04.05.1987

„Von Angst aufgefressen“

Erinnerungen der Frau, die Anne Frank vor den Nazis retten wollte *
An zwei Tagen im Jahr, dem 4. Mai und dem 4. August, verläßt die Niederländerin Miep Gies, 78, ihre Wohnung nicht.
An jenem Tag im Mai trauert sie, wie die ganze Nation, um die Opfer der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg. Den Tag im August verbringt sie am Fenster stehend, sie und ihr Mann Jan wechseln kein Wort, "erleichtert" sind sie, wenn der Abend naht.
Es ist der Tag, an dem vor 43 Jahren Nazis in das schöne alte Giebelhaus Prinsengracht 263 in Amsterdam eindrangen und acht deutschsprachige Juden abführten, die dort, im Hinterhaus, 25 Monate versteckt waren: das Ehepaar van Daan und deren Sohn Peter, den Zahnarzt Dussel, das Ehepaar Frank, deren Töchter Margot und Anne.
Miep und Jan Gies, die zurückgezogen in bescheidenen Verhältnissen in Amsterdam leben, sind Abermillionen bekannt - allerdings als Miep und Henk van Santen aus Anne Franks Tagebüchern. Die wurden in 54 Sprachen übersetzt, 15millionenmal verkauft, verfilmt, vertont, fürs Fernsehen bearbeitet- "eine mächtige Waffe gegen den Faschismus", wie der niederländische Schriftsteller Harry Mulisch ("Das Attentat") findet. Ein Buch, das bei seinen Lesern nach wie vor, so wie bei Mulisch, "eine Art verheerende Rührung" auszulösen vermag.
Möglich, daß die amerikanische Journalistin Alison Leslie Gold an den Tagebuch-Erfolg anknüpfen wollte, als sie Miep Gies dazu brachte, ihre Erinnerungen der Nachwelt zu hinterlassen. Denn Miep und Jan sind die letzten Überlebenden der insgesamt 14 schicksalhaft miteinander verketteten Menschen von der Prinsengracht 263: acht Untergetauchte, sechs Eingeweihte.
Außer für die eigene Familie hat Anne Frank in ihren Aufzeichnungen Pseudonyme für alle erfunden, mit denen sie im Hinterhaus lebte, und für die Mitwisser. Neben Miep und "Henk" waren das die niederländischen Geschäftspartner ihres Vaters, die Herren "Kraler" und "Koophuis" sowie die Sekretärin "Elli Vossen" und deren Vater, der im Lager des Prinsengracht-Geschäftshauses aushalf.
Obwohl die echten Namen bekannt sind, hat Miep Gies die Pseudonyme übernommen in ihren Erinnerungen, die diesen Montag in den USA, am Dienstag in den Niederlanden und im Herbst auch _(Anne Franks Zimmer im Hinterhaus ) _(Prinsengracht 263 in Amsterdam. )
auf deutsch im Scherz-Verlag erscheinen. _(Miep Gies/Alison Leslie Gold "Anne Frank ) _(Remembered". Verlag Simon & Schuster, ) _(New York; 252 Seiten; 17,95 Dollar. )
Ihre Geschichte, sagt Miep Gies, sei "die Geschichte sehr gewöhnlicher Leute in außergewöhnlich schrecklicher Zeit". Über 20000 Niederländer hätten, genau wie sie, jüdische "onderduiker" (Untertaucher) beschützt. 140000 Juden, davon 22500 Emigranten aus Deutschland, lebten 1941 in den Niederlanden, die meisten in Amsterdam. Von 110000 Deportierten kehrten nur 6000 zurück. Die Erinnerung an jene Zeit ist für viele Holländer immer noch traumatisch. Mehr als 40 Jahre nach der Befreiung sagt Miep Gies: "Es vergeht kein einziger Tag, an dem ich nicht an die damaligen Ereignisse denke."
Niederländerin wurde Miep Gies durch Heirat, sie stammt aus Österreich. Als sogenanntes "Hungerkind" war sie nach dem Ersten Weltkrieg zu einer niederländischen Arbeiterfamilie gekommen, um aufgepäppelt zu werden. Sie blieb.
