16.02.1987

KERNENERGIEHeiße Röhre

Mit Elektroheizungen zum Billigtarif verbrät der Stuttgarter Energieversorger TWS überschüssigen Atomstrom. *
Die zwölf Meter lange, glänzende Stahltonne sieht aus wie Europas Forschungslabor "Spacelab", das mit der amerikanischen Raumfähre "Columbia" ins All flog. Das Ungetüm thront auf Betonstützen, mit Dämmstoff isoliert und mit Zinkblech verkleidet.
Doch mit europäischer Spitzentechnologie hat der Container nichts zu tun; er steht im Keller einer Hauptschule und ist gefüllt mit Wasser. Die heiße Röhre heizt neuerdings die Klassen- und Lehrerzimmer der Ameisenbergschule im Stuttgarter Osten.
Zwei kleine graublaue Kessel im Untergeschoß erhitzen das Wasser mit billigem Nachtstrom auf über 100 Grad und pumpen es zurück in den Riesenbottich. "Früher", freut sich Schulleiter Rene Rapp, "mußte unser Hausmeister tonnenweise Koks in unseren alten Ofen schaufeln. Heute dagegen ist das eine saubere Sache."
Grund zur Freude hat auch die Stadt Stuttgart, denn die aufwendige Anlage kostete sie nur einen minimalen Baukostenzuschuß. Bezahlt wurde die 120000 Mark teure Heizung von den Technischen Werken der Stadt Stuttgart (TWS), die auch die Wartung übernehmen.
Die Gratisheizung für die Ameisenbergschule gehört zu einem neuen Vertriebskonzept des kommunalen Energieversorgers. Weil das städtische Monopolunternehmen nicht weiß, wie es den überschüssigen Strom loswerden soll, den das im Bau befindliche Kernkraftwerk Neckarwestheim 2 von 1989 an liefern wird, versuchen die TWS-Manager schon heute, die Nachfrage anzuheizen.
Dabei locken die Stromanbieter nicht nur mit extrem günstigen Preisen für Nachtstrom, sondern stellen Großkunden auf Wunsch die komplette Elektroheizung zum Nulltarif in den Keller. Das ungewöhnliche Angebot, erklärt TWS-Vorstandschef Heinz Brüderlin, rechne sich trotzdem, da die TWS an dem Nachtstrom "noch immer kräftig verdienen".
Erste Erfolge der neuen Marketingstrategie zeichnen sich schon ab. So werden demnächst in Stuttgart-Bad Cannstatt 300 Altenwohnungen auf Elektroheizung umgestellt, und auch der Automobilriese Daimler-Benz erwägt, sein neues Verwaltungszentrum im Stadtteil Möhringen mit Strom zu heizen.
Beim Daimler-Zulieferer Bosch soll die Wärme künftig ebenfalls aus der Steckdose kommen. Zusammen mit dem Elektrokonzern wollen die TWS in Stuttgart-Feuerbach bis Ende der achtziger Jahre ein gigantisches Heizwerk errichten.
In zwölf Stahldruckspeichern, 20 Meter hoch, sollen jeweils 20000 Liter Wasser auf über 200 Grad gebracht werden - Wärmeenergie für Verwaltungsgebäude, Werkshallen und Produktion. "Ein aberwitziger Plan", empört sich der Stuttgarter SPD-Stadtrat und TWS-Aufsichtsrat Matthias Hahn, "wer jemals wieder weg will von der Kernenergie, darf nicht im großen Stil in die Stromheizung gehen."
Anlaß für die Ausverkaufsstimmung beim schwäbischen Energieversorger ist eine Altlast aus dem Jahr 1982. Damals beschloß das Monopolunternehmen zusammen mit der Stuttgarter EVS (Energie-Versorgung Schwaben AG) und den Esslinger Neckarwerken, für 5,7 Milliarden Mark das Kernkraftwerk Neckarwestheim 2 zu errichten. Von rund 1300 Megawatt, die der Meiler von 1989 an liefern soll, entfallen allein auf die TWS 260 Megawatt.
Doch weil die Ende der siebziger Jahre prognostizierten hohen Zuwachsraten beim Energieverbrauch ausblieben und es auf dem Markt heute zuviel Strom gibt, kann der Konzern die Mengen nicht absetzen. "Eine totale Fehlplanung", meint Stephan Kohler, Energieexperte beim Freiburger Öko-Institut, zumal die TWS, anders etwa als ihre Partner, schon heute rund 70 Prozent ihres Stroms aus Kernkraftwerken beziehen. Mit Neckarwestheim 2 steigt der Anteil sogar auf fast 90 Prozent.
Damit aber verstoßen die TWS gegen eine sonst allseits beachtete Branchenregel. Da Kernkraftwerke Tag und Nacht arbeiten, werden sie fast nur für die sogenannte Grundlast eingesetzt - für den Strombedarf, der rund um die Uhr anfällt. Bei Spitzennachfragen, meist am Morgen oder an strengen Wintertagen, nutzen weitsichtige Energieversorger andere Kraftwerkstypen wie Steinkohlekraftwerke oder Gasturbinen, die nach Bedarf abgeschaltet oder gedrosselt werden können.
Energieversorger, die den Strom fast ausschließlich aus Kernkraftwerken beziehen, müssen den überschüssigen Atomstrom notfalls unter Preis verschleudern, um die teuren Atommeiler auslasten zu können. Andere, wie die TWS, versuchen, die fehlende Nachfrage künstlich hochzutreiben. "Die Zeche", sagt der Freiburger Energieexperte Kohler, "zahlen die normalen Kunden, die den billigen Nachtstrom subventionieren müssen."
Doch nicht nur aus wirtschaftlichen, auch aus energiepolitischen Gründen "ist es unsinnig, den Strom auf diese Weise zu verbraten", mahnt Peter Beck vom Berliner Umweltbundesamt. Denn bei der Herstellung und beim Transport geht ein Großteil der eingesetzten Primärenergie verloren. "Deshalb", fordert TWS-Aufsichtsrat Hahn, "muß er überall dort verschwinden, wo er nicht unbedingt erforderlich ist."
Noch bedenklicher findet der Sozialdemokrat eine andere Folge der TWS-Energiepolitik: Der günstige Nachtstrom behindert den Ausbau des Fernwärmenetzes und umweltfreundlicher Blockheizkraftwerke oder der Wärme-Kraft-Koppelung, weil er die Preise verzerrt. Sind die anderen Energieträger erst mal verdrängt, ertönt der Ruf nach neuen Kernkraftwerken.
TWS-Vorstandschef Brüderlin verteidigt die Geschäftspolitik mit dem Hinweis, Kernkraftwerke seien, nach wie vor die wirtschaftlichste Art der Energieerzeugung". Außerdem habe man beim Bau von Neckarwestheim 2 absichtlich auf Zuwachs geplant. Brüderlin: "Wenn ein Kernkraftwerk bei der Inbetriebnahme schon ausgelastet ist, wäre es doch völlig falsch gebaut."
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In der Ameisenbergschule in Stuttgart.

DER SPIEGEL 8/1987
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