29.09.1986

„400 Millionen wegsprayen“

SPIEGEL-Reporter Olaf Ihlau über Jan Myrdals Buch „Indien bricht auf“ Der Schwede Jan Myrdal, 59, Sohn der sozialdemokratischen Kultfiguren Alva und Gunnar Myrdal, ist ein umstrittener Schriftsteller, Anhänger von Maos Kulturrevolution und Pol Pots Steinzeitkommunismus. An seinem Indien-Buch arbeitete er 20 Jahre; es erscheint auf deutsch ("Indien bricht auf“, 320 Seiten, 29 Mark, Mersch Verlag Con, Bremen) zur Frankfurter Buchmesse, die unter dem Schwerpunktthema „Indien, Wandel in Tradition“ steht. *
Es ist schon grotesk, wenn ausgerechnet indische Politiker sich über das Apartheid-System in Südafrika ereifern. Das sei "eine Form des Bürgerkriegs", pflegte Indira Gandhi zu sagen. Die Kaschmir-Brahmanin verstand sich auf moralische Vorhaltungen.
Nur, was ist denn das indische Kastensystem anderes als eine verfeinerte Version von Apartheid? Institutionalisierte soziale Ungleichheit religiös verbrämt, die zehn Prozent der Inder ein gedeihliches Leben auf dem Rücken der anderen 90 Prozent gestattet.
Mit einem Sechstel der Erdbevölkerung läßt sich dieser Staat gern als "der Welt größte Demokratie" preisen. Doch Abermillionen seiner Bürger vegetieren als Aussätzige, Unberührbare oder Sklaven in Leibeigen- und Schuldknechtschaft.
Immer mehr freilich begehren auf gegen dieses Schicksal, suchen das Kastenkorsett zu sprengen. Bürgerkrieg? Die indischen Tageszeitungen sind voll von Meldungen über die Eskalation sozialer Konflikte im eigenen Lande. Klassenkämpfe konnte man dazu auch sagen.
"Die Armen sind Parasiten. Die essen nur, ohne zu produzieren", bekam Jan Myrdal in 20 Jahren Reisen auf dem Subkontinent immer wieder zu hören. Von Mitgliedern der urbanen Oberschicht vornehmlich, "die noch angenehm und nutzlos leben wie die Lilien auf dem Felde. Und das Elend um sie herum nimmt zu".
Das Elend schwärt in den Slums der Großstädte und den über 500000 Dörfern, welche schon Mahatma Gandhi "Misthaufen" nannte, "in denen Menschen wohnen".
"Hast du gesehen, wie die Armen leben", fragt ein hoher Beamter aus Orissa den Autor angewidert, "wie Schweine im Dreck, und sie kriechen in ihre Hütten wie in Ställe. Deren Leben kann keinen großen Wert haben."
Vielleicht könne man die Millionen überflüssiger Parasiten einfach "wegsprayen" oder ihnen etwas ins Brunnenwasser schütten, kommentiert Jan Myrdal in seinem Indien-Buch solche Wahrnehmungen sarkastisch.
Spaßig ist dem ultralinken Erfolgsautor dabei keineswegs zumute. Bislang hätten "die Herrschenden" in Südasien durch Ausnutzen von Religion, Sprache, Kaste "die Unterdrückten und Ausgebeuteten" aufgehetzt und damit unschädlich
gemacht. "Die klassische Methode."
Doch jetzt eröffne die technisch-wissenschaftliche Entwicklung neue Wege zu einer Welt, in der das Elend abgeschafft werden könne, "indem man die Elenden von ihrem irdischen Elend befreit, sie vernichtet". Erstmals könne die Mehrheit der Völker für die Existenz der Eliten überflüssig werden.
Konkret: Jan Myrdal hat in Indien "rund 400 Millionen zunehmend Überflüssige" ausgemacht, denen Übles drohe: "Ich zweifle nicht an der eiskalten Entschlossenheit der Eliten, Unterentwicklung und Armut abzuschaffen, indem sie die arme Majorität eines schönen Tages, an dem es politisch möglich sein wird, physisch beseitigt." Diese Entschlossenheit werde dann auch "zu Ideologie rationalisiert und in Ideale gekleidet" werden.
Barbarische Visionen, vorerst noch Science-fiction. Vielleicht hatte Myrdal ja den Charlton-Heston-Film "Soylent Green" vor Augen mit dem übervölkerten, verrohten New York des Jahres 2002, in dem überflüssige Menschen zu grünen Keksen verarbeitet werden.
Aber der Gedanke, die Armseligen in der Dritten Welt lieber am Hunger sterben zu lassen, um weitaus größere Katastrophen der Bevölkerungsexplosion zu verhindern, wird zumindest schon heute zynisch diskutiert - etwa mit Hoimar von Ditfurths Überlegungen über die mörderische Konsequenz des Mitleids mit hungernden Kindern (SPIEGEL-Essay 33/ 1984).