1933 fand sie einen Job als Bürohilfe bei Otto Frank, Sproß einer seit dem 17. Jahrhundert in Frankfurt ansässigen wohlhabenden jüdischen Familie. Frank, Leutnant im Ersten Weltkrieg, hatte gerade das Deutschland des beginnenden NS-Terrors verlassen. In Amsterdam stieg er in den Gewürzhandel und das Geschäft mit Pektin ein und ließ noch im selben Jahr seine Frau Edith mit den Töchtern Margot und Anne, damals sieben und vier Jahre alt, nachkommen.
Die Familie Frank wohnte damals in Südamsterdam, das für viele deutsche Juden Ziel war, bis 1938 die niederländischen Immigrationsgesetze verschärft wurden und die "Flut" von Flüchtenden zum "Rinnsal" (Gies) versickerte.
Bei Franks, die ein offenes Haus für aus Deutschland geflohene Leidensgenossen hatten, lernten Miep und Jan Gies die Familie van Daan sowie den Zahnarzt Albert Dussel und dessen nichtjüdische Ehefrau kennen.
Nach Hitlers Einmarsch in Österreich und in die CSR lebte der Kreis um die Memoirenschreiberin "wie mit einem Splitter unter dem Nagel", die Zeit zwischen Kriegsausbruch am 1. September 1939 und dem Überfall der Deutschen auf die Niederlande am 10. Mai 1940 ging als "Sitzkrieg" in die Geschichte des neutralen Landes ein.
Mit Beginn der Herrschaft des Reichskommissars der Niederlande, des Österreichers Arthur Seyß-Inquart, samt deutscher Soldaten, Gestapo und der berüchtigten "Grünen Polizei" kamen die holländischen Kollaborateure von der "Nationaal-Socialistische Beweging" (NSB) "aus ihren Rattenlöchern", so Miep Gies.
Aus England, wohin sich das niederländische Königshaus samt Goldschatz und Regierung abgesetzt hatte, sendete der Freiheitsfunk "Radio Oranje" zunächst noch Beruhigendes für niederländische Juden: Sie würden nicht anders behandelt werden als andere Bürger. Aber bis zum Winter 1940/41 mußten sich alle Juden registrieren lassen.
Bis Ende 1940 auch wurden Juden und Halbjuden aus der Beamtenschaft entfernt, ab Januar 1941 durften sie nicht mehr ins Kino, die ersten "Voor Joden verboden"-Schilder tauchten auf. Das jüdische Viertel in Amsterdam wurde abgeriegelt. Dort, bei der ersten Großrazzia, lehnten sich Juden gegen die Besatzer auf, 648 wurden als "Geiseln" nach Deutschland gebracht, 340 von ihnen kamen in Mauthausen um. Die Niederländer reagierten mit einem dreitägigen Generalstreik.
Bis zum Beginn der ersten Massendeportationen im Juli 1942 wurden die Juden systematisch vom öffentlichen Leben ausgeschlossen und ihrer Lebensgrundlagen beraubt, Parks, Restaurants, Schwimmbäder, die Börse, Märkte, Verkehrsmittel, Theater, Schulen, Universitäten, Bibliotheken, Krankenhäuser für Juden gesperrt.
Jüdische Vermögen wurden beschlagnahmt, das Zeichen "J" mußte in die Pässe gestempelt, ab Mai 1942 der Judenstern getragen werden - was viele Holländer veranlaßte, auch Judensterne oder gelbe Blumen am Revers zu tragen. Juden durften nur noch zwischen 8 und 18 Uhr ihre Wohnungen verlassen, keine Räder, keine Tauben (Briefverkehr!) besitzen. Jüdische Ärzte durften nur noch jüdische Kranke betreuen, jüdische Geschäfte nur jüdische Kunden beliefern: Jude in den Niederlanden zu sein, das bedeutete nur noch insofern einen Unterschied zu Deutschland als die Umgebung nicht ganz so feindlich war.
Miep und Jan Gies mußten in dieser Zeit die Privatbesuche bei den Franks einstellen - verboten. Im Dezember 1941 trat Frank als Geschäftsführer seiner Firma zurück und übertrug die Leitung den Niederländern Koophuis Kraler und Jan Gies, um den Betrieb zu retten.
Anfang 1942 war Amsterdam voller Juden, die Deutschen konzentrierten sie in der Grachtenstadt. Und die ersten Gerüchte machten die Runde daß sie zu "Arbeitseinsätzen" irgendwo "im Osten" abtransportiert würden. Alle fühlten sich "aufgefressen von Angst und Nervosität".
