26.01.1987

Die Metzgersfrau als Weltgewissen

Uwe Kopf über die TV-Moderatorin und Humoristin Elke Heidenreich Uwe Kopf, 30, ist Redakteur bei der Hamburger Stadtzeitschrift „Szene“. *
Als unser Peter-Michael Kolbe 1984 im olympischen Ruder-Finale der Einer von Pertti Karppinen, dem Feuerwehrmann aus dem Land der tausend Seen, erneut um den Siegerlorbeer gebracht worden war und wir alle diese Ungerechtigkeit mehr oder weniger beweinten, präsentierte das Zweite Deutsche Fernsehen eine Analytikerin dieser Tragödie, die - Haarwickler auf dem Kopf - bilanzierend nur Hohn für den Verlierer aufbrachte: "Nä, diese Finnen aber auch. Armer, armer Kolbe."
Insgesamt 23mal faßte die Metzgersgattin Else Stratmann während der vergangenen Olympischen Spiele im ZDF Ereignisse und Trends zusammen, sprach sie vorgeblich mit Volkes Stimme und erhob sich zum Anwalt der schweigenden Mehrheit. Mit der Redegeschwindigikeit Gisela Schlüters und den Bewußtseinsentgleisungen eines James Joyce sowie kraft des entsetzlichsten aller Idiome, des Ruhrpott-Slangs, schaffte die Fleischersfrau ex abrupto den Sprung zum weiblichen Tegtmeier, nach dem Sprachmuster Jürgen von Mangers.
Elke Heidenreich, freischaffend, hatte die Kunstfigur Stratmann erdacht und stellt sie auch dar, erfreute allerdings - vor allem in Hörfunk des SWF und WDR - schon eine ganze Weile ein Publikum, das mit dem Begriff "Satire" Scherzkekse wie Hans Scheibner, Gabriel Laub oder Mike Krüger verknüpft. Lange und hart hatte Frau Heidenreich daran gearbeitet, mit diesen Spöttern in einem Atemzug genannt zu werden.
1943 in der Nähe Kassels entbunden, half die kleine Elke in der Folge ihrem Vater, einem Automechaniker, eine Weile zufrieden beim Motorenschmieren, bis sie das tägliche Geplänkel mit der Mutter (der Patin für Else Stratmann) nicht mehr ertrug und als 15jährige aus dem Elternhaus entwich.
Ein Bonner Pfarrer nahm sie gütig auf und ließ ihr eine humanistische Bildung angedeihen. Haben wir es diesem protestantischen Freigeist zu danken daß Elke Heidenreich ihr Leben fortan der sanften Ironie verschrieb und die "Süddeutsche Zeitung" ihrem Alter ego endlich attestieren durfte, "zu allem und jedem weiß Else etwas zu sagen"?
Was dieses Blatt rühmte, nämlich den Witz einer omnipräsenten Kritikerin, verleumden andere Leute als belanglos, als Ruin des Humors. Frau Heidenreich selbst wähnt ein Unglück, wenn sie, nicht eben unbescheiden, beteuert, ihre Talente seien zwar mannigfaltig, doch letztlich stehe sie ratlos da - "Ich weiß nicht, was ich wirklich will."
Bislang wirkte das Multitalent im Radio und im TV, bereicherte es Talkshows als Interviewerin und legte Platten auf, widmete sich Politik und Pop, erschütterte mit Sozialreportagen.
Die Stratmann-Monologe "Darf's ein bißchen mehr sein?" und "Geschnitten oder am Stück?" führten die Bestsellerlisten an, rechtzeitig zu Weihnachten wurde - ein Hieb gegen alle Pharisäer - das dritte Werk "Mit oder ohne Knochen?" veröffentlicht.
Spätestens seit Elke Heidenreich 1981 für den Rechtsgelehrten Alfred Biolek die Gesprächsrunde "Kölner Treff" im Dritten Fernsehprogramm moderierte, erhielt sie für ihre Gradlinigkeit, ihre offene, natürliche und unverkrampfte Art blendende Rezensionen, ja der "Adolf-Grimme"-Trostpreis wurde ihr auch wegen ihrer Geistesverwandtschaft mit Karl Valentin verliehen.
Wieso denn nicht? Schließlich zeichnete ein anderes Gremium schon ungefähr die Hälfte unserer Staatsmänner für deren Schabernack aus, und in der Berliner Quatschbude "Leute" schneidet Frau Heidenreich im Vergleich mit dem unaufhaltsam der Vergreisung entgegentaumelnden Wolfgang Menge in der Tat recht ordentlich ab. Naßforsches Verhalten, Menge macht hier keine Ausnahme, gewöhnt man sich im Alter ab.
Ihr erstes Hörspiel über eine gescheiterte Studentenehe nannte Elke Heidenreich "Alle sind an allem schuld". Dieser Titel scheint sich als Glaubenssatz durch ihr OEuvre zu ziehen. Anders als etwa der amerikanische Songwriter Randy Newman - der in seinen Liedern seit nahezu 20 Jahren in die Rollen von Widerlingen und Biedermännern schlüpft, um konzis und rücksichtslos seine Landsleute zu quälen - meldet sich Frau Heidenreich plappernd und kleinkariert-aufmüpfig, persönlich oder via Else Stratmann, immer
