04.05.1987

USABleiche Schenkel

Götterdämmerung für die mächtigen „Fernsehkirchen": Prediger Jim Bakker beging einen Fehltritt. Nun fürchten auch die Konkurrenten, daß ihre Gläubigen nicht mehr spenden. *
Für das Zimmer 538 des Sheraton-Hotels von Clearwater in Florida herrscht auch jetzt, am Ende der Saison, noch rege Nachfrage. "Wenn ich könnte", meint der Hotel-Manager,"würde ich an jede Tür eine 538 anbringen."
Der unscheinbare Raum wurde zu einem Wallfahrtsort eigener Art durch die Erinnerung an den am ausführlichsten dokumentierten Seitensprung der jüngsten US-Geschichte: Hier war, vor nunmehr knapp sieben Jahren, der berühmte Fernsehprediger Jim Bakker Chef-Pastor der reichen PTL-Gemeinde (für "Praise The Lord", "Lobet den Herrn") "pfingstgläubiger" Protestanten, seiner Fleischeslust erlegen.
Hier fiel Ehrwürdens mittlerweile im ganzen Land bekannte Frottee-Badehose über die inzwischen urkundlich dokumentierten und notariell beglaubigten "bleichen Oberschenkel" herab. Hier wollte er für anderthalb Stunden nicht von der damals 20jährigen Kirchenangestellten Jessica Hahn ablassen, die ihm von einem befreundeten Kollegen zugeführt worden war.
Der wiederum hatte die Bedenken des Mädchens mit dem bereits klassischen Ratschlag weggewischt: "Er ist ein Hirte. Wenn du einem Hirten hilfst, hilfst du den Schafen."
Es wurde ein teures Schäferstündchen. Heute steht das Gemeinde-Kürzel PTL nicht mehr für die Aufforderung zum Gotteslob, sondern für "Pay The Lady" - und das nicht zu knapp. Schweigegeldzahlungen in Höhe von 265000 Dollar erhielt das Mädchen aus dem Fonds, den fromme Anhänger von PTL zum Teil gespeist hatten - erst seit voriger Woche sind die Zahlungen eingestellt worden.
Teuer wurde das Vergnügen aber auch für den sündigen Hirten: Kollege Jerry Falwell, Chef der "Moralischen Mehrheit" und erfolgreicher Fernsehprediger von der gleichen religiösen Richtung wie Bakker, der nach Bekanntwerden des Skandals im März die Führung der PTL-Gemeinde übernommen hatte, verfügte die Einstellung aller Gehaltszahlungen an Bakker.
Das war ein Schlag ins Kontor. Bakker hatte sich seinen Gottesdienst im vergangenen Jahr mit 1,6 Millionen Dollar vergüten lassen, und dieses Jahr hatte noch besser angefangen: 640000 Dollar allein in den ersten drei Monaten. Rigoros erklärte Falwell am vergangenen Dienstag Amt und Würden seines Vorgängers für "beendet" und entließ zudem die noch verbliebenen Bakker-Getreuen im PTL-Management.
Der unzeremonielle Rausschmiß war der Höhepunkt einer Affäre, die sich den Amerikanern in den vergangenen Wochen wie ein Satyrspiel zum Drama des präsidentiellen "Irangate" dargeboten hatte: In einer Art heiligem Krieg beschuldigten die bekanntesten Fernsehprediger der Nation einander, das Werk Satans zu verrichten.
Zur Debatte steht dabei auch die mögliche Neuaufteilung eines höchst irdischen
Marktes. 1600 Rundfunk- und Fernsehprediger konnten in den USA vergangenes Jahr zwischen ein und zwei Milliarden Dollar an Spenden kassieren, steuerfrei versteht sich (SPIEGEL 13/ 1987)
Quelle solch üppigen Geldsegens sind die rund 50 Millionen "Evangelikalen' in den USA, bibelgläubige, fundamentalistische Christen. Ihre naive Überzeugung, daß Spenden für die Medienpastoren ihr eigenes Guthaben beim himmlischen Vater mehren werde, erinnert an den mittelalterlichen Ablaßhandel.
Selbstverständlich ist für diese ultrafrommen Menschen Sex vor und außerhalb der Ehe strikt verboten. Um so schockierender der Bakker-Skandal. Er begann, am 19. März, mit einer rhetorischen Spitzenleistung.
Bakker gab tränenreich bekannt daß er sich von seiner Predigtshow vorübergehend zurückziehen werde. Er sei von "verräterischen ehemaligen Freunden ... hinterhältig manipuliert und mit Hilfe einer weiblichen Komplizin verführt worden".
Bakker und seine ständig in Gesang oder Tränen ausbrechende Gattin Tammy Faye, die sich zu Beginn ihrer Karriere zuweilen nur für eine Tankfüllung von Dorfkirche zu Dorfkirche gepredigt hatten, erschlossen sich über die Jahre mit ihrer frömmelnden Fernsehshow eine muntere Dollarquelle.
Die "Jim und Tammy Show", Ende der 70er Jahre zunächst als "PTL-Club" ausgestrahlt, erreichte zuletzt täglich 220000 Haushalte. Die dankbaren Zuschauer spendeten dem Predigerpaar allein im vergangenen Jahr 129 Millionen Dollar.
Die Bakkers boten ihren TV-Zuschauern an geistiger Erbauung eine Art "Dallas" auf fromm; Jim und Tammy ließen die Gläubigen an allen ihren seelischen Freuden und Leiden teilhaben.