In dieser Zeit fragte Otto Frank seine Mitarbeiterin Miep Gies, ob sie einverstanden wäre, wenn sie zusammen mit van Daans im Hinterhaus des Kontorhauses untertauchen würden, ob sie für sie sorgen wolle. Sie wollte.
Die Familie Frank zog schneller ein als geplant: am 6. Juli. Denn am Vortag waren die ersten jüdischen Mädchen zu "Arbeitseinsätzen" angefordert worden, auch Margot Frank, damals 16.
Einen Monat zuvor, zu ihrem 13. Geburtstag am 12. Juni, hatte Anne ihr berühmt gewordenes (erstes) Tagebuch geschenkt bekommen. Sie beschrieb, bis drei Tage bevor ihre Vernichter kamen, die 25 Monate im "Achterhuis", die Not, Angst, Spannungen, Zänkereien, die kleinen Freuden, großen Hoffnungen, ihr eigenes Heranreifen, Qualen der Pubertät, ihre Verliebtheit in Peter van Daan - es ist ein quälendes document humain deshalb, weil am Ende die "nicht im Text enthaltene, aber stets mitgedachte Katastrophe" steht, wie der Autor Harry Mulisch es letztes Jahr anläßlich einer Anne-Frank-Ausstellung in Berlin formulierte.
Miep Gies erzählt nun in ihrem Buch von den Ängsten der anderen, die ihre jüdischen Schützlinge über den Krieg und das Nazi-Reich hinwegretten wollten - in vier kleinen bis winzigen Kammern _(Mit dem ersten Tagebuch der Anne ) _(Frank. )
mit Waschraum und Klo und einem Bodenraum.
Als die Franks - mit vielen Schichten Kleidern am Körper - aufbrachen, hinterließen sie die Legende, mit Hilfe eines Freundes aus Franks Militärtagen sei ihnen die Flucht in die Schweiz geglückt.
Schon Wochen vorher hatten Frank und Koophuis das Versteck mit Möbeln, Kisten, Lebensmittel- und Seifenvorräten ausgestattet. Die Franks zogen eine Woche vor den van Daans ein. Nach einem ersten, deprimierenden Besuch am Tag des Einzugs empfand Miep Gies: "Sie hatten die Tür ihres Lebens einfach zugemacht und waren aus Amsterdam verschwunden."
Jan Gies und die fünf Eingeweihten, die tagsüber im Kontor arbeiteten, besuchten die Eingeschlossenen wechselweise, wenn die Lagerarbeiter aus dem Haus waren: vor und nach den Dienststunden und in den Mittagspausen.
Miep Gies und Elli Vossen, die Sekretärinnen, die Geschäftspartner Kraler und Koophuis, Mieps Mann, der als Sozialarbeiter bei der Stadt Amsterdam beschäftigt war, taten alles, den Isolierten die Zeit zu verkürzen. Sie brachten stapelweise Bücher, Lehrbücher, nach denen die Kinder unterrichtet werden konnten, einen Stenokurs (für den sich Elli hatte eintragen lassen), Papier, Hefte und Stifte für die unermüdlich schreibende Anne. Sie schrieb Märchen, Geschichten, begann einen Roman, führte ihr Tagebuch und legte dazu eine zweite, überarbeitete Fassung an, nachdem Radio Oranje am 28. März dazu aufgerufen hatte, Aufzeichnungen für die Zeit nach der Befreiung anzufertigen.
An Arbeitstagen war stille Beschäftigung dringeng geboten. Dann bewegten sich die Familien hinter dick verhängten Fenstern auf Socken, Unterhaltung war nur im Flüsterton erlaubt, das WC zu betätigen war lebensgefährlich. Luftschnappen war nur durch die Bodenluke zulässig, wo eine Kastanie, die heute noch steht, sichtbar den Wechsel der Jahreszeiten anzeigte.
Natürlich hatten "onderduiker" keine Lebensmittelkarten mehr. Mieps Mann, der später selbst im Widerstand wirkte, besorgte welche bei einer Untergrundorganisation, die Karten fälschte und stahl. Auch sonst funktionierte anfangs die Versorgung. Ein Schlachter, ein Bäcker, ein Milchmann, ein Gemüsehändler, der selber zwei Untergetauchte versorgte (und dafür später ins Lager kam), gaben Ware über die Rationen hinaus, obwohl ihnen klar war, daß Miep und Elli für ihren Bedarf viel zu große Mengen kauften.
