13.04.1987

ALPENLÄNDERSo a G'schiß

Neue Eskalation im Grenzkonflikt: Erst konnten österreichische Demonstranten nicht nach Bayern rein, jetzt dürfen prominente Christsoziale nicht aus Bayern raus. *
Das darf im Freistaat doch nicht wahr sein: Bayerns Innenminister August Lang und der Umwelt-Staatssekretär Alois Glück wollten Aids, Atomkraft und Autobahngebühren diskutieren - im Feindesland.
Der Ausflug ins österreichische Salzburg, zu einer Live-Fernsehsendung des Bayerischen Rundfunks unter dem Titel "Das bayrisch-österreichische Fingerhakeln", wurde den beiden Münchner Staatsmännern von allerhöchster Stelle untersagt. Dabei hätten die Christsozialen geradezu ideale Bedingungen vorgefunden: Verantwortlicher Redakteur der Sendung war der ehemalige CSU-Pressesprecher Dieter Kiehl, und als Moderator trat der im Umgang mit CSU-Prominenz abgeklärte Profi Michael Stiegler auf.
Den Tatort, die Gaststätte "Grimpelstätter", schirmte Polizei vorsichtshalber gegen Demonstranten ab, und unter den Diskussionsteilnehmern befanden sich lediglich zwei eher biedere Kernkraftgegner. In der Runde wären die Gäste aus München, so Stiegler, "auf Händen
hereingetragen und gestreichelt worden".
Doch Lang und Glück gehorchten, 24 Stunden vor dem geplanten Fingerhakeln am Dienstag vergangener Woche widerstandslos einer Weisung ihres Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß. Der begründete das Reiseverbot ganz fürsorglich: Er könne doch nicht zulassen, so der Regierungschef, "daß bayrische Kabinettsmitglieder im Ausland angepöbelt werden und dann möglicherweise der Diskussion nicht gewachsen sind".
Der Dauerkonflikt zwischen den Nachbarländern ist, so Bayerns Oppositionsführer Karl-Heinz Hiersemann, um einen neuerlichen "teils peinlichen, teils feindseligen Akt" bereichert worden: Voriges Jahr konnten Österreicher, die gegen die geplante Wiederaufarbeitungsanlage in Wackersdorf protestieren wollten, nicht nach Bayern einreisen; nun dürfen CSU-Politiker, die sich "wie Schulbuben behandeln und öffentlich lächerlich machen lassen" (Hiersemann), nicht mehr aus Bayern ausreisen.
Zwischen den Knödelessern beiderseits von Salzach und Inn "fliegen die Fetzen", wie die Münchner "Abendzeitung" kommentierte, seit in der fernen Ukraine eine Kernschmelze die Menschheit aufschreckte. Die Österreicher, von ausländischen Kernkraftwerken förmlich umzingelt, protestierten gegen Wackersdorf, was die Freistaatler scharf zurückwiesen als "Einmischung in die inneren Angelegenheiten Bayerns".
Seither eskaliert der Alpenkrieg. Strauß drohte der österreichischen Luftwaffe mit der Sperrung des Bayern-Himmels und machte die Grenze für Demonstranten aus dem Nachbarland dicht. Wien verwahrte sich gegen diese Verletzung von "Geist und Buchstaben der Bestimmungen der KSZE-Schlußakte". Gegenschlag: Die Bayern luden den damaligen österreichischen Vizekanzler Norbert Steger aus, der sich in Wackersdorf informieren wollte. Die britische "Sunday Times" fragte schon besorgt, ob sich Bayern im Krieg ("Bavaria at war") befinde.
Die Vermittlungsversuche von Bundesaußenminister Hans-Dietrich Gen-scher, der die Österreicher während der Salzburger Festspiele besänftigen wollte, fruchteten nichts. Nächste Bayern-Attacke: Alle Ausländer aus Nicht-EG-Staaten, Österreicher inklusive, sollen sich künftig im Freistaat auf Aids testen lassen müssen, wenn sie dort ihr Geld verdienen wollen.
