04.05.1987

SPIEGEL Gespräch„Jetzt hoffen die Rumänen auf Gorbatschow“

Die Schriftsteller Herta Müller und Richard Wagner über die deutsche Minderheit im Ceausescu-Staat *
SPIEGEL: Herta Müller, Richard Wagner, Sie sind nach West-Berlin ausgewandert, weil Sie für Ihre Heimat keine Zukunft mehr sehen. Wollten Sie nicht länger miterleben, wie die Banater Schwaben und Siebenbürger Sachsen als eigenständige kulturelle Volksgruppe aussterben?
MÜLLER: Also ich glaube, dadurch, daß wir den Ort gewechselt haben, bleibt es uns nicht erspart, das mitzuerleben.
WAGNER: Der Exodus der deutschen Minderheit ist ja der Hintergrund gewesen, vor dem wir in Rumänien in deutscher Sprache geschrieben und gearbeitet haben. Der Kulturbetrieb ist aber in den letzten Jahren so geschrumpft, daß er heute praktisch gar nicht mehr existiert.
SPIEGEL: Diese sterbende Welt haben Sie, Herta Müller, in Ihrer Erzählung "Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt" gleich zu Beginn mit dem Satz beschrieben: "Seit Windisch auswandern will, sieht er überall im Dorf das Ende." Ist dieses Buch mit seiner Todesmetaphorik typisch für die derzeitige Gesamtsituation der noch etwa 250000 Rumäniendeutschen im Banat und in Siebenbürgen?
MÜLLER: Ja, natürlich. Die deutsche Bevölkerung in Rumänien redet eigentlich nur noch davon, wie man das Land verlassen könnte. Daß man wegkommen muß, ist klar.
SPIEGEL: Gilt das nicht nur für Intellektuelle, die ja immer beweglicher sind? Gilt das auch für die Bauern? Wollen die auch ihre Scholle verlassen?
MÜLLER: Einige sind schon zu alt, um wegzugehen und wieder von vorn zu beginnen. Anderen ist es praktisch nicht möglich, weil die Auswanderung nur gegen Bestechung funktioniert. Wer keine Verwandten hat, die Devisen schicken, der hat keine Chance.
SPIEGEL: Die Bundesregierung zahlt doch Kopfgelder für die etwa 12000 Rumäniendeutschen, die jedes Jahr auswandern. Der Preis liegt derzeit wohl bei 8000 Mark pro Person.
MÜLLER: Da kommen in Rumänien noch jeweils 8000 Mark an Bestechungsgeldern hinzu. Diesen Betrag müssen die Verwandten aufbringen, was oft zu enormen Summen führt, denn die meisten Rumäniendeutschen leben ja immer noch in Großfamilien.
SPIEGEL: Müssen diese Schmiergelder direkt an die Beamten oder Behörden gezahlt werden?
WAGNER: Nein, es gibt immer so vorgeschobene Figuren. In Temeswar gibt es einen, über den lacht das ganze Banat, der heißt "der Gärtner".
SPIEGEL: Eine Art Agent? _(Mit Redakteuren Rainer Traub und ) _(Olaf Ihlau in West-Berlin. )
MÜLLER: Ja, das Ganze läuft über Mittelsmänner zwischen Geheimdienst, Partei und Auswanderern. Da geht es nicht nur um Bestechungsgelder, sondern auch um Häuser und andere Vermögenswerte, welche die Auswanderer zurücklassen. Daraus ist ein richtiger Geschäftszweig geworden.
SPIEGEL: Wollen die Deutschen nur wegen der schlechten Lebensbedingungen im Staate Ceausescus weg, oder weil sie fürchten, daß es für sie in Rumänien überhaupt keine Zukunft mehr gibt?
MÜLLER: Es ist wohl beides, vor allem aber der sich ständig verstärkende Druck. Es gibt nur noch Drohungen, die Menschen hören jeden Tag etwas von einer neuen Verpflichtung gegenüber dem Staat. Alte Leute werden aufs Feld geschleppt zum patriotischen Arbeitseinsatz. Dann die Abgaben, die so hoch sind, daß die Menschen überhaupt nicht mehr einsehen, warum sie sich plagen und ihren Garten bestellen sollen, wenn ihnen am Jahresende doch alles weggenommen wird. Dieser Idiot, der Genosse Präsident, muß ja den Bauern nicht erst erklären, wie und was sie anzubauen und zu ernten haben. Die Leute fühlen sich entmündigt.
SPIEGEL: Die verschärfte Romanisierungspolitik führt ja wohl auch zu einer Reduzierung des Deutschunterrichts an den Grundschulen?