Nachts schlichen sich die in der Prinsengracht 263 Gefangenen oft in Franks altes Kontor hinunter, wo ein Philips-Radio stand, über das die BBC empfangen werden konnte. Im Spätsommer 1942 sendete der Briten-Funk, daß in Polen Juden vergast wurden.
Wenn Miep Gies hinter das drehbare Bücherregal schlüpfte, das die Tür zum Versteck verbarg, war ihr manchmal zumute, als betrete sie "die Sicherheit und das Allerheiligste einer Kirche". Doch als sie einmal, von Anne dazu beschwatzt, als Schlafgast eine Nacht im Hinterhaus verbrachte, tat sie kein Auge zu: "Die Furcht dieser hier eingesperrten Menschen war so mächtig, daß sie mich nahezu erdrückte."
Vor Wintereinbruch 1942 kam der Zahnarzt Dussel, der seine Patientin Miep Gies nach einem "sicheren Ort" gefragt hatte, dazu - ahnungslos, daß er seine Freunde Frank dort treffen würde.
Ein Versteck war mittlerweile "mehr wert als ein Topf Gold", schreibt Miep Gies. Ihre jüdische Hauswirtin war bei
einer reichen Hilversumer Bürgerin untergetaucht, deren Sohn wiederum ging beim Ehepaar Gies ins Versteck. Nach ihm wurde gefahndet, weil er sich an der Universität geweigert hatte, den Germanischen Treueid abzuleisten.
Ereignisse, die unter normalen Umständen keinem großes Kopfzerbrechen bereitet hätten, türmten oftmals schier unlösbar scheinende Probleme auf.
So trat im Februar 1943 ein neuer Besitzer des Kontorhauses an der Prinsengracht in Begleitung eines Architekten auf den Plan. Koophuis konnte beide, weil er angeblich den Schlüssel nicht fand, von der Inspektion des Hinterhauses abhalten. Panische Frage: Wohin mit den Bewohnern, falls der Eigentümer das Haus selbst nutzen oder umbauen wollte? Das geschah nicht.
Mehrfach waren Einbrecher im Haus. Sie hätten die um das Radio gerückten Stühle im Frank-Kontor, die Anzeigennadel auf Feindsenderstellung, hätten von oben Schritte, laufendes Wasser bemerken können. Verrat wurde von den Besatzern mit Kopfgeldern belohnt - ein unbekannter Empfänger sollte für die Bewohner vom "Achterhuis" später achtmal 7,50 Gulden kassieren.
Einmal stürzte ganz nah ein Bomber ab. Wohin mit den Untergetauchten, mit acht Illegalen in einer besetzten Stadt, falls das Haus an der Prinsengracht Feuer fangen, zerstört werden sollte?
Was, wenn Schützlinge wie Beschützer ernsthaft krank würden? Aus Furcht vor Ansteckungen fiel von draußen jeder als Besucher aus, der auch nur eine Erkältung hatte. Drinnen, im Versteck, war jeder Husten eine Katastrophe. Er mußte tags, wenn die Lagerarbeiter im Haus waren, mit Unmengen von Kodein bekämpft und in Kopfkissen erstickt werden.
1943 herrschte im von den Deutschen ausgeplünderten Holland Mangel an allem. Der Gemüselieferant war verhaftet worden. Die Menschen vom Prinsengracht-Kontor teilten verrottetes Gemüse mit denen im Hinterhaus, deren Lebensmittel-, Seifen- und Geldvorräte zu Ende waren.
Alle litten an Durchfall, an verdorbenem Magen. Die Situation verschärfte sich abermals Anfang 1944, als die Untergrundorganisation, welche die Untergetauchten mit Lebensmittelkarten versorgt hatte, aufflog.
Zu der Zeit war in Amsterdam kein Jude mehr zu sehen, allenfalls, so Miep Gies, "mit dem Gesicht nach unten in einer Gracht": dorthinein warfen die Helfer in ratloser Verzweiflung die Leichen im Versteck Gestorbener.
Die Kunde von der Landung der Alliierten in der Normandie am 6. Juni 1944 erregte die Gefangenen im Hinterhaus so, "als ob Strom durch den Ort gelegt worden wäre" (Gies). Otto Frank markierte den Vormarsch der Befreier mit Stecknadeln auf einer kleinen Landkarte. Dieses Dokument einer sinnlosen Hoffnung ist zu besichtigen im Haus an der Prinsengracht, dem heutigen "Anne-Frank-Haus", gleich neben ein paar Bleistiftstrichen mit Anmerkungen wie A''42 1,57 auf Tapete, hinter Glas.