dann zu Wort, wenn es in unserer Gesellschaft etwas zu bemängeln gibt. Das System macht uns alle kaputt.
Das Urteil der "Brigitte" mutet somit irgendwie schlüssig an: Elke Heidenreich sei "verantwortlich für Weltfrieden und den kranken Kater der Nachbarin". Misanthropen lästern, Aufklärungsdrang und Ausscheidung von Globalprotest seien auf libidinöse Pannen zurückzuführen.
Mit gemischten Gefühlen nehmen wir also Elke Heidenreichs Ausführungen zur Kenntnis, eine richtige deutsche Hausfrau im Bundestag würde die Debatte über den Etat dominieren Olympia sei wie "Kriech ohne Schießen"; alle Athleten seien hinfällig "wegen der Anabolidingens"; wir sollten "Frieden üben statt Krieg" (Message der Heidenreichschen Endzeitvision "Unternehmen Arche Noah", die in diesem Jahr in Esslingen uraufgeführt werden soll).
Knapp begreifbar weiterhin, wenn die Allesdurchschauende sich weigerte, aus Mexiko die Weltmeisterschaft zu kommentieren, weil ihr nach den Jagdszenen in Brüssel "keine Sprüche mehr über Fußball einfallen". Teamchef Beckenbauer sei eh von den Lesern der "Nationalzeitung" zum ersten Wunschkanzler gekürt worden, und das Kicken habe nur noch "mit Sieg Heil!" zu tun.
Elke Heidenreich wohnen nach eigener Auskunft Aggressionen, Vorlieben und Meinungen inne, sie bringe sich "immer selber mit ein, viele Leute mögen das". Unbestechlichen Blickes nimmt sie wahr, daß Hollywood uns mit "Dallas" veralbert und Gewalt-Videos die Psyche durcheinanderbringen. Wir Rohlinge freuen uns hingegen auf den nächsten Sylvester-Stallone-Film und schämen uns nicht einmal dafür.
Als der Plattenkonzern EMI - Frau Heidenreich ist auch auf PVC erhältlich - sie vors "Bild"-Telephon zerren wollte, sträubte sie sich, "für so Sachen hab' ich keine Lust". Den Demokraten Karl Dall (für RTL-plus), Achim Fuchsberger (für die ARD) und Paul Breitner (für das "Kopfballbuch") mochte sie ihre Mitarbeit andererseits nicht verweigern.
Elke Heidenreich ist nicht korrumpierbar. Sie vertrat ihre Ansichten in der SPD-Postille "Vorwärts" und ergriff im Gegenzug in der noch linkeren "UZ" Partei gegen den seinerzeit von Hans Apel erwogenen Frauenwehrdienst.,
Diese Erklärungen Frau Heidenreichs, dieser Amoklauf gegen unsere schöne deutsche Sprache, legen den Schluß nahe, daß ihr die schematisierte Tönerei der Else Stratmann längst zur zweiten Natur geworden ist.
Die "Goldene-Kamera"-Preisträgerin - der Anlaß für die Ehrung ist ihr nicht mehr erinnerlich - weigert sich, "auf den Medienstrich zu gehen". Sie kleidet sich eher graumäusig und meidet das Schminken. Ausgerüstet mit der durchaus sympathischen Physiognomie eines effeminierten Klaus Augenthaler, verfaßt sie Kolumnen für die "Brigitte", eine Fachzeitschrift, in der schon mal der eine oder andere Lippenstift empfohlen wird.
Werbung, dieses Blendwerk, findet Elke Heidenreich kreuzdoof, den molligen Helmut Kohl hänselt sie aufgeregt wegen seiner Abmagerungskuren. In keinem Moment überfällt sie die Ahnung - übrigens im Einklang mit Entlarvern der besseren Sorte -, daß es sich nicht schickt, auf tote Pferde einzuprügeln. "Die Wirklichkeit ist Satire", betont Elke Heidenreich und fährt fort, auf das für jedermann ersichtliche Absurde zu verweisen.
Verwöhnt von zwei Müttern, zwei Katzen und einem Wauwau, lebt die Geschiedene heute in Baden-Baden mit dem freien Autor Bernd Schroeder; die beiden schaffen auch zusammen. Ihre Ehe ist wild.
"Wenn im Fernsehen ein Stück von uns kommt", verrät Frau Heidenreich, stelle ich eine Flasche Sekt kühl. Wir kuscheln uns am Sofa aneinander und freuen uns." Manchmal wird sie beim Anblick eigener TV-Spiele von Rührung übermannt.
Vor der Haustür des Paares warnt ein Schild "Vorsicht, freundlicher Hund!". Obgleich Elke Heidenreich insistiert, eine Talkshow müsse "ihre Gäste liebhaben"; obgleich sie auch sonst niemandem wirklich Schaden zufügt, hat sie schon Briefe erhalten, in denen sie als "linke Sau" beschimpft wird, die "eingesperrt" gehört. Derartige Hetzreden sind natürlich abscheulich. Es würde hinlangen, versteckte man vor Elke Heidenreich gelegentlich die Schreibmaschinen und Mikrophone.
Von Uwe Kopf

DER SPIEGEL 5/1987
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