden "Maradona-Pizzeria" oder bieten einen "Maradona-Ölwechsel" an. Vor dem Stadion verkaufen ambulante Händler, die ihre klapprigen, verbeulten Fiats zu Verkaufsständen umfunktionieren, mit dem Maradona-Konterfei bedruckte Regenschirme. Auf seidenen Tüchern wird der Argentinier als "Nostra Stella" gepriesen, als der Stern; auf Fahnen flattert er mit einer Krone über dem Haupt, Hundebesitzer schmücken ihre Tiere mit Maradona-Umhängen.
Er ist für die Neapolitaner "nicht nur ein kleiner, sondern ein ganz großer Konig", weiß Karl-Heinz Rummenigge. Diego Maradona ist für sie ein Fußball-Gott, der herabgestiegen ist vom Olymp in das vermeintliche Zentrum des sozialen und moralischen Verfalls. Maradona läßt Neapel wieder an sich selbst glauben, daran, daß im Süden nicht nur Verlierer leben.
"Wenn er nicht in Argentinien geboren wäre, könnte er nur Neapolitaner sein", meint Vereinspräsident Corrado Ferlaino, der für Maradonas Wechsel vom FC Barcelona zum SSC Neapel insgesamt 24 Millionen Mark an die Spanier überweisen mußte, "er ist wie ein Junge von hier, einer von uns."
Inzwischen wirkt der 1,67 Meter große Diego tatsächlich wie ein Neapolitaner, den die Mama mit Liebe und Nudeln mästete. Er spricht zwar nicht perfekt italienisch, doch er versteht sich auf die Seele der Einheimischen, er kennt ihre Leiden und ihre Leidenschaften.
Maradona ist eher "ein einfacher Junge", wie der Trainer sagt, ein Typ ganz nach dem Gusto der Neapolitaner - Schlaukopf und Macho, eine Art Gassenjunge, mit Sinn für alle Frauen, "die in ihrer Bluse ihren Busen ein wenig zeigen und einen knackigen Po haben" (Maradona).
Vor jedem Spiel, vor jedem Training bekreuzigt sich der Star diskret. Wenn er über die Liebe redet, denkt er zunächst "an meine Mutter, eine Frau der wahren Liebe". Der Fußballer, der mit sieben Geschwistern aufgewachsen ist, hat seine Rechtsanwälte angewiesen, gegen die ambulanten Händler vor dem Stadion nicht einzuschreiten, die seinen Namen unerlaubt vermarkten: "Ich bin glücklich, daß Tausende essen können, weil sie ein Maradona-T-Shirt oder ein Maradona-Feuerzeug verkaufen können." Niemand neidet einem solchen Star, daß er mit seinem "Puma"-Vertrag, mit Einnahmen aus der Trikotwerbung des Nahrungsmittelkonzerns "Buitoni" und der Klubgage längst zum Millionär geworden ist. Die katholische Kirche rügt den Junggesellen nicht, der mit seiner gerade schwangeren argentinischen Freundin Claudia in wilder Ehe zusammenlebt. "Diego ist nahezu eine Kultfigur geworden", sagt Sportreporter Almando Pannone von "Il Giornale".
Vor Diegos Vertragsunterzeichnung zählte Neapel 33958 Dauerkartenbesitzer. Im ersten Maradona-Jahr stieg der Verkauf auf 67737. Das städtische Stadion ist, bei Eintrittspreisen von 7000 bis 80000 Lire (10 bis 115 Mark), meist ausverkauft. "Warum nur sollen wir
Diego Maradona verkaufen?", wollte Neapel-Klubpräsident Ferlaino wissen, als er von Gerüchten über Maradonas Abwanderung nach München in der Zeitung las, "was glauben Sie, was hier los wäre, wenn wir über einen solchen Wahnsinn auch nur öffentlich nachdenken würden?"
Und: "Diego ist bei uns für weitere zwei Jahre unter Vertrag, und dann haben wir eine Option für ein weiteres Jahr. Es ist undenkbar, daß der Klub ihn verkauft, auch nicht nach Deutschland." Es sei denn, Maradona drängt auf eine Vertragsauflösung. Allerdings: "Wer den hier rausholen will", so Rummenigge, "das hat auch schon der Uli Hoeneß gesagt, der muß schon eine kugelsichere Weste anlegen."