Im Gegenzug drohten die Österreicher vorige Woche damit, für alle deutschen Autofahrer eine Maut auf den Autobahnen zu kassieren, Bayerns Wirtschaftsminister Anton Jaumann gab zurück: Dann dürften die Österreicher "auf unseren Straßen auch nicht mehr kostenlos fahren". Und der CSU-Landtagsabgeordnete Richard Gürteler legte nach: Die Österreicher betrieben "Wegelagerei aus dem Mittelalter".
In diesem aufgeheizten Grenzkonflikt hatte der Bayerische Rundfunk mit seiner Salzburger Fingerhakel-Sendung vermitteln wollen. Mit der Absage von August Lang und Alois Glück jedenfalls hatten die Veranstalter überhaupt nicht gerechnet; Moderator Stiegler: "Daß die so a G'schiß machen, hätt' i net glaubt, des is doch eigentlich a Skandal."
Beim "Zoff in der Straußschen Kinderkrippe", so kommentierte die, Süddeutsche Zeitung", seien "der Gustl und der Alisi" halt einer "pädagogischen Aktion" zum Opfer gefallen. Landesvater Strauß nämlich, der selbstgesalbte Alpen-Kini, duldet seit seinem Besuch des Wiener Opernballs Anfang März gegenüber dem Nachbarn kein Entgegenkommen mehr.
Tänzer Strauß wurde von der österreichischen Presse nicht nur als "Kraftlackl" und "alter Sturschädel" geschmäht; die Kommentatoren bedeuteten ihm auch, daß er besser daheim geblieben wäre: "Kein Mensch hatte je etwas gegen den bayrischen Biertrinker", höhnte etwa die Wiener "Kronenzeitung", "der brav im Sog vom Wienerwald-Hendlvater Jahn da antanzte und seinen breiten Hintern in eine Opernball-Loge quetschte. Doch einen Strauß mit Wackersdorf- und Aids-Sprüchen rettet auch kein Frack mit Orden."
Auf diesem "Höhepunkt an Feindseligkeit und Geschmacklosigkeit" verlangte der Strauß-Stellvertreter und Sozialminister Karl Hillermeier vergeblich vom österreichischen Bundeskanzler Vranitzky, sich "eindeutig" von solchen "unflätigen Beleidigungen" zu distanzieren. Doch die Wiener mochten sich nicht zu einem Kotau herbeilassen und verwiesen die Bayern auf die in der Republik Österreich herrschende Pressefreiheit.
So wird deutlich, warum der bayrische Landesregierungschef den Lang-Gustl und den Glück-Alisi in einer Kabinettssitzung nach der Fingerhakel-Affäre arg rüffelte. Ehe sich die Wiener nicht bei ihm entschuldigten, belehrte Strauß könnten die Bayern nicht "umsteigen auf Volksfestcharakter und gemütliche Plauderstunden mit Stub'nmusi". Kleinlaute Erwiderungen der Gescholtenen, sie hätten es doch "nicht bös gemeint" und nur vermitteln wollen, ließ der Chef nicht gelten: Wenn einer hier vermittele, so Strauß, dann nur er selber.
Die Kabinettsrunde nahm es hin. Ein Teilnehmer resümierte: "Der Strauß is halt a so, da muß man den Kopf einziehen."
Erbost zeigte sich der Ministerpräsident aber vor allem darüber, daß der Bayerische Rundfunk versucht hatte, seine Kabinettsmitglieder ins feindliche Ausland zu locken. "Warum", wollte er wissen, "macht ihr das nicht in Berchtesgaden?" Vor Landtagsjournalisten malte der Regierungschef weitere Konsequenzen aus: "Das nächste Mal geht der Bayerische Rundfunk dann nach Moskau oder nach Kuba." Da sei es doch wohl selbstverständlich, wenn er von seinem Recht Gebrauch mache, Auslandsreisen zu genehmigen oder zu untersagen. Strauß: "Sonst haben wir ja keine Ordnung mehr, und ich kann das Landeskriminalamt beschäftigen, um fahnden zu lassen, wo sich die Minister jeweils aufhalten."

DER SPIEGEL 16/1987
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