04.05.1987

VERBÄNDEFairkehr statt Verkehr

Ein alternativer Verkehrsverein will den etablierten Automobilclubs Konkurrenz machen - mit Autoversicherungen und einem Fahrrad-Schutzbrief. *
Gut zehn Jahre lang gehörte der Kölner Norbert Walter, 34, dem Allgemeinen Deutschen Automobil-Club (ADAC) an. Der Diplom-Volkswirt schätzte den "guten Beratungsservice" und die "günstigen Versicherungsangebote" des Clubs.
"Zunehmendes Unbehagen" aber bereiteten dem Kleinwagenfahrer die Kampagnen _(Vor der Geschäftsstelle in Bonn. )
des Automobilistenvereins für Straßenausbau und gegen Tempolimit. Das ADAC-Motto "Freie Fahrt für freie Bürger" sei, fand Walter, Ausdruck einer umweltverachtenden Auto-Vorrang-Politik".
Neuerdings jedoch ist der umweltbewußte Fahrer Mitglied in einem Autoclub, in dem er sich "auch verkehrspolitisch gut aufgehoben" fühlt - im jüngst gegründeten "Verkehrsclub der Bundesrepublik Deutschland (VCD) e. V.".
Anders als die etablierten Automobilclubs will der neue Verein nicht vorrangig der "Wahrnehmung und Förderung der Interessen des Kraftfahrwesens" (ADAC-Satzung) dienen. Im Gegenteil: Der VCD streitet für die "Reduzierung von motorisiertem Verkehrsaufkommen" und sieht sich, so steht es in der Satzung, als "Interessenvertretung von Fußgängern. Radfahrern, Benutzern öffentlicher Verkehrsmittel und umweltbewußten Autofahrern".
Die alternative Verkehrslobby fördert und fordert denn auch vor allem, was dem Auto-Appeal erlegene Verkehrspolitiker bislang weitgehend vernachlässigt haben: breitere Gehwege und kürzere Wartezeiten an Fußgängerampeln, mehr Radwege und Entfernungspauschalen für Radfahrten zur Arbeit, Tarifsenkung für öffentliche Verkehrsmittel und besser aufeinander abgestimmte Fahrpläne, verkehrsberuhigte Innenstädte und Tempo 30 für Autos in Wohngebieten.
Um Mitglieder zu ziehen, will der VCD aber auch Serviceleistungen bieten, etwa Fahrgemeinschaften organisieren oder Bürgerinitiativen Argumentationshilfen liefern. Über Landesverbände und Ortsgruppen sollen zudem Verkehrsberatungsstellen eingerichtet und Seminare abgehalten werden, zum Beispiel über "Selbsteinbau von Katalysatoren". Auch eine Mitglieder-Zeitschrift - Titelvorschlag: "Fairkehr" - soll erscheinen. VCD-Vorsitzender Helmut Röscheisen: "Wir wollen eine echte Alternative zum ADAC werden."
Das freilich dürfte schwerfallen. Denn der größte (über acht Millionen Mitglieder) der bundesdeutschen Automobilclubs hat sich seit seiner Gründung 1903 zu einem mächtigen Multi mit enormem Service entwickelt. Der Club betreut Camper und Motorboot-Kapitäne so intensiv wie Autofahrer, unterhält Notrufzentralen und einen tausend Wagen starken Straßendienst, der ADAC-Mitgliedern kostenlos Pannenhilfe leistet.
Wann immer in Bonn eine Änderung der Straßenverkehrs-Zulassungs-Ordnung ansteht, sitzen ADAC-Gesandte mit am Tisch - demnächst allerdings womöglich auch VCD-Vertreter.
Aufgebaut wurde der erste "Verkehrsclub für Umweltbewußte" vor allem von autokritischen Gemeinschaften wie dem "Allgemeinen Deutschen Fahrradclub" und Öko-Organisationen wie dem "Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland" (BUND). Den Vorstand stellen, neben verkehrspolitisch engagierten Autofahrern wie Walter, vor allem Verkehrsexperten der Grünen und Umweltschützer.
Vorsitzender Röscheisen ist, typisch, Geschäftsführer des Deutschen Naturschutzrings, Schatzmeister Hans-Werner Senfft saß für die Grünen im Bundestag.
Trotz der Dominanz von Ökos und Grünen, betont Röscheisen, sei der VCD jedoch "parteipolitisch unabhängig" und "kein blinder Unterstützer der Bundesbahn und auch kein sturer Autofeind". Senfft: "Wir sind nur die enge Windschutzscheiben-Perspektive leid."
Obwohl der als gemeinnützig anerkannte Verein erst in den nächsten Tagen mit Anzeigen und Flugblättern Mitglieder werben will, gehen in der VCD-Zentrale in der Bonner Kalkuhlstraße 24 bereits täglich rund 50 Anfragen von Interessierten ein. Schon jetzt zählt der Verein weit über 2000 Mitglieder, rund 10000 umweltbewußte Verkehrsteilnehmer haben ihren Beitritt angekündigt. Etliche Prominente wie das SPD-Parteivorstandsmitglied Erhard Eppler, der saarländische Umweltminister Jo Leinen oder der Zukunftsforscher Robert Jungk haben für Werbekampagnen ihre Unterstützung zugesagt.
Zulauf glauben Röscheisen und Kollegen durch ein Angebot zu bekommen, das auch dem ADAC Zuwachs bringt: den Vertrieb von Verkehrspolicen. Dazu hat der Club bereits mit zwei "ordentlich beleumdeten Versicherungsgesellschaften" (Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen) Sonderkonditionen für Autoschutzbriefe und Rechtsschutzversicherungen vereinbart. Bundesweit exklusiv wollen die Alternativen ihren Mitgliedern darüber hinaus einen "Fahrrad-Schutzbrief" anbieten, der bei Unfällen und Pannen Reparaturkosten erstattet und sogar Übernachtungszuschüsse gewährt.
Schon in den nächsten fünf Jahren hofft der Club 500000 Mitglieder zu gewinnen. Das seien, gibt sich Vorsitzender Röscheisen optimistisch, schließlich nur zehn Prozent jener gut fünf Millionen Bürger, die bundesweit in Umweltschutzvereinen mitarbeiteten. Röscheisen: "Ein respektables Reservoir, aus dem wir schöpfen können."
Die Rechnung könnte aufgehen. Das Vorbild für die bundesdeutsche Alternativ-Lobby, der Ende der siebziger Jahre gegründete Verkehrs-Club der Schweiz (VCS), hat im kleinen Nachbarland (6,5 Millionen Einwohner) immerhin weit über 60000 Mitglieder und kann, so Geschäftsführer Martin Sommer, "in etlichen wichtigen Gremien ein Wort mitreden".
Während der ehrenamtliche VCD-Vorstand für die Bonner Club-Zentrale zuversichtlich gleich ein halbes Dutzend Stellen ausgeschrieben hat, gibt sich der herausgeforderte ADAC gelassen. Autoclub-Sprecher Martin Dürbaum: "Die müssen noch lange kräftig strampeln."
Vor der Geschäftsstelle in Bonn.

DER SPIEGEL 19/1987
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