27.10.1986

FRANKREICHBoulot, dodo

Sozialminister Seguin macht Propaganda für Gelegenheitsjobs - als Mittel zur Selbsthilfe für jugendliche Arbeitslose. *
Als ambulanter Schuhputzer auf den Pariser Champs-Elysees - zehn Franc für doppelt Hochglanz - verdiente Jacques Zelde so gut, daß er sich "fast genierte": bis zu 250 Franc (76 Mark) die Stunde.
Auch sonst kam der 41jährige als phantasievoller Gelegenheitsjobber gut durchs teure Pariser Leben. Mal blies er an Straßenecken lautlos auf einer Mundharmonika - die Musik kam vom Tonband -, mal arbeitete er als Grabpfleger auf Friedhöfen, als Fensterputzer in Bistros oder als Silberpolierer auf dem Flohmarkt. Immer reichte es zum Leben. Hohe Gewinne erzielte er in Bürohäusern, wo er Äpfel das Stück zu vier Franc losschlug, die er zum Kilopreis von acht Franc eingekauft hatte.
Jacques Zelde ist Journalist, aber derzeit arbeitslos - ein französisches Alltagsschicksal. Nun wollte er "nur mal ausprobieren, wie man sich durchschlagen kann". Dabei ließ er sich heimlich filmen, seine Gespräche nahm er mit einem versteckten Tonband auf. Das muntere Produkt verkaufte er ans Staatsfernsehen Antenne 2, das den Streifen in einer Abendsendung zeigte.
Der Film über Zeldes Gelegenheitsjobs, "les petits boulots", kam genau zur richtigen Zeit. Denn seit einigen Wochen erlebt Frankreich einen wahren "boulot"-Kreuzzug. An dessen Spitze steht der massige Arbeits- und Sozialminister Philippe Seguin, 43, ein Gaullist mit Linksdrall.
Seguin verfolgt, nicht ohne Geschick, zwei Ziele: Mit der Aufwertung der Gelegenheitsjobs will er vor allem die Jugendarbeitslosigkeit bekämpfen und seine Landsleute zu mehr Eigeninitiative anspornen. Denn die Arbeitslosigkeit in Frankreich steigt ständig, sie wird, wie der sozialistische "Matin" schrieb, "hoffnungslos". Nach offiziellen Angaben sind über 2,4 Millionen Franzosen (10,7 Prozent) arbeitslos, nach Gewerkschaftsberechnungen gar 3 Millionen.
Besonders hart sind die 16- bis 25jährigen betroffen: Jeder vierte Franzose dieser Altersgruppe ist heute ohne Arbeit, bald könnte es jeder dritte sein. Vor allem an sie richtet sich die Aufforderung, sich als "Übergangsformel" einen kleinen Job zu suchen
Zumindest publizistisch läuft die "petit boulot"-Welle prachtvoll. Kaum ein Tag, an dem die Presse nicht über irgendwelche Jungfranzosen berichtet, die mit Ideen und Tatkraft sich selbst aus der demütigenden Untätigkeit befreit und vielleicht gleich noch Jobs für Leidensgefährten mit geschaffen haben.
Da gibt es die Hausfrauen bei Lyon, die Salat noch auf dem Feld putzen, abpacken und direkt an den Konsumenten verkaufen. Oder den 25jährigen, der Wächter für vorübergehend unbewohnte Häuser vermittelt. Und den Kleinstunternehmer, der bei Führerscheinentzug Ersatzfahrer anbietet.
Minister Seguin steuerte eigene Ideen bei. 5000 kleine "boulots" will er schaffen, indem er in Frankreich Zeitungsausträger einführt - nur in wenigen Provinzgegenden werden bisher Morgenblätter ausgetragen, in Paris nicht. Und er propagiert Tätigkeiten wie organisiertes Kinderhüten, Handreichungen an vollautomatisierten Tankstellen vom Scheibenwaschen bis zum Öl-Nachfüllen oder morgendliche Lieferung der beliebten Croissants an die Haustür.
