09.02.1987

„Henry schenkt mir die Welt“

Neues zum Nachruhm des großen Rhapsoden der Fleischeslust: In einem „Intimen Tagebuch“ aus dem Nachlaß enthüllt Anais Nin ihre wilde Affäre mit Henry Miller im Paris des Jahres 1932. In einer Sammlung von Briefen an eine junge Schauspielerin huldigt der greise Schriftsteller Miller der letzten Liebe seines Lebens. *
O Henry! "Henry hat meine natürlichen Triebe geweckt." "Meine Instinkte heulen wie wilde Dschungeltiere." "Wenn ich an ihn denke, möchte ich die Beine spreizen."
So notierte im Jahr 1932 Anais Nin, das fabelhaft "schillernde Sternenwesen", das durch die Literaturgeschichte dieses Jahrhunderts geistert als generöse Freundin Henry Millers und Verfasserin eines legendären Journals von 35000 handgeschriebenen Seiten - eines laut Miller "monumentalen Bekenntnisses", dem er ohne viel Federlesens einen "Platz neben den Offenbarungen des heiligen Augustinus, Petronius, Abaelard, Rousseau, Proust" anwies.
Doch soviel auch die von ihr selbst publizierten "Tagebücher der Anais Nin" offenbaren über die Zeiten in Paris, als der große Rhapsode der Fleischeslust sie mit "Lawinen" von "gewaltigen, gewichtigen Briefen" überschüttete: Wie wunderbar weit die Freundschaft ging, das hat sie nie verraten.
Erst jetzt, da die beiden nun schon lang in kalifornischen Gräbern ruhen, bringt ein "Intimes Tagebuch" aus dem Nachlaß ans Licht, daß Anais für das "verrückte Genie" aus Amerika über turbulente Monate hinweg eben doch sehr viel mehr gewesen ist als nur Mäzenin und wahlverwandte Seele, als "Dienerin und Inspiration". _(Anais Nin: "Henry, June und ich". Aus ) _(dem Amerikanischen von Gisela Stege. ) _(Scherz Verlag, Bern; 300 Seiten; 32 ) _(Mark. )
Die zierliche Literatin, Tochter eines spanischen Komponisten und einer dänischen Sängerin, war 29 und in glücklicher Freizügigkeit mit einem schottischen Banker verheiratet; sie hatte schon Malern Modell gestanden, hatte in andalusischen Gewändern getanzt, doch noch immer empfand sie sich als schlafende Schönheit, unerfahren, unerfüllt, ungesättigt in ihrem enormen Lebenshunger, ihrem Appetit auf Ekstasen - bis der elend arm durch Absteigen und Hurenhäuser vagabundierende "Gangster-Autor" auftauchte, "die genialste Begabung, die ich jemals erlebt habe".
Miller schrieb damals am "Wendekreis des Krebses", jenem orgiastischen Hymnus, der ein verruchter Klassiker werden sollte, und wenn Anais seiner "Welt aus ''Scheiße, Fotze, Schwanz, Bastard, Miststück''" auch nicht den rechten Geschmack abgewinnen konnte, so bewunderte sie doch seinen "vehementen, männlichen, animalischen, prachtvollen Schreibstil". "Er ist ein Mann, der sich am Leben berauscht", erkannte sie. "Er ist wie ich" - "ein Mann, den ich lieben könnte."
Aber das Herz der zarten Anais war ja so groß, und Henrys Ehefrau June, das einstige Taxigirl aus dem New Yorker Tanzlokal, die drogensüchtige, lesbische "Fast-Prostituierte", war so überwältigend schön, daß Henry vorerst "verblaßte". Anais fühlte sich "wie ein Mann: wahnsinnig verliebt in ihr Gesicht und ihren Körper, die so vieles verhießen". "Ich muß sie küssen", "ich möchte June besitzen", schrieb sie ins Beichtbuch und beklagte das Schicksal ihres schwachen Geschlechts: "Ich kann ihr die Lust meiner Liebe geben, nicht aber den höchsten Koitus. Welch eine Qual!"
Als jedoch June dann heimreiste nach Amerika und Henry ihr gab, was sie der Angebeteten nicht hatte geben können da war sie "nur noch Frau", entflammt von seiner "Gier, seiner Kraft, seiner Freude über mein Hinterteil, das er wunderschön findet". "Ich giere mehr und mehr nach Henry", notiert sie. "Henry schenkt mir die Welt."
"Komm ganz schnell her und bums mit mir", schreibt er ihr, und während Ehemann Hugo auf Geschäftsreise ist, packt sie Pyjama, Kamm, Puder und Parfüm ins Täschchen und eilt nach Clichy in Henrys schäbige Bleibe, wo sie "einander verschlingen wie zwei Wilde". Ob er auch brutal genug sei, will er wissen, oder "haben meine Schriften vielleicht größere Erwartungen in dir geweckt?" "Sag mir, was du empfindest", fordert er und verlangt "Kraftworte", wenn sie dahinschmilzt in "Tränen des Glücks".