WAGNER: Da wird mit sehr verdeckten Methoden gearbeitet. Einmal heißt es, die Deutschen wandern eh aus, daher können die Schulen nicht mehr in Betrieb gehalten werden, weil es nicht genug Kinder gibt. Aber andererseits werden noch immer deutsche Lehrer ausgebildet. Nur werden sie dann ganz anderen Gegenden zugeteilt und nicht etwa dorthin, wo sie herkommen und wo man dringend einen Deutschlehrer braucht. Man schickt sie in eine rumänische Umgebung, wo sie versauern, während an der deutschen Schule im eigenen Dorf ein Rumäne unterrichtet, der gar nicht richtig Deutsch kann. So sinkt das Niveau, und die Schule geht kaputt.
SPIEGEL: Verliert jeder, der einen Ausreiseantrag stellt, automatisch seinen Arbeitsplatz?
MÜLLER: Das ist unterschiedlich und hängt davon ab, wie wichtig dem Staat der jeweilige Beruf ist. Es gibt Fälle, in denen auch einfache Arbeiter im Gehalt zurückgestuft werden. Ältere Menschen, die ein Leben lang ihren Beruf ernst genommen und sich mit ihm identifiziert haben, verkraften solch eine Degradierung bisweilen nicht. In meinem Dorf hat sich deshalb ein Mann, der seinen Meisterposten verlor, in seinem Haus verbrannt. Er hatte den Ausreiseantrag eingereicht, seine Kinder waren schon in Deutschland.
WAGNER: Eine sehr wichtige Rolle spielen in diesem Prozeß der Schikanen, die sofort einsetzen, die verbalen Beschimpfungen. Auf Betriebssitzungen, auf Parteisitzungen wird man runtergemacht, für inkompetent und unmoralisch erklärt, als Verräter abgestempelt.
MÜLLER: Diese Anwürfe müssen nicht einmal ideologisch begründet sein. Es kommt auch zu Angriffen von Rumänen, die keine Aussicht haben, das Land zu verlassen, und deswegen die Glücklicheren hassen.
SPIEGEL: Nun war Rumänien nicht immer ein stalinistischer Polizeistaat,
Ende der 60er Jahre gab es eine kulturpolitische Öffnung.
WAGNER: Ja, damals beim Einmarsch der Warschauer-Pakt-Staaten in die CSSR - ohne rumänische Beteiligung - stand Ceausescu fast wie ein Liberaler da. Aus der unabhängigen Außenpolitik schloß man fälschlich, daß Rumänien auch im Innern auf einem guten Weg sei. Es hat Zeiten gegeben mit gewissen Freiräumen. Liberalisierung würde ich das aber nicht nennen. Eigentlich wurde Rumänien immer stalinistisch regiert. Immerhin, man konnte noch bis in die Mitte der 70er Jahre mehr veröffentlichen als heute.
SPIEGEL: Aber jetzt dominiert der Personenkult um Ceausescu alles?
MÜLLER: Man kann wohl sagen, daß diese rumänische Surrogat-Kultur auf das Niveau eines Präsidenten reduziert wurde, der vier Grundschulklassen durchlaufen hat. Was der Conducator (Führer) als Kultur und Unterhaltung begreift, das darf stattfinden. Was ihm zuwider ist, gilt als gefährlich. Der Staat ist nur noch eine sinnlose Hülse, außer Repression hat dieses System des Personenkults nichts zu bieten.
WAGNER: Die Geburtstage Ceausescus und seiner Frau Elena werden mittlerweile schon mit Stadion-Festen gefeiert, wie wir sie aus Nordkorea oder dem maoistischen China kennen. Das Programm, das die Kinder in Massenauftritten vorführen, muß wochenlang in sogenannten Ferienlagern einstudiert werden.
MÜLLER: Und jedes Kind, das Ceausescu Blumen überreicht, muß vorher geimpft sein.
SPIEGEL: Was würde passieren, wenn Ceausescu morgen nicht mehr da wäre?
WAGNER: Das ist schwierig zu beantworten. Es käme wohl eine Übergangszeit, denn es gibt keine Alternativen zu Ceausescu, er hat alle Alternativen abgeschafft.
SPIEGEL: Also kämen auch seine Frau Elena oder Sohn Nicu als Nachfolger nicht in Frage?
WAGNER: Alles hängt von der einzigen Organisation ab, die in Rumänien funktioniert: der Geheimpolizei. Die wird die Macht übernehmen. Elena hätte keine Chance, lange zu überleben.
