04.05.1987

„Peitsche und deutsche Disziplin“

SPIEGEL-Reporter Hans-Joachim Noack über den polnischen Fußball-Profi beim HSV, Miroslav Okonski *
Gelassen sitzt der Star in den Polstern, und seine Finger spielen mit einem Ring, den er an seiner Halskette trägt. Wie er sich fühle, ist er gerade gefragt worden, und er grübelt lange, aber die Antwort fällt ihm nur sprachlich schwer. "Na, geht gut", sagt der Pole Miroslav Okonski schließlich behaglich, "keiner Problemma"; kein Grund, sich aufzuregen.
"Don''t cry for me, Argentina", summt der Chefdirigent des Hamburger Fußball-Bundesligisten HSV animiert sein Lieblingslied. Der Song ist seine "Philosophie", die ihn lehrt, bloß nicht zu trauern - gestern ist gestern, und das Leben begünstigt ja ohnehin nur die Zuversichtlichen.
Alsdann tänzelt der kleine Mann (1,72) mit der zierlichen Schuhgröße 38 in seiner Mietvilla in Henstedt-Ulzburg zum Telephon. Angerufen wird der Berater und Freund, der in Paderborn arbeitende Unternehmer Bernard Kosmitzky, der in seinem Namen die Lage erklärt: "Alles bestens. Oko bleibt in Hamburg; Oko liebt die Stadt, die Menschen, den HSV" und habe das auch soeben dem polnischen Fußballverband "durchgetelext".
"Don''t cry for me, Argentina...", was bringt es schon, sich zu grämen und die "alten Mißverständnisse" noch einmal auszugraben. Keine 24 Stunden sind darüber vergangen, als Okonski ein etwas anderes, etwas spröderes Fernschreiben in seine Heimat geschickt hatte: "Ja sie nie dam sterroryzowac - ich lasse mich nicht terrorisieren"; üble Anklagen gegen den HSV, der ihn "wie eine Ware zu handeln" trachte.
An diesem Tage, dem Samstag vorvergangener Woche, streben die Beziehungen zwischen dem Star und seinem Arbeitgeber einem Krisenpunkt zu. Der Pole empört sich, weil ihm der Verein eine Freigabe für ein Länderspiel seiner Nationalmannschaft in Griechenland verweigert hat.
Der HSV andererseits, der das gepfefferte Telex noch nicht mal kennt, reibt sich an seines Spielmachers sportlicher wie menschlicher Haltung, die er als unfair empfindet. Der Oko sei ja "völlig kaputt", wütet nach dem Match gegen Bayer Uerdingen der ansonsten eher sanfte Manager Felix Magath und kündigt finster Konsequenzen an.
Ziemlich ramponiert ist spätestens in diesem Moment das über Monate gepflegte Bild der Eintracht zwischen einem "neuen", volksnahen und netten Großverein und seinem normalerweise ebenso umgänglichen Helden, der unter den Fans die höchsten Sympathiewerte auf sich vereinigt. "Schluß mit dem Affentheater", fordert der Präsident Wolfgang Klein und redet sich so in Rage, daß sich Freund Kosmitzky nicht traut "alle die brutalen Vorwürfe" ins Polnische zu übersetzen.
Kein einziges Wort des Bedauerns mehr über jene zurückliegenden vierzehn Tage, in denen Okonski anläßlich eines Länderspiels gegen Zypern in Polen zunächst beklaut worden war und sich dann in nervenaufreibenden Irrfahrten bemüht hatte, für sich und seine Familie Ersatzpässe zu beschaffen. Sosehr die Hamburger Presse diese Querelen auch zur Rührstory, hochschrieb, muß dem HSV von Anfang an eher Ungutes geschwant haben.
"Zwei Wochen Ferien - eine Frechheit", entfährt es jetzt jedenfalls dem Manager Magath in jähem Zorn.
Was "Sir Felix"'' Mißmut noch steigert, ist die Tatsache, daß er selber es war, der den für den Sportlertransfer zuständigen polnischen Behörden seinen Spielgestalter angedient hat. Okonski, so das Kalkül, soll auch künftig seinem Verband zu Länderspielen zur Verfügung stehen, wenn sich die Polen ihrerseits dazu verpflichten, das Juwel zumindest bis 1990 in Hamburg zu belassen.