Maradona nämlich ist "über die Rolle eines Fußballers hinausgewachsen", so der "Mattino"-Sportchef Acampora. Ex-Bürgermeister Maurizio Valenzi, 77: "Er lenkt die Massen von ihrem Elend ab." Wieder einmal ist die etwa 1,3 Millionen Einwohner zählende Stadt ohne Bürgermeister: Die Parteien konnten sich über das Budget nicht einigen. Wieder einmal scheint die Stadt unregierbar.
Neapel existiert nach eigenen Gesetzen, nach einer Philosophie, die nicht nur Fremden, sondern auch Norditalienern schwer verständlich ist. Als Maurizio Valenzi, für die KP im Europa-Parlament, noch im Rathaus amtierte, einigte er sich mit dem Chef der Zollfahndung darauf, die Verkäufer geschmuggelter Zigaretten unbehelligt zu lassen.
"Das sind zwei- bis dreitausend Leute, die dadurch einen Job haben. Wir sollten uns auf Diebe und Mörder konzentrieren." Wie viele Neapolitaner tatsächlich arbeitslos sind, vermag in dieser Stadt niemand mit Sicherheit zu sagen. In Neapel zählen nicht Statistiken, es zählt die Realität."X" Schreibfehler Spiegel
Der Vesuv, "ein grausamer und rächender Gott, der bisweilen fürchterlich die Erde erschüttert, Tempel, Paläste. Wohnstätten einstürzen läßt", wie Curzio _(Nach dem argentinischen Endspielsieg ) _(gegen die Bundesrepublik mit Mexikos ) _(Präsident De la Ma drid, Kanzler Kohl am ) _(29. Juni in Mexiko-Stadt. )
Malaparte in seinem Roman "Die Haut" notierte, "in seinen Feuerströmen selbst seine Kinder verbrennt und ihre Häuser unter einer Decke glühender Asche begräbt", er hat die Neapolitaner gezeichnet wie das Erdbeben von 1980, bei dem Tausende starben und 140000 Menschen obdachlos wurden.
Der Staat, so sehen es die Einheimischen, hat seine Hilfsprogramme stets nach dem Motto zusammengestellt: "Sorgen wir erst mal für den Norden, was wir dann noch haben, geben wir an den Süden (Maurizio Valenzi). Die Folge: Haß gegen den Norden, gegen die Fußballmannschaften vor allem aus Turin und Mailand. Entfremdung von den Politikern, Mißachtung der Gesetze, ein ewiger Existenzkampf am Rande der Gesellschaft.
In den engen Gassen der Armenviertel, in denen auch die Straßenbeleuchtung das Dämmerlicht nicht durchbricht, rekrutiert die Camorra, die lokale Mafia, ihr Personal. Sie ist nicht allein eine kriminelle Vereinigung, sondern auch Staatsersatz: Arbeitsplatzbeschaffer, Beschützer, Fürsorger. Daß die Arbeit für die Camorra oftmals hinter Gittern endet, kann kaum jemanden schrecken. Die Camorra versorgt die Angehörigen, schenkt den Witwen zum Weihnachtsfest Freßpakete und gründet Sportklubs für Jugendliche.
Camorra-Gangs organisieren illegale Pferdewetten, vor allem aber handeln sie mit Kokain und Heroin. Als Helfer werben sie oftmals Jugendliche an, die in tristen Vierteln wie Secondigliano aufwachsen.
Giuseppe Brancaccio. Student und Aktivist in der katholischen Hilfsgemeinschaft San Egidio, die sich um verstoßene und vernachlässigte Kinder bemüht, weiß: "Die Jugendlichen hier haben nur einen Traum, und der heißt Geldverdienen, egal wie, entweder wie die Camorra oder so wie Maradona."
Mit dem Fußballer können sie sich identifizieren. "Sagen wir doch die Wahrheit", zitiert der Autor Luciano De Crescenzo in seinem Bestseller "Also sprach Bellavista" seinen neapolitanischen Hauptdarsteller, "die einzigen Idealisten, die es heute in Italien noch gibt, sind die gutgläubigen Kommunisten und die Fußballfans."
