04.05.1987

Richtig! Richtig!

Das Bayerische Fernsehen, ohnehin längst bigott und obrigkeitshörig wie keine andere Anstalt der Republik, will sich durch personelle Umschichtungen noch mehr der CSU anschmiegen. *
Eine Reihe von bayrischen Rundfunkratsmitgliedern, die Gruppe der Unabhängigen, weiß ganz genau, wie ein Programmdirektor des Bayerischen Fernsehens eigentlich auszusehen hätte. Er sollte "möglichst parteipolitisch unabhängig" und "sowohl journalistisch als auch musisch" beschlagen sein und Bayern in der ARD "nachhaltig vertreten".
Schon Mitte Mai wird das Bayerische Fernsehen jedoch voraussichtlich einen Direktor bekommen, der sich nach dem Eindruck der "Süddeutschen Zeitung" auf dem Bildschirm gelegentlich ausnimmt wie der US-Komiker Jerry Lewis, Untergebene und Rivalen unnachsichtig be- und verdrängt und sich Franz Josef Strauß und seiner Partei mit Haut und Haaren verschrieben hat.
Wolf Feller, 57, Chefredakteur beim Bayerischen Fernsehen, soll in den nächsten Wochen auf Vorschlag von Intendant Reinhold Vöth (CSU) zum Nachfolger des aus Altersgründen scheidenden Fernsehdirektors Helmut Oeller (CSU) gewählt werden.
Feller, im Hause eines kleinstädtischen Tuchfabrikanten ("Feller-Loden") aufgewachsen, vollendet damit seinen langen Marsch durch die Institutionen - vom Domgymnasium Freising bis zur Programmdirektion des Bayerischen Fernsehens. Beizeiten hatte er sich nach einem betriebswirtschaftlichen Studium an der Uni München mit einer Diplomarbeit über "Die betriebswirtschaftliche Organisation des Bayerischen Rundfunks" auf eine Karriere am heimischen Sender eingerichtet.
Schon in den siebziger Jahren lieferte Feller als TV-Abteilungsleiter für Politik und Wirtschaft Wahlsendungen, die die SPD als "eindeutige Werbespots für die CDU/CSU" bewertete. Das SPD-Organ "Vorwärts" kam nach einer Analyse von Feller-Kommentaren zu dem Schluß, "daß man nicht mehr unterscheiden kann, ob hier ein Journalist oder ein Politiker spricht".
Die CSU versuchte den willfährigen journalistischen Parteigänger nach Kräften zu fördern. Doch bevor Feller in München auf höheren Posten landen konnte, mußte er von 1977 bis 1982 erst eine Warteschleife als TV-Korrespondent in Rom drehen. Denn die Münchner Sendeanstalt war schon damals mit konservativen Amtsinhabern und Aspiranten aller Schattierungen dicht besetzt.
Der altgediente TV-Chefredakteur Rudolf Mühlfenzl ließ sich nach langem Zögern zur Landesmedienzentrale für das Privatfernsehen weglocken. Sein Stellvertreter und designierter Nachfolger Franz Schönhuber, der die populistische Wirtshaussendung "Jetzt red i" zu seinem persönlichen Fernsehstammtisch ausgebaut hatte und sich mit dem Intendanten bereits duzte, wagte sich mit seinem Buch "Ich war dabei" und dem lärmenden Bekenntnis zur Waffen-SS selbst für bayrische Verhältnisse zu weit vor - mit einer sechsstelligen Abfindung
wurde er aus dem TV-Studio in München-Freimann verabschiedet.
Alsbald signalisierte der damalige CSU-Generalsekretär Edmund Stoiber den Wunsch nach einer Rückkehr Fellers aus Rom in die Heimat, und zwar "in eine möglichst gute Funktion". In der Öffentlichkeit ließ der römische Korrespondent wissen, daß er vorerst noch mit dem Chefredakteursposten vorliebnehme: "Der Intendant weiß, daß ich mich dafür sehr interessiere."
Auffallend knapp, mit 23 zu 19 Stimmen, akzeptierte der Rundfunkrat den von der CSU lancierten Kandidaten. Doch Feller bewährte sich wie erwartet immer unverhohlener als Parteisoldat: Er säuberte seine Gesprächsrunden von kritischen Fragestellern, bombardierte in einer ARD-Konferenz den andersgläubigen TV-Chefredakteur Ulrich Kienzle von Radio Bremen mit einer gefüllten Weinflasche (SPIEGEL 11/1985) und entwickelte eine servile Interview-Technik ohne richtige Fragen. Typisches Beispiel aus der Wahlnacht im letzten Januar: _____" Feller: "Herr Ministerpräsident, die Frage ob Sie " _____" nach Bonn gehen, Weiß ich ohnehin, daß Sie bejahen " _____" werden. Sie werden nämlich nach Bonn fliegen und die " _____" Koalitionsverhandlungen führen. Die andere Frage erspar' " _____" ich mir, denn zuerst werden Sachprobleme gelöst und dann " _____" erst Personalprobleme." " _____" Strauß: "Richtig! Richtig!" " _____" Feller: "Vielen Dank, Herr Ministerpräsident!" "
Daß Feller anschließend den vom Frankenwein und vom diesmal etwas kargeren Wahlergebnis sichtlich angeschlagenen Strauß auch noch in die bei ARD und ZDF tagende "Bonner Runde" bugsierte, trug ihm sogar bei den Rechten Kritik ein. CSU-Fraktionschef
und Generalsekretär Gerold Tandler bemängelte es, bei Wahlsendungen "Politiker als die Hanswurste der Nation" vorzuführen. Rundfunkrat Franz Henrich, Direktor der Katholischen Akademie in Bayern und der Gruppe der Unabhängigen zugerechnet, sprach sogar von "mangelnder Fürsorgepflicht".
Mit dem Witwer Feller, der schon als Pennäler wegen seiner merkwürdigen Bommelmützen gehänselt und verfolgt wurde und auch heute noch extravagante Kleidung bevorzugt, käme in der Programmdirektion ein Draufgänger an den Drücker, der sich erheblich von seinen Vorgängern unterscheidet.
Während Helmut Oeller gerne im Hintergrund operierte und sich mit einem philosophisch-professoralen Wortschwall einhüllte, der freilich auch als Wall gegen allzu direkte Durchgriffe aus der Partei und aus der Staatskanzlei wirkte, drängt es Feller fortwährend auf
den Schirm - wenn es nicht anders geht, sogar als Gast bei Antje Schäffer-Kühnemann in der hauseigenen Sendung "Samstags-Club". Auf Direktiven aus der Partei- und Staatsspitze reagiert er wie ein Pferd auf die Sporen.
Ein Mann vom Zuschnitt Fellers, der die Maßstäbe der CSU verinnerlicht hat, hält sogar das schon längst zu einer schwarzen Kanalisation entartete bayrische Fernsehsystem für "das liberalste, das es in der Bundesrepublik überhaupt gibt".
Der dunklen Gegenwart beim Bayerischen Fernsehen, so ist abzusehen, wird bald eine tiefschwarze Zukunft folgen - es sei denn, die Unabhängigen im Rundfunkrat sorgen bei der für den 21. Mai anberaumten Wahl noch für eine Überraschung.
Die Wahl ist geheim.

DER SPIEGEL 19/1987
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