Viel Tohuwabohu um einen Fußballer, um den es vermutlich sehr viel ruhiger wäre, hätte er in Deutschland nicht so über alle Erwartungen hervorragend eingeschlagen. Ehe ihn der HSV vor einem Jahr unter Vertrag nahm, galt der Techniker zwar als beträchtlich begabt aber doch keineswegs als ein Mann der Extraklasse." Wer war schon Okonski?" sagt der damalige Verhandlungspartner, Magaths Vorgänger Günter Netzer, der ihn für umgerechnet 500000 Mark Ablöse in den Westen lotste.
Heute weiß sich die Fachwelt darüber einig, daß der 28jährige Dribbelkünstler aus dem ehedem hinterpommerschen Köslin nicht nur in seinem Verein ein Ereignis ist. Der Oko, preist ihn Paul Breitner, sei "das Beste, was die Bundesliga zu bieten hat". Der Nürnberger Trainer Heinz Höher zum Beispiel empfindet ihn schlichtweg als "sagenhaft".
Die Folge: Seit sich nun auch in seiner Heimat herumgesprochen hat, wie entzückt _(Am 6. September 1986 beim ) _(Bundesligaspiel gegen den FC Bayern in ) _(München )
die Deutschen über ihren Landsmann sind, stimmen die Preise nicht mehr. Was ist einer wirklich wert, über den das "Fußball Magazin" jubiliert, er könne an guten Tagen seinen jeweiligen Bewacher "selbst auf einem Bierdeckel" austricksen? So fragen sich etwa bei Okonskis Stamm-Klub Lech Posen die verantwortlichen Funktionäre.
Und Oko, natürlich, möchte das auch wissen, wenn er das in Hamburg ihm zugestandene Bare zählt. Steuerbereinigt monatlich 7600 Mark, von denen er noch eine zehnprozentige Abgabe an seinen Verband zu zahlen hat -,"soll denn das tatsächlich schon alles sein?"
Sicher ist sich der HSV darüber klar, daß er seinen so unvermittelt auf Weltklasse-Niveau hochgeschnellten Kicker bloß halten kann, wenn er die Konditionen verbessert. Um zu erfahren, wie sich die Polen das vorstellen, reist der Manager also nach Warschau und kommt ernüchtert zurück. Herausgebracht hat er da nichts, sondern sich leider nur "wie in China" gefühlt.
Immerhin, nun kennt er "den Polen als solchen", dessen "ewiges Lächeln", und das färbt auch auf seine Beziehungen zu Oko ab. Der vergleichsweise ehrpusselig-biedere Magath, der sich den Fußball zäh erarbeitet hat, sieht in ihm sofort "das Schlitzohr", ein zur Gerissenheit neigendes Naturell, das sich fast gar nicht ausrechnen läßt.
In der Tat stimmt ja auch nur zum Teil, was der HSV und die ihm wohlgesonnenen Journalisten bis dahin von dem "Hexer" ("Bild") unter das Volk gestreut haben. Der vermeintlich in jeder Hinsicht vorbildliche Fußballer und "erklärte Anti-Alkoholiker", wie er bereits sozusagen amtlich selbst in das Munzinger-Sportarchiv eingegangen ist, gefällt sich in Wahrheit als kleiner Lebemann.
Oko raucht gern, trinkt gern und ist vor allem ein leidenschaftlicher Zocker, der sich nach Ansicht seines Betreuers "so ständig gegen die Gesetze des Normalen vergeht". Oko handelt, wie er Fußball spielt: ein bißchen schlampertgenial und laut Kosmitzky "zigeunerhaft, mal als Stehgeiger, mal als Paganini, aber immer irgendwie künstlerisch".
Der scheidende HSV-Trainer Ernst Happel mag solche ihm artverwandten Typen und nennt den Polen deshalb "eine Einzelausgabe, wie sie so nie wiederkommt". Auch Magath schnalzt mit der Zunge, sooft er sich die Kabinettstückchen seines Nachfolgers auf dem Spielfeld vor Augen führt. Andererseits sieht er dessen Pausen, "die fehlende Kraft", den zuweilen aus innerem Chaos betriebenen Raubbau, der die Karriere dieses formidablen Feinmechanikers am Lederball erheblich verkürzen könnte.