Bellavistas Empfehlung: "Wenn ihr also Kinder habt und merkt, daß diese Kinder nicht die Gnade des Glaubens, der Kunst oder des Genies mitbekommen haben, so sorgt schnell dafür, daß sie Sport treiben, oder aber ihr schreibt sie schon von klein auf in die Kommunistische Partei ein, dann verhindert ihr vielleicht, daß in eurer Familie ein künftiger Drogenabhängiger oder Verbrecher heranwächst."
Da es in Neapel an Fußballplätzen fehlt, kicken Kinder und Jugendliche mit ihren Gummibällen überall herum, auch zwischen den Panzern, die an Allerseelen auf die Piazza del Plebiscito gerollt
waren. Müllsäcke ersetzen Torpfosten die Fußgängerwege gelten als Außenlinie. Alle, die besonders fix dribbeln können, heißen in Neapel Maradona.
Dank 401 Fanklubs bleiben die Vereinsbosse in Kontakt mit der Basis. Die 60000 Mitglieder dieser "Associazione Italiana Napoli Club" treffen sich zu Gesellschaftsabenden und reisen zu Auswärtsspielen (in Turin unterstützten 20000 Neapolitaner ihr Team), sie fahren über Land und spähen nach Jungtalenten.
Von den 20 Neapel-Profis stammen 10 aus Neapel und Umgebung. In einer vereinseigenen Schule werden die talentiertesten Nachwuchskicker ausgebildet. Dies ist "unser Gewächshaus", sagt Carlo Juliano, Pressechef des Vereins. Unter 80 Fußballerlehrlingen werden "wir wohl einen Diamanten finden", und damit schon "hat sich der gesamte Aufwand gelohnt".
Regelmäßig besuchen die Profis ihre Fans. Nur einen Spieler kann der Verein eigentlich nie vorführen, bedauert der Fanklub-Präsident Crescenzo Chiummariello: Diego Maradona. Wenn der Argentinier in einem kleineren Städtchen auftreten würde, "wäre da die Hölle los. Dieses Risiko können wir nicht eingehen".
Neapel, weiß Vereinspräsident Ferlaino, der seit 17 Jahren den Klub führt, "lebt mit dem Fußball anders als die anderen Städte Italiens".
Dieser Ort war seit jeher ein Zentrum der Oper, des Theaters, der Gaukler. Fußball, so glaubt der "Mattino"-Sportchef, ist noch heute "auch Kunst und Show". Maradona sei nicht nur Mittelfeldspieler, sondern "Hauptdarsteller auf einer Bühne, die Neapel heißt".
Wie ein Star war er aus Barcelona angereist, mit einem persönlichen Manager, einer Fernseh-Crew, einem Sekretariat und einer PR-Truppe. Es war die "Maradona Productions" oder, wie die Gazetten schrieben: "König Maradonas Gefolge". Diese Verschwendung störte die Fans von Neapel nicht.
Der Fußballer lebt immer noch fürstlich, seine Dienerschaft hat er jedoch reduziert. Zwar verfügt der Argentinier noch über ein eigenes Büro, dessen Telexkennung den Maradona-Initialen DAM entspricht. Doch von seinem langjährigen Manager hat sich der Fußballer getrennt. Maradonas persönlicher - argentinischer - Kameramann arbeitet nun als Pizzabäcker in der Pizzeria "La Cueva", die vom - argentinischen - Ex-Maradona-Dolmetscher Jose Alberti unweit der Maradona-Residenz geleitet wird.
Gelegentlich kommt die Maradona-Mama aus Buenos Aires angereist und bleibt einige Monate bei dem Kleinen, der im feinen Vorort Posillipo die vom Verein bezahlte 250-Quadratmeter-Wohnung eines entlassenen brasilianischen Kickers übernommen hat. In diesen Tagen sitzt Diego häufiger daheim
als sonst üblich und sieht sich mit seiner Gefährtin Claudia Videos an.
Eine Knöchelverletzung plagte ihn, er mußte deshalb sein Training reduzieren. Vor allem aber ist er, wie ein Freund weiß, über ein anderes Problem "irritiert und gereizt: Ein Vaterschaftsprozeß steht ihm womöglich bevor. In den Abendnachrichten hatte eine neapolitanische Cristina behauptet, der Star sei Vater eines kleinen Diego geworden.