Jan Myrdal ("Ich bin kein Ästhet, der hoch über der Gesellschaftsscheiße schwebt") setzt seine Hoffnung auf den langen, revolutionären Kampf der Bauernmassen. Die sollen "eine Zukunft für Indien eröffnen".
Die Städte mit ihrem "ganzen Gesindel", das vom Verzehr der Einkommen aus den Dörfern lebe, sie könnten morgen verschwinden, ohne daß Indien unterginge. Also, dies drängt sich dem Leser auf: Weg mit den unnützen Lilien.
Das ist Pol Pot pur. Myrdal verheimlicht seine Vorlieben nicht. Er beklagt Maos Scheitern ("Die Kulturrevolution hatte die richtigen Fragen gestellt"), verteidigt das Völkermord-Regime des Demokratischen Kamputschea in den siebziger Jahren.
Der Terror Pol Pots schrumpft in dieser Apologie verharmlosend zur "Tragödie". Das eigentlich "Unverzeihliche" für die Politiker in Ost und West war laut Myrdal der Versuch Kamputscheas, "aus dem Welthandelssystem auszubrechen", vor allem aber die Vertreibung der Städter aufs Land. "Plötzlich mußten die Städter leben, wie 90 Prozent der Bevölkerung schon immer gelebt hatten, wie die große Mehrheit auf der Welt lebt."
Sind dies auch die Rezepte zur revolutionären Rettung des Subkontinents? Mit Therapien für Indiens Gesundung ist Jan Myrdal vorsichtiger. Wo seine wirklichen Sympathien liegen, wird indes offenkundig.
Den etablierten kommunistischen Parteien gehören sie jedenfalls nicht. Denen wirft er vor, faktisch "die Interessen der herrschenden Klassen" zu vertreten, eine Anklage, die insbesondere auf das Noske-Syndrom der indischen Linken zielt: die Niederschlagung der aufständischen Bauern von Naxalbari durch die Staatsmaschinerie der westbengalischen Marxisten seit 1967.
In blendenden kulturhistorischen Abrissen schildert Myrdal Indiens Vergangenheit, die Ursachen für das heutige Massenelend. 200 Jahre lang habe der englische Kolonialismus den Subkontinent ausgesaugt, das Volk entkräftet, die Entwicklung in die falsche Richtung gelenkt.
Die Lage heute vergleicht er mit dem revolutionären Frankreich, dem alten Rußland vor 1917. "Die Oberschicht ist feudal und halbfeudal. Sie investiert nicht und lebt verschwenderisch, während die Armen immer zahlreicher und ärmer werden." Indiens Bauernmassen steckten noch in einem Zustand der Sklaverei, "wie sie im China der 20er Jahre herrschte".
Und ein indischer Mao, ist der in Sicht? Jan Myrdal hielt sich in Regionen auf, die kein Tourist, kein Zeitungskorrespondent aus Delhi besuchen kann: in "disturbed areas", Aufstandsgebieten rebellierender Bauern und Bambusfäller. Dort operieren auch bewaffnete Einheiten von Indiens versprengten Maoisten, die seit 1967 erbarmungslos verfolgten Naxaliten.
Nein, "Indiens Jenan" hat Myrdal nicht gefunden, ein Volkskrieg findet (noch) nicht statt. Aber ringsum in den Provinzen sieht er "gewaltige Klassenkämpfe", jubelt der Chronist, es gäre in einer halben Million Dörfern. Hunderte von Wucherern, Grundbesitzern, korrupten Polizisten und Bürokraten seien ergriffen und "vor versammeltem Volk abgeurteilt worden".
Da droht dem Schweden das revolutionäre Wunschdenken durchzugehen, sieht er den Funken bereits von Dorf zu Dorf springen: "Bald steht ganz Indien in Flammen."
Damit wird es wohl ein Weilchen dauern, noch hält das Kastenkorsett. Aber daß die sozialen Spannungen in Indien unweigerlich auf den großen Knall zutreiben, ist unschwer zu erkennen.
Es sind der Ernst und das Engagement, die Wut und die Traurigkeit, die an diesem Buche fesseln. Sie heben Jan Myrdals Werk hoch heraus aus der Flut esoterischen Schunds und flüchtiger Publikationen, die zum Thema Indien bei der diesjährigen Frankfurter Buchmesse erscheinen.
Von Olaf Ihlau

DER SPIEGEL 40/1986
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