16.02.1987

„Mit keiner Seite dauerhaft befreundet“

Martin Walser über Rudolf Augstein SPIEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein erhielt letzte Woche von der Bergischen Universität/Gesamthochschule Wuppertal (Fachbereich Design-Kunst- und Musikpädagogik-Druck) den Dr. phil. h. c. verliehen. Die Laudatio auf den Ehrendoktor hielt der Schriftsteller Martin Walser. Auszüge: *
Ist Augstein wirklich so hell und den freundlichsten Aufgaben verpflichtet, die es in dieser Zeit gibt? Ist er nicht ein ironischer Machthaber in Hamburg, der dafür verantwortlich ist, daß lange Zeit alles Süddeutsche für bayerisch und alles Bayerische als schwarze Lederhose galt? Haben er und seine SPIEGEL-Leute nicht einen etwas eng großstädtischen Begriff von Zurechnungsfähigkeit gepflegt? Sind sie sich nicht insgesamt ein bißchen zu schlau vorgekommen mit ihrem oft wie aus einer einzigen Maschine laufenden SPIEGEL-Stil? Und ich stelle hier Augstein dar als einen lichten Siegfried, der das Schwert mit der Feder vertauscht hat und dem Drachen nur noch das Lesen beibringen will. Nebenbei gesagt: das ist wahrscheinlich schwerer als ihn zu töten.
Augstein selber hat sich gelegentlich einen Zyniker genannt. Aber sagen Zyniker, sie seien Zyniker? Ich habe eher den Eindruck, Zyniker sagten, sie seien liberal oder verantwortungsfreudig oder tierlieb oder christlich-abendländisch.
Augstein ist sicher nicht nur der politische Publizist, der streitbare Intellektuelle, der Schriftsteller, sondern auch der Erfinder eines Hamburger Nachrichten-Magazins. Also zur Ideologie. Zum SPIEGEL-Stil, zur SPIEGEL-Sprache, zur SPIEGEL-Häme. Man muß es wohl Dissertationen überlassen zu klären, welchen Anteil Rudolf Augsteins eigene Sprache an der Entwicklung dieses Mitteilungsbeeinträchtigungsjargons hat. Es mag letzten Endes Kant im Spiel sein. Es gibt keinen Gegenstand an sich, also auch keine Nachricht, also spezialisieren wir uns gleich darauf, das, was wir ohnehin nicht mitteilen können, sprachlich so zu versehren, daß der Leser wenigstens etwas vom Versehren hat, also den Gegenstand leichter entbehrt.
Da Augstein selber auch gern das Was-wäre-wenn-Spiel betreibt wenn die Zarin Elisabeth 1762 nicht gestorben wäre - was wäre, wenn der SPIEGEL von Axel Cäsar Springer gegründet worden wäre? In einer Zeit, in der die Besatzungsmacht Lizenzen regnen ließ auf Rechte und weniger Rechte, wäre das möglich gewesen. Ich glaube, wir wären dann eine weniger weltliche Republik, also überhaupt weniger Republik. Und das wäre bedauerlich. Auch wenn man in diesem Blatt gelegentlich Gegenstand ist, also unbillig versehrt wird also zu leiden hat - man wünscht das Ding nicht ganz weg. Man wünscht es höchstens anderen auf den Hals. Man hofft simpel, der SPIEGEL vereitle krumme Touren entlarve Anschläge aufs Großeganze.
Eines ist sicher: Der SPIEGEL hat sich nicht benutzen lassen, öffentliche Meinung in public relations zu fälschen. Ich glaube, es liege an Augstein persönlich, daß der SPIEGEL keine dauernde Verbindung mit irgendeiner gesellschaftlichen Macht eingegangen ist. Augstein blieb letzten Endes doch allein. Jemanden, der als Schreibender der Sprache jeden Schwung, aber kein Gramm Fett zuviel gönnt, möchte man nicht einsam nennen. Der SPIEGEL war schnell Opposition der Regierung- und genau so Opposition der Opposition.
Er hat sich mit keiner Seite, keiner Partei, keiner Machtclique dauerhaft befreundet. Ich habe keine Ahnung, wie sich das auf das Privatleben auswirkt, da ich Rudolf Augstein nicht alle zehn Jahre, sondern ziemlich genau nur alle zwanzig Jahre persönlich sehe. Der politische Schriftsteller Augstein erträgt, glaube ich, keine Zugehörigkeit zu einer Gruppe, keine Verbindung mit irgendwem.
Personen verehren zu müssen muß Augstein unerträglich sein. Schon als er dem alten Indianer von Rhöndorf gegenüberstand - ich glaube, er war der erste, der Adenauer als Indianer sah -, schon damals hörte man ihn im Kommentar förmlich aufschreien: "Aber der Himmel verhüte, daß auch nur ein Tröpfchen Respekt vor dem grauen Haupt in unsere Überlegungen einfließe!" Bloß keine Verehrung! Keine Anbetung! Kein Kniefall! Als Angehöriger seiner Generation darf ich sagen, obwohl ich sein Verehrungsverweigerungstalent nicht habe: uns ist aus Verehrungstalent mehr mißraten als aus Schmäh-Lust. Und vielleicht ist Augsteins Hang, Personen lieber zu schmähen als zu verehren beziehungsweise sie durch Schmähung zu verehren, ein Gehorsam gegenüber der "List der Vernunft", vielleicht ist es zutiefst unstatthaft, daß Personen überhaupt öffentlich gerühmt und so über andere erhoben werden.
Ich ziehe mich zurück auf das Beweisbare: der SPIEGEL hat uns zu schützen versucht und hat uns oft genug geschützt vor den Anmaßungen des Offiziellen, vor dem Falschgeld der Autorität und vor den Peinlichkeiten des Personenkults. Dafür kann man dem Blatt ruhig dankbar sein. Augstein selber hat in diesem Dienst einen Stil entwickelt, der oft Vergnügen und nicht selten sogar Freude bereitet hat. Über seine Bonner Personen schrieb er einmal: "Aber während sie schon fallen, ermahnen sie einander noch gegenseitig, nur ja nicht ins Rutschen zu kommen." Immer wieder kriegt er es hin, daß seine Sätze strahlen wie aus dem allerbesten Latein übersetzt. Einmal murmelt er eher schwermütig, der Publizist dürfe eigentlich gar nicht daran denken, "daß Cicero den Catilina erledigen, nicht aber Cäsar und dessen Alleinherrschaft verhindern konnte". Ich finde, wir sollten ihm deutlich sagen, daß Cicero ein SPIEGEL gefehlt hat und daß er selber dazu beigetragen habe, in unserem hartnäckigen Provisorium Cäsarenhaftes nicht gedeihen zu lassen.
Von Martin Walser

DER SPIEGEL 8/1987
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