Die Striche sind für den Schriftsteller und Anne-Frank-Preisträger Mulisch "das Unerträglichste" an der Gedenkstätte. An ihnen ist abzulesen, wie Anne und ihre Schwester in den zwei Jahren gewachsen sind, "nur um schließlich umgebracht zu werden".
Der 4. August 1944 war der Tag des Todesurteils für sieben der acht. Zwischen elf und zwölf Uhr mittags stand plötzlich ein bewaffneter Mann in Zivil im vorderen Kontor, wo Miep, Elli und Koophuis sich aufhielten.
Der Eindringling herrschte sie an ("Keine Bewegung") und ging zielstrebig ins hintere Kontor, in dem Kraler arbeitete. Koophuis zu Miep: "Ich glaube, die Zeit ist da."
Er schickte die schluchzende Elli aus dem Haus und empfahl auch Miep zu gehen, um sich "da rauszuhalten".
Ein weiterer Mann kam zu Kraler, dann einer, der deutsch mit Wiener Akzent
sprach. Telephonisch wurde ein Auto angefordert.
Als könne es etwas helfen, erklärte Miep dem Osterreicher, sie sei Wienerin, worauf der sie anschnauzte, ob sie sich nicht schäme, Judenpack zu verstecken. Dieser Mann, SS-Oberscharführer Karl Josef Silberbauer- bei Miep Gies heißt er "Siller" -, sagte Jahre später aus, er habe Miep, anders als Kraler und Koophuis, nicht mit abtransportieren lassen, "weil sie ein so nettes Mädchen war".
Bis halb zwei Uhr, zwei Stunden etwa, in denen sie sich fühlte, als sei sie in ein "Loch ohne Boden gestürzt", hatte Miep keine Ahnung, was im Haus vor sich ging; dann gab es Geräusche auf der Treppe, die am Kontor vorbei durch eine separate Tür nach draußen an die Prinsengracht führte: "Die Fußtritte unserer Freunde. An ihren Schritten konnte ich hören, daß sie herunterkamen wie geprügelte Hunde."
Stunden später stiegen Miep Gies und Elli Vossen ins Hinterhaus hinauf. Alles war durchwühlt. Am Boden lagen Annes erstes Tagebuch mit dem Karo-Einband Aufzeichnungen in Kontobüchern und auf Durchschlagpapier. Miep sammelte alles auf und verbarg die möglicherweise verräterischen Papiere in ihrem Schreibtisch - "für Anne, bis sie zurückkommt" denn die Tagebücher seien "ihr Leben" gewesen.
Ein Vertreter der Frank-Firma sammelte Geld, das er Miep gab mit der Empfehlung, den österreichischen Landsmann im Gestapo-Hauptquartier an der Gerrit van der Veenstraat aufzusuchen und ihn zu bestechen - die Nazis seien "müde", wollten nach Hause und seien erpicht, soviel Gulden wie irgend möglich auf ihrem bevorstehenden Rückzug mitzunehmen.
Der Versuch schlug fehl. Silberbauer erklärte sich für nicht zuständig. Die Männer der nächsthöheren Instanz beschimpften die Frau als "Schweinehündin". Daß sie ungeschoren aus dem Hauptquartier herauskam, schreibt Miep Gies dem Umstand zu, daß sie Hitlers Mannen bei einem todeswürdigen Verbrechen ertappte; Sie hörten den Feindsender BBC.
Neun Monate mußten noch vergehen bis das Land, als eines der letzten in Europa, am 5. Mai befreit wurde.
Den Helfern Victor Kugler ("Kraler") und Jo Kleiman ("Koophuis") war es gelungen, aus dem KZ Amersfoort zu entkommen. Jan Gies, der nach Kriegsende auf dem Amsterdamer Hauptbahnhof im Auftrag der Stadt Heimkehrer aus den Konzentrationslagern beriet fragte alle nach seinen Freunden.
Er erfuhr, daß sie mit dem letzten Transport von Westerbork nach Auschwitz gelangt seien. Dort ist Edith Frank umgekommen.
Über Auschwitz, Odessa, Marseille kam Otto Frank im Juni 1945 zurück nach Amsterdam. Er zog zu Miep und Jan Gies und lebte bei ihnen bis zu seinem Umzug in die Schweiz 1952, wo er eine Überlebende von Auschwitz heiratete.