"Henry, der Dämon, der mich ausfragt und dabei diabolische Notizen macht"; Henry, der Herr der Gossen von Paris, der Stundenhotels und der Huren; Henry, "der sanfteste, liebenswürdigste Mann von der Welt", "der Mann, für den ich Fußböden scheuern würde" - "Henry hat etwas in mir bewirkt", erkennt Anais, und was sie fühlt, kann sie nur mit der lodernden Leidenschaft Lady Chatterleys vergleichen. "Das alte Schema meines Lebens ist zerrissen", die ganze "echte, angeborene Sittsamkeit" dahin. Anais, der "perverse Engel", schwebt durchs Reich der Sinne, das den Bücherwelten Henry Millers ähnelt.
In ihrer Villa in Louveciennes, in einsamen Stunden, erkundet sie "genußvoll, ohne Gewissensbisse" ihr Delta der Venus. Sie hat auch "noch niemals zuvor auf diese intensive, fleischliche Art gegessen". "Im Augenblick", vermerkt
sie, "habe ich nur drei Bedürfnisse: essen, schlafen und ficken." Und außerdem will sie in die Cabarets, "andere Körper streifen". "Schöne Frauen und gutaussehende Männer wecken heiße Begierden in mir. Ich möchte tanzen. Ich möchte Drogen... Ich möchte mitten ins Leben beißen und von ihm zerrissen werden."
"Diese Rastlosigkeit, dieses Fieber, diese Neugier" - "ich dampfe vor Energie", jubelt sie. "Mein Körper und mein Geist vibrieren unaufhörlich. Ich bin nicht nur mehr Frau, sondern auch mehr Schriftstellerin, mehr Denkerin, mehr Leserin, mehr alles." Doch obwohl sie diese "Apotheose meines Lebens" nur dem einzigen Henry verdankt, beginnt sich ihr Verstand bald von ihm zu lösen.
Von seiner Literatur abgesehen, sei an Henry "wirklich gar nichts Verrücktes", so stellt sie fest und sieht ihren Henry plötzlich doppelt: als den "großen Henry, dessen Schriften stürmisch, obszön, brutal sind", und den "kleinen Henry, der mich braucht". Für den kleinen Henry opfert sie sich auf, sie besorgt ihm eine Brille, Wolldecken, Bücher, schenkt ihm ihre Schreibmaschine und spart, jeden Cent, den ich kann", und allmählich verdrängt der kleine Henry den großen. "Was ich in Henry gefunden habe" erkennt sie, "ist einzigartig: es kann sich nicht wiederholen. Aber es gibt andere Erfahrungen zu machen."
Also gibt sich Anais, die in Clichy weiterhin wilde Nächte durchlebt, ihrem Psychoanalytiker hin, ihrem Cousin Eduardo und natürlich dem Gatten Hugo. Und da ist ja auch noch die heißersehnte June, zurückgekehrt aus Amerika, so daß die Triole der Lüste jetzt erst richtig beginnt: "Welch ein superbes Spiel treiben wir drei! Wer ist der Dämon? Wer der Lügner? Wer der Klügste? Wer der Stärkste? Wer jener, der am meisten liebt?"
Hier enden die intimen Bekenntnisse der Anais Nin aus dem goldenen Jahr 1932, als sie in Henry Miller ihren Lehrmeister fand. "Du wirst noch ficken, wenn du hundert bist", so hatte sie ihm prophezeit, und wenn sich ihre Worte auch nicht bewahrheiten sollten - der allzeit nimmersatte Lüstling ist er, völlig im Einklang mit seiner literarischen Reputation, bis ins Greisenalter geblieben.
Als Anais 1977 in einem Krankenhaus in Los Angeles starb, lebte Miller ganz in der Nähe in Pacific Palisades, ein Mann von 85, halb blind, mit Arthritis und Sklerose geschlagen, von Herzattacken heimgesucht, die meiste Zeit ans Bett _(1944, Text: "Für Anais, die der ) _(Entstehung des ''Meisterwerks'' beiwohnte ) _(und zu all den anderen Meisterwerken ) _(inspirierte, und die selber ein Mei ) _(sterwerk ist." )
gefesselt, und verfaßte die innigsten Briefe an die "liebste, geliebte, glorreiche Brenda", "Stern meines Lebens", "meine Schöne, meine Einzige", "meine süße Brenda", "heilige Brenda" mit den "unvergleichlichen Titten".
Brenda Venus hieß das exotische Geschöpf, durchpulst von sizilianisch-spanisch-indianischem Blut. Sie war Schauspielerin, ohne Job, und hatte sich ihm per Fanpost anempfohlen, samt beigefügten Photos, die ihre Wirkung nicht verfehlten. "Ich mag den kleinen Leberfleck auf Ihrer Wange", schrieb ihr Miller zurück. "Haben Sie nicht auch einen anderswo am Körper?"