Das warf Profite ab, die natürlich als Segen von oben erklärt wurden. Bakker: "Warum soll ich mich entschuldigen, wenn Gott Kristalleuchter und Mahagoniböden für mich lockermacht?"
Und Gott machte für die Bakkers einiges locker: ein Anwesen in der vornehmen kalifornischen Wüstenoase Palm Desert, ein weiteres in Florida, dazu Rolls-Royce, Mercedes und ein Boot.
Das ging dem Priester-Kollegen Jimmy Swaggart, im Vergleich zu den genußsüchtigen Bakkers geradezu ein TV-Savonarola und Experte für Verdammnis, nun doch zu weit. Mit einem gut placierten Bericht über den geheimen Fehltritt von Florida leitete er Bakkers Ende ein.
Dessen Fernsehkirche und Vergnügungspark mußte er dabei nicht unbedingt begehren. Mit einem Spendenaufkommen von 140 Millionen Dollar und einem Einkommen aus Plattenaufnahmen von bisher 100 Millionen Dollar darf auch Swaggarts Existenz als gesichert gelten.
So übernahm Falwell zunächst das Imperium der Bakkers, was nun auch die anderen Prediger auf den Plan rief. Einem der unterdessen in den Fall verwickelten Rechtsanwälte schwante: "Irgend jemand irgendwo möchte wohl der einzige Sprecher für Gott werden und der einzige sein, der Gottes Zehnten in Empfang nehmen darf."
Das befürchtete wohl auch Bakker der nach vierwöchigem Exil in Palm Springs wieder seinen Anspruch auf die Führung im PTL-Reich anmeldete. Das hätte er besser nicht getan, denn angesichts der drohenden Rückkehr des schwarzen Hirten trat ein Swaggart-Vertrauter die Flucht nach vorn an.
Unaufgefordert breitete Reverend John Ankerberg vor staunendem TV-Publikum Bakkers schmutzige Wäsche aus. Die Florida-Episode sei keineswegs ein Einzelfall gewesen, Bakker habe regelmäßig Prostituierte aufgesucht und Verkehr mit Homosexuellen gehabt.
In der Führungsclique der PTL-Gemeinde habe man untereinander die Frauen ausgeliehen. Spendengelder seien veruntreut worden. Die "New York Post" druckte auf der Frontseite ein Photo von Tammy Bakker in aufreizenden Dessous.
Den Predigern sitzt die Panik im Nacken, sie könnten nun allesamt kritischer betrachtet werden - mit verheerenden Folgen. Ihre populären Religionsshows im amerikanischen Fernsehen bringen nur dann hohe Spenden, wenn sie im ganzen Land verbreitet sind, was aber wiederum beträchtliche Sendekosten verursacht. Und sie alle pflegen teure Hobbys.
Falwell errichtet in Virginia eine Fundamentalisten-Universität, Kollege Oral Roberts baute in Oklahoma unter anderem einen Krankenhauskomplex, Bakker im Bundesstaat South Carolina den religiösen Vergnügungspark "Heritage USA", dessen Wert die Eigner auf 150 Millionen Dollar veranschlagten.
Kein Wunder, daß die Bettelei um neue Dollar bis zu 90 Prozent der Sendezeit einnimmt und zuweilen in schlichte Erpressung ausartet. So verkündete Roberts, daß der Herr ihn "heimholen" werde, wenn er nicht binnen weniger Wochen acht Millionen Dollar auftreiben würde. Einen Tag vor Fristablauf bewahrte der Besitzer einer Hunderennbahn Roberts mit einem Scheck über 1,3 Millionen Dollar vor der Einlösung des leichtsinnigen Versprechens.
Während viele treue Bakker-Anhänger jetzt den Himmel um Vergebung für ihren Pastor anflehen, wollen andere ihr Spendengeld zurückhaben. Per Gemeinschaftsklage versuchen die Enttäuschten die Firma PTL zur Erstattung ihrer Gelder zu zwingen. Wenn zudem, wie absehbar, auch die Finanzämter die Steuerbefreiung für die PTL-Organisation aufheben, wäre dies das Ende der Gemeinde, ein Ende, das auch anderen drohen könnte.
Schon haben ehemalige Bakker-Mitarbeiter die Saubermänner Falwell und Swaggart beschuldigt, ebenfalls Spendengelder nicht korrekt angelegt zu haben. Für die wachstumsversessenen Fernsehprediger könnte sich der Bakker-Skandal dann wirklich zu dem entwickeln, was er nach Falwells Meinung schon heute ist: "Eine Breitseite gegen den Herrn".
Falwell mußte bereits eingestehen daß seine eigene Fernsehshow unter dem Eindruck des Bakker-Skandals im vergangenen Monat etwa zwei Millionen Dollar weniger eingebracht habe.
Einem prominenten Zunftbruder kommt die leidige Affäre ganz besonders ungelegen. Pat Robertson, der sich zur Zeit aktiv auf eine Bewerbung um die Präsidentschaftskandidatur der Republikaner vorbereitet, setzt sich von seinen Kollegen ab.
Der Mann, der noch vor zwei Jahren im Namen Gottes einem herannahenden Hurrikan befahl, seine Fernsehstation zu verschonen, läßt nun verbreiten, er sei gar kein Prediger, sondern lediglich "ein Nachrichtenanalytiker und Kommentator".

DER SPIEGEL 19/1987
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