Der Zahnarzt Pfeffer ("Dussel") starb im KZ Neuengamme; Frau van Pels ("van Daan") in Buchenwald oder Theresienstadt; ihren Mann hat Otto Frank in Auschwitz ins Gas gehen sehen; Annes "Peter" wurde von SS-Mannschaften von Auschwitz nach Mauthausen mitgeschleppt, wo er starb, am Tag der Befreiung des Lagers durch US-Soldaten.
Otto Frank wußte, daß seine Töchter von Auschwitz nach Bergen-Belsen gebracht worden waren - kein Vernichtungslager. Aber ein Todeslager: Eine Krankenschwester brachte die Nachricht, die Mädchen seien im Februar oder März 1945, jedenfalls kurz vor der Befreiung durch britische- Soldaten, an Typhus gestorben.
An diesem Tag der Todesnachricht übergab Miep Gies Annes Vater die Aufzeichnungen der Tochter.
Otto Frank begann, Teile davon ins Deutsche zu übersetzen - für seine Mutter
die in der Schweiz lebte. Auf Drängen von Freunden, die meinten, es sei Franks "Pflicht, Annes Geschichte mit anderen zu teilen", stellte er mit Hilfe eines niederländischen Ehepaars aus den zwei Tagebuchfassungen ein Typoskript her.
Einige Passagen, die er "für den Leser wertlos" hielt, ließ er weg. Freilich auch solche, in denen sich Anne allzu offen mit ihrer eigenen Sexualität, ihrem Liebesverlangen und allzu bissig mit ihren Mitbewohnern, insonderheit der Mutter, auseinandergesetzt hatte.
Das Buch "Het Achterhuis" erschien zuerst 1947 in den Niederlanden, 1950 als "Das Tagebuch der Anne Frank" im Heidelberger Verlag Lambert Schneider, die Taschenbuchrechte besitzt seit 1954 der Frankfurter S. Fischer Verlag.
Kaum war das Buch erschienen, machten Nazi-Organisationen in Europa und den USA Front dagegen. Bis heute verunglimpfen sie das Tagebuch als Fälschung. Auftrieb bekamen sie 1980 durch ein Gutachten des Bundeskriminalamtes (BKA), das unter Aktenzeichen KT 41-2404/79 Korrekturen "mittels schwarzer, grüner und blauer Kugelschreiberfarbpaste" entdeckte. Solche Pasten seien "aber erst seit dem Jahre 1951 auf dem Markt erschienen" (SPIEGEL 41/1980). Kühner Schluß aller ewig Braunen: Das Ganze ist eine Fabrikation aus der Zeit nach 1951. Wobei keiner die Frage beantwortet, wie ein Buch, das um 1951 geschrieben wurde, 1947 erscheinen konnte.
Die Frage der Echtheit ist mittlerweile geklärt. Otto Frank hat die Originalmanuskripte nach seinem Tod 1980 testamentarisch dem Amsterdamer "Reichsinstitut für Kriegsdokumentation" vermacht. Eine im Auftrag des Instituts von Experten des Justizministeriums vorgenommene kriminaltechnische Untersuchung dauerte fünf Jahre. Außerdem waren die Historiker des Instituts an dem Echtheitsbeweis beteiligt, der im vorigen Jahr als Buch erschien. _(Rijksinstituut voor Oorlogsdocumentatie: ) _("De Dagboeken van Anne Frank". ) _(Staatsuitgeverij ) _(''s-Gravenhage/Uitgeverij Ben Bakker ) _(Amsterdam; 716 Seiten; 69,50 Gulden. )
Neben den kriminalistischen und historischen Untersuchungen bietet das Werk, schön neben- und untereinander zum Vergleichen, den buchstabengetreuen Abdruck der beiden Tagebuchfassungen sowie die niederländische Buchfassung. Eine deutsche Ausgabe ist beim S. Fischer Verlag in Arbeit.
Wichtigstes Fazit der niederländischen Anne-Frank-Forscher: "Es gibt keinen einzigen Grund, an der Echtheit der Handschriften und dem ihnen innewohnenden Wert zu zweifeln." Und: "Anne ist geblieben, wer sie war."
Die vom BKA beanstandeten Kugelschreiberspuren - nur schwarz und blau - fanden sich lediglich zur Numerierung der losen Seiten, möglicherweise vorgenommen von Otto Frank, sowie auf zwei losen Notizzetteln mit der Handschrift einer anderen Person.
