13.04.1987

Läßt Gorbatschow Heß frei?

Kreml-Chef Michail Gorbatschow erwägt, den einstigen Hitler-Stellvertreter Rudolf Heß, 92, für die letzten Tage seines Lebens aus dem Kriegsverbrechergefängnis in Berlin-Spandau freizulassen. Dies verlautet aus diplomatischen Kreisen Moskaus. Bislang hatte sich die Sowjet-Union als einzige der vier ehemaligen Alliierten geweigert, einer Begnadigung des im Nürnberger Prozeß zu lebenslanger Haft verurteilten NS-Spitzenfunktionärs zuzustimmen. Die internationalen Appelle für die Freilassung von Heß hätten "nichts mit Humanität" zu tun, hatte noch im letzten September der sowjetische Generalstaatsanwalt Rekunkow erklärt. Gorbatschow soll nun aber zu der Überzeugung gelangt sein, ein Gnadenakt im Fall Heß werde weltweit als Geste der Menschlichkeit akzeptiert und sei auch der sowjetischen Bevölkerung gegenüber zu erklären. Der Generalsekretär der KPdSU würde damit einer Bitte von Bundespräsident Richard von Weizsäcker folgen, der sich aus Gründen "der Barmherzigkeit" als erstes deutsches Staatsoberhaupt öffentlich für die Freilassung des Kriegsverbrechers eingesetzt hatte. Weizsäcker kommt Mitte Mai zu einem Staatsbesuch nach Moskau. Rudolf Heß war im März wegen einer Lungenentzündung im britischen Militärhospital behandelt worden.

DER SPIEGEL 16/1987
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