Diego senior dementierte. Gleichwohl verlor er vorübergehend die Konzentration. Ausgerechnet er verschoß - im Uefa-Pokalspiel gegen Toulouse - den entscheidenden Elfmeter. Warum? Wer hatte schuld? Die Frau natürlich, urteilten Fans und Klubmanagement. Prompt mußte die Polizei nicht den Fußballer, sondern die Mutter seines angeblichen Kindes gegen Racheakte beschützen.
Maradona lehnt seither Interviews mit dem italienischen Fernsehen RAI ab. Die TV-Reporter hatten ihre Meldung verbreitet, angeblich ohne den vermeintlichen Vater zuvor zu befragen. Auch seine Mannschaftskameraden schweigen nun aus Solidarität mit ihrem Star, wenn sie von TV-Journalisten interviewt werden sollen.
Schon kursieren in Neapel Gerüchte, wonach "die Deutschen", die doch offenbar den Argentinier abwerben wollen, die Neapolitanerin wenn nicht zur Schwangerschaft, so doch zu ihrer Beschuldigung getrieben hätten, weil sie dem Star Neapel vermiesen wollten. Soviel scheint sicher: Maradona kannte das Mädchen, und nicht nur sie. Seinen Erfolg bei den Frauen kann er sich allerdings nicht erklären, weil er doch "der Häßlichste in meiner Familie" ist.
Was für ein Skandal: Der Held der Stadt, verwickelt in Intrigen und hin- und hergerissen zwischen zwei Frauen - eine neapolitanische Komödie. Kaum ein Mittagstisch, an dem nicht die Frage gestellt wurde: "Betriebsunfall oder Berechnung, Dummheit oder Unschuld?"
Schon Autor Curzio Malaparte hatte bösartig notiert: "Die Zeugungsorgane haben stets eine große Bedeutung im Leben der lateinischen Völker gehabt, und besonders im Leben des italienischen Volkes, in der Geschichte Italiens." So schreckte ein Magazin auch nicht davor zurück, den Fußballer nackt abzubilden.
Nach dem ersten Schock, nach den ersten Schlagzeilen, nach öffentlichen Drohungen Maradonas, er werde den Klub womöglich verlassen, organisierten sich die Fans zum Widerstand.
In der Redaktion von "Il Mattino" meldeten sich mehrere Entlastungszeugen. Ein Neapolitaner schrieb: "Ich kenne Cristina, die Mutter, intim. Ich weiß, von wem das Kind ist." Und: "Ich werde vor Gericht erscheinen und zugunsten Diegos aussagen. Er hat nichts zu befürchten."
Maradonas Privattrainer Fernando Signorini, wie Maradona ein Fan des Bundesliga-Fußballs, weiß über seinen Arbeitgeber: "Der brennt trotz dieses Theaters immer vor Ehrgeiz und Einsatzwillen." Vor und nach dem offiziellen Training, das Coach Ottavio Bianchi nach dem Motto leitet "Qualität statt Quantität", arbeitet der Argentinier zusätzlich mit seinem persönlichen Trainer. Dann übt der Star jene Spezialität, die nahezu jeden Gegenspieler aus dem Gleichgewicht bringt: kurzer, schneller Antritt, enge Ballführung in hohem Tempo - und ab geht''s über 10, 20 Meter.
Selbst ein lädierter Knöchel, ein blaugelb angeschwollenes linkes Auge, eine Trainingsverletzung, hinderten Diego Maradona nicht am Einsatz gegen Neapels Erzfeind Juventus Turin. Deshalb lieben ihn die Fans, liebt Neapel den Argentinier: einen Star, der sich nicht schont, einen Profi, der mit Leidenschaft Fußball spielt und dafür leidet.
Die Frage ist in Neapel nicht mehr, beschied der Pressechef des Fußballklubs Anrufer, "wie das Volk reagiert, falls wir vielleicht nicht Meister werden". Die Frage sei viel eher, "was wird aus dieser Stadt, wenn wir Meister sind?"
Nach dem argentinischen Endspielsieg gegen die Bundesrepublik mit Mexikos Präsident De la Ma drid, Kanzler Kohl am 29. Juni in Mexiko-Stadt.
Von Helmut Sorge

DER SPIEGEL 47/1986
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