Die Herausgeber der "Dagboeken" üben durchaus auch Kritik an Otto Frank, der durch Korrekturen an den Originalen wie auch durch sein Verhalten während der gerichtlichen Auseinandersetzungen - oft weigerte er sich, die Dokumente herauszurücken - die Klärung der Echtheit eher erschwert habe.
Doch seine Sensibilität angesichts der Fälschungsvorwurfe war verständlich enthielten sie doch indirekt auch den Vorwurf der Geschäftemacherei mit Schicksalen des Holocaust.
Alle Erträge aus dem Verkauf der Tagebücher gehen an die Anne-Frank-Stiftung, die das Museumshaus an der Prinsengracht unterhält und eine Vielzahl von Initiativen gegen Rassenhaß und Diskriminierung von Minderheiten fördert.
Ähnlichen Verdächtigungen, sie wolle Kapital aus dem tragischen Schicksal der Untergetauchten in ihrer Obhut schlagen, ist nun auch Miep Gies wieder ausgesetzt. Schon vor Jahren, nach einem Fernseh-Interview, erhielt sie Anrufe dieser Art: "Wir hatten auch ''onderduiker'', haben sie lebend und wohlbehalten durch den Krieg gebracht - nun sahnst du die Publicity ab."
Wer absahnt, ist der US-Verlag Simon & Schuster, der das Welt-Copyright besitzt. Bevor der Verlag diese Woche mit einer Startauflage von 100000 Exemplaren den Verkauf beginnt, hat er unter anderem bereits kassiert: 75000 Dollar für einen Vorabdruck in der Frauenzeitschrift "Family Circle", 85000 Dollar vom Buchklub "Literary Guild", 35000 Dollar für eine kurze Vorschau von "Reader''s Digest", nicht ganz 500000 Mark vom Scherz-Verlag.
Schon äußert die niederländische Zeitschrift "Prive" die Sorge: "Wird die Helferin von Anne Frank mit einem Trinkgeld abgespeist?" Andere Medien hingegen erwecken, so Miep Gies, "den vollkommen falschen Eindruck, als würden wir ein Riesenvermögen verdienen".
Darüber ist sie "sehr böse". Sie bekommt Tantiemen, wie die Ko-Autorin Gold - wieviel, sagt sie nicht, aber: "Wir haben nun einen Betrag auf der Bank, den wir nicht anzurühren wagen, denn wer weiß, was nach Abzug von 72 Prozent Einkommensteuer noch übrigbleibt."
Die Reisen nach Los Angeles und New York, wo der Buchvertrag verhandelt wurde, mußte das Ehepaar Gies nach eigenen Angaben selbst bezahlen, ebenso die Anwaltskosten für die Aufstellung des Kontrakts.
Eingedenk der zurückliegenden Schmäh-Anrufe hätte Miep Gies die niederländische Ausgabe von "Anne Frank Remembered" am liebsten verhindert.
Aussichtslos. Am Tag nach dem 4. Mai, an dem sie nie das Haus verläßt, am 5. Mai also, wenn die Niederländer ihre Befreiung feiern, erscheinen ihre "Herinneringen aan Anne Frank".
Was Miep Gies daran verdient, will sie stiften. _(Mit der niederländischen Königin ) _(Juliana am 12. Juni 1979 anläßlich der ) _(Eröffnung eines Ausstellungsraumes. ) _(Frank demonstriert das drehbare ) _(Bücherregal vor der Treppe zum ) _(Unterschlupf. )
Anne Franks Zimmer im Hinterhaus Prinsengracht 263 in Amsterdam. Miep Gies/Alison Leslie Gold "Anne Frank Remembered". Verlag Simon & Schuster, New York; 252 Seiten; 17,95 Dollar. Mit dem ersten Tagebuch der Anne Frank. Rijksinstituut voor Oorlogsdocumentatie: "De Dagboeken van Anne Frank". Staatsuitgeverij ''s-Gravenhage/Uitgeverij Ben Bakker Amsterdam; 716 Seiten; 69,50 Gulden. Mit der niederländischen Königin Juliana am 12. Juni 1979 anläßlich der Eröffnung eines Ausstellungsraumes. Frank demonstriert das drehbare Bücherregal vor der Treppe zum Unterschlupf.

DER SPIEGEL 19/1987
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DER SPIEGEL 19/1987
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