SPIEGEL: Muß die gegenwärtige Öffnungs- und Reformpolitik der Sowjet-Union die Hofschranzen um den Conducator nicht sehr irritieren?
MÜLLER: Natürlich, auch den Präsidenten irritiert das. Er hat sich sehr klar davon distanziert und von den Gefahren eines "Handelssozialismus" gesprochen.
SPIEGEL: Warum nimmt die rumänische Bevölkerung die materielle Not, den Personenkult mit seinen Exzessen, so geduldig hin?
MÜLLER: Was sollen die Menschen denn tun? Sie sind mit ihrem nackten Überleben beschäftigt. Je schlechter es ihnen geht, um so wichtiger ist es für sie, ein Stück Salami zu ergattern.
SPIEGEL: Aber gibt es nicht eine Schmerzgrenze? In Bukarest tauchten unlängst Flugblätter auf, die zu Ceausescus Sturz aufriefen.
MÜLLER: Hinter den Flugblättern verbergen sich wohl Einzelgänger. Menschen, die einfach ihren Überdruß loswerden wollen . ..
WAGNER: .., da steckt keine militante Gruppe dahinter, es gibt keine oppositionelle Solidarität, kein Programm.
SPIEGEL: Warum eigentlich nicht?
WAGNER: Sie müßten das mal erleben, daß man überhaupt nichts mehr kaufen kann, wie bei uns zuletzt in Temeswar. Da kommt man ins Gespräch mit jemandem vor einem leeren Laden, und der sagt dann: "Schlimmer soll es nicht werden", das ist so eine rumänische Redewendung. Da habe ich mich immer gefragt: Was kann denn noch schlimmer werden? Anscheinend fürchten die Menschen immer noch etwas, was ärger sein könnte als das, was gerade ist. In unserem Freundeskreis wurde sehr viel darüber diskutiert, weshalb sich nichts bewegt in Rumänien. Wir sind zunächst darauf gekommen, daß die Intellektuellen, im Unterschied zu anderen Ländern, überhaupt nicht nachdenken über den Zustand ihres Landes.
SPIEGEL: Aber Sie tun es doch.
WAGNER: Ja, aber wir sind eine Minderheit. "Ihr könnt euch das leisten, denn ihr seid Deutsche", bekamen wir von unseren rumänischen Schriftstellerkollegen zu hören, wenn wir das balkanische Untertanenbewußtsein kritisierten. Vielleicht hat das etwas mit der jahrhundertelangen Unterdrückung durch die Türken zu tun.
SPIEGEL: Unter der litten auch die Serben, nur würden die sich heute kaum so bevormunden lassen.
WAGNER: Ja eben. Aber es wird auch gesagt, daß in Rumänien vor dem Krieg keine Zeit mehr war, eine politische Kultur herauszubilden. Als die Kommunisten dann an die Macht kamen, konnten sie den Stalinismus sehr leicht aufpfropfen.
MÜLLER: Wir haben uns oft gesagt: Das ist stupide, daß wir diesen Zustand des geduldigen Ertragens nicht erklären können. Aber Rumänien ist nicht Ungarn und nicht Jugoslawien. Es gibt vielleicht hier und dort ein paar Oppositionelle, aber es spinnt sich kein Faden.
WAGNER: Der Widerstand erschöpft sich im Klagen, unter den Intellektuellen und sogar unter den Parteifunktionären. Jeder sagt, wie schlimm es ist. Die Nomenklatura schimpft genauso wie die
Bevölkerung, das ist der gemeinsame Nenner. Jetzt hoffen die Rumänen, daß Gorbatschow etwas macht und eingreift.
SPIEGEL: Die Sowjets als Neuerer und Befreier?
MÜLLER: Ja, Gorbatschow als Befreier.
SPIEGEL: Frau Müller, vor allem Ihr erstes Buch "Niederungen" zeigt, daß Sie nicht nur unter der staatlichen Repression, sondern vielleicht noch unmittelbarer unter der engstirnigen, beschränkten, oft reaktionären Mentalität der deutschen Minderheit gelitten haben. Waren Sie in einem doppelten Sinn heimatlos?
MÜLLER: Ja, genau diese muffige spießige Provinzialität hat mir den Haß eingegeben, mit dem ich die "Niederungen" schreiben konnte. Wir Intellektuellen haben uns durch diese deutsche Minderheit nicht vertreten gefühlt, die hat ja mit Beschimpfungen auf unsere Texte reagiert. Die Deutschen haben sich in den Texten gesucht, und wenn sie meinten, sich selbst da vorgefunden zu haben oder irgendeinen anderen aus Nitzkydorf, dann empörten sie sich und verlangten, daß man mich dafür bestraft.