Okonski selber wehrt die Besorgnisse ab, indem er seine gegenwärtigen Formschwankungen aus dem Zwang der Verhältnisse erklärt. "Druck, Druck, Druck; Polen-Reise war kompliziert", sagt er mit allen Anzeichen des noch nachklingenden Entsetzens- jetzt endlich werde er mit Frau und Tochter "nur noch fernsehen oder in den Zoo gehen", um zur Ruhe zu finden.
Doch der allzeit freundliche Profi, der den Krach mit seinem Arbeitgeber in einer Art listiger Demut als "Peitsche und deutsche Disziplin" verstanden hat, dürfte das kaum so einlösen können. Angestrengt bittet er zu bedenken, "daß ich den großen Fußball ja erst gerochen habe". Der Ruhm ist da; unablässig rumort in ihm nun die Frage, wie er es anstellen muß, auch den entsprechenden finanziellen Schnitt zu machen.
Vier Jahre, glaubt er, wird er es noch bringen, seine obligaten "Traumpässe" zu schlagen, um damit die ersehnte Million einzufahren. Was ihm der Fußball nicht unmittelbar ermöglicht, soll ein etwas wirres Werbeprogramm bewerkstelligen.
Oko, so hat es ihm sein Berater Kosmitzky in den Kopf gesetzt, in der Rolle zunächst eines Botschafters des guten Willens, der im Westen alte Kleider und Medikamente sammelt, um sie an seine notleidenden Landsleute weiterzureichen. Auf der Basis gestiegener Popularität hofft das Duo, dann Geschäfte machen zu können. Billigwaren, zu Okostar"-Produkten veredelte Fußballschuhe oder in Pakistan zum Spottpreis erstandene Lederbälle, sollen den polnischen Markt sättigen helfen. _(Mit Tochter Magdalena, Ehefrau ) _(Grazyna in Henstedt-Ulzburg. )
Freilich, ob Okonski, der unstete Individualist, das auch wirklich anstrebt, darf bezweifelt werden. Organisation ist kaum seine Stärke, und sein Lerneifer hält sich in Grenzen. Nicht zu Unrecht bemängelt der HSV, daß er in der deutschen Sprache keinerlei Fortschritte gemacht hat.
Sosehr er auf dem Fußballplatz, wie ihn sein Mitspieler Sascha Jusufi lobt "immer ein Bombenkerl" ist, verliert er im Privaten häufig die Orientierung. Hektisch ersteht er in Kaufhäusern ("Sind das Herren- oder Damenhemden?") die Kleidungsstücke im jeweils halben Dutzend, das Geld sitzt ihm locker; der Überblick fehlt ihm noch.
In einem fort pendelt er zwischen den aufgewühlten Empfindungen - einerseits dem Bewußtsein, "daß du in Deutschland vom Fenster schnell weg bist", andererseits der Gewißheit seiner angeblich unbegrenzten Möglichkeiten. An ein und dem selben Tage schiebt er Felix Magath ein handgeschriebenes "Dokument" über den Tisch ("... will in Hamburg bleiben") und rast dann anschließend ins Frankfurter Airporthotel, um sich von Spielervermittlern im Auftrag des AS Monaco hofieren zu lassen.
Mitternacht ist nach diesem Treffen längst vorbei, als Okostar in der Bar "Montgolfiere" heftig dem Whisky zuspricht und das Leben genießt. 700000 Mark netto hat er gefordert, "um meine Liebe zu Hamburg zu vergessen". Es gebe nun halt mal Summen, tröstet ihn der Begleiter Kosmitzky, da könne man gar nicht anders, als "leider umzufallen".
Neuer Tag und neue Ideen. Beim Frühbier - "zur Bekämpfung der Magensäure" - überprüft der Fußballer die Lage, und seine Entschiedenheit schwindet dahin. So schön Monaco wahrscheinlich auch sei, ist nicht Hamburg noch besser? "Da mag man mich."
Auf alle Fälle, sagt er zufrieden, habe er wohl erreicht. "dem Herrn Magath Angst zu machen".
Am 6. September 1986 beim Bundesligaspiel gegen den FC Bayern in München Mit Tochter Magdalena, Ehefrau Grazyna in Henstedt-Ulzburg.
Von Hans-Joachim Noack

DER SPIEGEL 19/1987
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