09.02.1987

Nachtfahrt durch den amerikanischen Tagtraum

SPIEGEL-Redakteur Hellmuth Karasek über David Lynchs Meisterfilm „Blue Velvet“ Für „Oscar“-Segen wird er zu skandalös sein, doch seine Kühnheit und Bildermacht haben ihm in den USA schon viel Aufmerksamkeit beschert: „Blue Velvet“, der vierte Spielfilm des Regisseurs David Lynch, 41, setzt einem properen Kleinstadtidyll eine halluzinatorische Nachtwelt voll Angst, Gefahr und Verderbnis entgegen. *
Lumberton heißt die amerikanische Kleinstadt, die mit ihren Holz- und Backsteinvillen, ihren gelben Tulpen und weißen Zäunen noch Ende der Achtziger aussieht, als sei sie mitten in den fünfziger Jahren steckengeblieben. "Holzhausen" oder "Möblingen" könnte sie auf deutsch heißen; alles dreht sich in ihr ums Holz, und wenn im Radio die Zeit angesagt wird, heißt es: "Beim Fallen des nächsten Baums ist es neun Uhr dreißig."
Die Stadt ist so friedlich und so von süßlicher Musik durchdrungen, der Himmel ist so blau, daß der vorbeifahrende Feuerwehrmann gar nicht anders kann als fröhlich in die Gegend zu winken. Sogar den Kinozuschauer scheint er auf diese Weise freundlich zu grüßen. Freundlich? Oder bedrohlich?
In einem hübschen Vorgarten sprengt ein netter älterer Herr zu netter Musik den Rasen. Plötzlich fällt er, vom Schlag gerührt, ins Gras, ein netter Nachbarhund klettert kläffend auf den hügeligen Bauch des Ohnmächtigen und hechelt nach dem Wasser des wild um sich schlagenden Schlauchs.
Die Kamera fährt auf den Rasen zu. Man sieht ein bedrohliches Gewimmel von Insekten zwischen Riesenhalmen. "It's a strange world" heißt der ironische Lieblingssatz, den Regisseur David Lynch ("Der Elefantenmensch") immer wieder zitieren läßt. In der Norman-Rockwell-Idylle, einer wahrlich seltsamen Welt, beginnt eine Höllenfahrt.
Schon kommt der Sohn Jeffrey (Kyle MacLachlan spielt ihn mit linkischer Sympathie und mit einer schüchternen Zugeknöpftheit bis zum obersten Hemdenknopf) zurück vom College, um seinen beim Rasensprengen gestürzten Vater im Krankenhaus zu besuchen. Der eben noch so joviale Mann kann unter bedrohlichen medizinischen Geräten nur noch asthmatisch schnaufen. Und als der Sohn ihn verläßt, über eine Wiese nach Hause geht, findet er ein abgeschnittenes Ohr, über das sich schon die Ameisen hermachen.
Er packt es brav und ordentlich in eine herumliegende Tüte und bringt es zur braven und ordentlichen Ortspolizei. Der herablassend lächelnde Inspektor wirkt so spießig und behandelt Jeffrey so freundlich, daß einem das kalte Grausen den Rücken herunterläuft. Er hat eine blonde Tochter, die noch zur Schule geht. Sie und Jeffrey sind Nachbarskinder. In Lynchs Film ist meist alles so nett und proper, daß es fast weh tut.
Von nun an ist nichts mehr, wie es scheint. Denn durch das Ohr gerät Jeffrey in eine Welt aus Erpressung und sexueller Perversion, die sich wie ein Nachtmahr über die Phantasien des Heranwachsenden legt. Er möchte helfen, er möchte imponieren, er möchte was erleben.
"Blue Velvet" ist ein Film, der seinem jugendlichen Paar eine verquere Reifeprüfung auferlegt. Zwei Kinder erleben eine Welt, wie sie den meisten Erwachsenen verschlossen bleibt.
Sie, die Polizistentochter (Laura Dern spielt sie im strahlendsten Blond und mit breitestem Mund), die bisher ihr rosakitschiges Jungmädchenzimmer nur verließ, um in der Schule einen Fußballspieler kennenzulernen, wird zur Komplizin gegen ihren Vater.
Er, der brave Junge von nebenan, wird Held eines Tagtraums, in dem er als Detektiv einem grausigen Verbrechen auf die Spur kommt, an Rauschgift-Dealer, Zuhälter und Kidnapper gerät. Dabei gewinnt er die bewundernde Liebe seiner Nachbarin, die aus ihrer Schleiflack- und Plüschtierwelt schlüpft, um für ihn Schmiere zu stehen.
Und er wird Voyeur eines Nachttraums, bei dem er als Zeuge zusehen muß, wie ein sadistischer Widerling eine schöne Frau vergewaltigt, quält und demütigt, weil er offenbar ihr Kind in seiner Gewalt hat.