SPIEGEL: Von wem, vom rumänischen Staat?
MÜLLER: Nein, meist waren das private Briefe: Man müßte mich anspucken, man würde es mir schon zeigen. Auch jetzt, nach dem zweiten Buch, habe ich wieder Briefe bekommen aus der Umgebung von Stuttgart, von Leuten, die ausgewandert sind. Diese Schreiben hat mir die rumänische Post sehr gern pünktlich zugestellt, sonst kam fast nichts an. Ich hätte in Deutschland nichts zu suchen, hieß es da, ich solle dort bleiben, wo ich hingehöre.
SPIEGEL: Haben Sie je daran gedacht, in die DDR zu gehen?
MÜLLER: Ich habe mir das eigentlich nie vorgestellt. Auch weil ich immer wieder Geschichten gehört habe wie die von Wolf Biermanns Ausweisung. Danach kam die DDR sowieso nicht mehr für uns in Betracht.
SPIEGEL: Wie groß ist Ihr Literaturkreis "Aktionsgruppe Banat" in Rumänien noch, wie viele wollen weg, wer will bleiben?
WAGNER: In Temeswar haben wir zwei Leute zurückgelassen, die ebenfalls Ausreiseanträge gestellt haben, Johann Lippet und Helmuth Frauendorfer.
SPIEGEL: Und wer will ausharren?
WAGNER: Von unseren Freunden sind jetzt praktisch alle weg. Es gibt noch einen, den wir besonders schätzen: Franz Hodjak aus Klausenburg, der bekannteste deutschsprachige Schriftsteller in Rumänien. Der will wohl bleiben. Sonst sind da eigentlich nur noch die Schollendichter, die so die Geburtstagsgedichte schreiben für Ceausescu.
MÜLLER: Blut und Boden - Blut ist für Ceausescu und Boden ist für die Scholle.
SPIEGEL: Schreckt Sie nicht das Schicksal Ihres Freundes Rolf Bossert? Vor einem Jahr wurde er tot unter dem Fenster eines Frankfurter Aussiedlerheims gefunden - wenige Wochen nach seiner Emigration.
MÜLLER: Für uns war der Tod von Rolf ein schwerer Schlag, das ist eine sehr traurige Geschichte. In Rumänien hat man ihn ganz übel schikaniert. Als man ihm dann den Paß gab, hat er nicht mehr begriffen, daß er dieses Land loswird. Er hat nicht mehr an seine Reise geglaubt, er ist in den Zug gestiegen und hat nicht geglaubt, daß er wirklich wegfährt.
SPIEGEL: Aber für Sie ist der Zug abgefahren. Sind Sie auch angekommen?
WAGNER: Wir sind ja noch gar nicht zur Ruhe gekommen. Mir selbst kommt das noch ein bißchen unwirklich vor. Aber anders als Rolf waren wir schon vorher zu Besuch in der Bundesrepublik gewesen. Wir wußten, wohin wir gehen würden, während es für Rolf die erste und einzige Auslandsreise war. Er hat immer nur diesen Bukarester Druck erlebt.
SPIEGEL: Wie werden Sie mit der Konsumwelt des Westens fertig?
MÜLLER: Der Anfang ist schwer. Die Dinge schmerzen. An den Beinen, an den Armen, an den Augen, an den Ohren. Sogar an den Lippen. Wenn ich in der Kneipe vor so einem großen Teller sitze, dann schmerzt es an den Lippen. In den ersten Tagen ging es mir so, daß ich auf der Straße plötzlich glaubte, jetzt sei ich in einem Film: Ich bewegte mich auf der Leinwand, wie in einem Film von Fassbinder.
Ich bin zum Beispiel in eine Kneipe geraten, wollte Zigaretten kaufen, da war eine ganz seltsame Gesellschaft:
Drei Männer und ein Mann in einem Rollstuhl spielten Karten, und ein anderer saß vor einem Bierglas und schlief. Ich war ziemlich irritiert, und dann hatte der Verkäufer kein Kleingeld, um mir den Rest zurückzugeben. Die anderen Gäste haben sich angeboten zu bezahlen.
SPIEGEL: Sie wußten nicht, wie Sie sich verhalten sollten?
MÜLLER: Ich wußte nicht, ob das jetzt Freundlichkeit ist. Ich bin so daran gewöhnt, daß man nicht freundlich ist, daß ich immer einen anderen Hintergrund suche, auch wenn es ihn wahrscheinlich gar nicht gibt. Es ist halt alles im Kopf, was man mitgebracht hat. Ich hatte ein bißchen Angst. Das einzige, was ich wollte, war, dieser Situation zu entrinnen. Ich konnte sie nicht einordnen und fühlte mich völlig unsicher.