So begann für den klapprigen Invaliden, frisch geschieden aus fünfter Ehe, die letzte große Liebe seines Lebens. Vier Jahre lang besuchte ihn Brenda fast Tag für Tag, und kaum ein Tag verging, an dem er der "eleganten Haremskönigin" nicht wenigstens ein paar Zeilen schickte. Eine Auswahl aus den mehr als 1500 Briefen an Brenda, von der Empfängerin kommentiert, kommt soeben auf den deutschen Markt. _("Brenda, Liebste... Henry Millers ) _(Liebesbriefe an Brenda Venus". Aus dem ) _(Amerikanischen von Gertrud Theiss. C. ) _(Bertelsmann, München; 352 Seiten; 28 ) _(Mark. )
In Brenda, seinem "Lebenslicht", fand der alte Guru noch einmal eine enthusiastische Schülerin. Als sie ihm erklärt, "wie gern ich all die bedeutenden Dichter und Philosophen lesen und verstehen würde", versorgt er sie mit Büchern und erzählt ihr von Hamsun und Dostojewski, von den Versuchungen des heiligen Antonius und den Göttern Indiens, die so menschlich sind - "vögeln wie die Irren". "Sappho, die große Lesbierin", erfährt sie von ihm besaß die "schönste Möse aller Zeiten" und "Herriot, ehemaliger Ministerpräsident Frankreichs und ein äußerst kultivierter Mensch, hatte einen so riesigen, daß er ihn am Bein festschnallen mußte".
"Du lehrst mich sooo vieles. Du hilfst mir, das Leben zu verstehen... Ich stehe immer in Ehrfurcht vor Dir", preist sie den Mentor, der ihr weise Ratschläge gibt, ihre Karriere zu fördern versucht, ihr Mut zuspricht, während sie auf Engagements wartet: "Brenda, Du wirst aufsteigen wie eine Rakete, wenn Du erst einmal eine gute Rolle kriegst." Also: "Kopf hoch, und die Lippen fest zusammengepreßt. Allerdings nicht die ganz unten: Die sollten weich sein, jederzeit geschmeidig und elastisch."
Bisweilen, versichert Brenda, habe sie sich gewünscht, "er würde nicht so viel über meinen Körper sprechen oder so tun, als stürze er, damit er meine Brust oder meinen Schenkel berühren konnte". Doch der Alte, der sich am Gehwagen durch die Wohnung schleppt, den sie ins Restaurant tragen muß, wenn er sie ausführt zum Dinner - der alte Henry bleibt unverbesserlich.
"Ich liebe Dich an allen Fronten" meldet er. Er klagt: "Warum kannst Du mir nicht erlauben, Dich zu streicheln, Dich überall zu berühren, außer in unseren Träumen?" Und immer drängender wird sein Verlangen, "in diesen wunderbaren Körper einzudringen", nur: "Wenn ich an meine jüngsten Anfälle von Angina pectoris denke, habe ich das beklemmende Gefühl, daß, solltest Du mir je eine echte Gunst gewähren, ich in Deinen Armen sterben könnte... Kannst Du Dir nicht etwas einfallen lassen, das uns ein gewisses Maß an Vergnügen bescheren würde, ohne lebensgefährlich zu sein?"
Brenda hat ihm die erflehte Gunst versagt, aber einen kurzen Augenblick des Glücks schenkte sie ihm doch. Denn eines Tages, ganz in Weiß, trat sie vor sein Siechenbett und ließ die Hülle fallen. "Ich sagte kein Wort. Ich zog das Gewand wieder an. Er lächelte, ich lächelte, und dann ging ich wieder."
Und so träumte er weiter seinen Liebestraum bis ins letzte Lebensjahr und verstörte den "süßen Paradiesvogel" mit Millerschen Konfessionen: "Hör mal, ich bin nicht mehr gar so geil, aber wenn ich mich im Bett aufsetze und an den Bettrand rutsche, quetsche ich mir die Eier. Ob es möglich ist, daß sie jetzt noch wachsen, in meinem Alter? Wenn nur mein Schwanz ihrem Beispiel folgen wollte!"
Miller, 88jährig, starb im Juni 1980. Seiner Brenda hatte er einmal geschrieben: "Ich will kein Buddha sein, kein heiliger Franziskus oder Antonius, sondern bloß der, der ich bin - Henry Miller."
Anais Nin: "Henry, June und ich". Aus dem Amerikanischen von Gisela Stege. Scherz Verlag, Bern; 300 Seiten; 32 Mark. 1944, Text: "Für Anais, die der Entstehung des ''Meisterwerks'' beiwohnte und zu all den anderen Meisterwerken inspirierte, und die selber ein Mei sterwerk ist." "Brenda, Liebste... Henry Millers Liebesbriefe an Brenda Venus". Aus dem Amerikanischen von Gertrud Theiss. C. Bertelsmann, München; 352 Seiten; 28 Mark.

DER SPIEGEL 7/1987
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