24.11.1986

„Reykjavik ging viel weiter als Waldspaziergang“

Helmut Schmidt über Rudolf Augsteins Kommentar „Monopoly oder wie man Milliarden verpulvert“ *
Lieber Herr Augstein,
wenngleich etwas verspätet möchte ich doch noch auf Ihren Kommentar im SPIEGEL Nr. 43 vom 20. Oktober reagieren. Sie schrieben mir darin Handlung und Motive zu, die Sie offenbar nicht vollständig übersehen. Auf politische Seitenhiebe (Stichwort "Rentenlüge", als hätte ich vorsätzlich etwas Falsches versprochen!) gehe ich nicht ein, sondern konzentriere mich auf das Thema der Mittelstreckenwaffen.
Es ist unrichtig, daß ich die amerikanische Seite aufgefordert hätte, der sowjetischen SS-20-Rüstung "zu begegnen". Tatsächlich habe ich von Präsident Carter seit Beginn des Sommers 1977 verlangt, die auf Europa gerichteten und deshalb von mir als euro-strategische Waffen bezeichneten SS-20 in sein damaliges Verhandlungsprogramm für das II. Salt-Abkommen einzubeziehen.
Wenn einmal die Archive geöffnet werden (was möglicherweise noch lange dauert), werden Sie sehen: mein Ziel war nicht, amerikanische Automatik im nuklearen Mittelstreckenbereich herzustellen sondern vielmehr so nahe wie möglich an eine beiderseitige Null-Lösung heranzukommen. Die diesbezüglichen Verhandlungen in Reykjavik zeigen einen großen Fortschritt in diese Richtung, nämlich beiderseitige Verringerung auf Null in Europa. Die sogenannte "Waldspaziergangsformel" der Herren Nitze und Kwizinski, die 1982 auf beiden Seiten eine erhebliche Zahl von Mittelstreckenwaffen stehen lassen wollte, ist damals aus unterschiedlichen Gründen sowohl im Kreml als auch im Weißen Haus abgelehnt worden.
Der Doppelbeschluß, im Frühjahr 1979 auf einem Vierer-Gipfel in Guadeloupe konzipiert, hatte nach Giscards, nach Callaghans und nach meinem Verständnis den Zweck, den Sowjets das Bewußtsein der unabdinglichen Überlegenheit bei Mittelstreckenwaffen zu nehmen und sie zu Verhandlungen in diesem Bereiche zu bewegen. Daß diese Verhandlungen von der Carter-Administration unter der Orientierung durch Brzezinski oder von der Reagan-Administration unter der Orientierung durch Perle nachhaltig zu diesem Zweck geführt worden sind will ich nicht behaupten. Jedoch war ich zu jedem Zeitpunkt konfliktbereit genug, um jede amerikanische Regierung unter persönlichen wie öffentlichen Druck zu setzen.
Der Waldspaziergang fiel leider in eine Zeit, in der die letzte Bundesregierung der sozial-liberalen Koalition in Auflösung begriffen war; er wurde den Regierungen Westeuropas erst nach der sogenannten Wende bekannt. Falls ich noch im Amt gewesen wäre, hätte ich über die Ablehnung der Waldspaziergangsformel durch Washington sicherlich einen erheblichen Konflikt ausgelöst.
Wieweit ein solcher Konflikt erfolgreich gewesen wäre, bleibt eine spekulative Frage: immerhin muß ich einräumen, daß meine persönlichen Mitspieler Giscard und Callaghan inzwischen nicht mehr im Amte waren und daß die neue Führung in Paris und die neue Führung in London aus verschiedenen Gründen die Sache anders betrachteten als ihre Vorgänger und daß sie aus verschiedenen Gründen nicht entfernt so konfliktbereit gegenüber Washington waren wie seinerzeit Giscard d'Estaing.
Wenn Reykjavik auf diesem Felde inzwischen sehr viel weitergegangen ist, als es die Waldspaziergangsformel tat, so hat dies mit Monopoly nichts zu tun, wohl aber mit einem Macht-Duo-Pol. Gegenüber diesem Duo-Pol hatte die Bundesrepublik Deutschland bis in das Frühjahr 1982 erheblichen Einfluß, inzwischen hat unsere Bundesregierung aus vordergründiger Opportunität auf diesen Einfluß weitgehend verzichtet. Zum Verständnis des ganzen Vorganges seit dem Beginn der sowjetischen SS-20-Rüstung eignen sich weder Heraklit noch Eppler als Kronzeugen des Anklägers Augstein. Auch der Vergleich der Bundesrepublik Deutschland mit dem neutralen Finnland erscheint mir aus mehreren Gründen als unangemessen.
