09.02.1987

FILMKlappbilder, homoerotisch

Caravaggio. Spielfilm von Derek Jarman. Großbritannien. 1986. 93 Minuten; Farbe. *
Die Pose ist ein Ausdruck auf der Suche nach einem Gefühl. Bei Gemälden phantasiert sich der Betrachter das Gesuchte. In den bewegten Bildern des Filmes findet üblicherweise ein Gefühl seinen Ausdruck. Die Pose hat hier, im wahrsten Sinne des Wortes nichts zu suchen. Zu Unerfülltheit verdammt, existiert sie im Film nur um ihrer selbst willen - und das macht sie so attraktiv für eine bestimmte Art von Ästhetik.
Derek Jarmans biographischer Film über den italienischen Maler Michelangelo Merisi da Caravaggio quillt über von Posen. Es ist, als hätte jemand Standphotos zur Bewegung erweckt, was, wie der Film beweist, noch nicht Leben sein muß. Unter einem Studiolicht, das recht armselig mediterrane Sonnenflut imitiert, drapiert Jarman nach Vorlage des Meisters nackte Haut Obst, Gemüse und edle Stoffe zu Kompositionen, die bei Museumsbesuchern den "Aha"-Effekt auslösen.
Doch Jarman, selbst Maler, will nicht Kunstgeschichte illustrieren, sondern mit dieser sehnsuchtsvollen Hommage an einen der erregendsten Licht-Künstler eine Art ästhetisches Coming-out feiern. "Caravaggio" versteht sich als homosexuelles Kunstwerk.
Dazu taugt das Leben des um 1570 geborenen Malers nicht schlecht. Aus der Lombardei zog es ihn schon früh nach Rom, wo er zunächst für verschiedene Maler arbeitete, bis er in Kardinal del Monte seinen Mäzen und Förderer fand. Er fertigte eine Reihe von Altarbildern an, die seinen Auftraggebern häufig zu realistisch waren. Vielleicht erkannte man zu deutlich die Modelle wieder: Stricher und Huren aus den Gassen Roms, Caravaggios Milieu.
1606 mußte der Maler aus der Stadt fliehen, da man ihn wegen Mordes suchte. Über Neapel ging er nach Malta, wo er im Gefängnis landete, ausbrechen konnte und über Palermo zurück nach Neapel zog. Vom Papst begnadigt, machte er sich auf den Weg nach Rom, wurde jedoch irrtümlich wieder verhaftet. Nach seiner Freilassung erkrankte er in den Malaria-Sümpfen von Porto Ercole. Dort starb er am 18. Juli 1610.
Jarman beginnt, Rudimente eines Erzählkinos verwendend, mit dem in Fieberträumen delirierenden Caravaggio (Nigel Terry), dem nur noch sein stummer, debiler Diener Jerusaleme treu geblieben ist. In tableauhaften Rückblenden läßt Jarman nun das Leben dieses gewalttätigen, leidenschaftlichen Genies Revue passieren, wobei er kaum szenisch auflöst.
Vielmehr präsentiert er quasi Klappbilder homoerotischer Phantasien: die bockig-verschlafene Unschuld junger Hirtenknaben, die rotzfreche, kecke Anmache der Gossenjungs, die lächerliche Tragödie des alten geilen Schwulen als Mahnung an die Vergänglichkeit der Zeit und als nachdrückliche Aufforderung zu trunkenem Genuß. Gefühle müssen her, egal wie, nur um zu stimulieren. Blut, Samen (der allerdings nur im schwülstigen Dialog), Schweiß und Tränen, das ganze Arsenal menschlicher Säfte muß fließen - und doch umgibt eine fröstelnde Kälte diese Hitzigkeit.
Nichts stimmt in den Beziehungen der Lustsubjekte untereinander. Caravaggio liebt den Straßenjungen Ranuccio und dessen Freundin, die Hure Lena. Beide stehen ihm für eine Reihe sakraler Bilder Modell. Als Ranuccio die inzwischen schwangere Lena tötet, um Caravaggio für sich alleine zu haben, schneidet der Maler seinem Modell die Kehle durch: eine Tragödie aus Haß und Liebe.
Doch auch hier nur wieder Posen, sadomasochistische Phantasien um den blanken Stahl eines Messers, um Wunden und blutverschmierte Küsse, verletzte Schönheit eines Körpers. Kunst, so suggeriert uns Jarman in seinem platitüdenreichen Kommentar, ist die geronnene Form dieses dampfenden Lebens.
Entfernt hört man ab und zu mal eine Dampflok pfeifen. In einer Kneipe hat sich jemand aus der "Unita" einen Papierhut gemacht. Ein Klerikaler zückt einen goldenen Taschenrechner, ein Feind des Malers tippt auf einer alten Schreibmaschine wie Marat in der Badewanne sitzend eine Schmähschrift, und am Ende bastelt Caravaggio an einem verrosteten Motorrad herum. Jarman hat sich dabei was gedacht, vermutlich irgendwas mit universal. Ich habe nichts dabei gespürt. Wolfgang Limmer _(Mit Nigel Terry. )
Mit Nigel Terry.
Von Wolfgang Limmer

DER SPIEGEL 7/1987
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