Für Frankreichs größte Gewerkschaft, die kommunistische CGT, sind solche Vorschläge zwar nichts als eine ablenkende "Spielerei", aber Seguin, der sich selbst als "Minister für Arbeitslosigkeit" bezeichnet, bleibt unbeirrbar.
Vertrauenskredit, selbst bei den Gewerkschaften, hat er. Seguin ist ein Mann, der sich alles in seiner Karriere selbst erarbeitet hat, ein Fremdkörper fast in der Unternehmer-orientierten Rechtsregierung des gaullistischen Premiers Jacques Chirac. Seine Kampagne für die "petits boulots" ist werbepsychologisch heikel. Denn "boulot" ist ein abfälliger Ausdruck für Arbeit, und "Metro-boulot-dodo" (etwa: U-Bahn, Schuften, Pennen) ist der Klagerefrain aller Pariser Vorortpendler, deren Alltag sich in dieser tristen Trilogie erschöpft.
Nun soll "boulot" im Sinne des amerikanischen "job" sozial aufgewertet werden. Das geht nicht ohne Umdenken in einer Nation, die im Grunde noch immer Beziehungen, renommierte Schulen und glanzvolle Diplome als unabdingbar für jeden Aufstieg hält.
Immerhin, ein Hang zur Wende ist da, sonst hätte der industrielle Parvenu Bernard Tapie, der sich mit dem Ankauf konkursreifer Firmen ein Imperium aufgebaut hat, nicht zur Kultfigur der erfolgssüchtigen Jugend aufsteigen können.
Seguin, von dem "Le Monde" schrieb, er habe sich "Verachtung für die Privilegierten" bewahrt, sprach als erster Minister offen aus, was Rechte wie Linke bisher nur hinter vorgehaltener Hand flüsterten: "Das Ziel ist nicht mehr die produktive Vollbeschäftigung", denn "zwei bis zweieinhalb Millionen Arbeitslose sind absolut nicht mehr wegzubringen".
Und er provozierte noch mehr: Statt der "Vollbeschäftigung von gestern" nachzuträumen, sollten die Franzosen sich entscheiden "zwischen Arbeitslosigkeit und neuen Arbeitsformen" - nämlich für "Zwischentätigkeiten"
Gegen alle guten französischen Sitten verstieß der unorthodoxe Gaullist, als er seinen Landsleuten empfahl, sich das Ausland, vor allem Japan und Amerika, zum Vorbild zu nehmen. Dort seien, so Seguin, die Arbeitslosenzahlen niedriger, weil "vielleicht der Unternehmungsgeist, die Spontaneität besser entwickelt sind als bei uns".
Den Linken mißfallen solche Reden. Für den sozialistischen Ex-Premierminister Pierre Mauroy bedeuten sie nur, daß die "Marginalisierung zahlreicher Arbeiter institutionalisiert" werde. Sozialistenchef Lionel Jospin hörte die Aufforderung an die Arbeitslosen heraus: "Macht euch zu Domestiken." In Paris skandierten demonstrierende Gewerkschafter vorigen Dienstag bei einem Streik im öffentlichen Dienst: "Non aux petits boulots."
Doch die traditionellen Ansichten der Linken zum Thema Arbeitslosigkeit stehen in Frankreich nicht mehr hoch im Kurs. Ihre seinerzeit hoch gepriesenen Industrieverstaatlichungen, die jetzt von den Rechten rückgängig gemacht werden, haben das Arbeitsleben nicht besser gemacht. Während der fünfjährigen Sozialistenherrschaft, die im vergangenen März endete, ist die Arbeitslosenzahl um fast 700000 gestiegen.
Eine Umfrage ergab denn auch, daß 49 Prozent der Franzosen die Aktion "petits boulots" als "nützlich für die Gesellschaft" lobten. Dazu Seguin: "Ich bin sehr zufrieden."

DER SPIEGEL 44/1986
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