Ich möchte nicht überheblich erscheinen, aber ich denke doch: Der Respekt, den ich für meine Person nach wie vor in Warschau, Ost-Berlin etc. genieße, spricht nicht dafür, daß man mich dort für einen Spieler hält - eher weiß man dort im Gegenteil, daß die von mir betriebene Stabilisierung des militärischen Gleichgewichts zwischen Ost und West jenes Minimum an Verhandlungsfreiheit begründen hilft, das sich die kommunistischen Chefs der osteuropäischen Staaten dringend wünschen.
Hinsichtlich SDI (früher ABM genannt) sind die Russen übrigens technologisch fast genausoweit wie die Amerikaner: ebenso wie die Amerikaner arbeiten sie seit 25 Jahren an der Forschung und der Entwicklung. Der große Communicator Reagan mag dies seiner eigenen Öffentlichkeit nicht eingestehen, weil ihn das den Nimbus der Einmaligkeit und Erstmaligkeit kosten könnte: der ebenso große Communicator Gorbatschow verschweigt es, weil er nur so die Amerikaner in den Augen des europäischen Publikums und auch in Ihren Augen im Anklagezustand halten kann.
Tatsächlich ist aber Gorbatschow auf den Eventualfall eines Rüstungswettkampfes auf diesem neuen Felde durchaus vorbereitet. Daß er ihn vermeiden möchte, entspringt seiner ökonomischen Einsicht; denn immerhin verbraucht er schon bisher einen doppelt so hohen Anteil am sowjetischen Sozialprodukt für Verteidigungs- und Rüstungszwecke.
wie Reagan vom amerikanischen Sozialprodukt für Verteidigungs- und Rüstungszwecke abzweigt. Es sind im amerikanischen Fall jährlich sechs bis sieben Prozent, im sowjetischen Fall zwölf bis vierzehn Prozent.
Die Vorstellung von Richard Perle und einigen anderen Amerikanern, man könne durch weiteres Anheizen des Rüstungswettkampfes die Sowjetmacht ökonomisch in Bedrängnis bringen, ist ahistorisch und falsch: Wenn unvermeidbar, wurde auch Gorbatschow den Völkern der Sowjet-Union den Riemen enger schnallen, und die Sowjetbürger würden dies - wie schon immer bisher - gehorsam hinnehmen, wenngleich widerwillig.
Es hat bisher, jedenfalls seit dem Beginn der Stalin-Zeit, keine militärischtechnologische Entwicklung im Westen gegeben, welche die Sowjet-Union nicht binnen weniger Jahre nachvollzogen hätte; es gibt sogar einige Fälle, in denen sie einen zeitlichen Vorsprung gegenüber dem Westen herausholen konnte, Beispiele sind der T-34 gegenüber Hitlers Panzer IV oder der Sputnik oder heutzutage (im SDI-Bereich) Laserwaffen oder die SS-20.
Der Autor Augstein hat recht, wenn er den Rüstungswettkampf als "Verpulverung von Milliarden" bezeichnet. Er hat nach meiner Meinung unrecht, wenn er am Schlusse schreibt, "verzögern ist alles"; denn Nixon und Breschnew haben gezeigt, daß man tatsächlich den Zustand eines Gleichgewichts festschreiben kann.
Heute kommt es darauf an, die Festschreibungen zeitlich zu verlängern, sie auf andere Waffenbereiche auszudehnen und gleichzeitig zahlenmäßige Begrenzung mit zahlenmäßiger Herabsetzung zu kombinieren.
Bei dem entsetzlichen Mißtrauen, das beide Seiten einander gegenüber hegen, bleiben solche Verhandlungen ungeheuer schwierig, sie erfordern Kühnheit und Kalkül zugleich. Sie würden vermutlich dann scheitern, wenn eine Seite sich vor oder während der Verhandlungen als materiell unterlegen fühlen müßte.
Sie werden dies alles schlimmstenfalls erneut als Monopol empfinden, bestenfalls als verdammten Pragmatismus. Gleichwohl möchte ich die strategische Vernunft wenigstens andeuten, von der ein Urteil sich seinerzeit ebenso wie heute leiten ließ und leiten läßt.
Mit freundlichen Grüßen Ihr
Helmut Schmidt
Von Helmut Schmidt

DER SPIEGEL 48/1986
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