Sie ist eine Nachtclubsängerin (die spröd dissonante Stimme, mit der sie den schnulzigen Evergreen "Blue Velvet" singt, reicht gerade für ein Kaff wie Lumberton, und sie wird, wie der Film insgesamt, für einen Welterfolg reichen) und wenn Jeffrey in ihr Mietshaus kommt, betritt er eine andere, verrottet geheimnisvolle Welt. Der Fahrstuhl funktioniert nicht, in den staubigen, dunkel-verschlissenen Tapeten hängt der Muff der fünfziger Jahre, heruntergekommen wie Möbel und Treppenhaus.
Vor allem ist schwer auszumachen, ob Dorothy Vallens, die Sängerin, wie Isabella Rossellini sie spielt, Opfer oder verfallene Mitspielerin bei den sadomasochistischen Quälnummern ist.
Sie spielt das Mädchen so schutzlos morbide, so jenseits von Unschuld oder Wollust, daß man ihrer schlaff-mürben Schönheit, ihrer frierenden, bleichen Nacktheit ständig einen gnädig bedeckenden Mantel zuwerfen möchte. In Venedig ließ jedenfalls der verstörte Biennale-Direktor "Blue Velvet" nach 20 Minuten abbrechen, um, wie er sagte, das Andenken an Roberto Rossellini, Isabellas Vater, nicht zu kränken.
Dabei erinnert die Tochter eher an die Mutter, an Ingrid Bergman. Sie ist mit ihrer anschmiegsamen Panik, ihrem hilflosen Stammeln, ihrem nur in Momenten des Schmerzes glücklich gelösten Gesicht so ziemlich das totale Gegenteil zur heutigen amerikanischen Filmfrau und deren Jane-Fonda-Idealen von Sonnenbräune, Kochtopf, Management und Fitness-Training. Dieses Nachtgeschöpf wirkt wie ein somnambuler Einbruch von Sexualität in den Kleinstadtfrust.
Den Peiniger spielt Dennis Hopper: einen kranken Schwächling, der in Gewaltorgien seine verkorkste Sexualität herausheult und herausprügelt. Um zu seinem Höhepunkt zu kommen, hält er sich ein Atemgerät an Mund und Nase. In Amerika ist es schon ein Gesellschaftsspiel geworden zu raten, was das ist, Asthmapfeife oder Drogen-Inhalator, und was da drin ist. Er schnauft damit jedenfalls ekelhaft furchterregend. Hopper ist sentimental wie eine Fuffziger-Jahre-Schnulze und gefährlich wie ein Klappmesser, auch er ist ein Alptraum. Der Alptraum der guten alten Zeit, die eine einzige verklemmte, verquere, verdrängte Sauerei gewesen sein muß.
In einer Nachtfahrt wird Jeffrey mitsamt der Sängerin in ein schäbiges Bordell verschleppt. Dort imitiert der tuntig geschminkte Bordellbesitzer (Dean Stockwell) für seine Gäste einen Schlager vom Sandmännchen und Kinderträumen, anschließend wird Jeffrey zur gleichen Musik halbtot geschlagen während auf dem Autodeck eine dralle 50jährige Nutte selbstversunken wie in einer früheren Topless-Bar tanzt. In solchen Szenen wirkt Lynchs Film so bedrängend, als habe ein Höllen-Breughel die unberührte US-Kleinstadt-Idylle heimgesucht oder als habe ein finsterer Fellini seinen gnadenlosen Blick an amerikanische Hinterwäldler verschwendet.
Doch Lynchs Höllenfahrt ist zudem noch schrecklich komisch. Da wuchten sich Gespenster aus der Nacht und sind doch nur klobige Nachbarn, die ihren Zwergpinscher Gassi führen. Mutter und Tante erschrecken über das zerschlagene Gesicht Jeffreys und sind doch Minuten später wieder mit größter Gelassenheit dabei, sich von den grausigsten TV-Krimis bei Tee und Marmeladen-Toast berieseln zu lassen.
Vor allem aber ist da die Liebesgeschichte zwischen Jeffrey und der blonden Sandy, die sich im Fastfood-Restaurant anbahnt und beim Engtanzen auf der Party der Schulfreundin ihren frühen Gipfel zu schaurig schöner Musik erreicht. Von Träumen und Rotkehlchen ist dabei die Rede, da dürfen Papi und Mami nichts sehen, und alles bleibt züchtig über der Gürtellinie.
Aber je breiter und verschwimmender Sandy ihren linkischen Eroberer angrinst - wenn die beiden am Ende ein glückliches Paar sind, umgeben von Eltern, Tanten, Nachbarn, dem genesenen Vater, Rotkehlchen, Blumen und weißen Gartenzäunen, dann weiß man nicht, ob der Alptraum des Films wirklich zu Ende ist oder ob er nicht gerade erst beginnt.
Oder haben die beiden gar alles unaussprechlich Entsetzliche nur geträumt, weil sie so unaussprechlich und entsetzlich glücklich sind in Lumberton, wo es beim nächsten Fallen des Baums zehn Uhr dreißig ist? Seit Robert Altmans "Nashville" ist den USA kein Heimatfilm so nahegekommen und vor allem nahegetreten wie "Blue Velvet".
Von Hellmuth Karasek

DER SPIEGEL 7/1987
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