SPIEGEL: Die Maßstäbe fehlen?
MÜLLER: Ja, wenn ich mir in Rumänien Leute auf der Straße anschaute konnte ich mir schon von der Kleidung her sofort ein Bild machen, zum Beispiel wer in welche Schicht gehört. Ich wußte, wie billig, wie teuer - ich konnte die Menschen sozial einordnen. Hier kann ich das überhaupt nicht. Andererseits haben wir einen sehr intensiven Blick für die Dinge, eben weil wir sie nicht kennen und weil uns wirklich alles auffällt.
SPIEGEL: Herr Wagner, Sie haben Ihrem literarischen Debüt-Band "Klartext" 1973 ein Brecht-Zitat vorangestellt: "Wenn die Irrtümer verbraucht sind, sitzt uns als einziger Gesellschafter das Nichts gegenüber." Würden Sie das Jetzt auf Ihre persönliche Situation beziehen?
WAGNER: Es beschreibt genau meine Situation in den letzten drei Jahren. Ich war an den Rand gedrängt in Rumänien, auch im Literaturbetrieb, und konnte praktisch überhaupt nichts mehr machen. Und mir wurde klar, daß mir auch der Stoff ausgehen würde. Es ist nämlich nicht so, daß man befreit für die Schublade schreiben kann, wenn man verboten ist. Ich jedenfalls habe immer weniger geschrieben und hatte Angst, daß ich nur noch dasitzen und vor mich hindämmern würde, wenn ich länger bliebe.
SPIEGEL: Sorgen Sie, Frau Müller, sich auch, daß Ihre Kreativität unter den neuen Bedingungen beschädigt werden könnte? Denken Sie über neue Themen nach?
MÜLLER: Ich fühle mich nicht dafür zuständig, daß ich weiter die alten Themen über das Leben der Deutschen im Banat liefere. Ich will das nicht, ich könnte mich dann nur noch im Kreis drehen. Meine Metaphern würden sich schnell abnutzen, meine Sprache würde wahrscheinlich glatt werden, wenn ich immer wieder darauf zurückkäme. Ich muß versuchen - und das hätte ich auch in Rumänien tun müssen -, neue Themen zu finden und mir ein anderes Detail der Realitat sprachlich zugänglich zu machen. Ich glaube, in Rumänien wäre an Themen nicht mehr viel dagewesen, weil ja der Hintergrund versinkt, Ceausescu will ja die Dörfer planieren und betonieren.
WAGNER: Ich will mich mit dieser Wirklichkeit auseinandersetzen, ich lebe jetzt hier. Wenn ich mich stoße und Probleme kriege, denke ich schreibend darüber nach.
SPIEGEL: Gibt es schon etwas, an dem Sie sich stoßen, über das Sie hier schreiben wollen?
MÜLLER: Ich bin vorläufig froh, daß ich aufatmen kann. Jetzt geht es mir wie einem Kind, wenn man es an der Hand nimmt und durch die Stadt bringt, durch die Welt führt.
WAGNER: Wir sind nicht weggegangen aus Rumänien mit dem Gedanken, befreit zu sein von der existentiellen Problematik und in ein Land zu kommen, wo man sich zur Ruhe setzen könnte. Es ist natürlich ein anderer Zustand, aber hier wird man genauso hin- und hergerissen, man muß Meinungen äußern, sich schlagen und gegen etwas kämpfen . ..
SPIEGEL: ... nur nicht mehr gegen Personenkult.
WAGNER: Ja, den Personenkult möchten wir gern ein bißchen in unserem Leben missen.
SPIEGEL: Frau Müller, Herr Wagner, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
*KASTEN
Herta Müller und Richard Wagner *
gelten als die beiden prominentesten Autoren der deutschsprachigen Minderheit in Rumänien. Arbeits- und Publikationsverbot im Polizeistaat des kommunistischen Herrschers Ceausescu trieb die Banater Schriftsteller jetzt zur Auswanderung und Übersiedlung nach West-Berlin. Von Herta Müller, 34, die in der Bundesrepublik bereits mehrere Literaturpreise erhielt, erschienen im Rotbuch Verlag der Kurzprosaband "Niederungen" und die Erzählung "Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt" Richard Wagner, 35, hat bei Luchterhand den Lyrikband "Rostregen" veröffentlicht.
Mit Redakteuren Rainer Traub und Olaf Ihlau in West-Berlin.
Von R. Traub und O. Ihlau

DER SPIEGEL 19/1987
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