01.06.1987

„Er macht alles nur nach Plan“

SPIEGEL-Interview mit Rusts Flugausbilder Siegfried Heise *
SPIEGEL: Herr Heise, Sie sind der Fluglehrer von Mathias Rust. Hätten Sie sich getraut, von Helsinki nach Moskau zu fliegen?
HEISE: Niemals. Weil ich damit gerechnet hätte, von Abfangjägern abgeschossen zu werden.
SPIEGEL: Ihr Schüler hat es riskiert.
HEISE: Zutrauen würde man ihm das nicht. Er ist nämlich ein richtig braver Junge.
SPIEGEL: Wie war die Ausbildung von Mathias Rust?
HEISE: Er hat beim Aero Club Hamburg seinen Flugschein erworben. Dazu mußte er von September 1985 bis August 1986 die vorgeschriebenen 40 Flugstunden absolvieren. Der Flugschein berechtigt allerdings nur zum Sichtflug, nicht zum Instrumentenflug.
SPIEGEL: Auf welchen Flugzeugtypen wurde Rust ausgebildet?
HEISE: Auf einer zweisitzigen Cessna 150 mit 100 PS und einer viersitzigen Cessna 172 mit 150 PS.
SPIEGEL: Saßen Sie immer mit dabei?
HEISE: 15 Stunden mußte Mathias alleine fliegen, das ist Vorschrift.
SPIEGEL: Was war er für ein Schüler?
HEISE: Ruhig und besonnen. Er begriff jedoch sehr schnell, und seine Flugvorbereitungen waren immer ordentlich. Er war mit Begeisterung dabei. Die Prüfung hat er fehlerlos bestanden. Dabei ist er der jüngste Pilot, den ich je ausgebildet habe.
SPIEGEL: Wie war sein Kontakt zu anderen Flugschülern?
HEISE: Mathias war sehr scheu, fast kontaktarm.
SPIEGEL: Wie ging es nach der Prüfung weiter?
HEISE: Mathias ist seit August vorigen Jahres sehr viel geflogen, sicher 50 bis 60 Stunden. Zum Vergleich: Ein Sportflieger muß innerhalb von zwei Jahren nur insgesamt 24 Stunden fliegen, um seinen Schein zu behalten.
SPIEGEL: Glauben Sie, daß sich Ihr Musterschüler verflogen hat?
HEISE: Ich kann mir nicht vorstellen, daß so etwas bei guter Sicht, die ja geherrscht haben soll, und intakten Geräten passieren kann. Das ist fast unmöglich. Mathias mußte wissen daß er in die Sowjet-Union kommt, wenn er statt nach Südwesten in Richtung Südosten fliegt; dazu genügen durchschnittliche Geographiekenntnisse.
SPIEGEL: Was folgern Sie daraus?
HEISE: Es besteht der Verdacht daß er es bewußt gemacht hat. Es sei denn, alle Instrumente wären ausgefallen oder es wäre sehr schlechtes Wetter mit sehr schlechter Sicht gewesen.
SPIEGEL: Kann man denn unvorbereitet von Helsinki nach Moskau fliegen?
HEISE: Dazu bedarf es intensiver Vorbereitung. Auch muß das entsprechende Kartenmaterial vorhanden sein.
SPIEGEL: Wie erklären Sie sich, daß Mathias nicht von der sowjetischen Flugabwehr abgefangen wurde?
HEISE: Dafür gibt es nur eine Erklärung: Er muß sehr tief geflogen sein.
SPIEGEL: Ist er Ihnen denn je als risikofreudig oder waghalsig aufgefallen.
HEISE: Keine Rede. Er macht alles nur nach Plan.

DER SPIEGEL 23/1987
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